Kulturelle Aneignung und Yoga: Wie gehen wir damit um?

Anmerkung: Ich schreibe diesen Artikel als weiße, deutsche Frau, die mit großer Begeisterung Yoga praktiziert. Trotz intensiver Recherche habe ich sicher nicht alle Aspekte des Themas abgedeckt. Über konstruktives Feedback und Ergänzungen freue ich mich riesig.

Noch eine Anmerkung: Im aktuellen Sprachgebrauch wird für die Indigenen Völker Nordamerikas, die Native Americans, oft ein Sammelbegriff verwendet, der diskriminierend und rassistisch ist (Hinweis: fängt mit “I” an und war und ist immer noch eine beliebte Karnevalsverkleidung). Es handelt sich dabei um eine Fremdbezeichnung durch die Kolonialisten, die wir nicht weiter reproduzieren wollen. Wir nutzen daher statt des Begriffs die Bezeichnung “das I-Wort”, um die Reproduktion rassistischer bzw. diskriminierender Begriffe zu vermeiden.

Im Sommer 2018 war ich mit Freund*innen auf der Party-Demo “AfD wegbassen” in Berlin. Ein Freund von mir hatte sich zur Feier des Tages für einen Outfit-Mix aus Hawaiihemd und Warbonnet (traditioneller Federkopfschmuck Indigener Völker Nordamerikas) entschieden. Hier und da wurde er von Frauen angequatscht, ob er schonmal “kulturelle Aneignung” gegoogelt hätte. “Aber ich habe das Warbonnet persönlich vom Stammesführer eines Indigenen Volkes gekauft. Das ist kein Kostüm, das ist echt!”

Seitdem ist einige Zeit vergangen und I-Wort-Verkleidungen sind zum Sinnbild für kulturelle Aneignung geworden. Mein Freund hatte sein Warbonnet seit dem Tag im Sommer 2018 auch nicht mehr auf. Ob aus Überzeugung oder Scham – es dekoriert nur noch sein Regal zu Hause.

Und die Debatte um kulturelle Aneignung hat sich auf andere kulturelle Errungenschaften ausgebreitet. Yoga zum Beispiel.

Es wird also höchste Zeit, dass wir als nicht-indische Yoga-Begeisterte uns an die eigene Nase fassen. Unsere geliebte Yogapraxis kommt nämlich – zumindest ursprünglich – aus Indien. Und Indien und Europa verbindet eine lange Kolonialgeschichte und damit eine Geschichte von Machtausübung, Unterwerfung und Ungleichheit.

Es geht in diesem Artikel weniger um die Frage “Adho Mukha Svanasana: ist das Üben der Asana grundsätzlich noch erlaubt?” (die Antwort ist: ja), sondern eher um die Strukturen rund um Kolonialismus, die Geschichte von Yoga und eine Sensibilisierung für den respektvollen Umgang mit einer jahrtausendealten Praxis. Klingt richtig anstrengend, oder? Tief durchatmen, Yogis, wir schaffen das.

“Gerade in dieser Zeit, in der die Schattenseiten des Kapitalismus – weiße Vorherrschaft, Zisheteropatriarchat und Fremdenfeindlichkeit – entlarvt werden, ist es unerlässlich, dass jeder, vor allem diejenigen, die Zugang zu spirituellen Praktiken wie Yoga haben, schwierige Fragen an sich selbst und an andere stellen.” Shereena Gandhi, Abteilung für Religionswissenschaften an der Michigan State University

Warum stören sich Menschen überhaupt daran, wenn Mode, Essen und Traditionen sich über den Globus verteilen?

Ist es nicht schön, dass wir als Weltbürger*innen voneinander lernen und uns austauschen?

Der Begriff der kulturellen Aneignung war zunächst einmal neutral. Übernimmt eine Kultur Elemente einer anderen, ist das kulturelle Aneignung. Das passiert ständig und führt dazu, dass wir uns gesellschaftlich, politisch und persönlich weiterentwickeln.

Schwierig wird es, wenn ganz natürliche kulturelle Transformation von unausgeglichenen Machtverhältnissen, Rassismus und Diskriminierung begleitet werden.

