Radical Honesty: Was passiert, wenn wir alle immer die Wahrheit sagen?

Ich möchte, dass du diesen Artikel richtig gut findest. Ich wünsche mir, dass Uli ihn liest und mir begeistert zuruft: “Wow Julia, was für ein Hammer Artikel!” Ich will, dass der Artikel meine Erfahrung abbildet und du als Leser*in einen Einblick in die Methode der Radical Honesty (radikale Ehrlichkeit) erhältst. Und dass du mich sympathisch findest. Und klug. Und humorvoll. Vielleicht folgst du mir ja sogar auf Instagram? Ich mache mir Angst und stelle mir vor, dass eine Person aus dem Kurs diesen Artikel liest und auf mich wütend wird, weil sie sich in meinen Zeilen wiedererkennt.

Vor dem Besuch des Radical Honesty-Seminars hätte ich die einleitenden Sätze sicher nicht derart radically honest kommuniziert. Aber was ist eigentlich radikale Ehrlichkeit und was steckt hinter der Idee?

Radical Honesty ist viel mehr, als nur immer die Wahrheit zu sagen.

Das erfahre ich von einem jungen Mann, der mir auf einem Retreat angeregt von Radical Honesty erzählt. Er kommuniziert anders. Offener, direkter. Das will ich auch!

Ich tippe “Radical Honesty” in meine Suchleiste ein und merke ziemlich schnell, dass ich diese Kommunikationsmethode nicht holterdiepolter auf einen Tag erlernen kann. Minimum ein Wochenendseminar muss her, besser gleich sieben Tage am Stück, geleitet von ausgebildeten Trainer*innen. 

Ich lande auf Jakobs Website, nehme Kontakt auf, wir führen ein sympathisches und – surprise – ehrliches Gespräch. Schnell steht fest: Ich werde bei dem nächsten Seminar von ihm und seinem Workshop-Partner Michael mitmachen und hier darüber schreiben.

“Dinge von euch zu teilen, die ihr normalerweise nicht teilen würdet; euch aus eurer Komfortzone zu bewegen; euch in neuer Art und Weise mitzuteilen und euch verletzlich zu zeigen.”

Zeilen aus Jakobs Einführungsmail, die einen Tag vor dem Seminar in meinem Postfach landet. Aufregung, Respekt und Angst machen sich breit. Sätze wie Wieso machst du das? Du wirst bestimmt richtig heulen, wie beim Vipassana! schießen mir durch den Kopf, bevor sie von einer größeren Erkenntnis verdrängt werden: Jedes Verlassen meiner Komfortzone mündete bisher in eine beglückende und bereichernde Erfahrung. Let’s do this!

15 Leute, ein Raum plus Radical Honesty, ergeben einen Haufen Tränen, lautes Geschrei, viel Lachen und Trigger, soweit das Auge reicht.

Radical Honesty ist keine sanfte Methode, sondern eher eine in your face-Technik. Ich hatte mir – auch mithilfe von Yoga – mühsam angeeignet, in Diskussionen nicht sofort an die Decke zu gehen, durchzuatmen, mich kurz zu sammeln.

Jetzt sollte ich all das über Bord werfen. Denn bei Radical Honesty geht es darum, in den Körper zu kommen, ihn zu spüren, im Moment zu agieren, ehrlich und direkt.

Kurz rausgehen ist nicht, erstmal sammeln auch nicht. Eine von vielen Vereinbarungen, die wir gleich zu Beginn durchgehen und abnicken.

Weiter geht es mit: “Ich bin diskret, pünktlich und präsent. Ich nehme mehr als ich gebe, ich spreche die Wahrheit, ich helfe anderen dabei, ehrlich zu sein. Ich frage nach dem, was ich möchte. Ich mache nur einvernehmlichen Berührungen. Ich akzeptiere Jakob und Michael als Kursleiter.”

Während Jakob und Michael über die Vereinbarungen sprechen, zeigen sie uns am lebenden Objekt, wie Theorie in Praxis umgesetzt wird.

