Wie deine Angst-Asana deine Komfortzone erweitern kann

„Öffnet eure Füße mattenweit und geht langsam in die Hocke.“ Warnsirenen im Kopf. Achtung, Krähe. Mein Yogini-Gehirn legt los: „Du kannst die Krähe nicht. Du wirst sie nie können. Aber du willst dir eben nicht die Nase brechen! Die anderen Yogis halten dich jetzt für eine totale Anfängerin!“ Ich lasse mich von der Angst vor bestimmten Yogaposen blockieren. Kein schönes Gefühl. Aber die Auseinandersetzung damit lehrt mich vieles. Für die Praxis und auch für den Alltag. Welche Denkmuster uns behindern und wie wir sie nach und nach auflösen können.

Blockade #1: Ich werde das sowieso nie können.

In einer meiner ersten Yogastunden wies uns die Lehrerin an (als ob es nichts Einfacheres gäbe), wir sollen im Sitzen die Hände am Boden abstützen, die Knie verschränken, zur Brust ziehen und dann den Körper vom Boden abheben. Haha, sehr witzig!

Ein paar Monate später ist mir die Pose gelungen. Und es war gar nicht so schwer. Der selbstverständliche Tonfall der Lehrerin, der mich anfangs so irritiert hat, fängt an, mich durch die Praxis zu tragen. Ich lasse mich treiben. Und plötzlich finde ich mich im Kopfstand wieder. Oder im Tiptoe-Fish. Oder im gebundenen Halbmond.

Dein neues Denkmuster: Vertraue deinem Körper, anstatt mit deinem Hirn gegen scheinbar unüberwindbare Hindernisse anzurennen. Dein Körper kann mehr, als du denkst! Tausche „Ich-lerne-das-nie“ gegen „Ich-kann-das-bald-wenn-ich-es-übe“.

Blockade #2: Ich will mir nicht die Nase / das Bein brechen / auf den Kopf fallen…!

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Safety first!

Keine Frage: Auch Yoga birgt Verletzungsgefahr. Du brauchst deshalb einen Lehrer, dem du vertraust. Du weißt, dass er dich nicht ohne Aufwärmen in viel zu tiefe Rückbeugen pressen wird? Du glaubst ihm, wenn er dir sagt, wie du deine Knie schützen kannst? Gut.

Der Trick: Vertrau ihm deinen Körper auch in genau der Asana an, die dir den Angstschweiß auf die Stirn treibt. Bitte ihn direkt in der Stunde um Hilfe, frag nach vorbereitenden Haltungen, lass dir Hilfestellungen zeigen oder leg Decken aus, um weich zu fallen. War doch als Kind auch nicht so schwer.

 

Blockade #3: Was denken die anderen von mir, wenn ich das nicht kann?

Der Klassiker. Es fällt mir tatsächlich schwer, mich davon frei zu machen. Dabei nehme ich selbst die Praxis der anderen Yogis doch auch wertfrei wahr. Ich sehe: jemand ist Anfänger – aber ich finde ihn deshalb nicht weniger sympathisch. Wieso denke ich dann, dass meine Mityogis mich bewerten?

Umdenken ist angesagt: In den meisten Fällen werden sich die anderen keine Gedanken darüber machen, wie deine Asanas aussehen. Und wenn doch, dann wissen sie aus ihrer eigenen Erfahrung, dass du sie übst. Darum geht es hier. Ums Üben. Das übrigens nie enden wird. Es ist toll, Erfolgserlebnisse zu haben und schwierige Körperhaltungen einnehmen zu können. Aber das Beste am Yoga liegt eben doch unter der Oberfläche und ist nicht von außen sichtbar.

Blockade #4: Und wieso kann ich die Angst nicht loslassen, obwohl ich doch genau weiß, dass alles nur Kopfsache ist?

„Duuuuu, Angst, ich weiß, dass du nur existierst, weil mir die Gesellschaft, meine Erziehung oder meine vergangenen Erfahrungen das einreden. Also verpiss dich!“ Für einen solchen Frontalangriff ist deine Angst leider zu raffiniert. Besser du trickst sie aus.

Mach dir die Angst zur Freundin: Übe vorsichtig und lass dich nicht beirren. Akzeptiere sie. Du wirst sie nicht von jetzt auf gleich loswerden. Du wirst immer wieder hindurchgehen. Mal wird es dir leichter fallen, mal schwerer. Bis sie nur noch ganz klein ist. Das ist wie mit dem Radfahren lernen. Renn neben der Angst her wie dein Vater, der behauptet hat, dass er das Fahrrad festhält. Hat er gar nicht. Du bist trotzdem nicht umgefallen.

Angst-Asana? Üben statt vermeiden!

