10 wirklich gute Tipps für neue Yogalehrer*innen

Ich erinnere mich noch gut an meine ersten Yogaklassen als Lehrerin. Auf der einen Seite war ich entzückt von der Idee, all das Wissen, das in meiner Ausbildung in mich reingeschüttet wurde, endlich weitergeben zu können. Auf der anderen Seite versetzte mich die Vorstellung, nicht mehr auf der Matte mitten im Raum, sondern vor den Yogis hinter dem Harmonium zu sitzen, in Angst und Schrecken.

Besonders wenn andere Yogalehrer*innen oder fortgeschrittene Yogis in meinen Klassen auftauchten, war ich vor allem damit beschäftigt, die Klasse zu überleben – anstatt das zu tun, was mir in meinem Teacher Training mit auf den Weg gegeben wurde:

Wenn du Yoga unterrichtest, geht es nicht um dich. Es geht um die Schüler*innen.

Diese Klassen sind mittlerweile ein paar Jahre her. Jahre, in denen ich viel geübt habe. Jahre, in denen ich von großartigen Lehrer*innen lernen durfte. Jahre, in denen ich offene Klassen, Einzelstunden, Retreats und Workshops unterrichtet habe. Jahre, in denen vor allem die Yogis in meinen Stunden mir gezeigt haben, was funktioniert und was nicht.

Ich glaubte, der größte Fehler der meisten New Teacher ist, dass sie es von Anfang an alles perfekt machen wollen.

Die schlechte Nachricht: Das wird nicht klappen. Es ist noch kein Star-Teacher vom Himmel gefallen. Auch wenn die Schüler*innen dich nach der Klasse mal mit beseeltem Blick anstrahlen: Konstant gute Yogaklassen zu unterrichten, braucht eine Weile. Die gute Nachricht: Wenn du bereit bist, zuzuhören und dich auf die Lehre einzulassen, dann kannst du das lernen – und dabei eine verdammt gute Zeit haben.

Aus heutiger Sicht würde ich meinem jungen Yogalehrerinnen-Ich einige Dinge mit auf den Weg geben.

Manches wurde mir von meinen Lehrer*innen beigebracht, manches habe ich mit der Zeit selbst herausgefunden. Alles zusammen hat dazu geführt, dass ich mich beim Unterrichten immer weniger um mich (und meine Angst, nicht gut genug zu sein), dafür immer mehr um die Yogis auf der Matte vor mir kümmern konnte.

1. Find the guru: Suche dir ein Vorbild

Das muss nicht der große Guru sein, der dir das Leben erklärt. Ein Mentor oder eine Mentorin, also jemand, der dir das Handwerk des Unterrichtens beibringt, reicht völlig. Wichtig ist, dass dir der Unterrichts-Stil der Person gefällt. Du magst, wie er*sie Philosophie, Asana, den Einsatz von Hilfsmitteln, Hands-On-Assists und so weiter, in der Klasse anwendet und kannst dir vorstellen, das genauso zu übernehmen. Gut ist außerdem, wenn dein*e Mentor*in eine ordentliche Portion Erfahrung mitbringt.

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Meinem Mentor Moritz Ulrich habe ich einen riesengroßen Koffer an yogischem Handwerkszeug zu verdanken. Ich hatte das Glück, dass Peace Yoga Berlin damals gerade eröffnet hatte und manche Klassen fast nur aus Yogalehrer*innen bestanden. So gab es viel Raum verschiedene Dinge auszuprobieren – und zu lernen.

2. Be a good student: Üben, üben, üben

Gute Lehrer*innen sind immer gute Schüler*innen. Das heißt: Geh vor allem in die Klassen deines Vorbilds, aber auch in die Klassen von anderen erfahrenen Lehrer*innen. Und zwar regelmäßig. Leg dich am Anfang auf eine Methode oder ein Studio fest. Alles andere verwirrt.

Das Üben sorgt dafür, dass du die Lehren nicht nur auf einem intellektuellen Niveau verstehst, sondern direkt im Körper abspeicherst. Notiere dir vielleicht sogar die Sequenz oder hospitiere gelegentlich eine Klasse. Überlege dir, was dir besonders gut gefallen hat, nimm die Asanas auseinander und frag dich, warum dein Vorbild die Klasse so aufgebaut hat. Wie wurde Musik eingesetzt? Was war die Ziel-Asana? Welche Vorbereitungs-Übungen gab es? Welche Worte nutzt er*sie, um die Ausrichtung zu erklären? Wie ist die Körpersprache während des Unterrichtens?