Michael erzählt davon, wie er zu Radical Honesty kam und landet ausschweifend bei seinen Eltern. Jakob: “Michael, ich werde unruhig, du redest mir zu lange.” Jakob: “Mir wird heiß”, Michael: “Ich schätze dich dafür, dass du rot wirst. Wie geht’s dir jetzt?” Jakob: “Mein Körper entspannt sich. Mir geht’s gut.” Gespannt, mit gierigem Blick, verfolgen wir alle dieses Blick- und Wort-Ping-Pong.

Wow, denke ich mir. Auf was für einer Ebene haben die das denn bitte so zack zack angesprochen, gelöst und abgehakt?

Waren die schon immer so? Natürlich nicht. Jakob hatte Angst vor Menschen. Vor vier Jahren begann er mit Radical Honesty, jetzt fühlt sich alles viel weniger anstrengend an, weil er endlich er sein kann. Michael kam 2015 damit in Berührung und ist nun viel glücklicher, weil er sich genau so zeigen kann, wie er ist. Sie eint ihre Erfahrung und ihre Überzeugung, dass die Technik die Welt zu einem besseren Ort machen kann. Na wenn euch das so happy gemacht hat, dann zeigt her eure Methode!

“Dieses Wochenende ist wie eine lange Meditationssitzung, nur, dass wir dabei nichts in unserem Kopf ausmachen, sondern alles rauslassen.” – Michael

Themen wie Sex und Anziehung sind keine Randerscheinung, sondern werden ins Kleinste zerlegt. Vor allen, mit allen.

Die Vereinbarung: Du fühlst dich von einer Person angezogen oder knutschst vielleicht sogar in der Pause mit einer rum? No hiding, die Info muss in den Stuhlkreis, alle Teilnehmenden sollen davon wissen. Es dauert nicht lange, da gestehen mir zwei Männer, dass sie mich anziehend finden. Sich Sex mit mir vorstellen. Meine ersten Gedanken: Ich schiebe meinen Freund vor. Boah, jetzt hassen mich bestimmt die anderen Frauen. Ich kann dem doch jetzt nicht vor allen ins Gesicht sagen, dass ich ihn nicht anziehend finde?

Doch, kann ich. Und muss ich. Alle Augen sind auf den Mann und mich gerichtet, danke Stuhlkreis. Ich sehe in die Männeraugen und stammle mit hochrotem Kopf und klopfenden Herzen, während Michael unsere Konversation mit Fragen wie “Wie fühlt sich dein Körper an?” leitet: “Ich fühle mich von dir nicht angezogen. Und ich bin wütend auf dich. Ich fühle mich wie ein Objekt. Mein Körper wird warm. Mein Herz klopft.” – Wow, das tat gut.

“Was? Und wie hat der Typ reagiert?!” werde ich an dieser Stelle oft gefragt.

Der eine mit sofortiger Akzeptanz und Wertschätzung dafür, dass ich ehrlich war. Der andere mit Aggression und lautem Geschrei, wahrscheinlich als Ventil. Beide Male fragte ich mich, nachdem diese Spannung aufgelöst wurde: Wieso hab ich so oft nach Ausreden gesucht, statt den Männern zu sagen, woran sie sind?

Du möchtest das auch? Oder bist dir noch nicht so sicher, ob du das möchtest? Read on!

Ich möchte dir einen Überblick darüber geben, was sich hinter Radical Honesty versteckt. Dir Basiswissen an die Hand geben, damit du selbst herausfinden kannst, ob das vielleicht auch was für dich ist. Dafür habe ich dir die frequently asked questions zusammengestellt.

Radical Honesty: Häufige Frage

1. Was ist Radical Honesty?

Radical Honesty ist eine von Brad Blanton, dem “Truth Doctor” entwickelte Methode aus den USA, die auf eine effektivere, intentionalere Kommunikation abzielt. Ziel ist, Gefühle und körperliche Empfindungen stärker in die Kommunikation einzubeziehen.

Dazu müssen wir wieder mehr durch unsere Erfahrung lernen, statt nur Informationen anzuhäufen. So werden alle möglichen Gefühle durchlebt und statt einer intellektuellen Austragung eines Konflikts wird darauf gesetzt, den Mensch so aus der Reserve zu locken, dass Angst, Wut, Traurigkeit, Zorn zur Oberfläche kommen, sich entladen und der Konflikt dadurch gelöst wird. Man erlernt so, zwischen Gefühlen, tatsächlich beobachtbaren Tatsachen und eigenen Interpretationen und Deutungen zu unterscheiden.

