Spiritual Bypassing: Selbstvermeidung statt Erleuchtung?

Mit einer intensiven spirituellen Praxis kann man seelische Schmerzen und unangenehme Wahrheiten bestens in Schach halten.

Eine spirituelle Praxis zu haben ist ein Segen. Ganz egal, ob du lieber meditierst, ein paar Mantren trällerst oder mit schweißtreibenden Asanas in den Tag startest – die Praxis, vor allem wenn sie regelmäßig stattfindet, hilft, den Hochs und Tiefs des Lebens mit mehr Gelassenheit zu begegnen.

Doch ganz unabhängig von der spirituellen Praxis deiner Wahl gibt es eine gemeine Falle: das Spiritual Bypassing.

Spiritual Bypassing ist ein Trick, unangenehme persönliche und emotionale “unerledigte Geschäfte” zu umgehen.

Obwohl es den Begriff schon seit den 80er Jahren gibt, hat sich noch keine deutsche Übersetzung durchgesetzt. Man könnte Spiritual Bypassing mit spiritueller Umgehung oder vielleicht sogar spiritueller Abkürzung übersetzen. Der Einfachheit halber bleibe ich im Artikel vorwiegend beim englischen Original. 

Es handelt sich beim Spiritual Bypassing um einen Abwehrmechanismus der Psyche. Durch die Tendenz, spirituelle Überzeugungen über die eigenen Emotionen, Erfahrungen und psychologischen Bedürfnissen zu stellen, werden schwierige Emotionen oder Erfahrungen umgangen. Diesen Satz kann man ruhig zweimal lesen.

Geprägt wurde der Begriff vom Psychologen John Welwood, der Spiritual Bypassing mit folgenden Worten beschreibt: 

Spiritual Bypassing ist ein Begriff,[…] der einen Prozess beschreibt, den ich in der buddhistischen Gemeinschaft um mich herum und auch in mir selbst beobachtete. Obwohl die meisten von uns aufrichtig versucht haben, an uns selbst zu arbeiten, bemerkte ich eine weit verbreitete Tendenz, spirituelle Ideen und Praktiken einzusetzen, um ungelösten emotionalen Problemen auszuweichen oder Probleme, psychische Wunden und unerledigte Entwicklungsaufgaben zu vermeiden.” [Übersetzung durch die Redaktion]

Das Resultat kann erst einmal ganz positiv sein, weil die blöde Wut, der schwere Schmerz, die tiefe Unsicherheit oder der Wunsch nach mehr Nähe überdeckt werden. Doch letztendlich, so sind Psycholog*innen sich einig, funktioniert die Strategie nicht langfristig und kann sogar schlimme Folgen haben. 

Spiritual Bypassing ist auch, wenn du deine Bedürfnisse selbst nicht mehr ernst nimmst.

Das ist alles ganz schön abstrakt, daher hier ein recht persönliches Beispiel von mir: 

Letzten Sommer war ich in einen Mann verliebt, der sehr gerne mit sehr vielen Frauen intim war. Meine Eifersucht, mein Bedürfnis nach mehr Sicherheit, Bestätigung und Zeit zu zweit waren mir unangenehm und peinlich. Außerdem wusste ich, dass ihre ehrliche Äußerung die Beziehung beenden würde. 

Anstatt mich mit meinen Wünschen und Ängsten zu beschäftigen und mich in der Konsequenz von einem Menschen abzuwenden, der mir so wichtig geworden war, habe ich gute Miene zum bösen Spiel gemacht und in der Zeit enorm viel meditiert, Bücher verschlungen und viel Yoga geübt. Mein Ziel war es, den Herzschmerz aufzulösen und endlich wahrhaft bedingungslos zu lieben. Wie Jesus sozusagen, oder der Buddha. Die wären bestimmt nicht eifersüchtig gewesen. Dass ich mich damit ganz schön selbst belog und mein Bedürfnis nach einer monogamen Beziehung mit diesem Mann völlig ignorierte, merkte ich erst nach vielen Monaten und dank guter Gesprächen mit Freund*innen. 

Viele Menschen tappen auf ihrer spirituellen Reise in solche oder ähnliche Fallen, und zwar aus gutem Grund. 

Wir beginnen unseren spirituellen Weg auf der Suche nach Antworten.

Wie und warum bist du zur Spiritualität gekommen? Viele Menschen beginnen ihren spirituellen Weg auf der Suche nach Lösungen, nach einem Sinn und nach Erklärungen. Oft halten sie Schmerzen, seelische oder körperliche, nicht mehr länger aus und erhoffen sich neue Möglichkeiten, mit diesen umzugehen.