Der negative Beigeschmack und die heutige populäre Nutzung des Begriffs der kulturellen Aneignung (Englisch: Cultural Appropriation) ergeben sich aus der Kolonialgeschichte “westlicher” Länder. Es ist nämlich eine Sache, wenn wir nach unserem Italien-Urlaub nur noch Kaffee mit Bialetti-Maschinen kochen, aber eine ganz andere, wenn Objekte und Rituale unterdrückter und ausgebeuteter Völker plötzlich zu Trends oder gar Geschäftsideen werden. Geschäftsideen und ein Business, von dem die ausgebeuteten Betroffenen nichts haben. Die ohnehin Mächtigen verhärten damit bestehende Machtverhältnisse weiter – ohne Respekt vor den oft heiligen Kulturen.

Zum Beispiel, wenn weiße Football-Fans in den USA mit Federschmuck auf den Köpfen ihr Team anfeuern, dessen Name auch noch eine rassistische Beleidigung für Indigene Völker ist. Auf genau dem Grund und Boden, der eben diesen Völkern brutal entrissen wurde. Und den Federschmuck gibt’s auf Amazon zu kaufen.

Das Oxford Dictionary definiert kulturelle Aneignung so:

“Die uneingestandene oder unangemessene Übernahme der Bräuche, Praktiken, Ideen etc. eines Volkes oder einer Gesellschaft durch Mitglieder eines anderen und typischerweise dominanteren Volkes oder Gesellschaft.” [Übersetzung durch die Redaktion]

Eine sehr plakative und respektlose Aneignung unterdrückter Kulturen findet sich in alten Hollywood-Streifen, aber auch in Film und Fernsehen hierzulande.

In den 60er und 70er Jahren wurden kritische Stimmen zu karikaturistischen Darstellungen von Afroamerikaner*innen oder Native Americans in Film und Fernsehen laut.

Die Outfits und stereotypisch dargestellten Bräuche Indigener Stämme wurden von Hollywood für Unterhaltung und Profit übernommen. Meist wurden Native Americans in den Filmen von weißen Schauspieler*innen gespielt (Paradebeispiel: Pierre Brice als Winnetou). Am Set gab es keine Vertreter*innen der dargestellten Stämme und ohnehin ging es nie um Authentizität, sondern um Entertainment!

Der Schauspieler Marlon Brando ließ seinen Oscar 1974 stellvertretend von Era Sacheen Littlefeather, Präsidentin des National Native American Affirmative Image Committee, ablehnen. In einer Stellungnahme, die in der New York Times veröffentlicht wurde, erklärt er:

“Die Filmgemeinde ist neben anderen dafür verantwortlich, den [I-Wort] zu erniedrigen und seinen Charakter zum Gespött zu machen, indem sie ihn als wild, feindselig und böse darstellt. Es ist schwer genug für Kinder in dieser Welt aufzuwachsen. Wenn Kinder mit Indigenen Wurzeln sehen, dass ihr Volk so dargestellt wird, wie es in Filmen zu sehen ist, verletzt sie das auf eine Weise, die wir uns gar nicht vorstellen können.”- Marlon Brando

In eine ähnliche Kerbe schlagen wir, wenn wir auf Schützenfesten zu “Komm hol das Lasso raus” tanzen und dabei Indigene Kulturen Nordamerikas auf Federschmuck, Marterpfahl und dieses komische Wuu-wuu-wuu-Geräusch (du weißt schon, das mit der Hand vor dem Mund) reduzieren. Würden wir das immer noch lustig finden, wenn uns Native Americans dabei zusähen?

Kulturelle Aneignung meint auch die Einverleibung einzelner Objekte losgelöst von ihrem eigentlichen Kontext.

Seit den 70er Jahren hat die Debatte sich ausgeweitet und dreht sich nicht mehr nur um die respektlose, karikaturistische Darstellung unterdrückter Völker. Vielmehr bezeichnet kulturelle Aneignung heute die Verwendung einzelner Gegenstände aus anderen Kulturkreisen außerhalb jeglichen Kontextes. Wie mein Freund auf der Anti-AfD Demo. Mit dem Warbonnet hat er zwar keinen Native American darstellen wollen – aber er hat sich eben einen Gegenstand angeeignet, der mit seiner eigenen Kultur herzlich wenig zu tun hat und in einen Kontext gesetzt, der traditionell sicher nicht für das Tragen eines Warbonnets vorgesehen war.