Radical Honesty wurzelt in der Gestalttherapie, die von den Psychoanalytiker*innen Fritz Pearls, seiner Frau Laura Pearls und Sozialkritiker Paul Goodman begründet wurde. In der Gestalttherapie geht es darum, dass Lernen Entdecken ist. Wir Menschen schöpfen meist nur einen Bruchteil unseres Potenzials aus, weil wir aufhören, zu lernen. Je älter wir werden, desto mehr lernen wir nicht mehr aus Erfahrung, sondern häufen Information an, was unseren Verstand immer stärker macht, uns aber immer weiter von unserem eigentlichen Sein entfernt.

Brad Blanton hält diesen Ansatz in seinem Buch Radikal Ehrlich* fest, das 1995 zum internationalen Bestseller wurde.

2. Was soll mir das Erlernen der Technik bringen?

Angewendet soll Radical Honesty von Ängsten, Depressionen und Zwangsstörungen befreien – so Brad Blanton. Statt unnütze Diskussionen darüber zu führen, wer Recht hat, stehst du zu dir selbst und führst echte Konflikte, die das eigene Selbstwertgefühl stärken und Konflikte lösen sollen.

3. Was lerne ich bei Radical Honesty?

Du lernst, zu formulieren, was du in dem Moment in deinem Körper und deinen Gedanken wahrnimmst. Du erlernst, Ärger direkt auszudrücken und zu überwinden. Du hörst auf, dich für Konventionen zu verstellen und lernst, dich selbst zu spüren und dich mit dir, und damit mit anderen, zu verbinden. Du übst, deine Glaubenssätze offenzulegen und zu unterscheiden zwischen “das sehe ich” und “das ist meine Interpretation der Realität”.

Oder wie es, ins Deutsche übersetzt, auf der Radical Honesty Website steht: Du erzählst den Leuten in deinem Leben, was du getan hast und was du vor hast, was du denkst, was du fühlst. Das authentische Teilen eröffnet den Raum für Liebe, Intimität, Lebendigkeit und Handlung.

4. Wie erlerne ich Radical Honesty?

Am besten, indem du ein Seminar besuchst. Dort bekommst du die Grundlagen von Radical Honesty von ausgebildeten Trainer*innen an die Hand. In so einem Kurs macht man Übungen aus der Gestalttherapie, meditiert, tanzt, atmet und lenkt die Aufmerksamkeit auf den Körper.

Neben Übungen, die unsere Wahrnehmung für unseren Körper und unsere Umgebung schulen (wir gehen mit geschlossenen Augen durch den Raum, bewegen uns nur durch Spüren vorwärts) wechseln wir im Workshop hauptsächlich zwischen Stuhlkreis, Partnerübungen und Übungen zu dritt hin- und her.

5. Wie kommuniziere ich laut Radical Honesty?

Du lernst, dass nur du für dein Empfinden verantwortlich bist, und niemand sonst. Nur so kannst du Verantwortung übernehmen und handeln. Dafür streichen wir beispielsweise die Worte “Du” und “Es” so gut es geht. Auch “immer” und “nie” müssen gehen.

6. Wie sieht das in der Praxis aus? Gib mir ein Beispiel!

Anstatt den Grund für unsere Gefühle im Äußeren zu suchen, gehen wir erstmal in uns. Wie fühle ich mich denn? Traurig? Wütend? Versuche, beispielsweise ein “Dir ist immer total egal, was ich denke.” in Folgendes umzuwandeln: “Ich mache mich wütend und traurig, dass du (am besten konkretes Beispiel) heute früh nicht gefragt hast, was ich von deiner Entscheidung, den Job anzunehmen, halte.” umzuwandeln. Die etwas ungewöhnliche Formulierung “ich mache mich” ist absichtlich so gewählt: 

Sie wirkt deeskalierend und wird beide Seiten mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit weniger zerstört und aufgewühlt zurücklassen, statt ein “Du hörst mir nie zu” gefolgt von einem abwehrenden “Dir ist doch eh egal, was ich sage”. Ciao hitzige Debatten, bei denen man irgendwann garnicht mehr weiß, wieso man streitet, ciao ausgebrannte Menschen, ciao Spannungen.

