Einen Therapieplatz finden: So gehst du es an

Wir alle tragen Erfahrungen mit uns herum, die uns geprägt haben. Mit manchen leben wir zuweilen in bewusster, friedlicher Koexistenz und andere packen wir fein säuberlich in Kisten und verstauen sie ganz weit hinten in unserem Inneren. Irgendwann stellt sich aber die Frage, ob wir uns dieser Boxen auch bewusst sind und ob wir die Kraft haben, sie zu öffnen. Für mich ist es jetzt an der Zeit, mir den Inhalt anzuschauen. 

>>> Hinweis: Wenn du akut und schnell Hilfe brauchst, scrolle runter bis zu “SOS: Es muss bei dir oder einer dir nahestehenden Person aber schnell gehen?” – dort findest du Infos zur Nothilfe. 

Ich struggle schon mein ganzes Leben lang mit meiner mentalen Gesundheit, mal mehr, mal weniger intensiv. 

Jetzt, vor meinem dreißigsten Geburtstag, ist mir bewusst geworden, dass ich mit gewissen Themen alleine einfach nicht weiterkomme. Dass ich Muster und Mechanismen erkenne, die sich durch mein Leben ziehen und die ich verstehen lernen muss, um Sachen nachhaltig zu ändern. Da helfen noch so viel Yoga, Harmonium klimpern und Self Care nichts. Ich bin bereit, eine Psychotherapie anzufangen.

Die Suche nach einem Psychotherapieplatz in Berlin gestaltete sich langwierig und beschwerlich. 

Immer wieder habe ich die Suche abgebrochen und die Boxen zurück in ihre Ecke verbannt. Gerade in kraftlosen Phasen schien es unmöglich, sich durch den undurchsichtigen, bürokratischen Dschungel zu kämpfen und zu verstehen, wie das mit der Therapiesuche funktioniert. Jetzt habe ich endlich einen Platz gefunden und möchte meine Erfahrungen teilen, um dir die Suche ein Stück weit zu erleichtern. 

So findest du einen geeigneten Therapieplatz:

Wichtig: Entscheide dich bewusst dafür, eine Therapie beginnen zu wollen

Unser Geist spielt uns gerne mal Streiche und hält uns davon ab, die Dinge zu tun, die wirklich gut für uns sind. Kurz vor meinem coronabedingt digitalen Erstgesprächs-Termin war ich der festen Überzeugung, meine E-Mail Adresse sei irgendwo verschollen und dass es wohl ‘leider’ nichts wird mit dem Gespräch. Und stand deshalb im Supermarkt auf Hefe-Jagd, als die E-Mail mit den Zugangsdaten kam. 

Vielleicht kommen dir diese Ausreden bekannt vor: Puh, die Suche ist so mühselig, oder ich hab gar keine Zeit dafür. Oder bist du so oft weg und denkst deshalb, du kannst keine Therapie beginnen? Eine weitere beliebte Kategorie ist die Mir geht’s doch gut, ich komme schon alleine zurecht, ich möchte niemandem den Platz wegnehmen – Kategorie. Bis dann das nächste Tief mit vollem Karacho einschlägt, wenn man es am wenigsten erwartet – been there, done that.

Ich will dich nicht entmutigen, aber ich muss dir sagen: Die Psychotherapiesuche ist mühselig und zeitaufwendig, besonders in Berlin. 

Du musst einen langen Atem haben. Aber deine psychische Gesundheit ist verdammt nochmal wichtig. Bei einem Blinddarmdurchbruch würdest du doch auch nicht zwei Jahre mit der OP warten, weil es “umständlich” wäre? Also, ran an die Bulletten. Es lohnt sich.

Why would I spend the rest of my days unhappy
Why would I spend the rest of this year alone
When I can go to therapy
Two times a day”
– Mary J. Blige

Schritt 1: Therapeut*in für die Psychotherapeutische Sprechstunde finden

Damit die gesetzliche Krankenkasse eine Behandlung übernimmt, ist es zunächst einmal wichtig, darauf zu achten, dass die behandelnde Person auch eine Approbation hat. Die Titel psychologische*r Psychotherapeut*in oder ärztliche*r Psychotherapeut*in sind geschützt, Behandlungen von Coaches und Heilpraktiker*innen für Psychotherapie werden in der Regel nicht übernommen.

