Die Macht des ʺNeinʺ

Als ich vor einigen Monaten anfing mich genauer mit dem Schutz meiner eigenen Grenzen und dem Ernstnehmen meiner Bedürfnisse zu beschäftigen, merkte ich schnell, wie schlecht ich darin war, nein zu sagen. Es war wie ein inneres Verlangen, in vielen Fällen Anfragen oder Bitten mit einem  “Ja” zu beantworten.

Was ich dabei überhörte, war die Stimme in meinem Kopf die lauthals “Neeeeiiin” schrie.

Zum Beispiel, wenn ich wieder dabei war, Termine zu vereinbaren für die ich eigentlich keine Zeit oder Energie hatte oder die ich sonst gerade nicht wahrnehmen konnte oder wollte.

Vor einigen Wochen habe ich hier meinen Artikel zum kleinen, aber unglaublich machtvollen Wörtchen ʺJaʺ veröffentlicht. 

Man könnte meinen, es sei ein Widerspruch, erst über die Macht des ʺJaʺ und dann über die Macht des ʺNeinʺ zu schreiben.

Doch so viel kann ich vorwegnehmen – ist es nicht.

Sag ʺneinʺ – dir selbst zuliebe.

Während es bei dem ʺJaʺ unter anderem um das ʺJaʺ zu sich, zu Chancen und Möglichkeiten und zu Dingen, die wir nicht verändern können, ging, hilft uns das ʺNeinʺ dabei, sich selbst und seine eigenen Grenzen ernst zu nehmen. Es geht dabei nicht darum, in den Widerstand mit allem zu gehen und sich vor Chancen oder gar sich selbst zu versperren. Sondern darum, die eigenen Bedürfnisse und Empfindungen als wertvoll genug zu erachten, sie nicht zu übergehen.

Die Angst vor der Ablehnung hält uns auf.

Aus meiner eigenen Erfahrung weiß ich, dass es gar nicht so leicht ist ʺneinʺ zu sagen und zu sich und den eigenen Bedürfnissen zu stehen, auch wenn man es im jeweiligen Augenblick gerne tun würde. 

Was uns zurückhält, ist unsere Angst vor Ablehnung und Liebesverlust. Eine Angst, die eigentlich gar nicht so sinnlos ist, wenn man bedenkt, dass speziell für kleine Kinder die Liebe und Fürsorge ihrer Eltern lebensnotwendig ist. Das heißt: Mit dieser Angst sind wir schon von Kindesbeinen an konfrontiert. Und auch als Erwachsene wollen wir anerkannt und geliebt werden. Diese tiefe Angst davor, allein und ohne Liebe zu sein, hält uns ebenso im Erwachsenenalter nicht selten zurück, zu uns zu stehen.

Eine Angst ist grundsätzlich erst einmal nichts Schlechtes. Sie markiert deutlich: ʺHier musst du aufpassen.ʺ Sie will uns schützen, sie will uns davor warnen, unvorsichtig zu sein. Doch Ängste sind oftmals nicht rational. Zum Beispiel im Falle der Wahrung unserer Grenzen, denn selbst wenn jemand nicht mit unserer Meinung, unseren Grenzen einverstanden ist, werden wir überleben und es wird ebenso noch Menschen geben, die uns lieben. 

Auch wenn das vielleicht sonnenklar zu sein scheint, bin ich überzeugt, dass es genau diese Ängste sind, die uns (unterbewusst) dazu bringen, uns und unsere Bedürfnisse aufzugeben, um auf keinen Fall bei anderen Menschen anzuecken.

Fragen können nicht nur mit ʺjaʺ beantwortet werden.

Ganz pragmatisch gesehen muss man sagen, dass der-* oder diejenige, der*die eine Frage stellt, die theoretisch mit ja oder nein beantwortet werden kann, damit rechnen muss, dass sie eben auch mal verneint wird. Ich glaube, das vergessen wir manchmal. Wir denken: ʺWenn mich jemand etwas fragt oder mich um etwas bittet, muss ich ja sagenʺ.

