Teacher Training in Indien? Ein Erfahrungsbericht

Als ich das erste Mal nach Shanti Mandir kam, um meine Yogalehrer-Ausbildung zu beginnen, hatte ich keine Vorstellung was mich erwartet. Da ich nicht an Zufälle glaube, wundert es mich rückblickend nicht, dass ich ausgerechnet an diesem Ort gelandet bin. Ich war an einem Punkt in meinem Leben, an dem ich gerade etwas richtungslos war. Meine Freundin hatte mir schon vorher von der Ausbildung in dem Ashram erzählt, aber für uns beide gab es verschiedene Umstände die uns davon abhielten. Heute wundert es mich nicht mehr, dass sich diese Hindernisse genau 2 Wochen vor Beginn der Ausbildung im Universum verflüchtigt haben und wir kurzerhand nach Indien geflogen sind.

The Heart is the hub of all sacred places. Go there and roam.

-Bhagavan Nityananda

Fast vier Stunden Fahrt braucht es vom hektischen Mumbai ins weiter nördlich gelegene Dörfchen Magod im Staat Gujarat. Dort in der Nähre befindet sich Shanti Mandir, inmitten einer kleinen grünen Oase voller Mango-Bäume. Gegründet wurde der Ashram von Swami Nityananda, mit dem Ziel die Vedischen Traditionen und die Vedanta Philosophie aufrecht zu erhalten.

Dazu wurde dort auch eine kostenlose Sanskrit Schule gegründet, die es mithilfe von Spenden ermöglicht, dass Jungen aus ärmeren Familien nach Tradition in den Veden unterrichtet werden und später auch die Möglichkeit haben auf ein College zu gehen.

Aber der Ashram bemüht sich auch um Nachhaltigkeit in seiner Struktur, baut einige Gemüse selbst an und entwickelt sein Entsorgungssystem immer weiter. Shanti Hastkala ist neben vielen anderen ein weiteres Projekt vor Ort, das Frauen unterstützt ihre handwerklichen Fähigkeiten in Arbeitsplätze einzubringen und mittlerweile gibt es im Ashram auch eine Ayurveda Klinik, die Pancha Karma und andere ayurvedische Behandlungen anbietet.

Jedes Mal wenn ich den Ashram besuche, bin ich erstaunt wie sich dieser kleine Ort ständig weiterentwickelt. Schon als ich das erste Mal über die Schwelle des Ashrams trat, fühlte es sich an wie nach Hause zu kommen. Mittlerweile ist es schon meine dritte Reise zum Ashram, diesmal um an Level 3 der Ausbildung teilzunehmen.

We must dive deeper within ourselves, we must become established in the knowledge of the Truth.

– Mahamandaleshwar Swami Nityananda

 

Shanti Mandir shiva lingam

Es ist noch dunkel wenn wir morgens aus dem Bett kriechen und den Weg zum Tempel zwischen den Bäumen entlang gehen. Leise klingen die Sanskrit-Worte an mein Ohr, die ständigen Rezitationen der Mantren die diesen Ort auch außerhalb des Tempels immer begleiten. Eigentlich summt und singt hier meistens jeder – bei der Seva, beim freiwilligen Gemüse schneiden oder Abwaschen, die Jungs wenn sie die Sanskrit Verse üben, und ich erwische mich auch tagsüber immer wieder dabei, wie ich die Lieder leise vor mich her singe.

Die ideale Umgebung also um den Zustand von Yoga wirklich zu erleben und vor allem ein Yoga Teacher Training zu absolvieren. Zu jedem Vollmond werden besondere Feuerrituale abgehalten, die von den Brahmanen vor Ort geleitet werden. Es macht mir bewusst wie wichtig und schön die Verbindung zu diesen Zyklen ist, wie sehr diese Verbundenheit mein Herz berührt und den Geist zur Ruhe bringt. Shanti Mandir, Tempel des Friedens, der Ashram wird seinem Namen gerecht, es ist für mich ein Ort an dem ich diesen Frieden in mir wirklich finde und selten komme ich so zur Ruhe wie hier.

Trotzdem ist hier auch Zeit zu feiern, das Leben zu zelebrieren und oft kommt es mir nicht vor wie ein Ashram, sondern ein riesiges Familienfest.