Seit dem 1. April 2018 ist es Pflicht, erst einmal eine so genannte Psychotherapeutische Sprechstunde zu besuchen, um sich anschließend psychotherapeutisch weiter behandeln zu lassen. Das klingt erstmal nervig, war es auch, als ich mich mit der Person blendend verstand, aber erst danach begriffen habe, dass sie mich gar nicht weiter behandeln wird. Das muss nicht unbedingt der Fall sein – vielleicht hat die Person auch einen Platz frei! Stelle dich aber darauf ein, dass das nicht grundsätzlich der Fall ist. Das Gespräch ist vor allem dazu da, festzustellen, wie akut der Behandlungsbedarf ist und welche Therapieform die richtige für dich ist. 

Am Ende des Erstgesprächs bekommst du einen Bericht mit Einschätzungen und Empfehlungen für das weitere Vorgehen. Wie eine Art Rezept oder Überweisung, die dir dein*e Hausarzt*ärztin dir es ausstellen würde, wenn du mit Beschwerden kommst. Seit dem 1. Oktober 2018 können Psychotherapeut*innen auf dem Formular angeben, dass eine ambulante Psychotherapie “zeitnah erforderlich“ ist. Dann hast du Anspruch auf einen Termin innerhalb von vier Wochen durch die Terminservicestelle (siehe unten). Diese Akutbehandlung mit zwölf bis 24 Therapieeinheiten ist für Menschen in einer schweren seelischen Krise gedacht.

Um jemanden für das Erstgespräch zu finden, kannst du die Termineservicestelle der Kassenärztlichen Vereinigung in Anspruch nehmen. Sie hilft dir dabei, innerhalb von vier Wochen einen Sprechstundentermin in deiner Nähe zu bekommen. Sie hilft dir auch, wenn dir im Rahmen der psychotherapeutischen Sprechstunde eine Akutbehandlung ans Herz gelegt worden ist. Die Telefonnummer 116117 ist bundesweit 24/7 erreichbar.

Schritt 2: Die Psychologische Sprechstunde

An sich musst du dich nicht großartig auf das Erstgespräch vorbereiten. Als jedoch endlich mein Termin für die Psychologische Sprechstunde anstand, befand ich mich mal wieder in einer Phase, in der ich fast vergessen habe, wieso ich überhaupt eine Therapie machen wollte. Daher hat es mir geholfen, mich nochmal hinzusetzen und die wichtigsten Baustellen aufzuschreiben, um sie dann auch dementsprechend wiedergeben zu können. Oft geht hiermit schon ein innerer Prozess vor Beginn der Therapie los.

Gemeinsam mit dem*der Therapeut*in wirst du besprechen, welche Themen du gerne bearbeiten möchtest und dir wird eine Therapieform empfohlen. 

Von Krankenkassen anerkannt sind die Verhaltenstherapie, Tiefenpsychologisch Fundierte Therapie und Analytische Psychotherapie. 

Seit Kurzem ist auch die Systemische Therapie anerkannt, jedoch gestaltet sich die Abrechnung dabei noch als kompliziert.

Schritt 3: Die eigentliche Therapeut*innensuche

Du hast das Erstgespräch gemeistert, doch oftmals haben diese Therapeut*innen, wie auch in meinem Fall, keinen Platz frei, sondern leisten lediglich die Vorarbeit. Dann musst du dir jetzt eine*n passende*n Therapeut*in suchen. Das ist wohl der anstrengendste Punkt von allen, an dem ich schon mehrmals gescheitert bin, weil der Zeitaufwand zum Teil riesig hoch war. Zwar helfen die Krankenkassen bei der Vermittlung an eine*n passende*n Psychotherapeut*in, ich habe mich aber dumm und dämlich geschrieben und telefoniert, und keine*r hatte einen freien Platz im ganzen nächsten Jahr.

Der generelle Ablauf ist, dass du einfach per E-Mail die Therapeut*innen anschreibst und sie dir Feedback geben, ob sie freie Plätze haben oder mit welcher Wartezeit du rechnen kannst. 

Hier findest du bundesweit Psychotherapeut*innen:

Achte bei der Suche darauf, nach der passenden Therapieform zu suchen und ob die von dir gewählten Psychotherapeut*innen auch eine Kassenzulassung haben, wenn du gesetzlich versichert bist. 