Nein! Musst du nicht. Du darfst nein sagen, wann immer du es möchtest.

Wenn wir nicht lernen, ʺneinʺ zu sagen, geben wir immer mehr von unserem eigenen Terrain ab.

Nicht nein sagen zu können, ist keine Stärke, im Gegenteil; es schwächt uns, weil wir uns selbst nach und nach aufgeben, indem wir ständig die Wünsche und Bedürfnisse anderer über unsere eigenen stellen. Doch unsere Bedürfnisse sind wichtig, sehr wichtig sogar, wir dürfen sie nicht einfach so übergehen. 

Denn wer sonst außer dir wird sich so für deine Wünsche einsetzen können, wie du selbst? Außerdem weißt du am allerbesten, was du brauchst, um glücklich zu sein. Es liegt also in deiner Verantwortung, diese Wünsche und Bedürfnisse auch ernst zu nehmen. 

Wenn wir ständig unsere Empfindungen übergehen, naht die große Explosion.

In den meisten Fällen verzichten wir darauf, nein zu sagen, da wir nicht anecken, nicht negativ auffallen wollen. Doch wenn wir wieder und wieder uns selbst und unsere Wünsche übergehen und uns ständig unser ʺNeinʺ verkneifen, dann kommt es irgendwann zur emotionalen Explosion. Du explodierst, weil du nicht mehr kannst, weil du viel zu oft deine innere Stimme ignoriert hast.

Und jetzt passiert genau das, was du nicht wolltest: Du fällst negativ auf, weil du der Ansicht der Außenstehenden nach über- oder schlicht und einfach zu emotional reagierst. Sie können nicht nachvollziehen, woher plötzlich all die Gefühle kommen. Wie auch? Sie können ja nicht wissen, dass dieses letzte ʺNeinʺ, das du dir verkniffen hast, das Fass der Selbstaufgabe zum Überlaufen gebracht hat. Das weißt einzig und allein du.

Doch statt diesen Teufelskreis aus Selbstaufgabe, emotionalem Ausbruch, Selbstaufgabe, emotionalem Ausbruch und so weiter fortzuführen, wäre es an dir, zu verinnerlichen, dass deine Bedürfnisse nicht nur zählen, sondern es auch deine Pflicht ist, sie zu erkennen und ernst zu nehmen.

Das ʺNeinʺ zu deinem Umfeld, zu Anfragen und möglichen Verabredungen ist das ʺJaʺ zu dir.

Indem du dich abgrenzt, indem du beispielsweise nein sagst zu Verabredungen oder Unternehmungen, an denen du gerade nicht teilnehmen möchtest, nimmst du deine eigenen Bedürfnisse und Empfindungen wahr und verhältst dich ihnen entsprechend; du sagst damit ganz deutlich ja zu dir selbst. Vielleicht zum ersten Mal in deinem Leben.

Ich bin mir sicher, dass die Menschen in deinem Umfeld, die dich schätzen und lieben, ein solches ʺNeinʺ von dir aushalten können, auch wenn sie sich vielleicht erst einmal daran gewöhnen müssen, dass auch du nein sagen und Dinge ablehnen kannst. 

Nein zu sagen ist nicht egoistisch.

Manche Menschen haben die Angst, dass das Schützen der eigenen Grenzen oder ein klares ʺNeinʺ vom Umfeld als egoistisch interpretiert werden könnte. 

Ich kann diesen Gedankengang sogar nachvollziehen, obwohl doch eigentlich das Gegenteil der Fall ist. Wenn wir uns zu Veranstaltungen oder Partys oder wohin auch immer schleppen, auf die wir eigentlich keine Lust haben, sind wir doch alles andere als die beste Gesellschaft. 

