Spiritueller Aktivismus: Wie Yoga uns zu Klimaschützer*innen macht

Ich sitze mit geschlossenen Augen auf einem Yoga-Block im Studio und versuche Worte in einer Sprache mitzusingen, die ich zuvor noch nie gehört habe.

Lokah Samastah Sukhino Bhavantu

Lokah Samas-, what? Alle um mich herum scheinen richtig into it zu sein und trällern gefühlt jedes Wort mit, als hätten sie nie etwas anderes getan. Was zum Henker singen wir da eigentlich? Und was hat das jetzt genau mit Yoga zu tun? Heute weiß ich, dass wir ein Mantra gesungen haben.

Ein Mantra wird beim Yoga meistens in der altindischen Sprache Sanskrit gesungen und besteht aus heiligen Silben, Wörtern oder ganzen Sätzen. Mantren gibt es seit Jahrtausenden in einer schier endlosen Bandbreite, für jede Lebenssituation steht mindestens eines bereit. Das Mantra, das ich kläglich versuchte mitzusingen, bedeutet übersetzt:

Mögen alle Wesen überall glücklich und frei sein, und mögen alle meine Worte, Taten und Gedanken zum Glück und zur Freiheit aller beitragen.

Mantren, ebenso wie Atemtechniken und Meditationen, verleihen Yogastunden neben dem schweißtreibenden Aspekt also das, wofür Yoga eigentlich steht.

Beim Yoga wird nicht nur an der körperlichen Haltung geschraubt, sondern vor allem auf eine Transformation der inneren Haltung hingearbeitet.

Das ist nicht ganz überraschend, schlägt man die Übersetzung des Wortes “Yoga” nach: Einheit, Vereinigung und Harmonie, die Abwesenheit von Trennung, Erleuchtung. Das ist ein Zustand, der erstmal schwer vorstellbar und abstrakt scheint. Aber schauen wir uns doch mal unsere Erde an: wir leben alle zusammen auf ein und derselben, es gibt keinen Planet B, lediglich Planet A.

Yoga ist Einheit und um ein sauberes Weltklima zu erreichen, brauchen wir genau diese Einheit.

Denn ein sauberes Klima ist globales Allgemeingut. Um dieses Gut zu erreichen müssen alle an einem Strang ziehen.

Klimaerwärmung tut uns nicht gut und unserer Umwelt auch nicht. Frag doch mal das Nashorn.

Oder die noch nicht geborenen Generationen (geht leider nicht, aber wir wissen, was sie sagen werden). Arten sterben (tschüss Nashörner), der Meeresspiegel steigt (ciao Malediven), Gletscher schmelzen (adieu Alpen). Die Luft wird dünn. Und was kann Yoga daran ändern?

“Spirituelle Entwicklung führt normalerweise zu mehr Altruismus und zu produktiveren und sinnvolleren Aktivitäten.” – Steve Taylor, Dozent für Psychologie an der Leeds Beckett University

Da beim Yoga vor allem die innere Entwicklung im Fokus steht, kann der von Steve Taylor angesprochene positive Effekt erzeugt werden. Eine sinnvolle Aktivität ist beispielsweise, sich fürs Klima einzusetzen. Dies geschah Mitte April im Netz, im Netzstreik fürs Klima. Die Anhänger von Fridays for Future forderten Maßnahmen, die zu einer Klimaneutralität bis 2035 führen sollen.

Was steht uns beim Klimaschutz im Weg? Wir alle müssten an einem Strang ziehen. Aber je größer die Gruppe, desto rücksichtsloser unser Handeln.

Das Problem sind die free-rider. Da man niemanden vom sauberen Klima ausschließen kann, kann jede*r es konsumieren, sei er*sie noch so ein*e Klimasünder*in. Abgesehen davon spüren wir den Effekt unserer eigenen kleinen Schritte in Sachen Klimaschutz nicht direkt, von wegen “Tropfen auf dem heißen Stein”. Das führt bei vielen Menschen dazu gar nichts zu tun, aka Was bringt das schon?