Die gute Nachricht zuerst: Spiritualität funktioniert! Wer eine spirituelle Praxis oder viel allgemeiner einen Glauben hat, kommt im Schnitt besser durch schwere Zeiten und lebt sogar länger! Solltest du also zu den Menschen gehören, die in der Spiritualität Halt suchen, hast du erst einmal alles richtig gemacht. 

Unser Geist ist aber ein ganz schöner Gauner und sucht ständig nach Schlupflöchern.

Schnell merkt jeder spirituelle Mensch: die Beschäftigung mit dem Selbst, mit dem Inneren und das Durchbrechen ungesunder Muster, das Aufarbeiten von Traumata – das ist kein Zuckerschlecken. 

Und deswegen suchen wir uns, weil wir menschlich sind, Umgehungen, Abkürzungen und Schlupflöcher zur Glückseligkeit durch Spiritualität. Wir bauen uns praktisch mit Spiritualität Brücken über unseren Mist, obwohl wir eigentlich hindurchgehen müssen, um wirklich weiter zu kommen. 

Es ist durchaus möglich und nicht unüblich, dass Spiris Retreats besuchen, mit Lehrer*innen arbeiten, Bücher über Spiritualität lesen, diszipliniert einer Praxis nachgehen und Teil einer spirituellen Community werden, ohne sich ernsthaft mit der eigenen psychischen Weiterentwicklung auseinanderzusetzen. 

Und spirituelle Feelgood-Floskeln oder Versprechen von Zen und Seligkeit nach diesem Kurs oder jener Übung umgeben moderne Spiris ohnehin von allen Seiten: “Mit dieser Atemtechnik raus aus dem Stress!”, “Innere Ruhe durch Aromatherapie” und “Durch Tagebuchschreiben deine Bestimmung finden” – all das sind Beispiele für spirituelles Fastfood.

Auch wenn diese Ansätze gut gemeint sind und ihren Platz haben, lassen sie schnell den Eindruck entstehen, bei Spiritualität ginge es vornehmlich um das Erlangen eines Wohlgefühls – und zwar möglichst schnell, und möglichst immer.  

>>> Das könnte dich auch interessieren:

Die Gesichter des Spiritual Bypassing sind so vielseitig und persönlich wie die spirituellen Reisen selbst.

Jeder*r geht einen ganz eigenen spirituellen Weg. Und so hat jeder Weg seine individuellen Umgehungen und Abkürzungen. Vielleicht kennst du selbst Menschen, die nach ihrem Ayahuasca-Retreat sofort zum Embodiment-Kurs, dann zum Festival und danach zum Vipassana fahren. Jede Erfahrung bringt angeblich lebensverändernde Einsichten, die aber nie richtig integriert (das heißt, in der Psyche verankert) werden, weil gleich darauf der nächste “spirituelle Kick” folgt. 

Oder du hast Bekannte, die sich von ihrem Freundeskreis abkapseln oder nicht mehr zur Arbeit gehen können, weil sie nicht länger mit den dort vorherrschenden “negativen” energetischen Vibrationen umgehen können. Stattdessen wird der Tag in Isolation mit spirituellen Praktiken und Ritualen gefüllt, die zu einem positiven Headspace führen sollen. 

So erkennst du Spiritual Bypassing

So verschieden die Bypässe auch sein mögen, es gibt ein paar typische Probleme, zu denen sie früher oder später führen. Dazu gehören:

  • Übertriebene oder zwanghafte Gutmütigkeit
  • Unterdrückung unerwünschter oder schmerzhafter Emotionen
  • Ein Gefühl von spiritueller Überlegenheit 
  • Spirituelle Besessenheit oder Sucht nach Praktiken 
  • Blindes Vertrauen in charismatische Führer*innen
  • Verzicht auf persönliche Verantwortung 
  • Soziale Isolation
  • Abkapseln von allem, was als negativer Einfluss wahrgenommen wird, beispielsweise Nachrichten, oder auch von Konflikten im eigenen Umfeld

Werbung

Contentbanner links alone

Wir lassen uns alle irgendwann mal zu einer spirituellen Umgehung hinreißen.

Jetzt wäre es aber zu einfach zu sagen “Spiritual Bypassing ist Faulheit.” oder “Wer Spiritualität zur Vermeidung seiner Probleme nutzt, ist nicht wirklich spirituell.” 

Wir dürfen das Phänomen nicht verteufeln, denn die meisten von uns trifft es früher oder später selbst. Psychologische Abwehrmechanismen wie Spiritual Bypassing haben ihren Platz. Sie fahren dann hoch, wenn wir uns nicht anders zu helfen wissen. 

