Der Selbstheilungswahn ist ausgebrochen!

Als ich vor ein paar Jahren das Versuchskaninchen eines befreundeten und frisch gebackenen Coaches wurde, begann für mich die spannende Reise in die Persönlichkeitsentwicklung. Ich war begeistert von seinem Werkzeugkasten, gefüllt mit Tools, die uns dabei helfen können unser Leben in eine liebevolle, fokussierte und geordnete Bahnen zu bringen. 

Sechs Jahre später habe ich viele selbst sabotierende Muster gegen einen ganzen Schrank dieser cleveren Selbsthilfe-Strategien eingetauscht. 

Persönlichkeitsentwicklung ist toll, macht Spaß und gibt mir das Gefühl, mein Leben selbst in die Hand zu nehmen.

Denn viele dieser Tools schenken mir das Gefühl, Einfluss auf mein Leben zu nehmen, sodass ich meine Zukunft konstruktiv selbst bestimmen kann. Ich bin zum Beispiel ziemlich stolz darauf,  emotionales Essen und meinen Perfektionsdrang immer mehr in den Griff zu bekommen.

Gerade in turbulenten Zeiten wie diesen sind Selbsterfahrungskurse eine wunderbare Möglichkeit, um Geist und Seele zu nähren und uns ein Gefühl der Selbstbestimmung zu geben. 

Doch ich beobachte bei mir und vielen anderen einen gefährlichen Trend in Sachen Persönlichkeitsentwicklung.

Ein kleiner Workshop für mehr Weiblichkeit und sexuelle Energie hier. In der Mittagspause buchen wir uns schnell eine Runde Aura-Heilung und vor dem Schlafengehen gibt es noch es einen vierwöchigen Onlinekurs für mehr Füllebewusstsein. Schwupp die wupp sind unsere Wochenenden und Abende vollgepackt mit Seminaren, um endlich das Leben zu leben, was wir uns so sehr wünschen. 

Verständlich, bei den ansteigenden Zahlen von seelischen Erkrankungen wie Burnout und Depressionen sehnen sich viele Menschen nach Heilung. 

Mache dir bewusst, ob du deinen Heilungswunsch und das Bedürfnis nach Gemeinschaft kompensierst. 

Denn vor lauter Fülle und Abundance Kursen übersehen wir leicht, dass wir unbewusst einem Selbstverwirklichungsdruck unterlegen sind. Jetzt setzen wir endlich mehr auf innere Werte, aber unser Perfektionsstreben überträgt sich darauf: Was früher das optimale Aussehen war ist heute der “perfekte” Charakter, die reine Seele, die innere und äußere Fülle. Und ich nehme mich da nicht aus!

Daher beschließe ich, für ein paar Wochen einen Selbstheilungs-Stop einzulegen. 

Ich will versuchen, mir eine Zeit lang liebevoll zuzuhören, anstatt jedes Problem gleich durch den passenden Kurs oder das ideale Buch zu kompensieren.

Schnell wird mir klar, dass das microdosing einer Heilpflanze zur Unterstützung der Heilung meiner Essstörung und der sex magic Onlinekurs einer Freundin auf Sparflamme gehalten werden müssen. Ich möchte das Experiment Vertrauen wagen – vielleicht verabschieden sich manche Themen ja von ganz alleine? 

Mir war gar nicht bewusst, wie sehr meine (Über-)Ambition zur Selbstheilung bereits in meiner täglichen Routine integriert ist. In mir breiten sich schnell Angstgedanken aus: Was ist, wenn ich mich daran gewöhne? Faul werde oder gar in meiner spirituellen Entwicklung zurückfalle?

Fakt ist, dass wir die Leiter zur Erleuchtung nicht mit jedem Workshop eine Stufe weiter hochklettern können. 

Auch wenn das richtig schön und vor allem einfach wäre, benötigen sowohl unsere Psyche als auch unser Körper nach jeder Erfahrung immer eine gewisse Zeit zur Integration. Kein Buch, kein Kurs bietet eine Garantie dafür, dass unsere Schattenseiten endlich verschwinden. 

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Auch wenn das echt nervt, hat dein jetziges Verhalten so lange eine Berechtigung, bis sich dieses nach und nach von einer gesunden Strategie ablösen lässt. Unser System muss bereit zum Loslassen sein und das kannst du nicht erzwingen, weder durch Bücher, Kurse oder durch schamanische Pflanzenmedizin.

Fakt ist auch, dass wir ganz klar unterscheiden müssen zwischen Selbstheilungswahn und Bewusstwerdung.

Oft ist es die regelmäßige Aufmerksamkeit, das Lauschen unseres Inneren, was uns neue Einsichten in Hinsicht auf unsere Probleme bringt.  

Zur Bewusstwerdung lohnt es sich total: 

Um dein Bewusstsein zu erhöhen und dich mit deiner Seele zu connecten musst du vielleicht nicht unbedingt gleich einen Kurs belegen. Manchmal kommen mir meine besten Erkenntnisse während des Kochens oder beim Bahn fahren.

Doch ich merke, dass mir Selbstannahme weitaus schwerer fällt, als mich für mein emotionales Essen abzuwerten und dann voll gefuttert einen Podcast über Essstörungen zu hören. 

