Die 5 Yamas: ethische Lebensgrundsätze für Yogis

Ich denke, ich lüge nicht, wenn ich sage, dass die meisten Menschen über die physische Praxis, genannt Asana, zum Yoga kommen. Vielleicht ging es dir wie mir und du dachtest, dass Yoga sicher gut gegen Rückenschmerzen hilft. Ich wusste, dass hinter Yoga mehr steckt als die körperlichen Übungen, aber wirklich interessiert hat mich der ganze Rest lange nicht.

Yoga ist eine Philosophie bzw. Praxis, die über Jahrhunderte hinweg aus verschiedensten Strömungen und Schulen entstand. Dementsprechend vielfältig sind die theoretischen Grundideen und Zusammenhänge dieser Philosophie, die hauptsächlich in Form von Texten auf Sanskrit überliefert sind. Einer der bekanntesten Vorschläge für den Weg eines Yogis, auf den sich auch die meisten Yoga-Methoden von heute beziehen, ist der achtgliedrige Pfad nach Patanjali.

Der mystische Autor namens Patanjali beschrieb diese acht Stufen ca. 200 n Chr. im Yoga Sutra.

Um sich als Yogi also auf den Weg zur Erleuchtung, zur Einheit mit allem, dem Zustand des Yoga zu begeben, sollte man alle diese acht Stufen üben. Das kann teilweise zeitgleich passieren. Je länger man übt, desto mehr verfeinert man alle Elemente der Praxis und behält sie natürlich bei. Es geht nicht darum, sie nacheinander “abzuhaken”. Die letzten beiden Stufen können sich nicht mehr aktiv üben lassen sondern sind eher Zustände, die als Frucht der Praxis eintreten. 

Die acht Stufen auf dem Pfad des Yoga nach Patanjali sind:

  • Die fünf Yamas – Verhaltensweisen gegenüber anderen
  • Die fünf Niyamas – Verhaltensweisen gegenüber sich selbst
  • Asana – körperliche Übungen
  • Pranayama – Kontrolle der Lebensenergie Prana (Atemübungen)
  • Pratyahara – Zurückziehen der Sinne
  • Dharana – Konzentration
  • Dhyana – Meditation
  • Samadhi – Glückseligkeit, Erleuchtung

Sie alle komplett und absolut umfassend zu “meistern” ist vielleicht unmöglich. Aber aufs Üben kommt es an!

Was sind die fünf Yamas nun genau?

Feuerstein* schreibt, dass die Yamas, die fünf moralischen Prinzipien des Yogapfades, nicht nur der erste Schritt, sondern auch die absolute Grundlage der yogischen Lebensweise sind. Die fünf Yamas sind fünf Gebote oder Verhaltensregeln, und zwar bezogen auf das Verhalten gegenüber anderen Wesen (um das Verhalten gegenüber sich selbst drehen sich die Niyamas). 

The five yamas produce individual, social, national, and intentional peace and happiness. Hence they are called the universal great vows. (…) Niyamas are individual observances. The act of yamas directly passes into others. The act of niyamas indirectly influences the universe although the mind is commonly active behind both yamas and niyamas. – Shri Brahmananda Saraswati

Um mit der Praxis des Yoga zu beginnen, soll sich der Yogi darüber klar werden, dass sein Agieren alles beeinflusst; er soll das eigene Verhalten dementsprechend so ausrichten, dass das Gefühl von Abgrenzung bzw. Egoismus verschwindet, wodurch Mitgefühl und Reinheit des Geistes kultiviert werden. Nur so ist es überhaupt möglich, eine Verbindung mit allem (= der Zustand von Yoga) einzugehen.

Die Yamas implizieren, dass Yogis auch Aktivist*innen sind und sich für andere einsetzen.

Im zweiten Kapitel des Yoga Sutra nennt Patanjali die Yamas und geht anschließend einzeln auf sie ein:

II.30 अहिंसासत्यास्तेय ब्रह्मचर्यापरिग्रहाः यमाः

ahiṁsā-satya-asteya brahmacarya-aparigrahāḥ yamāḥ

“Die Yamas sind Ahimsa, Satya, Asteya, Brahmacarya und Aparigraha.”

