Spiritueller Sex: Schatz, ich komme!

„Schatz, wollen wir uns morgen um 14 Uhr vereinigen?“ Ein bizarrer Satz – zugegeben, und ich ernte vom Liebsten dafür auch einen entsprechend entrückten Blick. Denn hallo? Sex hast du schließlich impulsiv, wenn dich die Lust übermannt*fraut und nicht geplant und kontrolliert. Man reißt sich die Klamotten vom Leib bis die Knöpfe fliegen, fegt gedankenbefreit alle Arbeit vom Tisch und tut es. Oder?

Häufig verscheißern wir uns selbst und missbrauchen Sex für alles andere als eigentliches „Liebe machen“:

Um uns abzulenken, der Realität zu entfliehen, Bestätigung von Außen zu erfahren, angenommenen Erwartungen zu entsprechen, gar aus strategischen Gründen, im Rausch, um Einsamkeit zu überwinden, Druck und Spannung abzubauen und so weiter und so weiter. Alles natürlich unbewusst. Aber jetzt mal so bewusst gesprochen: Warum ficken wir wirklich?

Es gibt da nämlich der Gründe dreierlei: aus Lust, also Sex um des Sex willen, wegen der Fortpflanzung, also Sex um eines anderen willen, und für die spirituelle Entwicklung, also Sex um meiner Selbst willen.

Um Letzteres wird dieser Zeit viel gemunkelt und verbreitet. Die Neugierde ist groß, zuverlässige Quellen dagegen rar. Sex und Spiritualität. Aber was hat es damit wirklich auf sich – ich meine:

Was ist denn bitte spiritueller Sex?

Als ich vor drei Jahren im indischen Ashram mit dem ortsansässigen Guru namens God Dieux (kein Scherz!) rumknutschte und fummelte, hätte man glauben können, ich hätte einen Spiri-Sex-Score von 130 geknackt. Aber nein: Spirituellen Sex, den habe ich erst hier in Berlin gelernt. Klingt bizarr. Ist aber wahr.

Was haben Sex und Spiritualität miteinander zu tun?

Die Intention. Denn Spiritualität ist in ihrem tiefsten Inneren ja nichts anderes als Verbundenheit. Zum größeren Ganzen, zur inneren Wahrheit, zum Fluss des Lebens oder wie auch immer man das nennen möchte.

Und was ist Sex schließlich anderes als Verbindung – ganz bildlich gesprochen? Uralte Traditionen haben das bereits erkannt und während das Tantra primär die Aufhebung der Dualität durch die Vereinigung der Polaritäten anstrebt, verfolgt der Taoimus das Ziel, sexuelle Energie zu steigern, zu halten und in Lebensenergie zu transformieren.

Warum sollten wir spirituellen Sex praktizieren?

Spiri-Sex hilft dir bei deiner persönlichen Entwicklung, und zwar deshalb:

1. Rund-Um-Pudel-Wohl-Gefühl

Indem wir Bewusstheit in unsere sexuelle Praxis bringen, shiften wir das Verhältnis zu Sex und entwickeln einen gesunden Zugang zu unserer Körperlichkeit – befreit von Extremen wie Unterdrückung oder Übertreibung.

Wir lösen uns von Zwängen, Süchten und reiner Triebsteuerung: Alles-Bumsen-was-bei-drei-nicht-auf-den-Bäumen-ist: ade. Wir lösen uns von schamhaften Gefühlen, schlechten Gewissen und einengenden Moralvorstellungen: Davon-wird-man-blind: ade. Wir begrüßen die Mitte: It’s-Okay: ahoi!

2. Räum mal auf

Wir alle haben in unserem Leben schmerzhafte Erfahrungen im sexuellen Bereich gemacht und angeblich tragen wir unsere Ex-Liebhaber*innen weitere 7 Jahre in unserem Dunstkreis auch genannt Aura. Spiritueller Sex kann uns helfen, diese Traumata zu lösen, in Liebe zu umarmen und sie tatsächlich zu heilen. Und wappnet uns, in Zukunft Grenzen zu erkennen und zu respektieren.

3. Du und ich sind Eins

Und wenn wir schon mal von Schmerz sprechen, so kann uns Spiri-Sex vom größten Schmerz der Menschheitsgeschichte befreien: Von dem Gefühl der Abgetrenntheit. Aus yogischer Sicht ist das Lebensziel die Einheitserfahrung und die Befreiung von der Illusion, isoliert zu sein.

Gott-und-ich-sind-Eins lässt grüßen. Sex an sich ist die manifesteste Annäherung an die Aufhebung der Dualität, da sinnlich erlebbar; er gibt uns die Chance, echte und wahrhafte Vereinigung zu erfahren. Und das auch noch, nachdem sich unsere Geschlechtsteile ineinander verschlingen.

4. Energieversorger

Dem Tao folgend ist die Sexualenergie die stärkste Kraft in unserem Organismus. Deshalb fürchten wir sie auch so häufig. Lernen wir allerdings, diese immense Power zu kultivieren und für uns zu nutzen, bereichert sie unseren gesamten Energiehaushalt. In dem Sinne gleichen deine Geschlechtsteile Multi-Plug-Steckdosen. Und hier darfst du sogar rein fassen!   

