Freiheit stirbt durch Sicherheit? Lerne, dir weniger Sorgen zu machen

Wenn ich anfange, über das Thema Sicherheit nachzudenken, wird es mir schnell peinlich. Je länger ich sinniere, desto mehr wird mir bewusst, wie viel Lebenszeit ich darauf verschwende, um noch mehr noch mehr Sicherheit zu erreichen als jetzt gerade in diesem Augenblick, der sicherer nicht sein könnte.

Sicherheitsmäßig lebe ich eigentlich im Schlaraffenland. 

Ich lebe in einer Wohnung, die so gemütlich ist, dass ich mich neuerdings auf den Winter freue. Ich bin so gesund, dass ich mich um die Gesundheit anderer Menschen kümmern kann. Die Arbeit läuft ohne Anstrengung und das Geld reicht bis überübermorgen. Ich bin schon länger in einen Mann verliebt, als jede hormonelle Prognose deklariert.

Ich lebe laut irgendeiner Umfrage sogar in der lebenswertesten Stadt der Welt, in Wien. Ich kann vor die Tür gehen ohne Angst zu haben und das zu jeder Tageszeit. Ich habe herausragende Eltern. ABER. Und ab da wird’s mir dann peinlich.

Ich bin trotzdem unsicher und besorgt. Jetzt grade ist das Leben wunderbar und doch kann ich es nicht vollends auskosten.

Die Unwissenheit, ob es morgen noch genauso sein wird, verunsichert mich. Statt zu genießen frage ich mich, was kann ich dafür tun, dass es morgen noch genauso ist? Immer dieses nicht still halten können…

Ich beginne zu zweifeln, ob die Miete langfristig nicht doch zu teuer ist. Ich habe Angst, krank zu werden, weil ich selbstständig bin. Ich tüftele mich ins Marketing, weil meine Wartelisten irgendwann vielleicht nicht mehr übervoll sind. Ich überlege, mein Geld in Materie zu investieren, weil so richtig sicher erscheint mir die elektronische Zahl auf dem Bildschirm nicht. Ich sage meinem Freund, was er noch besser machen kann, damit ich ihn für immer vergöttern kann. Ich grübele, was sich mit dem älter werden meiner Eltern alles verändern wird.

Kurz gesagt, meine Zukunftsängste boykottieren den Spaß im Jetzt. Konkret ist es mein Bedürfnis nach Sicherheit, das dafür verantwortlich ist.

Unser Wunsch nach Sicherheit prägt viele tägliche Entscheidungen und ist das zweitstärkste Bedürfnis des Menschen.

Wichtiger ist nur der physiologische Selbsterhalt (nach der Maslowschen Bedürfnispyramide). Aber wann fühlen wir uns wirklich sicher und geborgen?

Ideen, die uns zunächst einfallen, sind Eheversprechen, Altersvorsorge, Rituale, Versicherungen, Hausbau, in die eigene Schönheit investieren oder Geld sparen. Daraus hat sich eine Art Standardleben als Vorlage für viele Generationen entwickelt. 

Schlau werden, um viel Geld zu verdienen, Partner finden und an sich binden, mit Geld ein Nest bauen. Kinder machen, um die vermeintlich klügste Spezies des Planeten zu erhalten. In manchen Ländern eher zur Altersvorsorge.

Am Ende ist unser ganzer Lebensplan durchzogen vom Wunsch nach Sicherheit und entsprechend dominant ist dieses Bedürfnis. 

Wie ist das aber nun eigentlich abseits des Plans in der bunten Realität?

Wir versuchen uns auf alle Eventualitäten vorzubereiten, die das Leben uns liefern könnte, um uns sicher zu fühlen. Das Leben ist aber nun einmal kreativ und manchmal kürzer als man denkt.

Das Leben schenkt jedem von uns eine Vielzahl an Herausforderungen. Hier eine Naturkatastrophe, da eine lebensfeindliche Krankheit gepudert mit ein bisschen Inflation, Seitensprüngen, wirtschaftlichen Veränderungen und verziert mit neuen Gesellschaftsmodellen, politischen Umbrüchen und demografischem Wandel. 

