Du beginnst eine Yogaausbildung? Das solltest du wissen

Es ist Dezember 2017 und ich sitze da mit gebrochenem Herzen, als ich den Entschluss fasse, das kommende Jahr meine hyper-rationalen Annahmen über das Leben infrage zu stellen und der Sache mit der Spiritualität eine Chance zu geben.

Wenn Freund*innen mir bisher etwas von Energien erzählten, verdrehte ich die Augen und wenn jemand über Seelen sprechen wollte, war eins klar – nämlich, dass ich den Raum verlasse.

Niemals im Leben hätte ich gedacht, dass ich im Sommer 2019 mein Yogalehrerinnenzertifikat in der Hand halten würde!

Wie es dazu kam? Ob man es glauben will oder nicht, nahm meine Yogareise ihren Anfang im Technoclub Berghain. Dort tanzen nämlich auch Yogaleute! Bei dröhnenden Bässen traf ich die Organisatorin eines Yogaretreats und meldete mich spontan an. 

Eine Woche gemeinsam Schweigen am Morgen, staunende Gesichter beim Acro Yoga, das erste Mal im vollen Rad stehen und beim Yin Yoga unglaublich wütend werden – diesem Gefühls-Kuddelmuddel entsprang schnell der Wunsch, eine Yogaausbildung zu starten. Und scheinbar aus dem Nichts war mir schnell klar, dass ich meine einjährige, berufsbegleitende Ausbildung bei yogafürdich absolvieren würde, ohne vorher einen Fuß in das Studio und in Victors Stunden gesetzt zu haben.

Egal, auf welche Art und Weise du dich für eine Ausbildung entscheidest, ob intuitiv wie ich, oder ob du eher der Typ bist, der monatelang recherchiert und anschließend mithilfe von Pro- und Kontralisten Entscheidungen trifft; egal ob dich deine Ausbildung in entfernte Gefilde wie Indien führt oder du sie zuhause absolvierst, ob in einem Intensivkurs oder berufsbegleitend:

Wahrscheinlich bist du gerade total aufgeregt.

Du schwankst zwischen Vorfreude und Panik und fragst dich, wie du dich vorbereiten kannst auf diese transformierende und aufregende Zeit, die dir bevorsteht.

Hier sind die Ratschläge, die ich mir zu Beginn meiner Ausbildung gewünscht hätte.

Get fit or die tryin’:  Die körperliche Vorbereitung

Es schadet nicht, vor der Ausbildung verstärkt Zeit auf der Matte zu verbringen und die eigene Praxis zu vertiefen. Die körperlichen Anforderungen im Teacher Training sind zum Teil ganz schön krass – wir haben an einem Ausbildungstag stets gemeinsam praktiziert, in Klassen assistiert, in den Folgeklassen mitpraktiziert und uns stundenlang gegenseitig ausgerichtet und Assists geübt. Sonntags habe ich mich oftmals um zehn Jahre gealtert gefühlt – da stand mir dann das gesamte Programm von vorne bevor. 

Drei bis fünf Stunden Praxis am Tag sind in Teacher Trainings keine Seltenheit.

Ich kann nur empfehlen, möglichst drei Monate vorher mindestens drei Mal die Woche zu praktizieren, um Muskelkater und Ermüdungserscheinungen während der Ausbildung zumindest zu minimieren. 

Wenn du aber warum auch immer nicht zu der entsprechenden Vorbereitung kommst, verurteile dich nicht dafür! Ich habe mein erstes Chaturanga auch erst im Teacher Training gemeistert. 

Make TimeDu brauchst mehr Zeit, als du denkst

Dies gilt vor allem für Leute, die sich berufsbegleitend ausbilden lassen und nicht sowieso in einem Intensivkurs stecken: Unterschätze nicht die Vor- und Nachbereitungszeit, die du dafür aufwenden musst, um deine Hausaufgaben und Vorträge vorzubereiten. Es kommt selten vor, dass du nach einem Ausbildungswochenende um 17 Uhr herauskommst und wirklich frei hast. 

Nimm dir auch in den Wochen zwischen den Ausbildungswochenenden genügend die Zeit, um die Inhalte zu wiederholen, Sachen nachzuschlagen und nachzulesen. Der zeitliche Aufwand ist nicht auf die Zeit in den Räumlichkeiten der Ausbildung begrenzt!