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Einfach nichts zu tun, ist auch keine Lösung. Am meisten würden wir erreichen, wenn jede*r einen Beitrag leisten würde. Denn am Ende ist das saubere Weltklima ein “Summations-Gut”, heißt, all unsere Handlungen werden zusammenaddiert und unterm Strich kommt unser sauberes (oder nicht sauberes) Weltklima raus. Und diesem ist schnurzegal, ob eine Handvoll Menschen mit extremen Handlungen dazu beigetragen haben, oder viele mit kleinen.

Wenn wir Yoga üben, versuchen wir, das Gefühl der Abgetrenntheit von dem was außerhalb von uns liegt, abzulegen.

Damit ist Yoga eine effektive Form des Aktivismus, da wir darin lernen, dass es eigentlich kein Außen gibt. Die Welt, wie wir sie wahrnehmen, ist lediglich ein Spiegelbild dessen, was wir erfahren haben und was in uns ist. Diese Erkenntnis kann zu einem Bewusstseinswandel führen, der das Potenzial birgt, uns für unseren Planeten einzusetzen.

Eine der wichtigsten philosophischen Grundlagenschriften der Yogapraxis ist Patanjalis Yoga Sutra.

Seine Inhalte können auf unseren Umgang mit dem Klima und unserer Umwelt übertragen werden. Patanjalis Philosophie zieht sich durch viele verschiedene Yogastile und begründet die weit verbreitete Ashtanga Yoga Tradition, nicht zu verwechseln mit der schweißtreibenden Ashtanga Yoga Methode nach Sri K. Pattabhi Jois. Der Begriff Ashtanga Yoga setzt sich zusammen aus ashta, Sanskrit für acht und anga, Sanskrit für Glieder. 

Diese acht Glieder bilden zusammen den achtfachen Pfad, das Ashtanga-System, an dessen Ende die Erleuchtung steht. Dieses ist heute aktueller denn je, auch wenn es vor circa 2000 Jahren verfasst wurde. Der erste Punkt des Ashtanga-Systems sind die Yamas, Verhaltensrichtlinien unserer Umwelt und anderen Menschen gegenüber.

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Bezieht man die Yamas auf den Klimaschutz, birgt der erste Punkt Ahimsa, Gewaltlosigkeit, einiges an Potenzial.

Ahimsa (sprich: “ahinsa”) wird verschieden interpretiert. Ahimsa beginnt schon im Kleinen: Wenn ich ohne Rücksicht nach der Yogastunde als erste*r aus dem Raum stürme, hinter mir die Tür zu knalle und dann mit meinem SUV davon brause, leiste ich dann meinen Beitrag zur Freiheit und zum Glück aller? Beziehungsweise: Bemühe ich mich, möglichst wenig Schaden anzurichten? Meine Mitmenschen würden ganz klar sagen: nein.

Vom Yogastudio auf den gesamten Kosmos gemünzt, sieht das Gedankenexperiment wie folgt aus: Klar, ich muss Dinge konsumieren, um zu leben. Und ich hinterlasse sicher einen Fußabdruck. Aber ich könnte mich bemühen, ihn klein zu halten. Wenn ich wie wild durch die Weltgeschichte fliege oder viel mehr kaufe als ich brauche, hat das Auswirkungen. Ist schlecht fürs Klima, die Erde erwärmt sich, Folgen sind unter anderem Dürreperioden und Hunger. Und das Ungerechteste daran: Meist sind vor allem diejenigen, die am wenigsten CO2 ausstoßen, dieselben, die am meisten darunter leiden (werden). Unter Anbetracht von Ahimsa wird sofort klar: nicht cool.

Eine effektive Möglichkeit Ahimsa zu praktizieren, ist, auf Tierprodukte zu verzichten.