Während ich diesen Text schreibe, wird mir sehr klar, warum ich meine Angst-Asanas weiter übe. Ich verlasse meine Komfort-Zone und erweitere sie damit. Ich gewinne an Selbstvertrauen, Vertrauen zu Anderen, Kraft. Ich lerne meine unmittelbaren Bedürfnisse anders kennen und zu artikulieren. Im Yogastudio, im Job, in meinen Beziehungen zu anderen Menschen, auf Reisen, nachts allein auf dem Heimweg. Was ich nicht alles verpassen würde, wenn ich meiner Angst immer das Ruder überließe!

Was ist deine Angst-Asana? Erzähl mit gerne davon und teile deine Erfahrungen in den Kommentaren.

Liebe Grüße,

Uli

Anmerkung der Redaktion: Unbedingt auch mal bei Ulis Blog www.daysofyoga.com vorbeischauen!

9 Kommentare / Schreibe einen Kommentar

  1. Hallo liebe Ulrike,

    danke für diesen witzig geschriebenen und sehr inspirierenden Artikel!

    Bei mir sind die Angst-Asanas eher so Komfort-Zone-verlassen-müssen-Asanas, wenn also etwas nicht auf Anhieb gelingt/erst mal unmöglich scheint, wo mir doch im Yoga sonst alles so leicht fällt…. Vor Jahren war das der Kopfstand, den ich dann zu Hause wieder und wieder geübt habe, solange bis ich irgendwann oben war und der inzwischen zu meinen Lieblings-Asanas gehört.

    Aktuell ist es der Unterarm-Stand, bei dem ich herumzapple wie nichts Gutes und bei dem es mir noch utopisch scheint, darin jemals Ruhe und Leichtigkeit zu empfinden bzw. Ihn überhaupt mal mehr als eine Sekunde halten zu können.

    Wobei ich mir beim Üben ab jetzt immer Deinen Satz in Erinnerung rufen werde: „Ich kann das bald wenn ich es übe.“

    Liebe Grüße
    Kirsten

  2. Super witzig geschrieben. Habe mich mehrmals kaputt gelacht, vor allem weil ich mich wiederfinde in „ich will mir nichts brechen“. Ich hab immer sehr große Angst vor der Krähe gehabt. „Ich brech mir noch die Hände!!!!!!!!!“. Gewappnet mit einem monströsen Kissen an der Stelle, wo mein Kopf hinknallen könnte, hab ich es immer probiert. Hat nie geklappt. Irgendwann hab ich mir gemerkt, dass meine Hände für mich zu nah an meinem Körper waren, hab das Kissen weg genommen, sie neu positioniert und schwupps – ich hing in der Luft.
    Das war so ein Adrenalinkick, dass ich danach nie wieder Angst hatte, mir meine Hände zu brechen :)
    Liebe Grüße und bitte mehr von deinem Humor!!!

    1. Hey Kate, ach, danke für dein Lob, ich freue mich riesig! Ja, das „Aha“-Erlebnis kommt bestimmt irgendwann auch für mich. Das ist ja bei jedem auch irgendwie ein anderes… Liebe Grüße!

  3. Hey Monika,
    ja, ist für mich auch so. Ich habe einmal beschlossen, eher „Purzelbaum“ zu denken und mich bewusst fallen lassen (mit Kissen/Decke am Boden). Seitdem weiß ich, dass so viel nicht passieren kann, wenn man sich abrollt :)

  4. Danke für deinen Artikel!
    Für mich war der Kopfstand jahrelang eine Angst-Asana. Ich habe gespürt dass der Körper kann und Will, aber der Kopf hat einfach nicht mitgespielt. Nach einem Jahr war es dann so weit und ich habe mich erstmals getraut die Füße nach oben auszustrecken. Trotzdem ist er für mich in jeder Praxis noch immer eine Herausforderung weil ich mich nie so ganz sicher fühle.

    1. Hey Monika,
      ja, ist für mich auch so. Ich habe einmal beschlossen, eher “Purzelbaum” zu denken und mich bewusst fallen lassen (mit Kissen/Decke am Boden). Seitdem weiß ich, dass so viel nicht passieren kann, wenn man sich abrollt :)

  5. Meine Angst-Asana: Ganz klar der Handstand! Lustigerweise nichtmal wegen der Haltung selbst, sondern mehr deswegen, weil wir ihn in der Regel zu zweit üben – Was, wenn niemand mit mir üben will, der andere mich falsch hält, ich gar nicht erst hochkomme, lacht der andere mich dann aus?… Grundschultrauma lässt grüßen ;)

    1. Hi Sarah,

      ja, kenne ich auch! Ich habe mich nach solchen Partnerübungen auch schon oft dabei erwischt zu denken „hoffentlich hat der andere nicht gedacht dass ich ihn nicht gut gehalten habe…“ – Inzwischen habe ich da kaum noch Berührungsängste, aber das kam wirklich einfach durch die Häufigkeit, in der ich es geübt habe. Auch gut: jemand, den du gut kennst als Versuchskaninchen für solche Assists nutzen, irgendwann hast du dann genug Vertrauen, es auch easy mit „Fremden“ zu machen.

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