Benjamin Franklin meinte „Nur zwei Dinge auf dieser Welt sind uns sicher: Der Tod und die Steuer.“ Das stimmt mich persönlich noch nicht sonderlich fröhlich. Heraklit ist etwas sanfter mit seiner berühmten These „Die einzige Konstante im Leben ist die Veränderung.“ 

Eine nicht weniger fordernde, aber doch umfassendere Sichtweise liefert die Yogaphilosophie.

Ent-Sorgung: Was kann ich tun, dass ich mich im Gedanken an morgen sicher fühle?

Gibt es eine Sicherheit, die selbst in den wildesten Zeiten unseres Lebens Bestand hat? In der Yogaphilosophie hat das Gefühl von Sicherheit zwei Aspekte. 

  1. Veränderung und Sicherheit schließen sich nicht aus.
  2. Sicherheit ist unveränderlich und kommt von innen, nicht von außen.

Diesen Ansatz finden wir vor allem in der Bhagavad Gita

Dinge des materiellen Universums kommen und gehen, erscheinen und verschwinden, aber die Seele verändert sich nie.

1. Make that change

Wir lieben Veränderung – wir wissen es nur nicht. Wir schauen Hollywoodfilme, Soaps und Serien, in denen permanent Veränderungen passieren, meist sogar absolutes Chaos. Ohne Veränderungen gäbe es nämlich gar keine Story, die wir uns anschauen könnten. Wir empfinden das als spannend und suchen nach dem Wachstum der Protagonisten. Genauso verspüren wir eine tiefe Sehnsucht nach unserem eigenen Wachstum. 

Wir wollen gefordert werden, um zu wachsen. Das kapieren wir oft erst spät, nämlich dann, wenn wir über uns hinausgewachsen sind. Weil das Bedürfnis nach Sicherheit so stark ist, leugnen wir den Reiz am eigenen Wachstum gleich wieder beim nächsten Problem. Wir ersticken unser Leben lieber in Bequemlichkeit.

Hip Hip Hurra auf die Veränderung

Der menschliche Geist hat also ein natürliches Streben nach Wachstum. Nachdem er das nur in einer sich verändernden Umgebung kultivieren kann, brauchen wir den Wandel für Sinnfindung und Evolution. Die Veränderung mag ein gefühlter Feind der Sicherheit sein. Aber unter uns: du willst ihn doch auch, den Oscar. Oder zumindest nicht die goldene Himbeere. Dazu muss halt irgendwas in deinem Leben passieren.

Wollen wir Sicherheit gewinnen, sollten wir der Veränderung sorglos als Freund, nicht als Feind begegnen.

Echte Sicherheit finden wir dann abseits der veränderlichen Dinge.

„Yoga stillt die spirituelle Sehnsucht in modernen Gesellschaften, deren Angehörige nicht mehr an organisierte Religion glauben. In einer Welt, die sich ständig verändert, die vielen Menschen keine religiöse oder spirituelle Sicherheit mehr bietet, gibt es eine große Sehnsucht nach Dingen, die ursprünglich sind, die wahr sind und nicht zu verkaufen. Nach Dingen, die sich nicht verändern.“ – Mark Singleton

Was sind diese Dinge nun, die sich angeblich nicht verändern?

2. Sicherheit kommt von innen

Im Yoga gibt es eine ganz einfache Unterscheidung. Es gibt Veränderliches und Unveränderliches. Unveränderlich ist unser Wesenskern bzw. die Seele oder welchen Begriff auch immer du dafür verwenden möchtest. Veränderlich ist alles andere. 

Unveränderlich ist der Teil in uns, der sich nach dem Tod des Körpers nicht verflüchtigt. Es ist doch fast unvorstellbar, dass dieses Wunderwerk, ob nun du oder ich, nach dem Herzstillstand nicht irgendwie weiter existiert und sei es einfach nur in Form von Energie.

Materielle Körper erscheinen und verschwinden, nicht aber der die Seele, die ihnen innewohnt. – Bhagavad Gita

Was auch immer es ist, die Vorstellung, dass es existiert, ist der Urquell von Sicherheit. Dazu gehört nicht nur die bloße Überzeugung, dass so etwas wie eine Seele existiert, sondern dass dieser Wesenskern sehr schön und wertvoll ist. 