7. Nenn mir eine Alltagssituation, die mit Radical Honesty ganz klar besser verlaufen würde.

Stell dir folgenden Situation vor: Du sitzt auf der Couch, nachdem du heute ein wichtiges Meeting mit deiner Chefin hattest, von dem du deinem Partner, deiner Partnerin, erzählt hattest. Jetzt kommt er*sie nach Hause, fragt nicht nach. Das macht dich richtig wütend. Passiv-aggressiv sitzt du mit verschränkten Armen auf der Couch und wirst jede Sekunde, in der dein Verhalten nicht das auslöst, was du dir vorgestellt hast, noch wütender.

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Und jetzt stell dir mal vor, du spürst in dich hinein, bevor du zu Schmollen anfängst. Erkennst Wut und Enttäuschung, die in dir aufsteigen, und sagst zu deinem Gegenüber: “Ich möchte dir von meinem Gespräch heute erzählen. Ich bin ein wenig enttäuscht, dass du mich nicht gefragt hast.”

Was meinst du, welches Szenario ist gewinnbringender?

8. Wie sieht so eine Übung aus? Die Partnerübung “Ich sehe” vs. “Ich stelle mir vor”

Ich liebe diese Übung, weil sie schnell und simpel aufzeigt, wie sehr wir im Laufe unseres Lebens dazu tendieren, unseren Interpretationen mehr Glauben zu schenken, als dem, was wir sehen, hören, oder fühlen. Denn “wir denken oft, dass die Welt so ist, wie wir sie wahrnehmen. Und sind davon überzeugt.” – So unser Seminarleiter Michael.

Anstatt uns im Klaren zu sein, dass wir eine sehr einseitige Perspektive haben, stecken wir in unserer Interpretations-Welt fest. Verhaftet in unserem Kopf fällt es uns immer schwerer, die Welt zu sehen, statt sie direkt zu interpretieren.

Diese Übung soll dabei helfen, den Schalter wieder umzukippen. Wir sitzen uns zu zweit gegenüber und formulieren Sätze wie “Ich sehe deine Augen und ich stelle mir vor, dass ich noch einkaufen gehen muss. Ich sehe deine Zähne und stelle mir Hasen vor.” Was wir sehen, hat oft nichts damit zu tun, was gerade in unserem Kopf abgeht.

Sieht uns jemand schief an, melden sich schnell Selbstzweifel zu Wort: “Dem gefällt bestimmt mein neuer Pulli nicht!”. Statt in dieses Gedankenkarussell einzusteigen, können wir aussteigen: “Ich sehe deine zusammengekniffenen Augen und stelle mir vor, dass du meinen Pulli nicht magst”. Es ist so erfrischend und macht fast süchtig, den Sprung zu wagen und uns zu offenbaren, um so unserem Gegenüber gleichzeitig die Chance zu geben uns offen und ehrlich zu begegnen. Was dabei rauskommt ist oft so viel besser, als man denkt.

9. Gibt es eine Übung, die ich auch mit meinem Partner oder meiner Partnerin anwenden kann, ohne ein Seminar zu besuchen?

Die gibt es! Auch wenn ich dir natürlich empfehle, einen Kurs mitzumachen, um das gesamte Konzept von erfahrenen Lehrer*innen zu lernen.

Setzt euch zu zweit gegenüber, eine*r von beiden fängt an. Während ihr euch in die Augen schaut, haust du einen Glaubenssatz nach dem anderen raus, beginnend mit “Ich sollte.” also zum Beispiel: “Ich sollte eine Morgenpraxis haben. Ich sollte dehnbarer sein. Ich sollte größere Brüste haben. Ich sollte weniger verpeilt sein.”

Fünf Minuten bekommst du die ungeteilte Aufmerksamkeit, dein Gegenüber antwortet auf jedes “Ich sollte…” mit einem klaren “Nein.” Dann werden die Rollen getauscht. In der dritten und vierten Runde gebt ihr jeweils die Glaubenssätze des Gegenübers wieder, sodass du auf deine eigenen “Ich sollte…”-Sätze, die jetzt aus dem Mund deines Gegenübers kommen, mit “Nein” antwortest. 