Werbung

Contentbanner links alone

Was genau “Kultur” nun eigentlich ist, wem sie gehört, und wer sich ihr bedienen darf, sind Fragen, denen wir ganze Bücher widmen könnten. Folgende Grafik zeigt vereinfacht, inwiefern wir als Individuen uns in einem Umfeld aus unseren Werten (unserer Ideologien), geteilten Lebensweisen und kulturellen Gegenstände befinden.

Die inneren Ringe bedingen die äußeren und je weiter außen ein Ring sich befindet, desto leichter kann er von Menschen anderer Kulturen angenommen werden.

Quelle: angelehnt an eine Grafik aus einem Video von “Origin of Everything”

Besonders stark kritisiert wird kulturelle Aneignung dann, wenn kulturelle Gegenstände ohne Bezug zu den Lebensweisen und der Ideologie eines Volkes verwendet werden.

“You can’t just pick and choose what you like from a culture and then use it to make money.” – sagt eine junge Designerin in einem Video von i-D und spricht damit den Knackpunkt an: die Aneignung anderer Kulturen ohne Wertschätzung der gesamten Kultur.

Noch schlimmer wird die Aneignung gewisser Gegenstände und Praktiken, wenn die Mitglieder der Gruppierung, aus der sie stammen, gleichzeitig dafür diskriminiert wurden.

Stell dir vor, du gehst als Tochter einer indischen Familie in Deutschland zur Schule. Deine Mutter trägt ein Bindi und holt dich hin und wieder von der Schule ab. Den traditionellen Stirnschmuck finden deine Mitschüler*innen so komisch, dass sie dich dafür hänseln und auslachen. Zehn Jahre später gehst du auf ein Festival und siehst dich den selben weißen Frauen gegenüber, die Bindis als Party-Accessoire tragen. Wie würde sich das anfühlen?

Genauso wenig ist es okay, wenn ein Arbeitgeber von einer Schwarzen Frau verlangt, ihre Dreadlocks abzurasiersen, weil sie Kundenkontakt hat und sonst angeblich nicht seriös wirkt während der weiße Skater aus dem Vorort dank seiner Dreadlocks in jeden Club reinkommt und unter Frauen als besonders cool gilt, gleichzeitig aber nicht um seinen Job bangen muss.

Der (Haar-)Schmuck wird in diesen Beispielen nicht nur losgelöst von seiner Kultur getragen. Es ist gerade diese Distanz zur eigentlichen politischen und kulturellen Bedeutung, die ihn “hip” und akzeptabel macht.

“Wir feiern die Kultur, die Mode, das Essen und zeigen unsere Wertschätzung” ist eine sehr gängige Antwort auf Kritik an kultureller Aneignung. Aber was wissen weiße Partygänger*innen wirklich über die Kulturen, derer Symbolik sie sich gemeinhin bedienen?

Von kultureller Wertschätzung spricht man, wenn durch die Verwendung bestimmter Symbole oder die Teilnahme an Ritualen der Respekt für die Kultur ausgedrückt wird. 

Zum Beispiel, wenn du dir für eine indische Hochzeit die Hände mit Henna schmücken lässt, weil das Brautpaar das so wünscht. Oder sogar, wenn es Teil deiner ganz persönlichen Meditationspraxis ist, Japa Mala mit deiner Mala Kette zu üben und sie auch als wertvollen Gegenstand wahrnimmst statt als reines Modeaccessoire. Dann gibt es wieder eine Verbindung zum Wertesystem hinter dem Gegenstand und obendrein eine persönliche Beziehung, etwa zum Brautpaar oder zum*zur Lehrer*in, die dir das Mantra bzw. die Mala gegeben hat.

Ein Urteil darüber, wo kulturelle Wertschätzung aufhört und kulturelle Aneignung anfängt, ist schwer zu treffen. Ein paar Hinweise für kulturelle Aneignung sind aber:

  • Die Stereotypisierung einer Bevölkerungsgruppe “aus Spaß” oder um sich über sie lustig zu machen (z.B. Native Americans-Kostüme zu Karneval).
  • Die Verwendung bestimmter Teile einer Kultur für Mode oder den eigenen Profit, ohne Anerkennung für die Kultur zu zeigen oder etwas über sie zu wissen – beispielsweise durch Fast Fashion Unternehmen. Die Verwendung kultureller Symbole, Praktiken oder Gegenstände, für die andere Menschen diskriminiert wurden (z.B. “Dreadlocks” als Frisur).
  • Oder die Verwendung von Kulturgütern, die ihrem spirituellen Kontext entzogen wurden.

