Mama ohne Pause: Wieso Eltern jetzt mehr Selbstmitgefühl brauchen

Schule zu, Kita zu und jetzt auch noch die Spielplätze. Wie lange das noch so sein wird, wissen wir noch nicht: Es ist Tag 22 der Corona-Quarantäne. 

Ich will heute mal vor dem Kind aufstehen, um Yoga zu machen und zu meditieren. Ich will mich gleichzeitig erden und mit etwas verbinden, das größer ist als diese Krise. Keine Chance! Statt um 7 Uhr ist der kleine Mann heute um 5.30 Uhr hellwach. 

Um 7.30 Uhr haben wir schon gefühlte 30 Papierflieger gebastelt, einen ganzen Zoo voller Knetfiguren geknetet und zehn Bücher gelesen.

Um 8.30 Uhr folgt der erste Wutanfall, da die Lieblingshose noch in der Wäsche und nicht anziehbereit ist, dann fließen zum ersten Mal Tränen: bei ihm. Und auch bei mir. Es liegt noch ein ganzer Tag vor uns und eigentlich kann ich nicht mehr. Eben noch feierte ich Gerald Hüther für seinen letzten Beitrag im Focus, in dem er wieder einmal attestierte, dass unsere Kinder zu lange in den Betreuungssystemen hängen.

Jetzt denke ich mir: Wie gut, dass es die Kita gibt!

Überall im Netz kursieren nun Bastel- und Spielideen für die Zeit mit Kind daheim. Das Problem ist nur, dass mir das alles keinen Spaß macht. Und ich denke, dass es mir Spaß machen sollte. Das könnte jetzt meine Chance sein, mich wieder auf meine Wurzeln zu besinnen, Spaß am Kochen zu entwickeln, stricken lieben zu lernen und meine Freude am Basteln zu entdecken. 

Glaubenssätze ploppen auf. Darüber, was eine gute Mutter ist.

Und was nicht. Und auch wenn ich rational weiß, dass jede Mama anders und besonders ist, zeigen sich nun immer öfter Ideen von Ich sollte dies oder Ich sollte das. Ich sollte das jetzt genießen. Ich sollte dankbar sein, dass wir gesund sind. Ich sollte dankbar für unseren Garten und den Frühling sein. Für sauberes Wasser und ein Leben in Sicherheit.

Doch je mehr ich das Gefühl habe, dass ich sollte, desto weniger bin ich. Es fühlt sich so an, als läge all dies nun noch ein bisschen offensichtlicher auf dem Tablett. 

Und ich denke an all die Überlebenskämpfe der Generationen vor uns und an all die Menschen auf diesem Planeten, die vor ganz anderen existentiellen Herausforderungen stehen als wir aktuell – Krieg, Armut, Hunger. Und mehr denn je ziehe ich meinen Hut voller Mitgefühl vor all den Eltern, die sich und ihre Kindern durch solche Lebenssituationen navigieren. 

Und stelle fest: Ich jammere auf hohem Niveau. Ich bin privilegiert, wie die meisten Menschen in unserem Land. Ich habe Essen, Wasser, bin in Sicherheit. Das wird mir in diesen Tagen mehr denn je bewusst. Trotzdem möchte ich mir und dir heute sagen: 

Wir dürfen anerkennen, dass diese Situation neu für uns ist und uns auf neue Arten und Weisen herausfordert.

Wenn alle zuhause sind, kann viel Schönes entstehen. Aber die neue Situation bietet eben auch viel Stoff für Konflikte. Konflikte in uns und um uns herum, denen wir vielleicht sonst aus dem Weg gehen konnten, die aber nun auf engstem Raum gesehen und gelöst werden möchten. 

Grenzen müssen neu justiert und Tage neu strukturiert werden.

 Manchmal wollen wir, aber können wir nicht geduldig auf alles eingehen, weil wir selbst überfordert sind. Manchmal können wir nicht ruhig bleiben, weil es in uns selbst flattert. Manchmal finden wir keine Worte der Hoffnung, weil wir selbst Angst haben. Manchmal haben wir keine Ideen mehr, weil es so viel Ungewissheit gibt.  Und manchmal wissen wir vielleicht tief in unserem Inneren, dass wir Vertrauen können und das Gute immer siegt. Aber manchmal fühlt unser Nervensystem einfach etwas anderes.

Alle unsere Gefühle haben eine Berechtigung. Sie wollen wahrgenommen und gefühlt werden – und zwar ohne dass wir uns dafür verurteilen. Ich habe in den vergangenen Tagen nochmal deutlich festgestellt: 

Selbstmitgefühl ist in diesen Zeiten wichtiger denn je.