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Die Energie ist dort, wo dein Bewusstsein ist. Liegt dein Fokus also auf Selbstheilung, suggerierst du dir ganz klar, dass da etwas noch nicht in Ordnung ist. Dass so wie du bist, falsch bist. Doch ganz egal, wie viele Workshops du schon besucht hast und ob du es immer noch nicht schaffst deinen Kaffee durch grüne Smoothies zu ersetzen: 

So wie du jetzt bist, bist du vollkommen in Ordnung! 

Mit all deinen Problemen und deinen ungeliebten Seiten. Du kannst deine Schattenkinder nicht permanent in den den Mathe-Nachhilfekurs des Lebens stecken, damit sie besser werden. Heilung braucht Akzeptanz und die braucht Zeit.

Durch meinen kleinen Selbstheilung-Stopp gelingt es mir inzwischen immer öfter, mich mit meinem Schatten hinzusetzen und ihm einfach zuzuhören. Auch, wenn ich diese Methode in einem Inneren-Kind-Workshop gelernt habe, bin ich dankbar, dass ich nicht gleich zum nächsten gerannt bin, sondern lerne, mir selbst zu vertrauen. Das stärkt mein Selbstbewusstsein enorm. 

Denn durch die liebevolle Selbstverantwortung zeige ich mir, dass ich gut für mich sorgen kann.   

Das heißt nicht, dass du von nun an alles alleine durchstehen musst. Ganz im Gegenteil. Mein Tipp: Beginne mit einem Thema, mit dem du arbeiten möchtest. Etwas, was dir wirklich gerade am Herzen liegt. Tägliche Routinen helfen dir dabei, den Fokus zu halten und Kontinuität zu integrieren. In meinem Fall ist es die Essstörung, die mir immer wieder eiskalt den Weg zur Bewusstseinserweiterung zeigt. 

Ob es bei dir die unerfüllte Sehnsucht nach einer Partnerschaft oder ein anderer von dir ungeliebter Anteil ist, dieser Schatten möchte gesehen werden und zwar von dir! 

Ich wünsche dir alles Gute,

deine Inga 

Titelbild © Ashley Batz via Unsplash

6 Kommentare / Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Inga!
    Ich stimme dir zu! Selbst wenn wir wissen und spüren, was wir brauchen: bis wir annehmen und einordnen können, brauchen wir Zeit. Unser eigenes Maß. Für mich waren das Jahre – und nicht dass es vorbei wäre. Auch das gehört zu unserer eigenen inneren Weisheit! Und vor allem: wir müssen gar nichts…

    Inspiration und Begleitung ist fantastisch (sage ich nicht nur als Coach ;-)), aber der Weg selbst bleibt unser eigener. Und den können wir nur gehen, wenn wir uns selbst begegnen. Auf unsere Art.

    Danke für deinen Artikel!
    Herzlich, Anna

  2. Liebe Inga,

    ja, das Ego stürzt sich gerne in den grassierenden Selbstoptimierungswahn, denn das bestätigt das Bild, das wir immer noch tief in uns tragen: ich muss etwas besonderes tun, um jemand besonders zu sein. Einfach ich sein reicht nicht heute nicht mehr.

    Je mehr Kurse etc., desto mehr bestätige ich mir immer einen Mangel oder Defekt. Ich selber bin dem genauso aufgesessen, wie du. Ebenso dem emotionalen essen. :)

    Manche Wege jedoch führen direkt in die Freiheit und Wahrheit, ins SEIN. Wir sind bereits am Ziel. Immer gewesen. Das ist so einfach, dass der Verstand es nicht glauben kann. Zu einfach. Und Himmel, wer bin ich eigentlich ohne meine Sucht/Suche? Was mache ich mit all der freien Zeit und Energie? :)

    Ich bin selbst in diesem Prozess des tiefen Loslassen und es ist das wunderbarste, was ich bisher erlebt habe. Als Coachin sehe ich immer mehr spirituell ausgebrannte Menschen, die (von mir geheilt) werden wollen. Ich spiele den Ball zurück und erinnere sie an die Wahrheit. Wer bereit ist, wird das Spiel annehmen. Wer nicht bereit ist, dreht eben noch eine Runde. Irgendwann ist das Maß voll und das Erwachen beginnt.

  3. Große Klasse, Inga!!! Genau DA fühle ich mich gerade. Vor allem durch die jetzige Situation – Zeit nutzen und NOCH MEHR, um noch mehr zu wachsen. Muss schon meine ganzen Podcasts über die Woche verteilen. Ein Online Workshop nach dem anderen – der absolute Wahnsinn :(((.
    Ich mache es JETZT wie DU, alles STOP >> Pausetaste
    V E R T R A U E N in MICH S E L B S T
    Wir wissen es doch eigentlich – oh mann (Frau :))))
    DANKESCHÖN
    Herzliche Pause-Grüße
    Bo
    PS: Ich hoffe ich schaff’s …

    1. Lieber Bo! Danke für dein tolles Feedback. Ich glaube alles über board zu werfen, ist doch auch etwas radikal? Also für ein paar Wochen auf jeden Fall immer. So wie Fasten – Aber ich denke die Balance macht´s! was meinst du? Mir hilft es sehr wenn ich eine regelmäßige Routine in meinem Alltag einbaue, wo der Fokus auf Selbstliebe und Selbstannahme liegt. Auch suche ich mir für einen Monat immer ein Thema raus auf den ich meinen Fokus setzten will, sowie gerade gesunde frische Ernährung und liebevolles kochen :)))
      Alles LIEBE Inga

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