Vielleicht kennst du den Begriff Bypass aus der Medizin. Es handelt sich um eine Operation, die Patient*innen mit Herzinfarkt das Leben retten kann. Bei einem Infarkt sind gewisse Gefäße, die das Herz mit Blut (und somit mit Sauerstoff) versorgen, durch Gerinnsel verstopft. Bei einem Bypass werden zusätzliche Gefäße – sozusagen als Umleitungen – angelegt, die den Blutfluss wieder ermöglichen. Und so ähnlich funktioniert auch ein spiritueller Bypass– man kommt irgendwo nicht weiter oder will einen gewissen Weg partout nicht gehen. Der Weg ist verstopft und wir drohen, daran zu sterben (sinnbildlich gesprochen). Deswegen baut der Geist eine Umleitung. 

Die Verstopfung könnte ein Kindheitstrauma sein, das wir alleine nicht imstande sind, aufzuarbeiten. Oder, wie in meinem Beispiel von oben, die Angst davor, etwas Geliebtes zu verlieren, wenn wir ehrlich mit uns selber sind. In beiden Fällen ist die Begegnung mit unserer Angst so bedrohlich, dass wir eine Umleitung brauchen. Und diese kann die Form von Spiritualität annehmen – dann haben wir den Spiritual Bypass

Das ist zwar in der Regel besser, als Sorgen und Probleme wegzutrinken oder mit anderen Drogen zu betäuben, hilft aber letzten Endes genauso wenig langfristig. Genau wie andere Abwehrmechanismen auch, kann ein Bypass lebensrettend sein. Wenn irreparable Schäden da sind und es uns in dem Moment nicht möglich ist, das “Problem” anders zu beheben.

Aber geht es darum nicht bei der Spiritualität? Um die Transzendenz unserer Limitierungen?

Doch, und genau das macht die Sache so tückisch. Natürlich wachsen wir ständig über unsere Grenzen hinaus, lernen eine weitere Schicht unseres Innenlebens kennen und legen alte Muster nach und nach ab. 

Hier wist wichtig, dass dieser Prozess ganzheitlich geschieht. Das heißt, nicht nur auf geistiger Ebene, sondern auch auf den Ebenen von Seele, Körper, Emotionen und in zwischenmenschlichen Beziehungen.

Philosophien wie Buddhismus und Taoismus ist dieser ganzheitliche Ansatz längst klar. Doch wir in “westlichen” Gesellschaften hatten schon immer irgendwie den Hang dazu, den Menschen in verschiedene Aspekte aufzugliedern. In der Schulmedizin werden auch psychosomatische Krankheiten oft zumindest primär auf körperlicher Ebene angegangen, während eine Psychoanalyse selten von körperlichen Aspekten begleitet wird. 

Das erklärt vielleicht auch, warum wir dazu neigen, auch auf der spirituellen Reise den Fokus nur auf den Geist zu legen und unsere Emotionen dabei in den Hintergrund fallen zu lassen, anstatt beides gleichzeitig anzugehen.

Yoga Asana als Gegengift für Spiritual Bypassing?

Menschen, deren Praxis eine körperliche Praxis wie Asana beinhaltet sind laut des Papers “The Only Way Out Is Through” von Cashwell, C. S. et. al. schon ganz gut dabei. Denn Yoga Asana löst Blockaden und physische Manifestationen von Traumata und Emotionen auf körperlicher Ebene auf. Wer sich dann noch die Zeit für sitzende Konzentrationsübungen und Meditation nimmt, hat bereits viele Aspekte der ganzheitlichen spirituellen Reise abgedeckt. 

Leider haben wir dabei noch nicht über unsere Emotionen gesprochen und uns auch nicht mit unseren Bedürfnissen auseinandergesetzt. Diese Schritte könnten beim Journaling stattfinden oder in Gesprächen mit engen Freund*innen oder Therapeut*innen. Und das viel besser als ohne Yoga. Denn für eine Grundstabilität haben wir schon gesorgt! 

Spiritual Bypass oder echter Fortschritt? Anzeichen dafür, dass du dich verlaufen hast

An dieser Stelle zitiere ich die wunderbar brillante Elizabeth Gilbert. Sie stellt Leuten in ihrem Podcast oft die Frage:

And how is that working for you?übersetzt “Und wie läuft es damit für dich?” 

Meistens kommen ihre Schüler*innen dann ganz von selbst drauf, dass sie sich gerade eigentlich selbst belügen oder mit ihrem Latein am Ende sind. 