Wir sind dann einfach nicht voller Freude dabei und das macht uns definitiv zu einer schlechteren Begleitung, als wenn wir aus tiefstem Herzen ʺjaʺ gesagt hätten. 

Meiner Ansicht nach können wir wieder viel leichter beherzt ja sagen, wenn wir uns erlauben, an anderer Stelle beherzt nein zu sagen.  – Anna-Katharina Bagemiel

ʺNeinʺ zu sagen, wird leichter, wenn wir es üben.

Ich finde es gar nicht immer so leicht, mein inneres ʺNeinʺ auch nach außen zu tragen. Ein ʺNeinʺ zu äußern und damit zu sich zu stehen, bedeutet nicht selten, die eigene Komfortzone zu verlassen, da wir das Risiko eingehen, anzuecken. 

Was mir dabei geholfen hat, bei wichtigen Dingen ʺNeinʺ sagen zu können, war, bei den kleinen Dingen mit dem Neinsagen anzufangen, wenn genau das mein Bauchgefühl war.

Ein klassisches Beispiel dafür: Ich gehe einkaufen und jemand bietet mir eine Probe von einer Creme oder einem Deo oder was auch immer an. Früher habe ich solche Pröbchen aus Höflichkeit angenommen, obwohl ich wusste, dass ich sie nicht benutzen werde. Heute übe ich in diesem Kontext mein ʺNeinʺ und lehne freundlich dankend aber bestimmt ab. 

Such dir genau solche Situationen, um dein ʺNeinʺ zu üben und dein Selbstvertrauen zu stärken.

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Ebenso wichtig ist es allerdings, das ʺNeinʺ der Menschen in deinem Umfeld mit Verständnis und Liebe anzunehmen.

Ganz besonders, wenn du dir ebenso von ihnen Liebe und Verständnis wünschst, wenn du ʺneinʺ sagst. In einem solchen Umfeld aus Liebe und Verständnis wird es allen Beteiligten leichter fallen, zu sich und den eigenen Bedürfnissen zu stehen. 

Du bist frei, ʺjaʺ oder ʺneinʺ zu sagen.

Und vielleicht gibt es manchmal Momente, in denen du nicht weißt, ob du dich für ja oder nein entscheiden sollst. Das kann vorkommen, doch dein Bauchgefühl weiß meist sehr genau, ob es ein ʺJaʺ oder ein ʺNeinʺ ist. 

Manchmal schaffst du es vielleicht auch nicht, ja zu einer Herausforderung zu sagen, obwohl du eigentlich gerne würdest und das ist okay. Das Leben hält unzählige Momente für uns bereit, in denen wir unsere Komfortzone verlassen dürfen, wenn wir es denn wollen. Das heißt, du wirst wieder in den Genuss kommen, ja zu solchen Momenten sagen zu dürfen. Aber du hast genauso die Freiheit, nein zu sagen, wenn du dich danach fühlst.

Ich denke eine gute Faustregel ist:

Sag ʺjaʺ zu dir und dem Leben und sag ʺneinʺ, um deine ganz persönlichen Grenzen zu wahren.

Dein ʺNeinʺ befreit dich davon, nicht du selbst zu sein.

Wenn du anfängst mehr zu dir zu stehen und deinem Umfeld deutlich zu machen, wie deine Grenzen aussehen, wirst du nicht nur viel greifbarer für andere, sondern sie werden wahrscheinlich zum ersten Mal dein völlig authentisches Ich erkennen können. 

Dadurch wirst du dich wiederum vom Druck der Erwartungen an dich selbst, aber auch deines Umfeldes nach und nach befreien und erkennen können, dass deine Liebsten nicht aufhören, dich zu lieben, wenn du damit anfängst, beherzt nein zu sagen, wenn es das ist, was du gerade brauchst.

Wie stehst du zum Neinsagen? Bist du schon gut darin oder übst du auch noch, stärker zu dir zu stehen und deine eigenen Grenzen zu wahren? Wann fällt es dir leichter oder schwerer, ʺneinʺ zu sagen?