Diese Übung wirkt unglaublich befreiend, da man den eigenen Rucksack voll mit Glaubenssätzen öffnet, auspackt und einen Satz nach dem anderen in die Tonne kloppt.

10. Wie funktioniert Dating mit Radical Honesty?

Du hast doch mal wieder auf die App mit der Flamme geklickt und schwupps, sitzt dir die eben noch rein digitale Person plötzlich in Fleisch und Blut gegenüber. Und sieht – surprise – irgendwie doch nicht so aus, wie auf den Bildern? Radically honest wäre: ”Ich habe Angst dich zu verletzen, aber du siehst nicht so aus wie auf den Fotos. Und ich fühle mich nicht zu dir hingezogen.”

Das hört sich vielleicht im ersten Moment nicht besonders romantisch an, kann aber zu einem unmittelbaren, ehrlichen und vor allem zeitsparenden Datingverhalten führen. Du ersparst deinem Gegenüber einiges an Kopfzermartern, Zeit und Ghosting

11. Ich hab Angst, dass ich nur noch anecke, wenn ich Radical Honesty praktiziere. Hast du einen Tipp?

Ich verstehe diesen Gedanken, mir spukte er ebenso im Kopf herum. Fakt ist: Solltest du mit Leuten abhängen, für die du dich verstellen musst, dann wird sich das ziemlich wahrscheinlich erledigen, wenn du Radical Honesty praktizierst. Diejenigen, denen du wichtig bist, werden dich für deine offene Kommunikation schätzen. Instabile Beziehungen, die die Ehrlichkeit nicht ertragen, werden sich auflösen, was auch okay ist.

12. Muss ich nun immer ALLES sagen, wenn ich radically honest bin? Oder darf ich’s für mich behalten, wenn ich das Outfit meiner Freundin richtig schlimm finde?

Auf jeden Fall kannst du das für dich behalten. Bei Radical Honesty geht es nicht darum, anderen ungefragt deine Meinung aufzudrücken, wenn du nicht danach gefragt wurdest. Solltest du gefragt werden, kannst du aber ruhig ehrlich sein – und ehrlich sein schließt Verbindlichkeit und Freundlichkeit nicht aus.

13. Hast du es denn geschafft, Radical Honesty in deinen Alltag zu integrieren?

Man kann Radical Honesty auf jeden Fall in den Alltag integrieren, ohne gleich allen zu erzählen, dass man es tut. Ich habe gelernt, vor allem meine eigenen Unsicherheiten auszusprechen. Rede ich mit einer Freundin und habe das Gefühl, dass ich sie zulabere, lass ich sie das mit einem einfachen “Woah sorry, ich hab das Gefühl ich schwalle dich gerade voll zu.” wissen. Ich sage in der Arbeit, wenn ich PMS habe und mich kacke fühle, statt so zu tun, als sei alles tutti. Und teile meinem Partner in der Situation mit, wie ich mich fühle, statt zu denken, dass ich immer zen sein muss.

14. Würdest du jeder Person empfehlen, an einem Radical Honesty-Kurs teilzunehmen?

Grob: Ja. Aber – ja, es gibt immer ein aber – du musst dafür bereit sein, dich voll und ganz darauf einzulassen. Je verletzlicher du dich zeigst, desto mehr kann der Kurs bewegen. Wenn du dich mit verschränkten Armen zurückhältst und die ganzen Gedankenkämpfe nur in deinem Kopf, statt auf diesem sicheren Spielfeld austrägst, wirst du nicht viel daraus mitnehmen.

15. Wo siehst du die Grenzen der Technik?

Radical Honesty ist eine kraftvolle Technik, um seine eigenen Mechanismen zu entlarven. Brad Blanton geht soweit, dass er den Menschen mit einem Auto vergleicht, das repariert werden muss. Der*dem KFZ-Mechaniker*in ist dabei egal, was passiert ist, Fakt ist: Das Auto ist kaputt und muss repariert werden.

Ich denke nicht, dass man das so einfach auf den Menschen übertragen kann. “Trigger” können erkannt werden, aber ich glaube, dass viele von ihnen tiefer liegen und nur mithilfe einer tiefergehenden Reflektion gelöst werden können.