Außerdem empfehle ich dir bei einer berufsbegleitenden Ausbildung, deine Wochenenden nicht zu vollzupacken. Ich habe mir anfangs Dinge nach den Trainings vorgenommen, da ich nach meiner vollen Arbeitswoche das Wochenende “ausnutzen” wollte. Dabei habe ich vollkommen unterschätzt, wie kräftezehrend die körperliche Praxis, das Verarbeiten neuer Informationen und die vielen Menschen um mich herum doch sind. 

Halte dir die Ausbildungswochenenden lieber frei, fülle den Kühlschrank gut auf und entscheide spontan, ob du noch die Energie hast, etwas zu unternehmen. Schlussendlich habe ich fast jede Verabredung abgesagt und gegen eine großen Portion Pasta um 20 Uhr im Bett eingetauscht.

I’ma read I’ma read I’ma read – Der Lesestoff

Es gibt unzählige Bücher, um in die Welt des Yoga einzutauchen – Uli hat kürzlich einen super Artikel über die besten Bücher für angehende Yogalehrer*innen geschrieben. Es ist hilfreich, sich im Vorfeld einen Überblick über Yogaphilosphie und die Grundbegriffe im Yoga zu verschaffen. Wahrscheinlich gibt es auch eine Leseliste, die du bei der Anmeldung zur Ausbildung bekommen hast. Schau sie dir an!

Allerdings musst du dir nicht schon alles Wissen aneignen, bevor die Ausbildung überhaupt angefangen hat! Lasse dich nicht stressen, wenn die anderen die Sanskrit-Begriffe jeder Asana auswendig können oder die Bhagavad Gita zum einschlafen lesen.

Ich persönlich finde es schöner, von den Ausbilder*innen direkt zu lernen und ihnen ganz genau zuzuhören. Auf diese Art bleibt bei mir mehr hängen. Danach kann ich gezielt tiefer in die Materie einzutauchen und das nachlesen, was mich besonders bewegt und meine Neugierde weckt.

Stop the comparisons! Die mentale Vorbereitung

Vielleicht beschleicht dich eine plötzliche Angst vor der eigenen Courage und du fängst an, an deiner Entscheidung zu zweifeln. 

Ich bin nicht fortgeschritten genug in meiner Praxis. Wie soll ich als Yogalehrer*in den Spagat unterrichten, wenn ich ihn selber nicht kann? Wie soll ich eine Hüftöffnerklasse anleiten, wenn ich mich durch die schlafende Taube mit grimmigem Gesichtsausdruck atme? Meine TT-Kolleg*innen fragen sich bestimmt, was ich hier mache, wenn ich nicht auf dem Kopf stehen kann.

Kommt dir bekannt vor? Herzlich willkommen in meinem Kopf. 

Du wirst höchstwahrscheinlich den ein oder anderen Moment in der Ausbildung erleben, in dem du dich mit den anderen vergleichst und denkst, du seist nicht gut genug. Oder, dass es da draußen doch genug Yogalehrer*innen gibt, die viel besser sind.

Begrüße deine*n innere*r Kritker*in, der*die dich davon abhält, ganz in deine Kraft zu kommen.

Zum einen weißt du nie, welchen Background deine Trainee-Kolleg*innen haben. Manche haben als Kind Leistungsturnen gemacht und sind dehnbar wie ein Gummiband. Andere sind vielleicht, wie in meiner Ausbildung, totale Crossfit-Cracks und du fühlst dich wie eine zu lange gekochte Spaghetti neben den ganzen gestählten Körpern. 

Gedanken sind nur Gedanken und keine Wahrheiten! – Judith Vogel-Weissinger 

Im Endeffekt ist es vollkommen egal, wo du im Vergleich mit den anderen stehst – ob reale oder eingebildete Zweifel! Du bist nicht hier, um später vor Publikum eine Flexi-Show abzuziehen – als Yogalehrer*in geht es darum, den Fokus auf deine Schüler*innen zu legen.

Außerdem finde ich es sympathisch, wenn vor mir nicht dieses perfekte Lehrer*innenwesen steht, das grundsätzlich strahlt, sich in alle Richtungen verbiegen und einhändige Handstände vorturnen kann. Sondern ich mich mit der Person identifizieren kann und sie irgendwie “nahbar” ist.

Tipp meiner Ausbilderin Frauke Schroth: Unsicherheiten, Nervosität und Ängste sind auch Energien – wandle sie um und nutze diese Energie! 

 

Du beginnst eine Yogaausbildung? Das solltest du wissen 3
Sheila unterrichtet das erste Mal ihre TT-Kolleg*innen

Stelle dir vor und im Laufe der Ausbildung immer wieder folgende Fragen:

  • Was gibt dir Yoga?
  • Was davon möchtest du teilen und wie?

