Wie kann ich Yoga unterrichten, ohne kulturell anzueignen, Sangeeta Lerner?

Die Sache mit dem Bewusstsein für strukturell-gesellschaftliche Missstände ist ja, dass sie, once noticed, einem nicht mehr aus dem Kopf gehen. Das kann an einem nagen, es mag erschüttern und traurig machen. Es kann aber auch so existenzielle Zweifel auslösen, dass man nicht mehr weiß, wo oben und unten ist. 

So ging es mir, als ich meine Bachelorarbeit über die Kulturelle Aneignung der Yogapraxis in Deutschland geschrieben habe. Ich wusste, dass mich die Beschäftigung mit dem Thema aus der Bahn werfen wird, aber dass mir nach Monaten so der Kopf raucht…

Mittlerweile habe ich mich etwas beruhigt, was das Thema angeht. Nicht, weil es irgendwie Entwarnung geben würde, nein; aber weil ich eingesehen habe, dass pure Verzweiflung auch keinem hilft. Was hilft stattdessen? Austausch. 

Deswegen habe ich Sangeeta Lerner getroffen, Yogalehrerin in Berlin. Sangeeta wohnt seit 9 Jahren in Deutschland und erzählt, wie sie sich als Inderin in weißen Yogaklassen fühlt, wie sie selbst mit Unsicherheiten umgeht und welche Strategien sie persönlich beim Unterrichten anwendet, um möglichst inklusive Räume für alle zu schaffen. Außerdem gibt sie seit neustem Workshops zum Thema Yoga und Kulturelle Aneignung.

Was ist deine Definition von Kultureller Aneignung? Es gibt ja einige. 

Meine Definition von Kultureller Aneignung ist, grob vereinfacht, wenn eine kulturelle Praktik unreflektiert imitiert und aus ihrem Kontext herausgelöst wird. Oder auch, wenn ein indischer Sari auf einem Technofestival getragen wird. Wenn ich dann auf so ein Festival gehe und das sehe, da fühle ich mich total fehl am Platz. So etwas ist für mich respektlos und missrepräsentativ. Und das ist für mich kulturelle Aneignung. 

Welche Formen Kultureller Aneignung beobachtest du in der Yoga-Szene? Was fällt dir persönlich auf?

Im Yoga-Kontext gibt es viel Kulturelle Aneignung. Viele Lehrer*innen stellen Bilder von indischen Gött*innen in ihren Klassen auf, sei es Kali oder Ganesha, aber sie haben dabei keine wirkliche Ahnung, was sie eigentlich bedeuten. Weißt du, in Indien haben wir unzählig viele Geschichten und Namen zu jedem*r Göttin, und die, die wir uns hier im Westen herauspicken, ist reiner Zufall. Klar, der Bezug zu Yoga besteht, aber ich frage mich in solchen Klassen trotzdem häufig, was soll das Götter-Bild dahinten? Ist das jetzt dein Gott? Oder ist es einfach ein nicer Hintergrund? 

Oder auch das Wort Namasté. Zu dessen Bedeutung wird jede*r Inder*in eine andere Meinung haben. Namasté ist für mich eine Begrüßung, die nur zu älteren Menschen gesagt wird, eine Respektsform. Mein Vater war immer gespielt genervt, wenn meine Freund*innen das zu ihm gesagt haben. Beim Yoga ist es also total out of context für mich, und erst Recht am Ende der Klasse. So als würde man sich mit Guten Tag verabschieden und sich dazu bedeutungsschwer verbeugen. Aber alle machen es, und deswegen fragt keiner, warum eigentlich?

Letztendlich wird das Wort Yoga selbst an allen Ecken und Enden zweckentfremdet: Face Yoga, Dog Yoga oder Beer Yoga haben rein gar nichts mit der Yogapraxis zu tun. Yoga wurde über die Jahre ein besonderes Image übergestülpt, ein Branding, mit dem sich gut verkaufen lässt. Aber was ist überhaupt Yoga? Wofür war es ursprünglich gedacht? Ich glaube, die Beantwortung dieser Frage ist in der Westlichen Yoga-Szene mehr und mehr in den Hintergrund gerückt.

Was ist Yoga dann?

Yoga ist für mich ein Lebensweg, nicht nur reine Praxis. Es ist eine Art zu leben: wie ich meinen Tag anfange, wie ich aufstehe, meine Interaktion mit der Außen- und Innenwelt. Wie gehe ich raus, wie trete ich mit anderen in den Dialog? Das ist alles Yoga. 

Deswegen ist Yoga für mich auch eine Beziehung, egal ob ich Lehrerin oder Schülerin bin; denn du gehst immer eine Beziehung mit der jeweils anderen Person ein und diese Beziehung entscheidet über deinen weiteren Lernverlauf. Ich spreche dabei von keinem Guru-Verhältnis, sondern eher davon, dass dir jede Beziehung etwas Bestimmtes beibringt. Gerade beim Yoga merkt man das ganz besonders, weil du letztendlich die lehrende Person magst, nicht die Asana. Die Asana ist die Hülle, aber dein*e Lehrer*in und du, ihr füllt diese Hülle letztendlich aus. 