Ansonsten ist es besonders ratsam, Empfehlungen aller Art aus deinem Umkreis zu sammeln:

Zunächst kann dir vielleicht dein*e Hausarzt oder Hausärztin bei der Suche helfen: Manche haben eine Weiterbildung in Psychiatrie und Psychotherapie oder sie haben Kontakte und können dich weitervermitteln. Du kannst auch mal bei deiner Krankenkasse anrufen: Meine hat mir eine Liste mit Therapeut*innen in der Nähe zukommen lassen. 

Falls du schon in Selbsthilfegruppen bist oder andere Beratungsstellen aufgesucht hast, frage dort einmal nach, ob sie jemanden empfehlen können. Oder hat jemand in deinem Freundes- und Bekanntenkreis schon eine*n super Therapeut*in? 

Ansonsten könnte für dich auch eine Psychotherapie in einem Ausbildungsinstitut interessant sein. Hier werden Psychotherapeut*innen ausgebildet. Da die Therapiestunden nochmal von erfahrenen Therapeut*innen supervidiert werden, hast du sogar zwei Augenpaare, die auf deinen Fall gucken. Ich habe mich für diese Variante entschieden und relativ zügig einen Platz bekommen.

Psychotherapie-Ausbildungsinstitute in Berlin: 

Du findest keinen Kassen-Therapieplatz? Das Kostenerstattungsverfahren bei zertifizierten privaten Therapeut*innen

Durch den großen Mangel an Therapeut*innen ist auch den Krankenkassen klar, dass es schwierig sein kann, einen Behandlungsplatz zu bekommen. Deshalb gibt es das Kostenerstattungsverfahren, das dir eine Psychotherapie in einer Privatpraxis ermöglicht, deren Kosten dann von den Krankenkassen übernommen werden. Dort geht die Terminvergabe um einiges schneller. Jedoch arbeiten nicht alle Therapeut*innen mit diesem Verfahren. Lies das vorher auf deren Website nach, um sicher zu gehen.

Dokumentiere deshalb unbedingt alle Absagen, die du kassierst! Wenn dich die Terminservicestelle nicht vermitteln kann, was relativ wahrscheinlich ist, dann musst du für das Verfahren zehn Psychotherapeut*innen mit Kassensitz anrufen und nach einem Platz fragen. Dokumentiere Absagen, fehlende Rückmeldungen und Wartezeiten von mehr als drei Monaten und schicke das an die Krankenkasse als Nachweis. Dann ist diese verpflichtet, die Behandlung in einer Privatpraxis zu übernehmen. Manche Kassen akzeptieren keine Kostenerstattung, checke das vorher bei deiner Kasse ab.

Schritt 4: Erstes Treffen und probatorische Sitzungen

Yay! Der Hustle hat sich gelohnt und du hast endlich einen Termin? Jetzt geht es in den zwei bis vier probatorischen Sitzungen erstmal darum, sich kennenzulernen. Die Beziehung zu deinem*r Therapeut*in ist super wichtig und wird dich gegebenenfalls über einen längeren Zeitraum begleiten. Checke deshalb ab: Seid ihr auf einer Wellenlänge? Kannst du dich deinem Gegenüber öffnen? 

Dann werden auch praktische Fragen geklärt: Wie wird die Therapie ablaufen, wie viele Stunden sind geplant und in welcher Häufigkeit trefft ihr euch? Die probatorischen Sitzungen zählen nicht zu deinen Therapiestunden.

Hier kommt die Krankenkasse ins Spiel. Sie regelt die Kostenübernahme der ersten Sitzungen. Darum kümmert sich aber der*die Therapeut*in. Wenn du merkst, dass es mit der Person aus irgendwelchen Gründen für dich nicht funktioniert, dann teile das der Person am besten direkt mit. Wenn du dich das nicht traust, kannst du einfach eine E-Mail schreiben. Du musst keine näheren Gründe angeben. Du kannst dann einen neuen Versuch mit einem*r neuen Therapeut*in starten.

Gerade durch Corona ist es nun üblicher geworden, online Therapiesitzungen durchzuführen. Dadurch ist es auch möglich, remote eine Therapie zu machen, auch wenn du viel unterwegs bist und keinen festen Wohnort hast.

