Die Yogapubertät: Wenn unterrichten zur Identitätskrise führt

Als ich in meiner Yogaausbildung vor meinen Mit-Trainees stand und als Lehrprobe eine 20-minütige Sequenz unterrichtete, lief ich danach wie auf Wolken zu meiner Matte zurück.

Ein mir unbekanntes Glücksgefühl prickelte und pulsierte in jeder Pore meines Körpers.

Ursprünglich wollte ich meine Ausbildung bei yogafürdich nur für mich machen, um tiefer in Yoga einzutauchen und meine Praxis zu vertiefen. Und hier stand ich nun, ganz berauscht davon, einen Raum für Menschen aufzumachen, auch für die in der hintersten Reihe, Assists zu geben und gleichzeitig Anleitungen geben zu können und überhaupt, dass all diese Menschen im Raum im Gleichtakt atmen!

Mein Feuer, meine Leidenschaft und mein Ehrgeiz waren geweckt. Und sicherlich auch mein Ego.

Victor Thiele, mein Ausbilder, zeigte sich begeistert davon, dass ich in seinen Worten “total drin, total abgetaucht” war in meiner Yogablase, während der Ausbildung eine Million Fragen stellte und kein anderes Thema mehr kannte. Ich fühlte mich angekommen darin, meinen kleinen Yogaschatz mit der Welt teilen zu können und etwas gefunden zu haben, das mir so leicht fiel und sich wie das Natürlichste der Welt anfühlte.

Außerdem ist Yoga dieser Teil meines Lebens, den ich nur für mich habe.

Ich stand plötzlich nicht mehr in einem inneren Wettbewerb, mit den Erfolgen meiner Familie mithalten zu müssen, sondern hatte meinen ganz eigenen Weg endlich gefunden.

Zugleich gab Victor zu bedenken, dass es viel Energie von mir erfordern werde, den Raum so zu halten, wie ich es in dieser Lehrprobe getan hatte und ich besser auf meine Reserven achtgeben müsse. Sonst wäre ich schneller als gedacht ausgebrannt und das innere Feuer erloschen.

Schnell begann ich damit, neben meiner Ausbildung zu unterrichten, um gar nicht erst diese große Hürde und den Respekt vor dem Unterrichten, von dem mir viele berichteten, aufkommen zu lassen. Bei den ersten Oms zitterte meine Stimme und mein Herz schlug mir bis zum Hals, aber sobald ich drin war, in meiner zone, war ich on fire. Victor bot mir noch vor Ende der Ausbildung an, eine feste “New Teacher Class” in seinem Kreuzberger Studio zu übernehmen.

So stieg aber auch mein Anspruch an mich selbst immer mehr.

Ich tappte in die üblichen Fallen, mich stark zu vergleichen, meine Stundenbilder anzuzweifeln und war unzufrieden, wenn mir ein Wortdreher unterlief. Wenn ich Victors Stunden besuchte, fiel ich danach regelmäßig in ein Loch. Niemals werde ich in der Lage sein, mit solch einer Präzision, so viel Witz und Gelassenheit da vorne zu stehen!

Aber ich stand noch unter Welpenschutz – schließlich hatte ich “noch nicht mal” meine Ausbildung abgeschlossen und übte mich schon im Unterrichten.

Das fanden alle toll, das Feedback war super, links/rechts Verwechsler wurden toleriert und ich konnte mich auf dem Umstand meines Auszubildendendaseins ganz bequem ausruhen, wenn etwas schief ging. 

Jetzt habe ich seit zwei Monaten mein Yoga-Zertifikat in der Hand und mein Selbstwertgefühl ist damit in den Keller gesaust.

Ich fühle mich wie ein Eisbär, dessen Polar-Grund sich vom Rest des Festlandes gelöst hat und der alleine vor sich hintreibt.

Ich befinde mich in einer waschechten Identitätskrise, einer Art zweiten Pubertät, einer Yogapubertät.

Wer will ich als Lehrerin sein? Die anderen Lehrer*innen, die ich bewundere, sind ganz besonders warm oder strahlen eine Ruhe aus, die ich selbst gerne hätte. Manche sind besonders witzig, andere wieder total kreativ oder geben einem tolle Denkanstöße.

Welchen Stil finde ich gut und warum, was, wenn ich mehrere Stile gut finde? Wie soll ich mich entscheiden? Muss ich mich denn entscheiden? In meiner Brust schlagen zwei Herzen, ich praktiziere seit Beginn meines Yogaweges Jivamukti Yoga, zugleich schätze ich den Yogafürdich Power Vinyasa Stil für seine Klarheit, für anatomische Präzision, Kraftaufbau und Vielfalt. 

Als ich dann eines Tages noch ungefragt Feedback zu meiner Klasse bekam, einen Tag nach der extrem emotionalen Abschiedszeremonie unserer Ausbildung, nach Tagen voller Feedback, ohne Energie und mit zugegebenermaßen schlechter Vorbereitung, fing mein Selbstwertgefühl als Yogalehrerin dann vollends an, sich in Luft aufzulösen. 