Wenn indische Business-Leute Anzüge von Calvin Klein tragen, dann ist das keine kulturelle Aneignung. Warum?

Genauso wie es keinen Rassismus gegenüber Weißen gibt, spielen hier Machtverhältnisse die entscheidende Rolle. Hier kommen wir zum Kolonialismus und dem Machtgefälle zwischen dem “Westen” und Indien. Die britische Kolonialmacht besetzte große Teile des heutigen Indiens in irgendeiner Form zwischen 1612 und 1947 mit brutalen Mitteln. In dieser Zeit galten die Briten als dominantes Volk in Indien. Sie beuteten die Bevölkerung aus und regulierten administrative Abläufe, den Handel, Steuern und Gesetze. Die indische Kultur galt als weniger fortschrittlich und war untergeordnet, Traditionen teilweise sogar verboten.

Natürlich bedeutete das, dass Menschen sich unter britischer Führung in Indien aus ökonomischen Gründen oder auch einfach für das blanke Überleben an die britische Kultur angleichen mussten. Dazu gehören Mode, Sprache, soziale Normen und Bräuche. Auch wenn die Kolonialgeschichte Europas Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts offiziell ein Ende fand und Indien seine Unabhängigkeit zurück erlangte, hallt der Kolonialismus bis heute nach.

Wenn eine indische Managerin im Hosenanzug zur Arbeit kommt, passt sie sich den Normen und Erwartungen an, die sich als Folge der Kolonialherrschaft Großbritanniens etabliert haben. Wenn eine unterdrückte Gruppe sich der Kultur der dominanten Gruppe annähert, wird dies nicht als Aneignung, sondern als Assimilierung (Anpassung / Angleichung) bezeichnet.

Das moderne Yoga und der Kolonialismus sind untrennbar miteinander verbunden.

Unter dem Begriff “Yoga” wird so einiges zusammengefasst. Es handelt sich ganz allgemein um eine Sammlung an körperlichen, geistigen und spirituellen Praktiken oder Disziplinen, die ihren Ursprung im alten Indien haben sowie außerdem um den Zustand der Erleuchtung, den man über diese Praktiken erreichen soll. Man geht davon aus, dass die Yoga-Praxis auf vor-vedische indische Traditionen zurückgeht – möglicherweise in der Zivilisation des Indus-Tals um 3000 v. Chr.

Die Frage nach dem “Erfinder” von Yoga lässt sich nicht beantworten. Uralte Texte wie die Veden oder auch das Yogasutra wurden aber, so die Überlieferung, von Gottheiten an die Menschen gegeben.

In einer Geschichte von mindestens 5000 Jahren wurde Yoga natürlich durch die verschiedensten Völker und Kulturen weitergetragen, hat alle möglichen Einflüsse in sich aufgenommen und sich ständig weiterentwickelt.

Doch wenn wir heute von Yoga sprechen, meinen wir damit oft eine moderne Interpretation mit besonderem Fokus auf die Asana-Praxis.

Die erste Schrift, die sich auf die Effekte bestimmter Körperübungen (Asanas) bezieht, ist wohl die Hatha Yoga Pradipika, eine Art Anleitung und Erklärung zu Hatha Yoga. Hatha Yoga ist die Wissenschaft des Yoga, die den physischen Körper mit Hilfe von Shatkarma (Reinigungsrituale / Kriyas), Asana, Pranayama (Atemübungen), Mudra (Handbewegungen), Bandha (energetischer Verschluss der Körpermitte) und Konzentration reinigt, als Vorbereitung zu Raja Yoga (Yoga des Geistes) und Samadhi (Erleuchtung).

Jedoch finden sich in diesem Text aus dem 14. oder 15. Jahrhundert nur 15 verschiedene Asanas. Woher kommen also all unsere Grashüpfer- und Tauben-Asanas?