Schritt 5: Antrag für die Übernahme der Therapie bei der Krankenkasse

Wenn du dich für eine*n Psychotherapeut*in entschieden hast, ist es jetzt an der Zeit, einen Antrag bei deiner Krankenkasse zu stellen. Keine Sorge, darum kümmert sich dein*e Therapeut*in!

Es ist auch noch ein Besuch bei dem*der Hausarzt*ärztin fällig, diese*r unterschreibt einen sogenannten Konsiliarbericht und leitet ihn entweder direkt zur Therapeut*in weiter oder du gibst ihn weiter. Das dient dazu, sicherzustellen, dass deine psychische Erkrankung keine Ursache in körperlichen Erkrankungen wie beispielsweise Schilddrüsen-Fehlfunktionen hat. Die Krankenkasse hat jetzt drei Wochen Zeit, über den Antrag zu entscheiden.

Sobald du das Go von der Krankenkasse hast, kann es losgehen. Oft wird der Antrag erst einmal pauschal abgelehnt. Lass dich davon nicht entmutigen! Du kannst dagegen Widerspruch einlegen. Wende dich hier gerne an deine*r Psychotherapeut*in, sie können dich meistens gut damit unterstützen und haben Erfahrung damit. 

Schritt 6: Bring it on! Die Therapie geht los

Jetzt geht es darum, dich wirklich auf den Prozess einzulassen und ihm Raum zu geben. Vielleicht wäre ein erster Schritt, dir nach der Therapiesitzung eine halbe Stunde Zeit in deinem Tagesplan einzuräumen, damit du nicht direkt im Anschluss zur Arbeit hastest, sondern Zeit hast, das Besprochene zu verarbeiten. Eine Therapie ist kein Spaziergang, aber hey: 

„Man wird nicht dadurch erleuchtet, daß man sich Lichtgestalten vorstellt, sondern durch Bewusstmachung der Dunkelheit.“ —  Carl Gustav Jung

Mit der Zeit gewöhnst du dich an die Intensität der Sitzungen und wirst merken, was du brauchst, um den Prozess wohlauf zu durchlaufen.

SOS: Es muss bei dir oder einer dir nahestehenden Person aber schnell gehen?

Wenn du akut Hilfe brauchst, wende dich an diese Adressen:

Du suchst eine andere Form der Hilfe?

Wenn du das Gefühl hast, dass eine Psychotherapie nicht das Richtige für dich ist und du dir trotzdem Hilfe wünschst, könnten dir folgende Anlaufstellen helfen.

Ich hoffe, dass dieser Artikel dir die Suche etwas erleichtern kann und wünsche dir alles Gute. Ran an die Boxen, we’re in this together!

Deine Sheila

Disclaimer: Stand August 2020. Keine Garantie auf Richtigkeit der Angaben.

Titelbild © Sheila Ilzhöfer

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5 Kommentare / Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Sheila,
    Danke für die tolle und super hilfreiche Zusammenfassung zu diesem Thema! Ich habe aktuell auch wieder eine Therapie begonnen, aber habe einige Jahre Anlauf gebraucht. So einen Überblick hätte ich damals schon gut gebrauchen können. Du hilfst damit sicher sehr vielen Menschen, den ersten Schritt zu gehen! Danke :)

  2. Liebe Sheila,
    Danke für die tolle und super hilfreiche Zusammenfassung zu diesem Thema! Ich habe aktuell auch wieder eine Therapie begonnen, aber habe einige Jahre Anlauf gebraucht. So einen Überblick hätte ich damals schon gut gebrauchen können. Du hilfst damit sicher sehr vielen Menschen, den ersten Schritt zu gehen! Danke :)

  3. Wow! Danke, dass du so ehrlich und offen mit dem Thema umgehst. Ich habe das Gefühl, dass in Deutschland Menschen die eine Therapie machen mit vielen Vorurteilen und Schubladendenken konfrontiert werden und es deshalb vielen so schwer fällt überhaupt zu verstehen und zuzulassen, dass sie Hilfe brauchen. Und das vollkommen ok und gut ist!

    1. Lieber Thomas,
      vielen Dank für deine liebe Rückmeldung! Ich denke auch, wir können alle etwas dazu beitragen, das Thema mentale Gesundheit zu normalisieren, indem wir offen darüber sprechen. Dann nehmen hoffentlich mehr Menschen die Möglichkeit einer Therapie wahr.
      Alles Liebe,
      Sheila

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