Um in den Analogien aus der Tierwelt zu bleiben – ich fühlte mich wie eine Schnecke, ihres Hauses beraubt über den Boden schleimend, kriechend, nicht voran kommend, ohne Ziel. 

Statt besser wurde ich gefühlt immer schlechter!

Ich fiel in eine Schockstarre und es war mir gar nicht mehr möglich, meine Klassen ordentlich vorzubereiten, weil ich zwischen den Stilen so hin- und hergerissen war und gar nicht mehr wusste, wo oben und unten ist. Also habe ich mich für die Prokrastination entschieden – einfach so lange nichts machen und die Vorbereitung vor mir herschieben, bis meine Yogaklasse wieder dran war. 

Und na klar, self fulfilling prophecy mäßig waren meine Klassen dann auch dementsprechend – ich stotterte mir einen ab, weil ich schlecht vorbereitet war, die Musik passte nicht wie ich es mir vorgestellt hatte, beim Assistieren hatte ich Blackouts und die korrekte Ansage von  links und rechts war an diesem Punkt komplett abgeschrieben.

Auch Wortfindungsstörungen schlichen sich mal mehr, mal weniger stark ein – wie heißt nochmal dieses hintere Ding des Fußes? “Vorbeuge, bring die Füße neben die Hände” – nee warte, hier ist irgendwas falsch. Steißbein, Schambein, welches Bein wohin bitte?

Meine Leichtigkeit, die Selbstverständlichkeit und Natürlichkeit, das High, das mich beim Unterrichten überkommen hatte, hatten sich durch meine nagenden Zweifel sang- und klanglos verabschiedet.

Ich schaute meinen Schüler*innen ins Gesicht und mich überfielen Selbstzweifel und die blanke Angst – Die finden es blöd, die finden MICH blöd.

Ich kam an den Punkt, wo ich mit dem Gedanken spielte, das Unterrichten doch einfach sein zu lassen. Vielleicht sollte ich meinen Yogaschatz einfach doch für mich behalten. Ihn in meiner eigenen Praxis hegen und pflegen, vor der bösen Außenwelt beschützen und ihn mir nicht von meiner eigenen Negativität rauben lassen.

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Gerade bin ich noch dabei, mich aus diesem Loch wieder heraus zu buddeln.

Wie ich das anstelle? Erstmal bin ich drei Wochen krank geworden – immer ein Zeichen meines Körpers, sobald ich psychisch unter Druck gerate. Wahrscheinlich ein Weg, mich unbewusst vorm Unterrichten zu drücken. 

Jetzt habe mir selbst einen gehörigen Motivationskick in den Allerwertesten verpasst. Aufgeben und verkriechen? Das wäre Hochverrat an mir selbst und meiner Persönlichkeit! 

Ich versuche, meine Selbstzweifel anzunehmen, ihnen Raum zu geben, da zu sein und sie nicht um jeden Preis wegschieben zu wollen. Es ist wie immer, wenn man etwas Neues lernt. Man fällt ein paar Mal auf die Nase, bevor man eine Sache meistert. Im Falle vom Yogaunterrichten wird das bestimmt seine Zeit dauern und ein lebenslanger Lernprozess sein, auf den ich mich eigentlich freue.

Und das Gute ist: Jede Pubertät geht irgendwann zu Ende.

Die metaphorischen Aknepickel verschwinden, der modisch fragwürdige Ponyschnitt weicht einer ordentlichen Frisur und zu den Eltern ist man auch wieder nett. Später erinnert dann noch ein trashiges Tattoo an eine Zeit in unserem Leben, auf die wir mit einem nostalgischen Lächeln auf den Lippen zurückblicken.

Alles Liebe

deine Schnecke Sheila

Titelbild © Araí Moleri

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11 Kommentare / Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Sheila,

    danke für Deinen Erfahrungsbericht. ich bin gerade vor dem letzten Modul meiner 200h-Ausbildung. Ich möchte gerne unterrichten, aber Selbstzweifel habe ich auch immer, mal mehr mal weniger.

    Auf der Arbeit über ich immer mit einem Kollegen. Der mag das meinen Unterricht, aber der Gedanke, mal in einem Studio vor 10-20 fremden Menschen zu stehen, verursacht Freude und Herzklopfen zugleich.