Deine Antwort wird ganz individuell ausfallen. Insofern kannst auch nur du Yoga auf diese Art und Weise weitergeben. Du wirst Menschen mit deinem Unterricht anziehen, die damit resonieren.

Werbung

Contentbanner rechts 1 (frei)

Shy like an angel? Freundschaften in der Ausbildung

Vielleicht gehörst du zu den introvertierten Charakteren und du hast Schwierigkeiten, auf neue Menschen zuzugehen. Oder du hast Angst, dass die anderen dich nicht mögen. Dann kann so ein Training eine ziemliche Herausforderung sein!

Eine Yogaausbildung versammelt die verschiedensten Arten von Menschen und sie alle haben ihren ganz eigenen Grund, der sie dorthin geführt hat. Vielleicht sind es Menschen, die ein komplett anderes Leben führen als du. Und das ist toll! Denn du kannst von jedem*r Einzelnen etwas lernen.

Ich bin mit den Gedanken in die Ausbildung gegangen, dass ich dort bin, um Erfahrungen zu sammeln und nicht, um Kontakte zu knüpfen. Dass danach alles ist, wie zuvor. Mehr daneben hätte ich nicht liegen können!

Mein ganzes Leben hat sich auf den Kopf gestellt. Und ohne meine unfassbar tollen Verbündeten im Training hätte ich das niemals verarbeiten können. 

Diese tiefgreifende Erfahrung können die Menschen am besten nachvollziehen, die sie gerade mit dir durchmachen.

Klar haben meine anderen Freund*innen ab und zu gefragt, wie das Training läuft – den Prozess, den das bei mir angestoßen hat, konnten sie jedoch nie so richtig nachvollziehen. Sie witzeln über die Dauer-Yogaschleife, die sich in meine Konversationen geschlichen hat.

Das Training führt ziemlich häufig zu einem Yoga-Rausch, in dem man alles hinterfragt und gerne mal den Job (ich) oder die Beziehung (auch ich) hinschmeißt. 

Ohne meine Freundin aus dem TT wäre ich nie hier bei FLGH gelandet, weil sie mir in meiner “Wie soll es weitergehen?”-Krise die Ausschreibung für das Praktikum geschickt hat.

Nimm die Möglichkeit wahr, dich als wichtiger Teil der Gruppe zu fühlen und trage deinen Teil dazu bei, einen Safe Space für alle zu kreieren. Suche dir Verbündete und übe mit ihnen Sequenzen und Assists, habe so viel Yoga-Talk wie möglich (andere können es sowieso nicht mehr hören) und unterstützt euch gegenseitig auf dem Yogaweg! 

Expand your horizon – Sei offen!

Während des Teacher Trainings bin ich an jedem Tag mindestens ein Mal auf inneren Widerstand gestoßen und habe mich dafür wiederum total verurteilt. 

Tanzen im Club geht so wunderbar und wild, und jetzt soll ich mich morgens um neun von meiner Yogamatte lösen, um zu tanzen?

Es war mir unbegreiflich, warum mir das so schwer fiel. Ich hielt mich für ach so locker und nun wollte ich mich am liebsten in Luft auflösen, um der Situation zu entkommen. Inzwischen ist das gemeinsame Tanzen zu meinem Highlight in der Ausbildung geworden. 

Die Ausbildung ist der perfekte Rahmen, um dich selbst zu entdecken und neue Erfahrungen zu sammeln – schlage keine von ihnen aus!

Du wirst viele Dinge in der Ausbildung erleben, die dich komplett aus deiner Komfortzone holen. Akzeptiere die Gefühle, die sich in solchen Momenten zeigen!

Tipp von meinem Ausbilder Victor Thiele: Bereite dich mental vor, indem du in einer kurzen Meditation ein Gefühl der Offenheit und Vorfreude in dir kreierst, um dich für die Herausforderungen zu wappnen.

In unserem Alltag sind wir viel damit beschäftigt, unsere Emotionen wegzuschieben, kleinzureden und zu ignorieren. Hier werden sie alle auf dich einprasseln – Neugierde und Freude, Stolz und Liebe, Frust, Niedergeschlagenheit, Überforderung. 

Lasse allen Emotionen ihren Raum, mache dich verletzlich, nimm die Gefühle an und dann lasse sie gehen. Habe Vertrauen in den Prozess, der hiermit angestoßen wird.