  • Ahimsa: Gewaltlosigkeit, nicht verletzen
  • Satya: Wahrhaftigkeit
  • Asteya: Nicht stehlen
  • Brahmacharya: Abstinenz; Kontrolle über oder Nicht-Missbrauchen sexueller Energie
  • Aparigraha: Nicht gierig bzw. habgierig sein

Ahimsa: Gewaltlosigkeit

Das Sanskrit-Wort ahiṃsā (sprich: ahinsa!) besteht aus zwei Teilen: a = nicht und hiṃsā = Töten, Verletzung.

Du handelst nicht mit Waffen und hast auch noch nie jemanden verprügelt. Super! Jedoch, und das wird sich bei allen Yamas zeigen, geht die Praxis von Ahimsa viel weiter als ein Verzicht auf direkte körperliche Gewalt. Meint, als Yogi ständig daran zu arbeiten, in Taten, Worten und Gedanken möglichst wenig Gewalt zu verursachen. Leider leben wir aber in einer Welt, in der gewaltloses Leben ein extrem schwieriges, wenn nicht unmögliches Unterfangen ist. 

Wir im globalen Norden sind nur deshalb so wohlhabend, weil wir den globalen Süden, seine Menschen und Ressourcen gewaltvoll ausbeuten, und das seit Jahrhunderten – hallo, Kolonialismus, Neo-Kolonialismus, globalisierter Kapitalismus! Dem zu entkommen, ist schier unmöglich, außer, du verkriechst dich in eine Hütte im Wald, isst nur noch, was von den Bäumen fällt und zahlst keine Steuern mehr.

Aber: Du kannst Schritte gehen, die dir möglich sind, um deine “indirekte Gewaltbilanz” zu schmälern. Ein Ansatz könnte sein, den eigenen Konsum zu überdenken. Was esse und kaufe ich? Wie viele Tiere sterben eigentlich jeden Tag für mich? Brauche ich mein tägliches Stück Fleisch und das zwanzigste Paar Schuhe wirklich? Eine pflanzliche Ernährung und bewusster (weniger) Konsum im Allgemeinen sind zwei große Hebel, die du relativ einfach bedienen kannst. Und es muss ja nicht von jetzt auf gleich sein. 

Auch in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen sind wir, oft ungewollt oder als Reaktion auf unsere eigenen Erlebnisse gewaltvoll. Schreie ich meinen Freund eigentlich gerade wirklich an, weil er die Wäsche nicht aufgehängt hat – oder steckt etwas ganz anderes dahinter? Verletze ich Menschen durch das, was ich sage oder denke? Werde ich in Diskussionen auf Twitter beleidigend, weil ich mein Gegenüber sowieso nicht kenne und es mir egal ist, ob ich die Person verletze? Kann ich aufhören, alles und jeden immer zu be- und verurteilen? 

Durch Yogapraxis und stetiges Reflektieren unserer eigenen Gedanken, Worte und Taten können wir üben, mehr Mitgefühl zu haben – auch mit denen, die wir nicht kennen oder die uns verletzt haben. Scheinbare Selbstverständlichkeiten wie das Beurteilen von Menschen nach ihrem Aussehen werden uns nach und nach immer unangenehmer und fremder.

Als Yogis, die Ahimsa üben, haben wir automatisch einen Effekt auf unsere Umwelt, sogar, wenn wir nicht perfekt sind. 

Und das nicht nur, wenn wir zu missionierenden Veganer*innen werden. Wir können anderen ein Vorbild sein darin, selbstkritisch und mitfühlend zu sein, Fehler einzugestehen und keine verbrannte Erde zu hinterlassen. Wir können aufstehen und widersprechen, wenn anderen Unrecht getan wird, wir können Machtspielchen ignorieren und diejenigen aktiv unterstützen, die nicht unsere Privilegien haben. Das alles ist eine Form von Achtsamkeitspraxsis: Wie bewusst kommuniziere, konsumiere und lebe ich?