3. Why? Bei Fragen fragen

Mit Sicherheit tauchen dabei (und an vielen anderen Stellen) Fragen auf. Meistens beginnen sie mit „Warum…?“. Frag! Es gibt nichts Wertvolleres, als Lehrer*innen, die dir erklären, warum sie was wie unterrichtet haben. Wahrscheinlich stellst du auch Widersprüche fest zu Dingen, die du woanders gelernt hast. Macht nichts: Versuche offen für die Antwort zu sein und probiere dann aus, was für dich funktioniert. Nur so bekommst du neue Einblicke.

Ich habe Moritz (und vielen anderen) Löcher in den Bauch gefragt – und bin unendlich dankbar für all die Antworten, die ich über die Jahre bekommen habe. Habe keine Scheu, Fragen zu stellen oder zu nerven! Fragen geben Lehrer*innen die Möglichkeit, zu lehren. Die Verantwortung dafür, wann sie wie für dich erreichbar sind, können sie gut selbst übernehmen.

4. Ask more: Nimm alles Feedback, das du kriegen kannst

Man erhält so viele neue Eindrücke, wenn man es sich erlaubt, den Blickwinkel einer anderen Person einzunehmen. Mir ist das Feedback meiner Lehrer*innen bis heute Gold wert und hat mich immer bereichert.

Wenn du andere Lehrer*innen in deinen Klassen hast, bitte sie um konstruktives Feedback. Wichtig: Überlege dir gut, wen du fragst. Die Person sollte dir wohl gesonnen sein und ihr Feedback begründen können. Und du solltest die Person für kompetent halten. Nimm das Feedback an und verzichte auf Defensive. Frage nach, wenn dir unklar ist, warum jemand dir etwas vorschlägt. Und sei nachsichtig mit dir selbst: Fehler, Versprecher und Co. passieren jedem und sind eine wunderbare Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln.

5. Prepare: Bereite deine Klassen ordentlich vor

Am Anfang habe ich Tage damit verbracht, mir Asana-Klassen auszudenken, einen Fokus zu wählen, nachzulesen und Playlisten zusammenzustellen. Möglicherweise habe ich damit übertrieben. Doch je besser die Klasse vorbereitet war, desto sicherer fühlte ich mich und desto leichter konnte ich mich auf die Schüler*innen konzentrieren. Du erinnerst dich: Es geht nicht um dich.

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Schreibe deine Vorbereitung auf! Plane die Zeit ein, die du für die einzelnen Sequenzen brauchst und notiere das Timing. Eine gute Idee ist es außerdem, optionale Asanas einzuplanen, die du je nach zeitlicher Verfügbarkeit weglässt oder zusätzlich unterrichtest.

Im Idealfall übst du deine Klassen selbst, bevor du sie unterrichtest. So erkennst du eventuelle Stolpersteine, merkst, ob die Übergänge funktionieren und weißt, was sich gut oder weniger gut anfühlt. Bedenke immer, dass es länger dauert, eine Sequenz zu unterrichten als selbst zu üben.

6. Keep it simple: Zuviel Kreativität killt die Energie der Klasse

Dieser Punkt war schwierig für mich. Ich dachte, meine Klassen wären langweilig, meinte, ich müsste den Yogis mehr Abwechslung bieten. Großer Quatsch! Auch wenn ich es liebe, neue Dinge auszuprobieren, sind die simpelsten Klassen meistens die besten. Ganz besonders für Newbies gilt: Mache das, was du gut kannst. Verheddere dich nicht in deinen eigenen Ansprüchen. Die Yogis werden es dir danken, wenn du eine gute, einfache Asana-Klasse unterrichtest.

Im Jivamukti Yoga, der Methode, in der ich ausgebildet bin, ist eine Sequenz namens Spiritual Warrior das Grundgerüst. Diese sehr runde und in sich stimmige Abfolge orientiert sich am Chakra-System. Grundlegend kann man sagen: Beginne mit einem anständigen Warm Up aus einfachen Übungen und Sonnengrüßen, mach weiter mit stehenden Haltungen und sorge dann dafür, dass alle Asana-Gruppen vorkommen, auch wenn du einen konkreten Fokus hast. Savasana muss natürlich immer sein.