Weitere Anzeichen dafür, dass du in die Falle des Spiritual Bypassing getappt bist, sind: 

  • Isolation von deinem Umfeld 
  • Schweben in einem spirituellen Raum, der wenig mit der Realität zu tun hat, in der die meisten anderen Menschen unterwegs sind 
  • Schwierigkeiten, dir deiner emotionalen Bedürfnisse bewusst zu werden und sie dir zuzugestehen.
  • Hang zu übermäßiger Gütigkeit und Schwierigkeiten, deine Grenzen aufzuzeigen (Stichwort: Grenzen kennen und setzen)
  • Übermäßige Empathie oder exzessive Toleranz
  • Die Auffassung, dass alles eine Illusion ist – einschließlich des Leidens, aller strukturellen Ungleichheiten und Missstände
  • Überbetonung des Positiven und Vermeidung des Negativen in deinem Leben / in der Welt. 

Wie du aber sicherlich gemerkt hast, verläuft die Grenze nicht ganz klar. Nur du weißt am Ende, ob dein spiritueller Weg gerade sinnvoll für dich ist oder nicht. Frag dich einfach hin und wieder: “Funktioniert das hier gerade für mich, oder nicht?” und schaffe Raum für eine ehrliche Antwort. 

Und wie kommen wir von der Umgehung zurück auf unseren Weg?

Der wichtigste Schritt ist erstmal zu erkennen, dass wir in die Falle des Spiritual Bypassing getappt sind. Alles kein Problem, das passiert schließlich den Besten. Hier ein paar Ideen für den Umgang mit der Bypass-Situation: 

  • Sprich drüber! Ob mit anderen Menschen in deiner Community oder vielleicht sogar deinem*deiner Lehrer*in (wenn du mit jemandem arbeitest, der dich gut kennt).
  • Befasse dich mit Fragen wie “Welchen Vorteil hatte diese Umgehung für mich?” oder “Was will ich mir dadurch nicht ansehen müssen?”
  • Mach weiter. Bleib bei deiner spirituellen Praxis. Der Spiritual Bypass hat nichts damit zu tun, dass deine Form von Spiritualität oder deine Praxis nicht funktioniert. 
  • Möglicherweise ist es an der Zeit für professionelle Hilfe. Such dir bei Bedarf eine*n Therpeut*in zum Reden.

Mir persönlich hat es damals schon geholfen einfach zu verstehen, dass Spiritual Bypassing als Mechanismus existiert. Letztendlich konnte ich mir selbst nichts mehr vormachen. Ich kann mich sehr gut an den Moment erinnern, als mir mein verdrehtes Denken wie Schuppen von den Augen gefallen ist. Ich habe seit langer Zeit wieder das Gefühl von innerer Kraft gehabt, eine Art Bodenhaftung, die mir zuvor abhanden gekommen war. 

Ich brauchte damals Zeit, Gespräche mit Freund*innen, viel Selbstreflexion und meine tägliche spirituelle Praxis, um aus dem Bypassing herauszukommen. Aber ich glaube auch, dass die Wege aus einem Spiritual Bypass genauso verschieden sind, wie die Wege hinein.

Welche Erfahrungen hast du schon mit Spiritual Bypassing gemacht? Wie bist du damit umgegangen? Wir freuen uns riesig auf deinen Kommentar! 

Zwei Tipps zum Weiterlesen:

Titelbild © Grit Siwonia

Quellen:

Bei den mit * gekennzeichneten Links handelt es sich um Affiliate-Links. So erhalten wir eine kleine Provision, wenn du ein Produkt kaufst, und FLGH kann für dich kostenlos bleiben.

3 Kommentare / Schreibe einen Kommentar

  1. Vielen Dank, für diesen interessanten und aufschlussreichen Beitrag. Ich kenne das nur zu gut. Als ich angefangen habe, mich mit Spiritualität zu beschäftigen, habe ich mich selbst in eine Art Blase gesteckt, in der ich mir meine ganz eigene heile Welt erschaffen habe. Heute weiß ich, dass diese ganzen Praktiken wie Meditation,Yoga etc. wunderbare Werkzeuge sind, die einem auf dem Weg zu einem spirituellen Leben helfen können. Sie sind aber nicht das spirituelle Leben.

    Das beste Zitat, das ich dazu gelesen habe, stammt von Willigis Jäger: „Ein spiritueller Weg, der nicht in den Alltag führt, ist ein Irrweg“.

    Diesen Satz führe ich mir immer wieder vor Augen, wenn ich mich wieder dabei erwische, wie ich in meine ganz eigene „spirituelle Traumwelt“ abdrifte :)

    Liebe Grüße
    Monika

  2. Hallo Rebecca,
    ein toller Artikel! Manchmal ist es schön und auch hilfreich sich in die Watte der Yoga-Welt zu packen, aber zur Balance nach der wir so streben gehört eben auch das Auseinandersetzen und Leben mit dem Mist. Das hast du schön geschrieben.

    Hab deinen Post gleich zum Merken auf meine Pinterest Wand geschoben :-).

    Viele Grüße
    Jana

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*
*