Cruel Intentions? Zeit für Intentionen!

Du willst schon lange aufhören zu rauchen? Du spielst mit dem Gedanken, vegan zu leben? Jetzt ist die richtige Zeit dafür, längst überfällige Vorsätze in die Tat umzusetzen. 

You know nothing, Jon Snow – Die Sache mit dem Lernen

Mein Training neigt sich dem Ende zu und neben einem riesigen Wust an Informationen schleicht sich die Sorge ein, dass ich viel zu wenig weiß, um etwas an andere weitergeben zu können. Was sind nochmal ISG und Psoas? Wie kreiere ich eine noch nie dagewesene Sequenz? 

Deine Ausbildung ist eine Basisausbildung, die Reise hat gerade erst begonnen! Das Schöne am Yoga ist, dass wir immer Lehrer*in und Schüler*in zugleich sind. Bewahre dir deine Neugierde, Offenheit und deinen Wissensdurst.

Lernen ist ein lebenslanger Prozess!

Mein Leben hat sich durch die Yogaausbildung um 180 Grad gedreht und ich bin unendlich dankbar, dass das Leben mich dorthin geführt hat. Jetzt bin ich wahnsinnig gespannt auf all das, was noch kommen mag.

Ich wünsche dir eine aufregende und transformierende Zeit bei deiner Yogaausbildung und würde mich darüber freuen, von deinen Erfahrungen zu hören!

Deine Sheila

Titelbild © Lydia Hersberger

Das könnte dich auch interessieren:

6 Kommentare / Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Sheila,
    ich hoffe, dass sich viele angehende Yogaleher*innen von Deinem Artikel inspirieren lassen. Ich hätte mir so einen Artikel vor meiner Ausbildung gewünscht und musste jetzt als ich ihn gelesen habe oft schmunzeln. Schön zu wissen, dass es uns doch allen irgendwie gleich geht und somit wieder zeigt wie verbunden wir sind. Und um es mit den Worten meiner Ausbilderin Regina zu sagen: „ Egal auf welchem Yogaweg wir uns befinden, Hauptsache wir machen uns den Weg.“
    Herzliche Grüße
    Martina

    1. Liebe Martina,
      ich danke dir für deine Worte! und wie schön, dass du dich wiedergefunden hast in meinem Artikel
      Ich denke auch, dass wir eigentlich alle dieselben Ängste, Erwartungen und Freuden teilen – so unterschiedlich sind wir am Ende doch alle nicht.
      Viel Freude auf deinem ganz eigenen Weg!
      Liebst
      Sheila

  2. „Ich kann nur empfehlen, möglichst drei Monate vorher mindestens drei Mal die Woche zu praktizieren, um Muskelkater und Ermüdungserscheinungen während der Ausbildung zumindest zu minimieren. “

    Da stellen sich mir leider die Haare auf. Yoga findet vor allem im Kopf statt und nicht in den körperlichen Verbiegungen. Yoga ist nicht einfach „turnen“. Diese Ausbildung erweckt einen amerikanisierten Ausdruck, bei der das Wesentliche vergessen ging.

    Bewegung, Akrobatik – das ist alles gut, hat aber leider nicht viel mit Yoga zu tun. Yoga ist ein Zustand von Körper, Geist und Seele, den man nicht bekommt, wenn man sich drangsalieren muss bis zu Ermüdungserscheinungen. Das machen wir so schon im Alltag. Die Ruhe und Entspannung im Kopf zu finden -vor allem im Shavasana – das ist wohl die grosse Lehre. Nicht ein perfektes Chaturanga abzuliefern, bei dem alle im gegenseitigen Wettbewerb stehen.

    1. Liebe Chelsea,
      ich kann dir nur zustimmen ,dass Savasana wohl mit die herausfordernste und lehrreichste Asana ist und wir mit Yoga Ruhe und Entspannung im Kopf erreichen wollen. Für viele Menschen in der westlichen Gesellschaft geschieht das zunächst über eine herausfordernde Asanapraxis.
      Es gibt ja so viele verschiedene Yogastile, und in meinen Augen haben sie alle ihre Berechtigung – viele Wege führen zu Yoga!

      Danke für deinen Kommentar und alles Liebe auf deinem weiteren Yogaweg,
      Sheila

    1. Liebe Kat, es freut mich, dass du dich in dem Artikel wiederfinden kannst! Ich wünsche dir viel Erfolg und ganz viel Spaß auf deinem Yogaweg!
      Liebe Grüße
      Sheila

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*
*