Die Mahlzeiten werden gemeinsam in der großen, offenen Halle eingenommen. Das Essen wird von den Jungs ausgeteilt, gegessen wird von Blättern und das Essen ist, ungleich wie in den meisten Ashrams in denen ich bisher war, einfach unglaublich gut. Es gibt immer eine scharfe und milde Version des Essens und in der Ayurveda Klinik noch einmal gesondert ayurvedische Mahlzeiten gegen einen kleinen Aufpreis. Meine liebste Tageszeit ist aber der Nachmittag, an dem der unglaublich leckere Chai alle zu einem Plausch vereint.

collage Shanti mandir2

The self is real, but it cannot be known by the mind. Living in the head is like living only in one room of a house. Asana takes us to all rooms in the body.

 

Meine Lehrer Sadhana und Keval sind beide seit 40 Jahren Schüler des Yoga nach der Philosophie des Kashmir Shivaismus. Sadhana verfügt über ein immenses Wissen im Bereich der Asana Praxis und hat von ihrem Guru und den vielen Yogis gelernt, die den Ashram passiert haben, während ihr Mann Keval sein Leben vor allem der Meditation verschrieben hat. Zusammen gründeten sie Shantarasa Yoga , unter dessen Namen sie jedes Jahr innerhalb des Ashrams eine Reihe an Yogaausbildungen anbieten (Level 1, 2 und 3), die durch die Yoga Alliance zertifiziert sind. Das schönste an diesen Kursen ist allerdings die Yoga-Philosophie, die so tief reicht, dass sie jedem Wissensdurst nach den wichtigen Fragen des Lebens gerecht wird und manchmal habe ich das Gefühl, dass es keine Frage gibt, die die beiden nicht beantworten könnten.

Aber mehr noch, schaffen sie es jedes Mal mich an Orte in mir zu führen, die ich vorher noch nicht berührt habe.

Shantarasa Yoga_Keval SadhanaEin Tag während des YTT beginnt früh im Tempel, für die ganz frühen Vögel um 5, spätestens jedoch gegen 6.30 zum Chanten, gemeinsam mit den Jungs und den restlichen Ashrambewohnern. Um 8 Uhr gibt es Frühstück und danach geht es für die angehenden Yogateacher mit Yoga-Theorie weiter. Das beinhaltet je nach dem Level der Ausbildung in unterschiedlichen Anteilen Anatomie, Philosophie und Asana-Theorie. Umgesetzt wird das ganze in einer Praxisstunde im Anschluss, die von Sadhana geleitet wird.

Die Glocke läutet zwischen 12 und 13 Uhr und der ganze Ashram versammelt sich in der großen offenen Halle zum Mittagessen. Nach einer kurzen Pause geht es weiter mit Theoriestunden, bis um 4 Uhr die nächste Glocke läutet: Zeit für einen Chai. Danach lässt es sich angeleitet von Keval wunderbar in der kleinen Meditationshalle meditieren. Der Abend klingt im Tempel aus beim Chanten und anschließendem Abendessen. Manchmal wird danach noch einmal meditiert, aber nicht jede Ausbildung läuft gleich ab und manche Abläufe passen sich auch den Geschehnissen im Ashram an. Diese Routinen binden den Geist und lassen dennoch genügend Momente des Seins.

Die Ausbildungen haben mein Leben komplett verändert und meine Arbeit als Yogalehrerin tief geprägt.

Zum ersten Mal habe ich hier für mich erfahren was Yoga wirklich bewirken kann. Und ich habe gelernt, Menschen in ihrem individuelle Konstrukt zu sehen und durch die Yogapraxis ihren Bedürfnissen entsprechend zu arbeiten.

Yoga Shantarasa at Shanti Mandir

Es ist so schwer in Worte zu fassen, was dieser kleine Fleck Erde für mich bedeutet. Und während ich abends auf der Dachterasse stehe und den sternenübersähten Nachthimmel mit dem magischen Vollmond anschaue, fühle ich was Yoga für mich bedeutet: Einverstanden zu sein, mit dem was ist. Mit dem wer ich bin. Zu lieben. Und mit allem anderen verbunden zu sein.

Much love,

Dania

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