Diese innere Vollkommenheit, manche nennen es den göttlichen Kern, stattet uns mit allen nötigen Werkzeugen aus, um jedes Ereignis im Leben meistern zu können. Wir müssen „nur“ darauf vertrauen lernen. Klingt schwieriger als man denkt. Wir haben doch alle schon echte Tiefschläge erlebt und atmen, auch wenn es zu einem bestimmten Zeitpunkt unvorstellbar war, trotzdem noch. 

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Die Sache wird dadurch erleichtert, dass ich jetzt in diesem Moment gar nicht für alles in der Zukunft eine Lösung brauche.

Bevor ich meine Energie auf alle Eventualitäten verstreue, um mich abzusichern, ist das Gebot, zielgerichtet ans Werk zu gehen wenn es das nächste Mal Zitronen hagelt, im Wissen, dass ich alles bewältigen kann.

Am Ende hat das Gefühl von Sicherheit also feste Wurzeln in der Liebe zu sich selbst.

Wenn ich meinen Wert und meine Fähigkeiten kenne, dann ist es ziemlich wurscht, ob ich gekündigt werde oder verlassen. Selbst wenn das Geld mal knapp wird, weiß ich, dass ich gut genug bin, um am Leben zu bleiben und woanders Erfüllung zu finden.

Sicherheit hat jedoch einen Gegenspieler: Die Freiheit

Aristoteles glaubt, wer Sicherheit der Freiheit vorzieht, ist ein Sklave. Kurt Tucholsky hat später den Satz „Freiheit stirbt durch Sicherheit“ geprägt und wird damit oft im Big Brother Kontext zitiert.

„Der Mensch, der Sicherheit sucht, und diese nicht bei sich selbst findet, wird immer ein Sklave sein, abhängig von denen die ihm Schutz bieten. Denn dieser gebotene Schutz ist nicht kostenlos. Dieser Mensch muss den schutzbietenden Herrschern Folge leisten, sich einer Hierarchie unterordnen, in Gesellschaftsstrukturen eingliedern, eben einen Teil seiner Freiheit aufgeben. Somit macht einen die Sicherheit von anderen bestimmt nicht autark, eher abhängig und somit eben zu einem Sklaven dieser.“ – Christian Jurak

Klar, Sklaverei ist bei uns zumindest im klassischen Sinne nicht das aktuellste Thema, aber so viel weiter haben wir uns auch nicht entwickelt. Früher wurden Menschen zwanghaft versklavt. Heute ist das viel einfacher. Wir machen es einfach selbst. Unser Sicherheitsbedürfnis ist wichtig für unser Überleben, aber es ist auch eine echte Fessel, wenn wir ihm zu viel Auslauf geben.

Am Ende geht es darum, dass wir uns selbst sicher sind, was für uns Sicherheit bedeutet.

Ich habe meinen Freund gefragt, was für ihn Sicherheit ist, er sagte: „Sicherheit ist in dir selbst, in Gott, im Atem, am Rockzipfel, im Sonnenaufgang, in der Liebe, in deinen Armen.“ Fand ich natürlich die beste Beschreibung von allen, aber das ist wohl etwas subjektiv – also finde am besten deine eigene Definition! 

Frag dich:

  • Was bedeutet Sicherheit für mich?
  • Was müsste ich tun, um Sicherheit zu entwickeln? 
  • Angenommen, ich wäre sicher, wie würde sich das bemerkbar machen?  Wie würde ich fühlen? Wie würde ich denken? Wie würde ich handeln? Wie würde ich auf andere reagieren? Was würde ich mich trauen?

Schreibe dir deine Antworten in Ruhe auf und lasse sie auf dich wirken. Beobachte, ob die Orte an denen du bisher Sicherheit gesucht hast, sie dir auch wirklich gebracht haben oder ob ihnen Vergänglichkeit und damit Unsicherheit innewohnt.

In dem Moment, wo dir bewusst wird, wo du Sicherheit für dich wirklich findest, findet sie dich auch.

Alles Liebe, deine Nancy

Titelbild © Matthew Waring via Unsplash

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