Es wird vermutet, dass sich die Asana-Praxis in Indien gerade durch die Einflüsse westlicher Kolonialmächte so stark weiterentwickelt hat. In Teilen Indiens waren Yoga und Ayurveda unter britischer Herrschaft sogar verboten, doch der Fitness- und Körperkult-Trend aus Europa spielte Yogis schon damals in die Karten. Mit Asana-Demonstrationen ließen die herrschenden Mächte sich beeindrucken und Yoga gewann an Akzeptanz.

>>> Das könnte dich auch interessieren:

Das moderne Yoga, wie wir es kennen, gewann erst in den späten 1890er Jahren an Zugkraft, als indische Gurus begannen, ihr Wissen an die “westliche” Welt weiterzugeben.

Was wir heute so auf unserer Matte fabrizieren, ist alles recht neu. Als Vater des modernen Yoga gilt Krishnamacharya. Er war unter anderem Lehrer von BKS Iyengar, Pattabhi Jois, TKV Desikachar und Indra Devi. Sie unterrichteten auf Krishnamacharyas Wunsch hin Schüler*innen aus den USA und Europa.

Krishnamacharya entwickelte, basierend auf Patanjalis Yogasutra und der Hatha Yoga Pradipika, eine sehr dynamische Weiterentwicklung klassischer Yogatechniken, die in den USA und Europa großen Anklang fand.

Motiviert waren seine Schüler*innen, die heute teils weltberühmt sind, zum einen durch die wahrgenommene Notwendigkeit für eine alltägliche spirituelle Praxis, die wir in Europa und Nordamerika scheinbar vergessen haben. Zum anderen lässt sich kaum abstreiten, dass es ohne Kolonialgeschichte wahrscheinlich auch kein Interesse indischer Gurus daran gegeben hätte, weißen Menschen Asanas beizubringen.

Und das macht das Thema “Yoga und kulturelle Aneignung” so knifflig.

Verstehen wir unter Yoga die moderne Asana-Praxis, dann waren Kolonialismus und kulturelle Assimilation von Anfang an tief in ihrer Entstehungsgeschichte verankert. Genauso wie der explizite Wunsch, diese Praktiken nicht nur in Indien zu unterrichten, sondern in der ganzen Welt zu verbreiten.

Beschäftigen wir uns mit den zugrunde liegenden Philosophien und Schriften, ergibt sich Material für ein Selbststudium, das sich in einer einzigen Lebenszeit kaum abschließen lässt. Und dann wären da noch die Objekte und Gegenstände, die irgendwie eng mit Yoga verbunden sind, aber sehr wohl primär zur indischen Kultur gehören.

Warum fällt es uns eigentlich leichter, Namaste zu sagen, als Gott segne dich?

Die meisten von uns verbinden mit Gott segne dich viel mehr, als nur eine liebevolle Begrüßung. Wir erinnern uns an einen lieben, aber auch strafenden Gott, der alles sieht, was wir tun. Vielleicht haben wir Beichtstühle und kalte Kirchen vor Augen und Weihrauchgeruch in der Nase oder wir denken an Missbrauchsskandale, mit denen vor allem die katholische Kirche regelmäßig von sich reden macht. Wir erinnern uns daran, dass unsere Großmütter keinen Führerschein machen durften und der Grund dafür irgendwo in der Bibel zu finden war. Angeblich.

Auch der Hinduismus hat seine Schattenseiten. Auf ihm basiert das Kastensystem in Indien, um nur ein Beispiel zu nennen. Die Bhagavad Gita weist an mehreren Stellen darauf hin, dass die Aufrechterhaltung der Kasten für einen Fortbestand der göttlichen Ordnung notwendig sei. Aber all das wissen die wenigsten weißen Yogis in Deutschland.

Wir können uns sozusagen frei aussuchen, welche Teile der indischen Kultur wir uns gerne einverleiben wollen. So können wir Om Shanti singen und dabei nur an Weltfrieden denken. Den Ballast lassen wir einfach weg.

Erinnerst du dich noch an die Grafik vom Anfang? Werfen wir noch einmal einen Blick darauf, mit Hinblick auf die Kultur rund um Yoga.