Dieser Verzicht soll dazu führen, dass wir in Harmonie mit uns und unserer Umwelt leben. Vorreiter*innen für diesen yogaphilosophischen Aktivismus und Lebensstil sind vor allem die Begründer*innen des Jivamukti-Yoga, Sharon Gannon und David Life. Sie propagieren eine Verbindung von pflanzlicher Ernährung und Yoga, ein Thema, das Sharon Gannon sehr am Herzen liegt. Nachdem sie bereits 2008 ein Buch zu Yoga und Vegetarismus veröffentlicht hat, erschien kürzlich ihr neues Werk Yoga and Veganism*.

Denn Fakt ist: Die Produktion von tierischen Lebensmitteln hat weitreichende negative Folgen, sowohl für die Umwelt, als auch für das Tier und letztendlich auch für den*die Konsument*in. Mithilfe von Yoga wird unsere Aufmerksamkeit mehr und mehr nach Innen gelenkt, wodurch unser Mitgefühl für unsere Umwelt steigt. Damit werden wir sensibler für gewaltsame bzw. gewaltfreie Handlungen. Übertragen wir diese Erkenntnis in unser Leben off the mat, entfaltet sich ein riesen Potenzial für den Erhalt unserer Umwelt.

Damit trägt vor allem Ahimsa, aber auch die weiteren Yamas dazu bei, beim Klimawandel einen Gang runter zu schalten.

Satya, wahrhaftig und ehrlich sein.

Bei Satya (Wahrhaftigkeit) geht es darum, zu bedenken was man sagt, wie man es sagt und was das Gesagte im Gegenüber auslöst. Befolge ich Satya, so bin ich ehrlich zu meinem Mitmenschen und zu mir. Gedanken wie “Wenn ich drüber nachdenken würde, dass die Salami auf meinem Brot mal gelebt hat, würde ich gar kein Fleisch mehr essen”, laufen Satya zuwider, denn sich selbst anlügen ist eben auch lügen.

Asteya, nicht stehlen.

Der Umwelt stehlen wir ständig: Dem Eisbären die Schollen, der Kuh ihr Kälbchen und dem Panda den Bambus. Und zwar nicht, weil wir darauf angewiesen sind, sondern, weil wir’s können. Achten wir darauf, was unser (Konsum-)Verhalten für Konsequenzen für die Umwelt hat, tragen wir zum Klimaschutz bei.

Brahmacharya, die eigenen Energien richtig einsetzen.

Hierbei geht es um die Mäßigung der Sinne und Leidenschaften. Ursprünglich lag der Fokus auf Enthaltsamkeit und dem nicht Missbrauchen von sexueller Energie. Die Kuh zu schwängern, damit sie Milch gibt, ist Missbrauch sexueller Energie. Aus einer modernen Perspektive kann dieses Yama aber auch als allgemeine Mäßigung verstanden werden. Nicht übermäßig oder dekadent zu sein, Gelüsten nicht unkontrolliert zu folgen oder Lebensmittel einzukaufen, die am Ende in der Tonne landen, fällt hierunter

Aparigraha, nicht horten.

Deutschland ist ein Konsumland, ja, shoppen ist für viele Hobby und Zeitvertreib. Ein gesundes Hinterfragen des eigenen Konsums tut nicht nur uns gut, sondern auch unserer Umwelt. So braucht es beispielsweise bis zu 2.700 Liter Wasser, um ein einziges Baumwollshirt herzustellen. Wow.

Letztendlich sind die Yamas keine eingestaubten Richtlinien, sondern bergen das Potenzial, in die Praxis umgesetzt im Einklang mit uns und unserer Umwelt zu leben.

Off the mat kann vor allem der Gedanke an Ahimsa helfen, unseren Planeten zu erhalten. Für uns, für unsere Mitbewohner*innen und für alle kommenden Generationen. Und wer weiß, vielleicht landen wir irgendwann auch wieder auf dieser Erde, wenn wir es nicht schaffen nach unserem Tod ins Nirwana zu gelangen.

Wäre es dann nicht schön, wenn wir auf einen gesunden, grünen Planeten landen würden? Und dieser Planet unsere Erde ist?

In diesem Sinne:

“The future will be green, or not at all.” – Bob Brown

Eure Julia

Titelbild © Markus Spiske via Unsplash

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