Orientiere dich an dem Gerüst, das deine Lehrer*innen vorgeben. Kopiere ihre Sequenzen und unterrichte genau das, was sie dir beibringen. Menschen lernen über Imitation. Von dieser Basis aus kannst du dich später noch jahrelang yogisch-kreativ austoben.

7. Silence is better than bullshit: Geh sparsam mit yogischen Weisheiten um

Es ist wunderbar, yogaphilosophische Teachings in den Unterricht einzubauen. Doch ganz ehrlich: Auch heute höre ich mich bisweilen selbst reden und denke: „Oh man, Rebecca, was redest du da für Zeug?“

Fakt ist: Es ist schwierig die Philosophie alltagstauglich aufzubereiten und sie so zu vermitteln, dass es sich für die Übenden nicht anfühlt wie eine Moralkeule, die ihnen über das schwitzende Haupt geschwungen wird. Auch hier hilft gute Vorbereitung. Oder man greift auf die Worte von anderen schlauen Menschen zurück und liest eine kleine Geschichte, ein Gedicht oder ein Zitat vor, um der Klasse Tiefe zu verleihen.

Gerade am Anfang halte ich es für sinnvoll, sich erst einmal auf das Ansagen der Asanas zu konzentrieren. Irgendwann werden die schlauen Worte dann von ganz alleine fließen – vorausgesetzt man fühlt sich wohl damit, liest ab und zu ein Buch und beschäftigt sich mit der Philosophie.

8. Back to the basics: Übe Beginner-Klassen

Die Yogis, die du unterrichten wirst, haben andere Körper und eine andere Praxis als deine Kolleg*innen aus dem Teacher Training. Das merkst du spätestens in der ersten Klasse, die du unterrichtest. Sie wissen nicht, was der Drehsitz ist (geschweige denn Ardha Matsyendrasana) und wie sie diesen Sitz üben können. Es ist deine Verantwortung, sie Schritt für Schritt in die Haltung zu leiten und dafür zu sorgen, dass sich diese Haltung auch gut anfühlt.

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Deshalb: Geh in Klassen für Anfänger*innen! Hier lernst du, worauf es in einer Asana ankommt, wie du sie modifizieren kannst und wie du Hilfsmittel sinnvoll einsetzt. Ich verspreche dir, die Stunden werden deinen Unterricht sehr bereichern. Ganz besonders, wenn du selbst Anfänger*innen unterrichten möchtest. Hier geht es nämlich nicht so sehr um Intuition wie um handfestes Wissen, Tools und Techniken.

9. Get it on: Stell dein Licht nicht unter den Scheffel

Auch wenn es der Yogi an sich lieber unter den Teppich kehrt: In der Yogawelt gibt es jede Menge Konkurrenz- und Leistungs-Druck: Wer unterrichtet wo? Wer bekommt welche Klasse? Wer greift Privatstunden ab? Lass dich davon nicht verunsichern.

Da ich schon damals sehr gut in der Yogaszene vernetzt war, konnte ich direkt in Studios unterrichten. Ärgere dich aber nicht, wenn das nicht gleich klappt. Trotzdem ist wichtig, langsam, aber sicher, zu starten. Das Unterrichten lernt man nur durchs unterrichten und du hast jede Menge Wissen, das nur darauf wartet, weitergegeben zu werden.

Probiere, eine kleine Yogagruppe aus deinem Bekanntenkreis zuhause auf Spendenbasis zu unterrichten und lass dich in Studios auf die Vertretungs-Liste setzen. Auch Fitness-Studios sind gut für den Einstieg. Meistens nehmen die Dinge dann von ganz alleine ihren Lauf.

10. See them: Dein einziger Job als Yogalehrer*in

Zum Abschluss will ich dir noch die Worte meiner Lehrerin Sharon Gannon mit auf den Weg geben. Sie sind gleichzeitig der wichtigste Tipp in dieser Liste:

 A yoga teacher has only one job and that is to see the student as a holy being.

Beim Yoga geht es darum, sich selbst als heil, ganz und Teil des Großen Ganzen zu erfahren. Ein Schritt dahin ist es, auch andere als Teil dieses Ganzen zu sehen. Noch wichtiger als das ganze Handwerkszeug ist es also, diese Idee im Herzen zu tragen. Wenn du mit dieser Intention deine Klassen unterrichtest, hast du das Wichtigste schon geschafft. Am Ende wollen wir doch alle nur gesehen werden – und zwar so wie wir wirklich sind. Der Rest sind Kleinigkeiten, die du mit der Zeit lernen wirst.