Handelt es sich also um kulturelle Aneignung, wenn wir uns eine Shiva-Abbildung zu Hause hin stellen, ohne eine Verbindung zum Hinduismus zu haben? Oder als weiße Person einen Chanting-Kurs anbieten, ohne mit einem Wort den Hintergrund der Praxis zu erwähnen? Oder noch spannender: Macht das reine Erwähnen, woher der Chant kommt, das Problem der kulturellen Aneignung besser?

Es geht nicht um ein abschließendes Urteil, sondern um unsere Offenheit gegenüber Kritik.

Ob du für dein Om-Tattoo genug Sanskrit gelernt hast oder genug Yogasutra-Verse zitieren kannst, um die fortgeschrittene Serie im Ashtanga üben zu dürfen, kann ich dir nicht sagen. Es gibt in diesem Artikel keine Absolution und kein Urteil. Aber darum geht es vielleicht auch gar nicht.

>>> Lies dir gerne Jannas Artikel zu einem respektvollen Umgang mit Yoga durch. 

Ich denke, wir müssen einfach enorm selbstkritisch bleiben und besonders dann genau hinhören, wenn uns unsere nicht-weißen Mitmenschen etwas zu sagen haben. In meiner Recherche habe ich viele Artikel von indischen Autor*innen gelesen, die sich in der kommerzialisierten und komfortabel portionierten Yoga-Welt nicht wohl fühlten. Die Autorin Susanna Barkataki aus den USA schreibt:

“Der Zweck dieser Art von meditativem Bewusstsein ist es, die Einheit von Geist, Körper und Seele mit dem Göttlichen zu erfahren, zu praktizieren und zu leben. […] Es ist ironisch, dass die Praxis, die uns befreien soll, so einengend geworden ist. Der gegenwärtige Stand des Yoga in den USA und anderswo in der westlichen Welt verdeutlicht das Machtgefälle, das nach wie vor besteht zwischen denen, die Zugang zu Reichtum, Publikum und Privilegien haben, und denen, die historisch an den Rand gedrängt wurden.” [Übersetzung durch die Redaktion]

Wenn sich weniger privilegierte Menschen keine Yogaklassen leisten können oder unsere Mit-Yogis ohne Lululemon-Outfit sich neben uns unwohl fühlen, dann ist auf jeden Fall etwas schief gelaufen. Und ich glaube, dass es dann in der Verantwortung eines*einer jeden Einzelnen liegt, die Yoga-Szene inklusiv und zugänglich zu gestalten.

In langen Diskussionen bei Fuck Lucky Go Happy haben wir für uns herausgefunden, dass es auch eine Frage der Haltung ist, mit der ich mich an den Schätzen anderer Kulturen bediene. Geschieht es aus einer großen Wertschätzung heraus? Bin ich bereit, diese Kultur zu ehren? Würde ich mich komisch fühlen oder mich schämen, wenn nun plötzlich ein echter indischer Guru in meinem Unterricht auftaucht? Lehre ich aus eigener Erfahrung oder plappere ich schlichtweg Worthülsen nach, die ich irgendwo aufgeschnappt habe? Und vor allem: Mit welcher Intention übe ich Yoga? Weil ich ein ernsthaftes Interesse daran habe, hinter die Oberfläche unseres Seins zu blicken und Einheit zu erfahren oder weil ich möglichst hip, schlank und muskulös sein möchte? Diese Frage stellen wir ohne Wertung dahinter, aber mit einem Hinweis darauf, dass die Intention das Ergebnis mit beeinflusst.

Trotz allen historischen Gewichts ist Yoga für jeden Menschen auch eine persönliche Reise zur Selbstreflektion.

Wer “Power Yoga” oder “Flying Yoga” über einen Groupon-Gutschein findet und sich einfach aus Interesse, Spaß oder für das Sixpack in den Kurs begibt, kann es in dem Moment wohl kaum besser wissen. Wir alle kommen mit unseren eigenen Konditionierungen zur Praxis und nehmen anfangs genau das an, was uns gefällt.

Und wer sein Leben lang bei der Asana-Praxis bleiben möchte, wem es reicht, irgendwann die Beine hinter dem Kopf zu verknoten, der darf dort wahrscheinlich auch bleiben.