Nochmal zu den Mantras: Was geht dir durch den Kopf, wenn du in einer Yogastunde bist und eine weiße Lehrerin Mantra chantet?

(lacht) Das ist abhängig davon, wie er oder sie es macht. Wenn man wirklich weiß, was sie bedeuten und sich mit ihnen beschäftigt hat, kann man sie meiner Meinung nach auch singen. Jedes Mantra hat einen bestimmten Takt und ein bestimmtes Tempo, und daran sollte man sich auch halten. Ansonsten ignoriert man essenzielle Parts, die einen bestimmten Effekt bewirken sollen, genauso wie die Worte selbst. Allem, dem Klang, den Worten, dem Takt und dem Tempo, wohnt eine speziell dem Mantra bestimmte Weisheit inne. Willst du ein Mantra rezitieren, solltest du alles über sie lernen.

Trotzdem muss ich sagen, dass ich nicht so gerne Mantrakreise besuche, wo nur Weiße Leute singen; das ist mir irgendwie doch unangenehm.

Wie kann man denn deiner Meinung nach stattdessen praktizieren und lehren? Hast du Tipps?

Für mich macht es einen großen Unterschied, wenn die lehrende Person am Anfang der Klasse ein, zwei Sätze zur Herkunft des Yoga sagt, zum Beispiel: Ich weiß, dass die Yogapraxis nicht aus meiner Kultur kommt. Sie entstammt einer langen Linie von Yoga-Lehrer*innen und einer langen Yoga-Tradition. Damit machst du klar, dass du dich immer noch damit beschäftigst und weiter lernst.

Es ist wichtig, im (Yoga-)Raum ein Bewusstsein dafür zu schaffen, für alle. Hast du eine Götterstatue neben dir stehen? Super, aber dann erzähl etwas über deine Verbindung mit dieser Göttin. Welche Informationen du über sie hast und welche noch nicht – mach klar, dass du weißt, dass du nicht alles wissen kannst. Ich bin mir sicher, wenn dann bspw. eine Person aus dem indischen Raum da ist, wird diese offene Kommunikation eine Ebene auf Augenhöhe kreieren, fernab von Belehrungen und vermeintlicher Allwissenheit. 

Nichtsdestotrotz, es gibt keine eindeutigen Dos und Don’ts, ich kann dir kein Patentrezept auf dem Silbertablett liefern. Jede*r wird mit steigendem Bewusstsein zu anderen Gedanken und Ergebnissen kommen, und jede*r muss für sich die Strategien finden, die passen. Hinterfrage, analysiere und verstehe deine Handlungen und Beweggründe.

Gibt es noch weitere Punkte, wie du das in deinem Unterricht umsetzt? Was möchtest du in deinem Unterricht an deine Schüler*innen vermitteln?

Als ich angefangen habe zu unterrichten, hatte ich viel Unsicherheit in mir. Ich habe z.B. nie Mantras gesungen, weil ich nicht wusste, wie ich den Spagat zwischen korrekter Vermittlung und dem, was ich dachte, was die Leute wollen, hinbekommen sollte. Da war ein ständiger Kampf in mir. Je mehr ich unterrichtet habe, desto mehr habe ich meine eigenen Konflikte gespürt. Aber am Ende habe ich gemerkt, dass ich sowieso nie wissen kann, wie die anderen reagieren. 

Das einzige, was ich machen kann, ist in zwei Dinge zu vertrauen: In meine Schüler*innen und in die Weisheit, die dem Yoga seit tausenden Jahren innewohnt. Dass heißt, ich beziehe mich auf die alten philosophischen Schriften, anstelle ein 90-minütiges Fitness-Workout anzuleiten. Ich bleibe authentisch in dem, was ich gelernt habe und gebe es weiter, fair und offen. Und das ist alles.

Noch ein anderes, konkretes Beispiel: Am Anfang habe ich fast nur Musik von weißen Sänger*innen verwendet, einfach, weil die Auswahl so riesig ist. Erst in den letzten Jahren ist mir das wirklich bewusst geworden und ich hab mir die Frage gestellt, warum eigentlich. Mittlerweile versuche ich indische Interpret*innen zu finden, und versuche so, sie in ihrer Bekanntheit zu pushen und zu unterstützen.

Hast du noch irgendwelche Tipps, vielleicht gerade für neue Lehrer*innen, bezüglich bestimmter Fettnäpfchen, in die man treten kann?

Ich würde allen Lehrer*innen raten, in die yogische Weisheit zu vertrauen, die bereits existiert. Auch wenn du zehn Jahre praktiziert hast, sind es trotzdem weniger als 100 und weniger als 1000. Man kann diese lange Geschichte des Yoga nicht in 50, 200 oder 500 Stunden packen. Es ist ein langer Prozess, der ein Leben lang andauert. Das sollte einen aber nicht unter Druck setzen, im Gegenteil: Ich denke, das wertzuschätzen, befreit und beflügelt, weil es schön ist, diesen Weg gehen zu dürfen.