Lass dir Zeit, unternimm die Schritte, die dir wichtig und richtig erscheinen und behalte die Freude, die die Yogapraxis in dir auslöst, fest im Herzen. Die Menschen in deinen Klassen werden das spüren.

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Mir kommt es immer noch vor als wären Yoga und die Yoga-Praxis ein großer Schatz, den ich immer weiter ausbuddeln darf. Immer Schülerin bleiben zu können, sehe ich als großes Geschenk. Und Yoga zu unterrichten, halte ich für den schönsten Job der Welt.

Ich wünsche dir alles Beste auf deinem Yoga-Weg, wo auch immer er dich hinführen mag. Ich freue mich außerdem, wenn du deine Erfahrungen in den Kommentaren teilst. Davon können wir alle profitieren.

Alles Liebe, keep studying and teaching,

Rebecca

Bilder: Grit Siwonia Fotografie

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9 Kommentare / Schreibe einen Kommentar

  1. Hallo liebe Rebecca,
    Danke für den tollen Beitrag.
    Bei mir ging leider das regelmäßig „Schüler-Sein“ verloren. Man denkt irgendwie, man kann ja auch schnell daheim nen Flow machen, aber es ist einfach absolut was anderes! Man hält die Übungen nicht so lang, geht nicht soo intensiv mit einem Thema mit und die Endentspannung ist nicht zu vergleichen. Danke für den Input, ich gehe nächste Woche gleich los und hol mir wieder eine 10er Karte :) mir fehlt es so sehr! Danke 🙏🏼

  2. Liebe Rebecca,

    ich habe den Beitrag schon vor Tagen gesehen und mir immer wieder gesagt: Jasmin, lies da rein. Endlich bin ich dazu gekommen und speichere ihn direkt als Lesezeichen, als Reminder und Support, wenn ich ins Zweifeln komme.

    Egal wie sehr man Yoga liebt, das Unterrichten kann am Anfang unglaublich schwer sein. Wie sehen die anderen mich, bin ich genug? All die Zweifel, die wir in unserer eigenen Yogapraxis besänftigen wollen, kommen wieder hoch. Am Schluss sind wir immernoch Mensch und egal welcher Beruf, wir lernen, werden besser und die einen mögen uns, die anderen nicht.

    Danke für die wunderbaren Worte!

    Jasmin

  3. Liebe Rebecca,
    danke für die wertvollen Tipps, sie kommen auch für mich gerade genau richtig. Mein größtes „Problem“ ist, dass ich totale ups und downs in meinen Klassen habe – so zumindest mein Gefühl. Manchmal gehe ich super happy und beseelt nach Hause, manchmal habe ich während der Stunde das Gefühl, dass mir nur komische Sätze aus dem Mund kommen und ich mich ständig wiederhole. Am liebsten würde ich dann ganz schnell meine Matte zusammenrollen und einfach gehen :-D Auch schwierig finde ich es, sich nicht zu vergleichen. Immerhin zahlen die Yogis viel Geld für eine Stunde und ich habe, besonders bei Vertretungsstunden, dann das Gefühl eine genauso tolle Stunde geben zu müssen, wie der vermutlich schon viel erfahrenere Lehrer. Das sind nur zwei der Dinge, über die ich mir vorher gar keine Gedanken gemacht hatte…
    Liebste Grüße,
    Jana

    1. Liebe Jana,
      das ist ganz normal. Auch der tollste Lehrer kann nicht immer Wahnsinns-Stunden unterrichten. Nie vergessen: Wir sind alle Menschen!
      Und ja, die Schüler*innen zahlen Geld, aber hast du schon einmal überlegt, dass sie vielleicht genau deinen Stil mögen? Erfahrung ist nicht alles. Ich weiß, es ist nicht so einfach, aber versuch dir nicht so viele Gedanken zu machen und gib dir Zeit.
      Alles Liebe und viel Freude am Unterrichten,
      Rebecca

  4. Hallo Rebecca!
    Ich kann dir in allen Punkten nur zustimmen! Ich finde, am wichtigsten ist es, immer authentisch zu bleiben und nie aufzuhören dazu zu lernen. In jeder Yogastunde, jedem Workshop die ich halte lerne ich so viel und bin meinen Schüler*innen extrem dankbar dafür!
    Alles Liebe, Kathi

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