Sich nicht mit den spirituellen Grundlagen von Yoga zu beschäftigen, ist nicht unbedingt falsch. Es ist aber im Endeffekt nur Gymnastik

Als ich das erste Mal ein Yogastudio betrat, stand da eine Shiva-Statue. Am Anfang wurde irgendwas gechantet. Jahrelang habe ich das einfach hingenommen und mitgemacht, bis es mich irgendwann plötzlich gepackt hat und ich begann, indische Gottheiten zu googeln und die Bhagavadgita zu lesen. Auch in einer sonst schnellen Welt passieren manche Prozesse eben doch langsam.

Und ich bin dankbar, dass Yoga nicht bei Setu Bandhasana und Yogaleggings aufhört. Es geht beim Yoga nicht um einen definierten Körper und auch nicht um eine sexy Instagram-Bio, sondern die Reise nach Innen, das Ablegen von tief verankerten, dysfunktionalen Mustern und die Erfahrung des Göttlichen. Mit dieser Praxis und der darin verborgenen Weisheit in Kontakt gekommen zu sein macht mich vor allem eins: unendlich dankbar.

Yoga fordert Ambiguitätstoleranz und Demut von uns. Wir müssen lernen, Widersprüche auszuhalten und Kritik anzunehmen.

Wir haben großes Glück, dass die Yogapraxis uns erreicht hat. In jeder Asana schwingen sowohl jahrtausendealtes Wissen, als auch unsere erdrückende Kolonialgeschichte mit. Mit jeder Yogaklasse begegnen wir uns selbst ein bisschen mehr und stecken gleichzeitig Geld in die Taschen von (wahrscheinlich) anderen privilegierten Europäer*innen.

Und diesem Widerspruch können wir hoffentlich mit Bescheidenheit und einem offenen Herzen begegnen. Alleine ihn mitzudenken, macht schon einen großen Unterschied.

Was denkst du?

Titelbild © Lydia Hersberger, Grafiken © Helena Kleine

Weitere Ressourcen:

7 Kommentare / Schreibe einen Kommentar

  1. Ich habe sehr gute Erfahrungen mit Yoga gemacht :)
    Das Boot ist z.Bsp. eine sehr gute Übung für den Bauch – häufig führt eine Schwäche am Bauch zu Rückenproblemen. Aber Empfehlungen sind natürlich ohne weitere Infos schwer, wenn nicht unmöglich. Man kann aber mit Bewegung sehr viel erreichen.

  2. Ich denke nicht nur bei der katholischen Kirche an Missbrauch und sexualisierte Gewalt. Es gibt mittlerweile fast in jeder Tradition entsprechende Fälle.

  3. Liebe Helena,
    das ist ein wunderbarer und wichtiger Text, toll recherchiert und hoffentlich regt er in jedem Leser irgendetwas an. Das “In meiner Recherche habe ich viele Artikel von indischen Autor*innen gelesen, die sich in der kommerzialisierten und komfortabel portionierten Yoga-Welt nicht wohl fühlten” ist schon lange mein Eindruck und ich danke Dir, dass Du es in einem so informativen Artikel mal ausgesprochen hast. Ich bin selbst über das körperliche zum Yoga gekommen, meine Ausbildungen habe ich in den USA gemacht (noch schlimmer dort zum Teil der Fitness-Aspekt) und ich nehme mich nicht aus, wenn es ums Posten eindrücklicher Figuren auf Instagram geht (ich wäre dann aber auch nicht beleidigt, wenn jemand zu mir sagen würde: Das ist doch Gymnastik!”) Trotzdem beschäftigt mich das Thema: Wo kommt es eigentlich her? Was haben wir damit gemacht? Machen wir es “richtig” oder “Kaputt”? Am allermeisten aber eigentlich: Machen wir es respektvoll? Ich werde – jetzt noch mehr – darüber nachdenken! Danke :-*

    1. Hallo Tine,

      ich danke dir!

      Neulich wurde mir der Podcast “Yoga is Dead” (auf Englisch) empfohlen, in dem zwei US-Amerikanerinnen mit indischen Wurzeln viel über die absurden Abwandlungen von Yoga in den USA (und sicher auch in Europa) sprechen – aber auf eine ganz lustige und nette Art. Vielleicht würde der dir auch gefallen.

      Liebe Grüße
      Helena

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*
*