16. Wie würde die Welt aussehen, wenn wir alle radikal ehrlich kommunizieren würden?

Stell dir eine Welt vor, in der es kein passiv-aggressives Verhalten mehr gibt. Kein*e Kolleg*in, der*die mit einem lauten Schnaufer nach Aufmerksamkeit heischt, ohne es zu merken. Keine Spielchen, kein Kopfzermartern mehr. Stattdessen gäbe es offene und ehrliche Verbindungen zu Menschen, mit denen man klickt, keine Beziehungen mehr, die oberflächlich nur funktionieren, weil wir uns für sie verstellen.

17. Was haben Sprachnotizen mit Radical Honesty zu tun?

Die Übung der ungeteilten Aufmerksamkeit, sprich, eine Person kann für fünf Minuten reden, die andere hört nur zu, und umgekehrt, erinnert mich an das Verfassen von Sprachnotizen. Man möchte der Freundin eigentlich nur ein kurzes Update geben, und ehe man sich versieht, findet man sich zehn Minuten später weinend über die aktuellen Beziehungsprobleme sprechend wieder.

Die ungeteilte Aufmerksamkeit führt dazu, dass Themen hochkommen, die in einem Wortwechsel vielleicht gar keinen Raum gefunden hätten. Wir können daraus lernen, dass wir uns auch bei Gesprächen mehr bemühen sollten, richtig zuzuhören, statt während des Hörens darüber nachzudenken, was wir dazu sagen können.

Neugierig geworden?

Dich mit Radical Honesty zu befassen kann für dich sinnvoll sein, wenn du eine tiefe, ehrliche Reise nach innen möchtest, wenn du ehrlicher mit dir und deinem Außen kommunizieren möchtest und wahrhaftige Verbindungen eingehen möchtest. Ich kann dir dafür die Seminare von Jakob und Michael wärmstens empfehlen.

Hast du selbst schon Erfahrungen mit Radical Honesty? Wie hast du es erlebt? Ich freue mich auf deinen Kommentar und beende den Artikel genau so, wie wir unsere Workshoptage beenden:

Ich bin ich, du bist du. Ich bin verantwortlich für meine Gefühle, du bist verantwortlich für deine Gefühle. Ich bin nicht auf dieser Welt, um deine Erwartungen zu erfüllen. Du bist nicht hier um meine zu erfüllen. Wir versuchens und es kann cool werden. Und wenn nicht, dann nicht.

Ciao,

Julia

Titelbild © Gabriel McCallin Fotos via Jakob Eichhorn

Disclaimer: Julia konnte an dem Kurs kostenfrei teilnehmen, da sie diesen Artikel darüber geschrieben hat. Insofern handelt es sich hierbei um Werbung; wir verdienen jedoch kein Geld an diesem Artikel oder daraus resultierenden Buchungen.

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3 Kommentare / Schreibe einen Kommentar

  1. Moin!
    Danke für diesen inspirierenden und spannenden Artikel! Ihr habt auf jeden Fall mein Interesse geweckt!
    Des Weiteren habe ich auch mehrfach an den Ansatz der Gewaltfreien Kommunikation denken müssen, welche ich auch sehr spannend finde und schon öfter damit gearbeitet habe.
    Danke auch für den Satzanfang: “Ich mache mich…” – So gut, um sich über die eigene Verantwortung bewusst zu werden und ebenso um sich von den Gefühlen der anderen abzugrenzen, die wiederum verantwortlich für ihre Gefühle sind.

  2. Toller Artikel, der total neugierig macht! Und erscheint mir einfacher umzusetzen, als die Schritte, die es bei gewaltfreier Kommunikation nach rosenberg zu beachten gilt. Wobei es ja schon in die selbe Richtung abzielt, aber die Körperebene hier mehr miteinschließt, oder?

    1. Hallo!

      Danke für deinen Kommentar. Meiner Erfahrung nach zielt Radical Honesty mehr darauf ab sich Raum zu nehmen und die eigenen Wünsche klar zu äußern. In vielen Punkten ähneln sich die Ansätze aber auf jeden Fall sehr!

      Lieber Gruß
      Julia

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