    Am 3.November um 16:30 bin ich dann ordentlich zertifiziert. ;-)

    Liebe Grüße,

    Andreas

  2. Liebe Sheila,

    Wow. Ich dachte nicht, dass es auch anderen so gehen würde. Ich habe meine Yoga Ausbildung auch eher für mich gemacht, allerdings war für mich die Prüfung der Horror. Ich hatte so viel Angst etwas zu vergessen oder falsch zu machen. Im Endeffekt lief es dann gut und danach habe ich mich gefühlt wie auf Wolke 7, aber meine Angst blockiert mich so sehr. Ich bin dann nach Mexiko ausgewandert und natürlich wollte ich dann erstmal noch weiter an meiner Yoga Praxis arbeiten und an meinem Yoga Spanisch bevor ich unterrichten wollte. Ich habe bis jetzt 3 Unterrichtsstunden gegeben und eigentlich lief es nicht schlecht. Ich habe leider keinen eigenen Kurs zugeteilt bekommen, weil das Yogastudio bereits genug Lehrer hatte, weshalb ich im Moment nicht unterrichte und nur mit diesem Gedanken und dem Traum davon das hinter der Angst es mir vielleicht doch Spass machen könnte geblieben bin. Vielen Dank für deinen Artikelt, er hat mir sehr geholfen.

    LG
    Raphaela

    1. Liebe Raphaela,
      vielen Dank dafür, dass du deine Zweifel so offen und ehrlich mit uns teilst.
      Ich bin froh, dass der Artikel uns allen zeigt, dass wir mit unseren Gedanken nicht alleine sind, nein, sie scheinen einfach dazuzugehören.
      Ich möchte keine ungefragten Ratschläge erteilen, aber vielleicht solltest du einfach mal ohne Druck an deinen Freunden oder Arbeitskolleg*innen üben? So bleibst du in Schwung und vielleicht nimmt es dir die Angst davor, wenn du weißt, dass alle Teilnehmenden dir wohlgesonnen sind.
      Ich wünsche dir auf jeden Fall alles Gute!

      Ganz liebe Grüße und einen festen Drücker aus Berlin,
      deine Sheila

  3. Liebe Sheila, genau was du beschreibst ist gerade mein Problem. Ob ich gut genug bin, ob ich überhaupt eine Yogalehrerin sein kann, was ich mir denn Bitteschön einbilde, alle anderen können besser, sind dehnbarer, haben mehr Tiefe. Dieser Artikel hat mich sehr berührt und mir auch Mut gemacht. Danke dafür!!!

  4. wow ganz toll geschrieben, vielen dank für deinen artikel. ich finde mich darin total wieder und es tut einfach gut zu lesesn, dass es noch mehreren frisch gebackenen yogalehrern so geht.

    1. Liebe Sonja,
      it seems like we’re all in this together!
      Es scheint vielen von uns sehr ähnlich zu gehen und vielleicht sollten wir alle gemeinsam mehr zu unseren Zweifeln stehen und nicht versuchen, irgendwelchen elfengleichen Yogawesen nachzueifern. Uns offen und verletzlich zeigen. Und uns gegenseitig unterstützen!
      Alles Gute dir,
      Sheila

  5. Liebe Sheila,
    was für ein herrlich ehrlich erfrischender Artikel – DANKE!!
    Ich starte nächstes Jahr im August meine Ausbildung und bin Dir unsagbar dankbar für Deine ehrlichen Worte. Wieder etwas, auf das ich vorbereitet sein kann.
    Was ich aber als Schülerin viel wichtiger finde zu sagen: Gerade diese Ehrlichkeit, dieses nicht Perfekte finde ich persönlich in einer Welt in der alles immer soo schön und toll ist, sehr sympathisch und gut. Denn es zeigt wie menschlich Du bist und das finde ich einfach toll!!
    Mach exakt genau so weiter und alles wird gut, daran glaube ich ganz fest! Alles Liebe Moni

    1. Hi Moni,
      lieben Dank für deine Worte!
      Zum Ende der Ausbildung hab ich mich wirklich gefühlt, wie aus dem Nest gekickt und jetzt muss ich als Yogaküken lernen, zu fliegen. Das erfordert Zeit, Gebuld und wird mich wohl immer mal wieder zu Selbstzweifeln führen.
      Das gehört dazu, wenn man vor einem Haufen Menschen steht, die einen erwartungsvoll angucken, und man seinem eigenen, überzogen hohen Standard gerecht zu werden versucht. Und das tolle daran ist – ich merke durch diesen Artikel und die Rückmeldungen, dass ich damit ganz un gar nicht alleine bin! Es geht ALLEN so und ist Teil des Prozesses.
      Und gestern dann hatte ich eine wahnsinnig tolle Klasse, mit ganz viel Klarheit, Kraft und Selbstsicherheit. Es ist also, wie das Leben an sich, eine einzige Sinuskurve.

      Ich wünsche dir jetzt schonmal viel Erfolg für deine Ausbildung und einen wundervollen weiteren Yogaweg!
      Liebst
      Sheila

  6. Richtig Toller Artikel – er beschreibt meine Situation ähnlich :)… nur bin ich wahrscheinlich 30 Jahre älter – Yoga-Klimakterium :))?? Wir werden es schaffen Sheila – es kann nur der richtige Weg sein, nachdem wir schon hier sind wo wir sind! GO FOR IT!!!
    Alles Liebe Sabine

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