Kleiner Hinweis nebenbei: Es scheint mir gerade en vogue zu sein, das Yama Ahimsa auch als “Gewaltlosigkeit gegenüber sich selbst” zu interpretieren. also als Hinweis darauf, sich selbst nicht zu vergessen und sich gut um sich zu kümmern. Das mag ein guter Grundsatz sein, aber ist zumindest an dieser Stelle nicht gemeint. Das Argument, zum Beispiel Fleisch essen zu müssen, weil man sonst nicht genug Proteine hätte und darunter leiden würde, würde Patanjali wohl nicht gelten lassen. Schließlich hat er Ahimsa nicht umsonst als Yama bezeichnet, nicht als Niyama! 

Shri Brahmananda Sarasvati schreibt außerdem in seinem Kommentar zu Ahimsa, dass man sich immer selbst mit verletzt, wenn man andere verletzt, denn Verletzungen sind immer das Resultat eines psychologischen Vorgangs und hinterlassen S. Das heißt aus meiner Sicht: Wenn du dich bemühst, Ahimsa anderen gegenüber zu üben, wirst du automatisch in dir auch friedlicher.

Satya: Wahrhaftigkeit

Es gibt diese Urban Legend, dass Menschen 200-mal am Tag lügen. Man findet unterschiedlichste Studien und Zahlen zu diesem Thema, aber ganz klar ist: Wir lügen ständig. Oft, ohne es zu merken. Meistens belügen wir uns selbst. Ich wage zu behaupten, dass das daran liegt, dass wir unsere eigene Wahrheit – unsere eigenen Bedürfnisse – oft hintenan stellen oder sie nicht einmal kennen.

Und klar, man muss nicht immer alles sagen, nur weil es wahr ist. Radikale Ehrlichkeit und Direktheit kann auch verletzend sein (Ahimsa!). Außerdem sagt Patanjali selbst, dass jedes Wesen eine eigene Realität hat, sprich, unsere eigenen Wahrnehmung ist nie komplett objektiv (YS IV.15). Vielleicht sollten wir deshalb lieber von Aufrichtigkeit reden: Wir kommunizieren aufrichtig das, was wir erleben und brauchen. Die einzige ultimative Wahrheit ist Vidya, das Erkennen des (höheren) Selbst, der Einheit von allem, das Erkennen des Göttlichen in allem.

Gerade deshalb finde ich dieses Yama so interessant. Wie kann ich als Yogi denn wahre Wahrhaftigkeit üben, wenn ich noch nicht erleuchtet bin? Klar, aufhören zu lügen, aber wie? 

Um der yogischen Wahrheit näher zu kommen, empfiehlt Shri Brahmananda Sarasvati die Praxis der Meditation, um den Geist von der Unwahrheit zu reinigen. Sharon Gannon schreibt, Wahrhaftigkeit beginnt da, wo wir anfangen, uns selbst zu überprüfen: Meinen wir, was wir sagen und sagen wir was wir meinen? Und in Konsequenz: Tun wir das, was wir sagen? Bezeichnen wir uns beispielsweise selbst als absolut friedliche Personen, aber verdrängen, dass für unseren Konsum Menschen und Tiere ausgebeutet werden (siehe: Abschnitt zu Ahimsa)? 

Practice what you preach.

Nicht immer kannst du dich selbst 100% an deine eigenen Standards und Vorsätze halten (zum Beispiel, ausschließlich vegan zu leben). Das ist menschlich. Wenn du anderen aber vorspielst, dass du in der Hinsicht perfekt bist, ist das unehrlich.

Weitere Ideen zum Üben von Wahrhaftigkeit:

  • Hör auf, “Notlügen” zu benutzen. Kommuniziere aus deiner Perspektive, ohne andere zu beschuldigen und sage, wie du dich fühlst. Wenn du beispielsweise keine Kraft oder Energie für deine Verabredung hast, sag das doch einfach, statt Kopfschmerzen oder einen Notfall in der Familie vorzutäuschen
  • Sag nichts zu, was du nicht einhalten kannst. Oft wollen wir Erwartungen erfüllen, die uns eigentlich überfordern – und scheitern dann. Daraus resultiert sowieso nur, dass wir in den Augen anderer unzuverlässig und unglaubwürdig werden
  • Enthalte anderen keine Informationen vor, die ihnen helfen würden; aber verteile auch keine ungefragten Ratschläge aus dem eigenen Wunsch, überlegen zu sein, die Macht zu haben oder recht zu behalten
  • Small Talk finden wir fast alle langweilig und unangenehm. Anstatt nur vorprogrammierte Floskeln auszutauschen, antworte doch auf das Übliche “Na, wie geht’s?” mal nicht mit “Super!” sondern mit “Ach, ich habe schlecht geschlafen, aber sonst kann ich nicht klagen.” oder “Ich habe gestern meinen Bruder endlich mal wieder gesehen, das war sehr schön.” Das ist doch so viel ehrlicher und persönlicher, oder?
  • In der Asanapraxis: Probierst du manche Asanas einfach gar nicht aus, weil du denkst, du kannst sie nicht? Auch eine kleine Selbstlüge! Übertriebene Bescheidenheit und Zurückhaltung sind ebenso unehrlich wie ein zu großes, aufgeblasenes Ego

Yogische Legenden besagen, dass die Person, die fest in ihrer Wahrhaftigkeit verankert ist, Superkräfte bekommt und sogar die Erde zum Stillstand bringen kann – als ob die eigene Willenskraft die Realität formt. Das ist natürlich allegorisch gemeint. Aber ich finde, es ist trotzdem eine schöne Vorstellung. 

Asteya: Nicht-Stehlen

Auch dieses Gebot scheint auf den ersten Blick einfach umzusetzen. Ich bin keine Kaufhausdiebin und risikospekuliere auch nicht mit dem Geld anderer Leute. Ja, ich habe sogar die 20 €, die ich mal auf der Straße gefunden habe, einem Obdachlosen gegeben. Nicht zu stehlen, hat aber unendlich viele Aspekte. Unbewusst stehlen wir alle, wodurch wir eigentlich nach außen kommunizieren: Ich bin wichtiger als du.

Auch hier lautet ein Stichwort: Konsum. Wessen Milch trinkst du, wenn du Kuhmilch trinkst? Die, die den Kälbern weggenommen wurde. Wessen Quinoa löffelst du aus deiner Bowl? Möglicherweise das, das peruanischen Bauern für einen unzumutbaren Hungerlohn “abgekauft” wurde, sodass du es für ein paar Euro im Supermarkt bekommst. Damit will ich nicht sagen, dass du nie wieder etwas kaufen oder essen sollst, aber idealerweise würdest du versuchen, möglichst faire Produkte zu konsumieren, für die du einen fairen Preis zahlst und die – yes, wie könnte es anders sein – möglichst wenig Gewalt anrichten.

Ich denke bei Asteya auch viel über das Konzept der Solidarität nach. Hierzulande können wir auf eine gewisse Unterstützung durch den Staat zählen, welcher diese wiederum durch Steuern und Abgaben finanziert. Die Gemeinschaft kommt z.B. für gemeinsam genutzte Infrastruktur, fürs Kulturleben sowie für die Unterstützung Bedürftiger auf. 

Und das nehmen wir oft viel zu selbstverständlich, weil wir nicht denken, dass wir davon profitieren (was natürlich Quatsch ist). Wenn ich nun immer schwarz fahre (“Die Bahn fährt ja auch ohne mich!”), schwarz arbeite oder mein Geld bei einer Schweizer Privatbank parke, um Steuern zu sparen: Dann bin ich zu einem gewissen Maße unsolidarisch und nehme mir mehr, als ich gebe – obwohl ich geben könnte.

Aber auch Nicht-Materielles kann man stehlen. 

Ideen zum Beispiel. Hast du schon einmal die Idee einer Kollegin als deine verkauft, weil es beim Chef gut ankam? Achtest du darauf, Leuten Credit zu geben, wenn du ihre Inhalte oder Bilder auf deinen Social Media Accounts teilst? 