5. Ich bin.

Und zu guter Letzt wollen wir auf dem spirituellen Pfade doch vor allem eins: Uns selbst erkennen. Mithilfe des spirituellen Sex lege ich also all diese blickhinderlichen Schleier wie Schuld, Scham und Angst ab und erlebe die Einheit. Und genau in diesem Zustand, da sitzt mein Selbst und wartet darauf, entdeckt zu werden. Mein Schatz, ich komme!

Und wie praktiziert man spirituellen Sex?

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© Anna Sastre via Unsplash

1. Know Thyself

Wenn ich mich selbst und meine Bedürfnisse nicht kenne, wie kann ich erwarten, dass es jemand anderes tut? Es gilt, auf Forschungsreise zu gehen, und, ja: zu masturbieren. Und zwar mit richtig viel Neugier.

Zumeist haben wir uns über die Jahre bestimmte Punkte, Griffe, Tricks, Phantasien und dergleichen angeeignet, mit denen wir am besten zum Höhepunkt kommen. Ich möchte dich einladen, mal alles über Bord zu werfen, dir Zeit zu nehmen und dich neu zu erleben. Hast du beispielsweise deine Klitoralschenkel oder das Perineum schon entdeckt?  Entwickle ein intuitives Gefühl und lass dich von wonniglichen Wogen tragen.

2. Verliebe dich in dich

Am besten stellst du dich wirklich mal nackig vor einen schön großen Spiegel und vergisst alle indoktrinierten Ideale. Ich weiß, das ist eine ziemlich harte Nuss. Aber versuche dich selbst mit wohlwollender Güte zu betrachten.

Also wirklich mal Augen zu, tief ein und ausatmen, und dann das Licht der Welt erblicken. So mit Wow-Faktor! Entwickle ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit für deinen Körper, der dir so wundervolle Dienste leistet und dir solch großartige Freuden schenkt.

Verliere dich nicht in erneuten Optimierungsplänen à la „Hier bitte mehr und da doch weniger“. Akzeptiere dich so, wie du genau jetzt bist. Und wenn du von der super mutigen Sorte bist, dann greif zum Handspiegel und schau mal tief in deinen Schoß. Weißt du eigentlich wie du „da unten“ aussiehst?

3. Porno-Detox

Manchen fällt es leichter, auf fremde Bilder zu masturbieren, ja ja, aber ich bitte dich: Lass es einfach. Die meisten Erotik-Filmchen bedienen genau jene vorher erwähnten fehlgeleiteten Idealbilder, da sich die Frauen die Rosetten und Vaginen bleichen und die Lippen kürzen lassen. I mean, wtf? Es geht hier nicht um Liebe, schon gar nicht um transzendente Tiefe oder dich selbst.

Auch die mittlerweile alternativen Pornos wachsen selten über altbekannte Paarungsmuster hinaus, selbst wenn die Ästhetik ansprechender ist. Zudem ist es schön, uns von der Streaming-Mentalität zu befreien und unserer eigenen Phantasie Raum zu geben. Wenn du aber der Meinung bist, dass sie dich anregen, inspirieren und dergleichen, dann versuche es doch einfach mal mit einer Fastenzeit und schau ob sich was verändert.

4. Gesund und munter

Um gut im Saft zu stehen, braucht es lecker Früchtchen, die durch gute Saat entstehen. Sprich: Dein Lebensstil beeinflusst unmittelbar dein Sexleben. Und das nicht nur im Geschmack.

Also komm in die Gänge, beweg dich, atme tief und ernähre dich möglichst viel von frischen Lebensmitteln, die eine ordentliche Portion Prana mit sich bringen. Komm auch zur Ruhe,kultiviere eine regelmäßige Meditationspraxis und sorge für echte Entspannungsphasen. Weil Stress ist echt ein unsexy Miststück.

5. Karma, Baby!

Schau mal ganz genau hin, mit wem du dich so einlässt bzw. auch schon eingelassen hast. Wahrscheinlich nicht alles ganz so glanzvolle Trophäen, nicht wahr?

Wenn wir uns mit jemandem vereinen, tauschen wir tatsächlich auf fünf verschiedenen Weisen Energie aus:Wir schauen uns tief in die Augen und blicken einander in die Seelen. Wir küssen uns, und schmecken das „Jadewasser“ (im Tao das Wort für Speichel) des*der Anderen. Wir beginnen uns aneinander zu reiben, und laden uns regelrecht an der*dem Anderen auf. Wir atmen den Odem des*der Anderen und integrieren unmittelbar den Lebenshauch. Und zu guter Letzt natürlich tauschen wir die Genitalsäfte.

Ganz schön viel, oder? Im Bewusstsein, wie viel wir dabei nicht nur preisgeben, sondern auch aktiv in uns aufnehmen, lohnt sich ein guter Karma-Filter in Hinblick auf den*die nächste*n oder auch aktuelle*n Lustgespielin*nen. Denn wir wollen uns ja auch hemmungslos fallen lassen. Also pass auf, auf wen du fliegst.

