Jetzt mal im Ernst: Wer bin ich wirklich?

Hat ein Mensch alle Grundbedürfnisse wie den Erhalt des Körpers, Sicherheit und soziale Beziehungen gestillt, eröffnet sich oft die existenzielle Frage: Wer bin Ich eigentlich? Weil die Yoga-Philosophie weitestgehend versucht, dogmenfrei zu sein, erhalten wir dort keine klare Antwort auf die Frage. Im Yoga erfahren wir nur, wer wir NICHT sind und müssen uns den Umkehrschluss dann selbst ableiten.

Es gibt drei Hüllen, die unser wahres Ich verdecken und verhindern, dass wir die coole Socke sind, die wir sein könnten.

Diese Hüllen heißen Mayas. Sie machen es uns schwer uns Selbst zu finden und zu erkennen. Wenn wir uns Selbst noch nicht gefunden haben (Avidya/Unwissen) und uns über diese Hüllen definieren (Asmita/Ego), spüren wir das im Leben an Selbstzweifeln und dem Drang nach Bestätigung.

Aus Unwissenheit darüber, wer wir wirklich sind beschützen wir diese Hüllen, weil sie uns Sicherheit, Orientierung und eine greifbare Form geben. Da diese Hüllen aber nur schleierhaft unser wahres Ich verdecken, erschaffen sie in uns permanente Unruhe, Spannungen und Widerstände.

Insgeheim schlummert in uns die Ahnung und ein Stupsen des Herzens, dass da noch mehr ist.

Viele Menschen zieht es aus dieser Ahnung heraus irgendwann in die Spiritualität. Spirituell sein bedeutet eigentlich nichts weiter, als sich der Suche nach dem eigenen Ich zu widmen.

Schauen wir uns diese Mayas, Hüllen oder Schleier etwas genauer an und klären, warum unser Ich nicht diese drei Hüllen sein kann und was es unter ihnen zu entdecken gibt.

Wer du nicht bist: Fremdbild, Selbstbild und Idealbild

Dazu eines vorweg: Unser wahres Ich ist im Yoga das einzig ewige, nicht wandelbare und unveränderliche Prinzip. Wenn wir Ich sagen, ist das nicht ganz korrekt, weil das Ich-Gefühl aus dem Ego erschaffen wird. In der Samkhya-Philosophie ist „Purusha“ bzw. im Vedanta „Atman“ gemeint, vereinfacht gesagt: die Seele der Dinge.

Außer der Seele ist alles auf der Welt vergänglich.

Wenn wir danach suchen, dann also nach etwas, das unabhängig von äußeren Faktoren ist und damit unzerstörbar.

1. Hülle: Fremdbild – Was andere von dir denken

Du hast vermutlich diverse soziale Kontakte im Leben, von Freund*innen über Eltern bis zu deinen Feind*innen. Jeder Mensch, der dir begegnet, hat ein eigenes Bild von dir. Jeder sieht dich durch seine eigene Geschichte und Linse. Das ergibt so viele unterschiedliche Wahrnehmungen von dir, wie es Menschen gibt, die dir begegnet sind.

Wenn jede*r dich anders wahrnimmt, liegt die Inkonsistenz von Fremdbildern auf der Hand. Dennoch ist das, was Andere von dir denken, dein am häufigsten in Erscheinung tretendes Du.

Du bekommst Zeit deines Lebens Rückmeldungen von außen darüber, wer du bist.

Leute vergleichen dich mit anderen Menschen und entwickeln eine Einordnung. Sie verteilen Aufkleber wie: zuverlässig, impulsiv, ehrgeizig, introvertiert, fleißig, sensibel, unpünktlich, optimistisch, schön. Du übernimmst diese Zuschreibungen. Auf deiner Suche nach der eigenen Identität formt sich so dein Bild von dir.

Um dieses Bild zu festigen, versuchst du insbesondere die für dich positiven Zuschreibungen zu stärken und manchmal auch für sie zu kämpfen. Wenn du gemäß Fremdbild jemand bist, der immer lacht, erfolgreich ist, nie Angst hat oder für Andere da ist, dann bist du bemüht, auch in Situationen, in denen dir eigentlich gar nicht danach ist, dafür einzustehen um diese Fassade aufrecht zu erhalten.

Wenn du dich über dieses Bild definierst, dann verbringst du viel deiner Zeit damit, Vorstellungen von Anderen über dich zu erfüllen, was zu inneren Spannungsfeldern führt. Wer es anderen Recht machen will, muss zu sich selbst in den Widerstand gehen. Das kostet ziemlich viel Energie.

„You are the artist of your life, Don’t give the paintbrush to anyone else.“ – Mahananda Parida

2. Hülle: Selbstbild – Was du von dir denkst

Wirst du von außen gefragt wer du bist, dann antwortest du üblicherweise mit einer Mischung aus Name, Alter und Herkunft. Was sagt das eigentlich über dich bzw. was genau ist da dein Beitrag?