Zeit ist wahrscheinlich das meist gestohlene Gut der Welt, und um sie zu stehlen, muss man kein grauer Herr aus “Momo” sein. Zeit haben wir alle gleich viel zur Verfügung und es liegt an uns, was wir damit anfangen. Wenn du nun zum Beispiel eine Verabredung 20 Minuten an der Straßenecke warten lässt oder als Lehrerin ungeplant deine Yogastunde überziehst, dann stiehlst du anderen Zeit, die sie vielleicht anders eingeplant haben, und machst ihnen damit das Leben schwer. Pünktlichkeit ist auch eine Form von Asteya.

Shri Brahmananda Sarasvati interpretiert Patanjali so, dass der Geist derjenigen, die Asteya vollständig kultiviert haben, alle Arten von Reichtum erfährt: materiellen, mentalen und spirituellen. Vielleicht könnte man sagen, dass man die Fülle erkennt, die einen schon umgibt, wenn man nicht mehr gierig ist.

Brahmacharya: Enthaltsamkeit, Kontrolle sexueller Energie

Traditionell wird Brahmacharya ganz wörtlich als Abstinenz, Enthaltsamkeit von Sex, als Keuschheit ausgelegt. Sexuelle Energie ist extrem kraftvoll im Menschen (wir wissen alle, was mit uns passiert, wenn wir verknallt sind!), und die Aufgabe des Yogis ist es, diese wertvolle Energie in eine den Körper transzendierende umzuwandeln, statt auf die Triebe zu hören und sie auf “natürlichem” Weg heraus zu lassen.

Darf man also keinen Sex mehr haben, wenn man auf dem yogischen Pfad unterwegs ist? 

Modernere Auslegungen interpretieren Brahmacharya als die Kontrolle der eigenen sexuellen Impulse insofern, als dass niemand durch unseren sexuellen Trieb oder sexuelle Handlungen zu Schaden kommt. Weder die Person mit der wir Sex haben, noch wir selbst. Es geht darum, die eigene Kraft, die wir durch sexuelle Anziehung ausüben, nicht auszunutzen und uns auch nicht ausnutzen zu lassen, denn dies raubt uns wertvolle Energie.

Im Alltag würde sich das zum Beispiel so äußern, dass du nicht einen Kerl nach dem anderen abschleppst, obwohl sie dir egal sind, weil du dich an deinem Ex rächen willst. Es bedeutet, zumindest den Versuch zu starten, körperliche und emotionale / mentale Intimität miteinander zu verbinden – und das fällt vielen Menschen schwerer als es klingt. 

Im Yoga-Kontext bedeutet Brahmacharya aber auch, sich als lehrende Person über die eigene Wirkmächtigkeit im Klaren zu sein und die eigene Machtposition nicht auszunutzen – wie viele Geschichten ich von Frauen kenne, die in ihren Yogalehrer verliebt sind! Oder leider auch von Gurus, die reihenweise Anhänger*innen sexuell ausnutzen und missbrauchen, und ihnen am Ende auch noch erzählen, das sei ihr Karma.

Weiter gegriffen geht es bei Brahmacharya – ein wenig wie auch bei Asteya und Aparigraha – darum, Maß zu halten, sich nicht immer der puren Leidenschaft und den Trieben hinzugeben, sondern darauf zu achten, was man selbst wirklich braucht und was anderen möglicherweise schadet. 

Das Ausnutzen von sexueller Energie passiert übrigens nicht nur zwischenmenschlich. Wenn Tiere von Menschen künstlich besamt werden, um Nachwuchs zu produzieren, den wir dann teuer als Haustier kaufen, den wir essen oder dessen Milch wir trinken, dann ist das auch eine Form der Verletzung dieses Grundsatzes.

>> Lesetipp: Interessierst du dich für das yogische Energiemodell? Im großen Chakra Guide haben wir es etwas ausführlicher erklärt.

Aparigraha: Nicht gierig / habgierig sein, Zurückhaltung

Ausschweifender Konsum, der ständige Wunsch nach Anhäufung von Dingen, ist oft eine Form von Kompensation. Kein Wunder, die Werbeindustrie hat ihr Übriges getan, um uns vorzugaukeln, dass gekaufte Dinge glücklich machen.