Und damit bin ich nicht allein: Umfangreiche Studien zeigen, dass größeres Selbstmitgefühl mit einer Zunahme des seelischen Wohlbefindens korreliert, aber auch mit einer Abnahme von Angst, Depression und pathologischen Stressreaktionen. Kerstin Neff ist Professorin für Psychologie und Initiatorin des Trainings Mindful Self-Campassion (MSC). Sie definiert Selbstmitgefühl wie folgt: 

„In den Momenten, in denen wir leiden, für uns selbst so zu sorgen, wie wir es für einen geliebten Menschen tun würden. Zu Selbstmitgefühl gehören ein liebevoller Umgang mit sich selbst, ein Gefühl der menschlichen Zusammengehörigkeit und Achtsamkeit.“ – Kerstin Neff

Raus aus den Gedanken darüber, wie etwas sein sollte. Wie du sein solltest.

Und rein ins Fühlen und in die Annahme. Es wird in den kommenden Wochen immer wieder Tage geben, an denen wir uns erschöpft fühlen. Momente, in denen wir überfordert sind, uns fragen wie es weitergeht, Momente, in denen wir Angst haben. Und statt dann auch noch dem*der inneren Kritiker*in das Ruder in die Hand zu geben, können wir uns darin üben, uns einfach zu beobachten. Und zwar so neutral wie möglich. 

Ohne uns für das, was wir fühlen, zu verurteilen.

Oder andere. Denn jeder und jede hat aktuell einen anderen Umgang mit dieser neuen Situation und ist an unterschiedlichen Stellen herausgefordert. Und mehr denn je geht es darum, dass wir bei uns bleiben. Ohne uns zu vergleichen, ohne uns und andere für das was wir fühlen zu verurteilen.

Versuche nicht zu urteilen lautet eine Empfehlung, die mein schamanischer Lehrer Don Miguel Ruiz in seinem Buch Die vier Versprechen* gibt. Und es fühlt sich so an, als würde vieles, was ich in seinem und anderen spirituellen Büchern gelesen und theoretisch verstanden habe, nun einem radikalen Realitätscheck unterzogen. 

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Hier kommen meine fünf Tipps für mehr Selbstmitgefühl

  • Was würdest du einer Freundin sagen?

Wie würdest du dich einem Freund gegenüber verhalten, der die gleiche Geschichte seines ,Scheiterns’ oder seiner Schwierigkeiten erzählt? Dieser Impuls zu einem  Perspektivwechsel stammt aus dem oben genannten MSC-Kurs und wirkt bei mir sehr schnell. 

Denn an Stellen, an denen ich mit mir selbst sehr hart ins Gericht gehe, würde ich eine Freundin ganz anders behandeln:nämlich freundlich, tröstend, aufbauend, mit ihr Wege suchend. 

  • Traue dich, authentisch du zu sein!

Für die Beziehung mit unseren Kindern gibt es nichts Wohltuenderes, als uns als Eltern authentisch zu zeigen. Ein Kind kann so viel mehr anfangen mit Mama ist gerade erschöpft und braucht mal eine Pause statt mit einem Sei endlich ruhig.

  • Sorge gut für dich selbst

Mache deine Selbstfürsorge zu deiner Priorität. Wie kannst du dir heute etwas Gutes tun? Versuche immer wieder kleine Momente in deinen Tag einzubauen, in denen du dir bewusst Zeit für dich alleine nimmst. Ich höre oft von Müttern: “Ich habe nicht mal eine Minute für mich.” Es mag sich so anfühlen, aber es liegt an dir, dir den Raum für dich zu nehmen und diese Momente zu kreieren. Ein warmer Tee, ein paar tiefe Atemzüge, ein Spaziergang: Mir helfen manchmal schon kurze Pausen, um wieder bei mir anzukommen. Und ja, manchmal darf mein Sohn in dieser Zeit fernsehen. 

  • Tausche dich mit anderen Eltern aus

Du musst nicht alles mit dir alleine ausmachen! Mir hat es unglaublich geholfen von anderen Müttern zu hören, wie es ihnen aktuell geht, wie sie mit den Herausforderungen umgehen. In diesem Austausch merke ich, dass ich nicht alleine bin und bekomme außerdem die ein oder andere Idee für den neuen Alltag zwischen Homeoffice und Kinderbetreuung.

Deshalb biete ich nun einen Online-Raum speziell für Mamas an, die den Wunsch verspüren, sich mit anderen Frauen auszutauschen und Tools für mehr Selbstfürsorge und Selbstmitgefühl zu lernen. Was für Eltern immer relevant ist, auch für die Zeiten nach Corona. 

  • Lass dir helfen

Es gibt viele tolle Angebote für Eltern, die direkt darauf ausgelegt sind, Eltern in der Krisenzeiten zu unterstützen. Von Gruppen-Calls via Zoom bis hin zu Einzelsessions via Telefon: Ich empfehle dir die Angebote von Transparents

Ich hoffe, dass dich dieser Artikel dazu inspiriert hat, mehr Mitgefühl mit dir selbst zu haben. Mögest Du freundlich zu dir sein!

Alles Liebe, 

deine Daniela

Titelbild © Shari Sirotnak via Unsplash

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