Ich freue mich auf deinen Kommentar!

Alles Liebe,

Deine Anna

Fotos © Anna-Katharina Bagemiel

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8 Kommentare / Schreibe einen Kommentar

  1. Du bist frei „JA“ oder „NEIN“ zu sagen.

    Diese Aussage feier ich so sehr.

    Habe ich doch jahrelang zu vielem ausschliesslich JA gesagt.

    Doch das ist lange her.

    Heutzutage liebe ich mein „NEIN!“

    Ich vermisse es sogar ab und zu.

    Denn es tut mir gut.

    Wie du auch geschrieben hast: „Jedes Nein ist ein Ja zu mir“ (oder so ähnlich)

    Und so sehe ich das auch.

    Das Nein ist ein guter und treuer Wegbegleiter geworden.

    Gerne sage ich zu anderen Leuten auch: „Danke. Und Nein!“

    „Michel, hast du Lust, dies, das oder jenes zu machen?“

    „Danke für deine Frage. Und: NEIN!“

    Hahaha

    Dein Artikel spricht mir so sehr aus dem Herzen.

    Und ich bin felsenfest davon überzeugt, dass es da draussen soooo viele Menschen gibt, für die dieser Artikel eine wahre Offenbarung gibt.

    Über das machtvolle NEIN könnte man ganze Bücher füllen.

    Obwohl… wahrscheinlich gibt es da schon einiges an Büchern zu.

    Das 30-Tage-Nein-Training wäre doch mal eine Idee. Hahaha

    Lieben Gruß und DANKE!

    Michel

    1. Lieber Michel
      Ich danke dir sehr für deine lieben Worte!
      Es freut mich sehr zu lesen, dass du heute zu deinem „Nein“ stehst. Auch ich habe einige Zeit gebraucht, um zu verstehen, dass ich auch „nein“ sagen darf.
      Die 30 Tage „Nein-Challenge“ finde ich eine sehr gute Idee! :) Und deinen Punkt mit dem „Danke und Nein“ finde ich super: eine sehr respektvolle und doch bestimmte Art des Neinsagens.

      Alles Liebe,
      Anna

    1. Hallo Petra, das mit der Waldorfschule ist echt eine gute Sache und vor allem die Idee von dir dazu. Mach weiter so :-).

      Toller Artikel Anna-Katharina!

      NEIN zu sagen fällt uns ja nicht immer schwer. Auch ich habe da noch gewisse Hindernisse und Blockaden in mir. Werde das Thema jetzt mal intensiver angehen. Wie kam dir die Idee dazu?

      LG
      Steffen

      1. Ich danke dir, lieber Steffen!
        Ich wünsche dir viel Erfolg dabei, diese Hindernisse und Blockaden aufzuarbeiten!
        Meinst du die Idee dazu, mehr nein zu sagen oder darüber zu schreiben? Ich kann es dir gar nicht so genau sagen, vermutlich dadurch, dass ich bemerkte, dass ich viel zu oft mein „Nein“ unterdrückte und damit meine Bedürfnisse übergangen habe. Da ich damit wahrscheinlich nicht allein bin, wollte ich darüber schreiben, um meine Erfahrungen zu teilen.

        Alles Liebe,
        Anna

  2. Tolle Worte! Dankeschön :-) Mir kam noch der Gedanke, dass es auch darauf ankommt, wie man Nein sagt (wertschätzendes und respektvolles Nein; Und muss vielleicht auch nicht immer erklärt und begründet werden) …

    1. Merci für deine lieben Worte, liebe Julia! :)
      Ich stimme dir auf jeden Fall zu!
      Ich finde es auch wichtig, dass das Nein respektvoll, aber eben auch genauso klar ist.
      Und definitiv, ein Nein muss nicht immer begründet werden, es darf auch einfach mal für sich stehen.

      Alles Liebe,
      Anna

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