6. Absichtslosigkeit

Achtung, das möge dich nun schockieren, aber es geht beim Sex nicht um den Orgasmus. Das haben wir zwar viel gesehen, gehört und auch fast beigebracht bekommen, aber das stimmt einfach nicht. Was aus diesem Glauben entsteht, sind Stakkato-Gerammel, kurzatmiges Hoch-Gehechel und mangelhafte Vorspiele.

Sechs, setzen. Im Spiri-Sex wollen wir einander begegnen, just wie wir es im ersten Punkt getan haben: Neugierig, erfahrungsleer und absichtslos. Wir hetzen nicht zum Höhepunkt und verlieren uns im besten Sinne in dieser sexy Dynamik, die niemals gleich, reproduzierbar oder vorhersehbar ist.

7. Der Klassiker: Hier und Jetzt!

Erklärt sich eigentlich von selbst: Bitte im Liebesspiel keine Einkaufslisten zusammenstellen, nicht an den*die Ex denken oder sonstige Wirrnisse spinnen. Deine Meditationspraxis wird dir helfen, jetzt hier zu bleiben und dich voll und ganz auf diese Situation einzulassen. Und wenn der Kopf doch wieder losspinnt: Beobachten, Atmen, Loslassen.

8. Alles eine Frage der Intention

Der Buddhismus verfolgt fest die Auffassung, dass unsere Intentionen die Bedeutung unserer Taten bestimmen. Du willst also spirituellen Sex haben? Dann nimm dir vor, spirituellen Sex zu haben. Klingt einfach und ist es auch.

Am besten setzt du dich kurz vor Vereinigung mit deiner*m Partner*in zusammen und ihr stimmt euch gemeinsam auf das Kommende ein. Führt euch vor Augen, dass ihr verschmelzen wollt. Fühl und mach Liebe.  

9. Die Energie lieber nicht verschwenden

Und jetzt wird’s tricky. Sicherlich hast du schon mal sowas gehört wie, im Tantra dürfe Mann nicht kommen. Ja und nein. Was das Tantra damit meint, ist durchaus einen Orgasmus zu erleben, aber kein Sperma dabei zu vergießen.

Rein logisch betrachtet ist Sperma einfach die potenteste und vitalste Flüssigkeit auf dieser ganzen Welt. Darin steckt so viel Lebensenergie, dass ich mich beinahe schlecht fühle für all das Sperma, das ich Männern in meinem Leben entlockt habe. Der trockene Höhepunkt ist eine hohe Kunst und will geübt werden.

Ein gut gesetzter Druck auf das Perineum kann dabei sehr hilfreich sein. Die Idee dahinter ist dem Tao gleich: Wir sammeln so viel Energie in uns während des Liebesaktes und schleudern all diese Kraft nach außen, anstelle sie einzubehalten und bis in die hinterste Ecke des eigenen Körpers zu schicken.

Das nennt man dann übrigens den Ganzkörperorgasmus.

Und der ist schon lange kein Mythos mehr. Das Gleiche gilt natürlich für die Frau, wenn auch tatsächlich nicht in dieser Dramatik, da sie kein Sperma vergießen kann. Aber auch ihre Orgasmen sind unterschiedlich und auch sie kann die Energie verpuffen lassen oder in all ihre Zellen investieren.

Spiel einfach mal damit. Komm nicht gleich. Versuche, all die Erregung aus dem Genitalbereich erstmal in den Bauch zu atmen. Dann ins Herz, und wenn du kannst sogar zum dritten Auge. Reicher dich von Kopf bis Fuß mit glorreicher Sexualenergie an. Orgiastischer wird’s im Leben nicht!

Spiritueller Sex ist nichts Mystisches.

Wir müssen keine Mantren rezitieren, keine Yantras auf unsere Körper malen und nicht vom Guru initiiert werden. Lass einfach langsam in deinem Tempo Bewusstsein und Liebe in deine Sexualität hineinfließen und du wirst überrascht sein, wie sie sich transformieren wird.

Als ich meinen Liebsten kennen lernte, prallten verschiedene Verständnisse von Sex aufeinander und es macht Spaß, die Horizonte zu erweitern. Ich freue mich jetzt jedenfalls auf mein Sex-Date morgen zur ausgemachten Zeit und genieße es gleichermaßen, spontan auf dem Schreibtisch genommen zu werden.

Liebt euch!

Katharina

Titelbild © Matheus Ferrero via Unsplash

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2 Kommentare / Schreibe einen Kommentar

  1. Also ich finde das das austauschen von Orgasmen und Körperflüssigkeiten auch eine sinnvolle Möglichkeit ist, diese zu investieren .D

  2. Ich kann das nur bestätigen. Seitdem meine Partnerin und ich vor einigen Jahren unseren ersten gemeinsamen Tantra Kurs besucht haben. Ist unsere Beziehung viel intensiver geworden. Wir fühlen uns seitdem viel näher. Und das spürt auch unser Umfeld. Wir leuchten nicht nur in uns, sondern tragen es auch nach aussen. Und der Sex wird von mal zu mal intensiver und inniger.

    LG
    Milan

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