Hast du Gefühle, die du gerne übertünchen möchtest oder willst du über ständig neue Klamotten eine Außenwirkung kreieren, um anderen zu gefallen? Möchtest du die instant gratification durch Shopping erleben? Wenn du dich in Aparigraha übst, wirst du dich öfter fragen, was du wirklich brauchst und damit achtsamer mit deinen Ressourcen – und denen der Erde – umgehen, wie ich bereits in den Absätzen zu den anderen Yamas geschrieben habe.

Als Menschen gehen wir ständig Beziehungen ein, mit Individuen, aber auch mit dem Kollektiv. Aparigraha – das nicht-Anhaften an materiellem Besitz – zu üben, bedeutet in der Konsequenz auch, freigiebiger und solidarischer (siehe oben) zu sein. 

Wir versuchen, unser Ego, unsere Anhaftungen an Dingen im Zaum zu halten und nicht mehr zu nehmen, als wir brauchen. Stattdessen wollen wir das teilen, was wir haben. Materielle Besitztümer balsamieren das Ego und werden oft zur Abgrenzung genutzt: “Ich bin besser angezogen als du, wir sind die Coolen und ihr die Uncoolen.” Auf dem Weg zu Yoga sind Besitztümer nicht nur völlig unwichtig. All diese Abgrenzung wird zum Hindernis, denn sie baut Unterschiede auf, statt für Einheit zu sorgen (die wir beim Yoga ja eigentlich erreichen wollen).

Das heißt nicht, dass du dir keine hübsche Yogaleggings wünschen darfst. Aber vielleicht hänge nicht dein Herz so sehr daran, dass du denkst, dass du nie wieder Asana üben kannst, wenn du nicht genau diese Hose dabei trägst. Oder dass die Welt untergeht, wenn sie ein Loch bekommt. Und überlege, wie viele davon du wirklich brauchst.

Alleine mit dem Üben der Yamas kann man wahrscheinlich ein ganzes Leben verbringen.

Zuerst braucht man sehr viel Kraft und bewusstes Bemühen dafür. Und klar, es gibt immer noch mehr zu tun, noch mehr Mitgefühl zu kultivieren, noch weniger Gewalt auszuüben. Jedoch wird der Umgang mit diesen Regeln selbstverständlicher, je länger man sie übt. Hast du bis vor ein paar Monaten noch Fleisch gegessen und kannst es dir heute überhaupt nicht mehr vorstellen? Siehst du!

Ein erster Schritt, sich mit den Yamas zu beschäftigen, sollte auch sein, sich klar zu werden, dass alle immer ihr Bestes geben. 

Manchmal weißt du es nicht besser, manchmal fehlt dir die Information. Manchmal hast du so über eine Sache noch nie nachgedacht – mir geht es jedenfalls so! Und selbst wenn du mal daneben greifst, verurteile dich selbst nicht dafür, sondern fang wieder von vorne an. 

Wenn du andere Menschen beobachtest und ihr Verhalten für unethisch hältst: Werde nicht überheblich, fühle dich nicht überlegen, missioniere nicht. Gib nicht ungefragt Feedback, sondern lebe ihnen einfach vor, wie positiv es sich auf einen selbst und die ganze Umwelt auswirkt, wenn man sich an die Ethik der Yamas heran tastet.

Ich könnte noch ein ganzes Buch schreiben über die Arten und Weisen, wie mich die Yamas täglich inspirieren, aber auch frustrieren, und wie ich sie an jeder noch so unerwarteten Stelle wieder entdecke. Ich hoffe, dieser Artikel hat dir einen guten Einblick gegeben. 

Hast du noch Ergänzungen oder Fragen? Ich freue mich auf dein Feedback in den Kommentaren!

Diese Übersetzungen des Yoga Sutra und weitere Bücher empfehle ich dir hierzu:

Titelbild © Canva

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  1. Die Interpretation der 5 yamas hat mich sehr inspiriert und ich bedanke mich für den Artikel. Er ist wunderbar geschrieben und macht Lust darauf, mehr von Dir zu lesen.
    Jai Guru Dev 🙏🏼

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