Dein inneres Selbstbild ist eine Mischung aus deinem Fremdbild sowie Erinnerungen und Erfahrungen aus deinem Leben. Erinnerungen an Dinge, die dir widerfahren sind und deine Erfahrungen aus Rollen, die du in verschiedenen Szenen eingenommen hast. Du hast dich beispielsweise als Freund*in, Liebespartner*in, Arbeitskraft, Chef*in oder Elternteil selbst wahrgenommen und in diesen Rollen etwas über dich gelernt: Wie du mit schwierigen Situationen umgehst, was dich motiviert, auf welche Weise dir Liebe gut tut.

In deiner Selbstbild-Wahrnehmung tendierst du dazu, dich mit den Rollen zu identifizieren, statt nur dein „dich darin erleben“ wahrzunehmen.

So entsteht Anhaftung. Du willst so gerne jemand sein, dass du dich aus Mangel an besseren Ideen plötzlich durch deine Rollen definierst und was für Ansichten du über diese Rollen hast. Wenn du nicht weißt, wie du deine Zeit besser rumkriegen sollst, dann damit, der Menschheit mitzuteilen wie Kindererziehung geht, was dein Chef alles nicht kann und wie du die Welt verbessern würdest. Wenn du nur wüsstest, wer dieses verdammte Du überhaupt ist.

Dieses Selbstbild mit seinen Ansichten verteidigst du in Auseinandersetzungen mit Menschen, die es ähnlich versäumt haben, die Rollen wie ein Schauspieler abzulegen, sobald die Scheinwerfer erloschen sind.

Wenn du etwas über dein Ich erfahren willst geht das nur so:

Bewusst in die Rolle schlüpfen. Machen. Raus aus dem Kostüm. Feierabend.

Und danach die großen Fragen:

  • Was habe ich in dieser Rolle über mich gelernt?
  • Was hat sich unter dem Kostüm abgespielt?

Alle Rollen, die dir das Leben anbietet, sind nur nur dazu da, deine Einzigartigkeit zu entdecken. Deine Rollen sind das Spielfeld, du bist der/die Schöpfer*in darauf.

Deine Erinnerungen und Erfahrungen formen dich, aber sie sind nur ein Teil von dir, der sich ständig verändert. Jeden Tag kommt etwas Neues dazu und etwas Altes verschwindet.

Wenn du dich anhand deiner Vergangenheit definierst, bist du jeden Tag ein anderer Mensch. Kann das sein?

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3. Hülle: Idealbild – Wer du gerne wärst

Dein Idealbild beschäftigt sich im Gegensatz zum biografischen Selbstbild mit der Zukunft. Dein Selbstbild ist die Summe deines Präteritums, aus der du das Jetzt nur begrenzt in seiner vollständigen Wahrheit und Schönheit erfahren kannst. Du oder jemand anders findet in diesem Selbstbild irgendwelche Systemfehler; und die willst du verbessern.

Idealbild = Ich 2.0?

Das ist eine Idee, die besser in der digitalen Welt beheimatet bleibt.

Die wichtigste Sache in diesem Zusammenhang ist folgende: Statt dich zu fragen, wie du dein Fass permanent auffüllen kannst, frage dich: warum hast du überhaupt das Gefühl, dein Fass sei leer?

Deine vermeintlichen “Fehler” findest du meist, indem du dich mit Anderen vergleichst.

Menschen, die erfolgreich sind, haben eines gemeinsam: Sie sind ein Original, keine Kopie.

Du kannst entweder in einen Spiegel schauen und nach Bestätigung suchen, dass du schön bist oder du suchst nach Enthüllung. Menschen, die ihre Träume verwirklichen versuchen im Spiegel ihre Besonderheiten zu entdecken, um sie zu betonen, nicht um sie weg zu schminken.

Viele von uns nehmen nicht einmal einen Bruchteil des Raumes ein, der ihnen gegeben wurde, sondern sie tummeln sich im Umkreis ihrer kleinen Zehen.

Dein Job ist es nicht, so wie Andere zu sein, sondern Du zu sein: roh, pur, heterogen.

Menschen, die im egozentrischen Weltbild leben (und das tun die meisten, die wenigsten davon wissend), interessieren sich nicht für dich und deine Fehler. Du bist, selbst wenn du auf einer Bühne stehst, nicht das Zentrum der Aufmerksamkeit. Das Publikum ist das Zentrum deiner Aufmerksamkeit.

Deine Idealvorstellung von dir ist das am weitesten von Dir entfernte Bild. Deine Verbesserungsmaßnahmen sind eine Ablehnung des Jetzt. Es ist der Inbegriff des Widerstandes gegen dich selbst. Das ist nicht gleichbedeutend mit Stillstand. Deine persönliche Entwicklung erhält den Raum, den sie benötigt, ganz natürlich und intuitiv, wenn du aufhörst an dir rumzudoktern.