Gerade als neue Lehrerin ist es sehr leicht Zweifel zu haben. Wie gewinne ich Schüler*innen, wie halte ich sie? Versuch nicht, die Schüler*innen zu beeindrucken und zu befriedigen, sondern vermittle das, was wirklich ist. Und versuche, deine Klasse offen für alle zu konzipieren.

Eine super Überleitung: Wie hängen denn Kulturelle Aneignung und Diversität zusammen und was bedeutet das für den Yoga-Raum?

Beide Themen hängen unmittelbar zusammen und sind nicht voneinander zu trennen. In vielen Studios findet Diskriminierung statt: Sei es durch die unhinterfragte, uninformierte oder unbewusste Übernahme kultureller Attribute, durch die Bedienung kultureller Stereotype oder durch den Ausschluss bestimmter Bevölkerungsgruppen. All das kann man nur ändern, wenn man sich ehrlich anschaut, was falsch läuft. 

Denn auch wenn vieles Verhalten erst einmal gut gemeint ist, kann es aus anderer Perspektive verletzen oder ausschließen. I am open, we are all open, ist nicht genug. Die Aussage Ich bin nicht rassistisch ist nicht genug, wenn nicht wirklich Verantwortung übernommen wird. Man muss die Leute fragen, warum vielleicht keiner ins Studio kommt, der nicht dem Westlichen Yoga-Ideal entspricht, und den Dialog eröffnen. Warum fühlt sich jemand nicht wohl?

Und man muss sich selbst fragen, wie viel man bereit ist zu investieren, um diesen Raum zu schaffen. Spreche ich nur über Offenheit, lebe sie aber nicht wirklich? Welche Privilegien und Möglichkeiten habe ich, Veränderungen zu schaffen? Das muss gemeinsam aktiv und kommunikativ angepackt werden. Und das wird natürlich erst mal unangenehm sein, aber Schritt für Schritt können wir uns so auf eine inklusive, gerechte (Yoga)-Welt hinbewegen. Das Beste: Yoga gibt uns genau die Werkzeuge, wie wir hinter die Unterschiede kommen und echte Verbindung schaffen können. 

Welche Quellen würdest du empfehlen, wenn man sich mehr informieren möchte? Oder vielleicht hast du ein bestimmtes Buch, was jede*r Praktizierende gelesen haben?

Also ich bin ein großer Fan von Michele Cassandra Johnson, ihr Buch Skill in Action* hat mich tief beeindruckt. Auf jeder Seite dachte ich, dass sie genau die Worte niedergeschrieben hat, die ich denke. Ich empfehle es jedem*r der*die tief in die Themen Diversität, Kulturelle Aneignung und White Culture eintauchen möchte. Genauso Susanna Barkataki, die z.B. Embrace Yoga’s Roots* geschrieben hat, und sich generell auf ihrem Blog, Social Media und in diversen Workshops mit dem Thema Kulturelle Aneignung beschäftigt.

Du unterrichtest selbst Workshops zu Yoga & kultureller Aneignung. Wie kam es dazu und was ist deine Intention dabei? 

Kulturelle Aneignung schadet, auf unterschiedlichste Weise. Sie kann verletzen. Zwar haben Menschen meist keine schlechten Absichten, wenn sie von einer Kultur fasziniert sind und diese, auf welche Weise auch immer, in ihr Leben integrieren wollen. Trotzdem ist es für Betroffene häufig sehr schmerzhaft und es geschieht meist unreflektiert.

Ich kenne beide Seiten, denn natürlich habe auch ich schon unbewusst kulturell angeeignet. Mittlerweile ist mein Bewusstsein dafür groß, und das möchte ich an meine Schüler*innen weitergeben, auf der Yogamatte und darüber hinaus. Ich habe angefangen, Workshops zu geben, um möglichst viele Menschen für einen respektvollen und wertschätzenden Umgang mit der Yogapraxis zu sensibilisieren; und was dann bei Yoga anfängt, geht natürlich noch weit darüber hinaus. 

Ich denke, gerade für weiße Yogalehrende kann die Beschäftigung mit dem Thema ein wichtiger Schritt in der eigenen, persönlichen Entwicklung sein. Nicht um diese zu beschuldigen und anzugreifen, sondern um weiße Privilegien offenzulegen, die ein authentisches, intimes Miteinander verhindern. Wir sind nicht alle gleich und es ist nicht alles peace, love and harmony; das verhindern tief eingegrabene strukturelle Ungleichheiten. Die Auseinandersetzung mit dem Thema ist so ungemein wichtig, weil es eine Ehrlichkeit ins Geschehen bringt, die uns näher zusammenführt und Raum schafft für wahre Nähe.

Liebe Sangeeta, danke für das tolle Gespräch!

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Titelbild © Vanessa Mertens

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2 Kommentare / Schreibe einen Kommentar

    1. Liebe Pauline,

      das freut mich sehr! Ich bin auch reicher aus dem Gespräch herausgegangen.

      Liebste Grüße
      Danai

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