Ein Sprichwort im Zen lautet:

Ich verändere mich nicht, indem ich versuche etwas anderes zu sein als ich bin. Ich verändere mich, indem ich voll anerkenne, wer ich jetzt gerade bin.“

Du willst so geliebt werden wie du bist? Dann geh mit gutem Beispiel voran und vergiss dein 2.0 Update.

Die Welt sehnt sich nach deinen Systemabstürzen und den darin versteckten Offenbarungen, nicht nach deiner Perfektion und Austauschbarkeit.

Im Wald zwei Wege boten sich mir dar, und ich nahm den, der weniger betreten war, und dies veränderte mein Leben.“ – Robert Lee Frost

Nackt sein und Falten kriegen

Jetzt wissen wir mal ansatzweise, wer wir nicht sind. Wo finden wir nun Anhaltspunkte darüber, was abseits unserer Bilder noch übrig bleibt? Wann sind wir am meisten wir selbst?

Als Kind sind die einzigen Bilder, die du kennst, dein wirres Krixelkraxel. Daher bist du auch gnadenlos unfähig, deine Einzigartigkeit zu unterdrücken. Du schreist, du lachst, du sagst was du denkst und du tust worauf du Lust hast. Du glaubst, du bist am stärksten und das ist auch die Wahrheit, solange du daran glaubst.

Dann kommt jemand und sagt, dass es sich um einen Irrtum handelt (Fremdbild). Die Zeit in der du noch ohne Badehosen nackt am Strand rumrennst, ist nicht umsonst eine der unbefangensten deines Lebens.

Du weißt genau wer du bist, nämlich Gott. Jedes andere Selbstbild ist Quatsch.

Nicht nur in der Kindheit, sondern auch wenn du in Extremsituationen steckst oder den größeren Anteil deines Lebens hinter dir hast, wirst du ehrlicher und gehst weniger Kompromisse ein. Alles intensiviert sich. Du sagst was du willst und suchst dir besser aus, mit welchen Menschen du dich umgibst. Manchmal nennt man das exzentrisch, tatsächlich wirst du authentisch.

Zwischen nackt sein und Falten kriegen wirst du sozialisiert und passt dich an.

Entweder fühlst du dich überlegen und hältst dich für den wichtigsten Menschen in einem Raum oder du legst dir ein bescheidenes Selbstbild zu. Beides sind Zeichen eines zerbrechlichen Egos. Das eine ist die Illusion der Erhabenheit und das andere der Unzulänglichkeit. Beide sind durch eine Ich-Wahrnehmung via Fremd-, Selbst-, und Idealbild gekennzeichnet.

Es gibt auch etwas dazwischen, eine Position ohne Wettbewerb, denn jeder hat seine Einzigartigkeit, die kein Anderer hat. Also, why worry?

Wer du bist: Dein wahres Ich

Wenn du darüber nachdenkst warum du hier bist, wer du bist, wie es ist am Leben zu sein, warum du das Leben verdienst hast: DU bist nicht diese Gedanken. DU bist das, was denkt und fühlt. Denn wenn du deine Gedanken und Bilder wärst, wer wäre dann der-/diejenige, der/die sie denkt, wahrnimmt und fühlt?

Es gab dich als straffes nacktes Strandgeschöpf und es wird dich als Knautschlack-Version davon geben.

Wer nimmt diesen Prozess deines Lebens wahr? Das bist DU.

Du bist nicht das was du hast, tust oder wen du liebst. Du bist die innere Stimme, die dich dein Leben lang begleitet. Die Instanz, die miterlebt, lernt, beobachtet und die sich Selbst für großartig hält. Wärst du deine Gedanken, wäre es unmöglich, dir selbst beim Denken zuzusehen. Aber genau das tust du in einem meditativen Moment.

Du hast irgendwann begonnen, dich mit deinem Mentalprogramm zu identifizieren. So effektiv, dass du jetzt wirklich denkst, das sei die „Wahrheit“, dein wahres Selbst.

Der indische Gott Shiva rüttelt an deinen desolaten Halbwahrheiten und fordert dich heraus, genauer hinzusehen. Er zerstört deine sozialisierten Bilder und will dir den/die Künstler*in dahinter zeigen. Wer hält deinen Pinsel? Mit Rationalität kommst du da nicht weit, aber dein Herz hat ein Gespür für die Wahrheit. Es will dich. Ohne Ketten, ohne Begrenzungen und ohne deine unnützen Glaubenssätze.

Deine Seele hängt am Puls des Lebens, sie will Freiheit, Unendlichkeit und deine gnadenlose Liebe.

Tu dir Selbst einen großen Gefallen und sei skandalös, einzigartig und wie Rumi empfiehlt: berüchtigt. Ein Mensch, von dem man spricht. Ein Mensch, der nicht über andere reden muss um seine Löcher zu stopfen.

Sei du selbst.

Das ist der einzig sinnvolle Ratschlag, den es je gegeben hat.

Deine Nancy

Titelbild mit Cordula Rieger © Alexander Schneider

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