Die Hexen sind zurück

Disclaimer: Ich schreibe im Folgenden von Hexen, nicht von Hexen, Hexern und Zauberern. Das liegt daran, dass der Begriff der Hexe heute sowohl weibliche als auch männliche Praktizierende umfasst. Der Begriff Hexer, sowie das englischsprachige Pendant “warlock” werden nur noch sehr selten verwendet. Ein großer Teil des Artikels bezieht sich außerdem auf die Hexen des Mittelalters und der frühen Neuzeit, die fast ausschließlich weiblich waren. Natürlich sind Hexen aber nicht automatisch Frauen, ganz besonders heute nicht. 

Einst verfolgt und verbrannt gelten Hexen auch heute oft noch als Sinnbilder des Bösen.

Die ersten Hexen, von denen uns erzählt wird, sind wohl die aus Grimms Märchen. Sie essen Kinder und verschwören sich mit dem Teufel, um übernatürliche Fähigkeiten zu erlangen. Wahrscheinlich haben sie Warzen, sind alt, verbittert und grausam. Und single. 

Etwas progressiver sind da die Hexen und Zauberer aus Harry Potter, Sabrina die Teenage-Hexe oder das Hexentrio aus Charmed. Aber auch diese Charaktere basieren mit ihren übernatürlichen Fähigkeiten auf den Wesen, die die Menschen im Mittelalter aufgrund mangelnder Bildung und einem Hang zum Aberglauben erfanden. 

Mit dem Aufstieg der Naturwissenschaften wurde aber schnell klar, dass es Hexen und Magie nicht gibt. Oder? 

Zum ersten Mal hörte ich den Begriff der Hexe in zeitgenössischem Kontext vor etwa vier Jahren, als mir eine Freundin aus New York, die als Massagetherapeutin und Heilpraktikerin arbeitet, mitteilte: “I identify as a modern witch.” – “Ich verstehe mich als moderne Hexe.” 

Zugegeben fand ich das etwas albern. Über die folgenden Jahre begegneten mir aber immer wieder Frauen und auch der ein oder andere Mann, die ihre Kräutertinkturen und Vollmondrituale an alten heidnischen Bräuchen ausrichteten. Also befasste ich mich ebenfalls näher mit dem Thema und fand Unerwartetes heraus: 

Magie umfasst mehr als Zaubersprüche. Genau genommen spielen Zaubersprüche eine total untergeordnete Rolle. 

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Magie kann vielmehr als die gezielte Verwendung und Lenkung natürlicher Energien verstanden werden, um gewünschte Effekte zu realisieren. Ein Konzept, das ich aus der Yoga-Szene natürlich schon längst kannte. 

In Europa wurden zwischen 1450 und 1750 etwa 40.000 angebliche Hexen verbrannt oder erhängt.

Manche Schätzungen gehen von mehr als der doppelten Anzahl aus. Etwa die Hälfte der Prozesse gegen und Hinrichtungen von Hexen fanden dabei in Deutschland statt. 

Die christliche Kirche und ihre Stellvertreter klagten häufig besonders alleinstehende oder anderweitig “auffällige” Frauen als Hexen an; sie wurden verdächtigt, den Teufel anzubeten, Babys zu essen, nachts nackt im Wald zu tanzen, auf Besen zu reiten oder in irgendeiner Weise sexuell anstößig zu agieren. 

Aber warum? Wie kam die Kirche plötzlich darauf, die ehemals als weise Heilerinnen geschätzten Frauen anzuschwärzen, zu diskreditieren und die Bevölkerung gegen sie aufzuhetzen? 

Diese Geschichte ist unfassbar spannend und politisch brandaktuell! 

Alles begann mit der Pest, die im 14. Jahrhundert, zu den Hochzeiten des Feudalismus, exorbitante Opferzahlen forderte. In Europa starb ein Drittel der gesamten Bevölkerung. Wer übrig blieb, wurde gebraucht. Somit hatte die überlebende Bevölkerung endlich die Machtposition, die sie brauchte, um das feudalistische System zu stürzen – es kam zur sogenannten Frühbürgerlichen Revolution. 

Was folgte war der Übergang zum Kapitalismus. Ein großer Fortschritt für die breite Bevölkerung, da ausbeuterische Konzepte wie die Leibeigenschaft abgeschafft wurden und Arbeiter*innen zu größeren Teilen an den Erträgen ihrer Arbeitgeber beteiligt wurden. 

Rückblickend wirkt es, als sei der Kapitalismus die logische Folge auf den Sturz des Feudalismus gewesen (das sieht zum Beispiel Karl Marx so), doch wer sich in die damalige Zeit zurückversetzt, kann sich vielleicht vorstellen, dass es auch andere Ideen und Bewegungen gegeben haben musste. Im Europa der Frühen Neuzeit war keinesfalls klar, wie genau es weitergehen soll. 

Viele der Bewegungen gegen den Feudalismus und den frühen Kapitalismus wurden übrigens von Frauen angeführt. 

Neben ihrer politischen Stellung genossen Frauen zu dieser Zeit ohnehin einen relativ hohen gesellschaftlichen Status (natürlich ohne gleichberechtigt zu sein). Und zwar dann, wenn sie als Heilerinnen, Hellseherinnen oder Hebammen (oft alles zusammen) eine zentrale Rolle in der Gemeinschaft einnahmen. 

Ein Einfluss, der auf ihren ganz besonderen Kenntnissen und Fähigkeiten beruhte, die als Magie und Hexerei galten. Manchmal handelte es sich um wenig mehr als vorwissenschaftliche Medizin. Und hier liegt das zweite Problem: 

Magisches Denken bedrohte den Kapitalismus. 

Wenn es reicht, bestimmte Runen auf eine grüne Kerze zu zeichnen, warum dann arbeiten? Wenn es ein Liebestrank ist, mit dem die richtige Partnerin gewonnen werden kann, warum dann ein schickes Haus bauen? Wenn die Welt sich nicht klar erklären lässt und die Tore zum Übernatürlichen sperrangelweit geöffnet sind, verlieren die Mächtigen an Macht. 

Wer die Welt durch die Brille der Magie sieht, ist schwer zu kontrollieren. 

Außerdem nahmen heidnische Rituale Zeit in Anspruch und sahen ungewöhnliche Ruhezeiten vor. Damit der Kapitalismus sich durchsetzen konnte, musste magisches Denken und damit der Einfluss der Frauen, die als Hexen galten, gebrochen werden.

Und so kam es zur Hexenverfolgung. Dass es sich dabei nicht um einen geplanten Plot der einflussreichen Männer handelt, ist anzunehmen. Vielmehr räumte die buchstäbliche Verteufelung der Hexen dem Machtsystem bedeutsame Vorteile ein. Und so wurden aus weisen Frauen, die Runenorakel befragten, Öle und Kräuter mixten und Menschen heilten, gefährliche Kreaturen mit befreiter Sexualität, die kleine Kinder töteten. 

Die Drohung war klar: Frauen mussten sich fortan ruhig verhalten und durften nicht auffallen. Sie waren auf den Schutz durch einen Ehemann angewiesen, dem sie keusch und unterwürfig dienten. Ihre primären Aufgaben waren nun das Kinderkriegen und die Führung des Haushalts. 

Die letzte Frau, die wegen Hexerei hingerichtet wurden, starb 1782. Es ist aber auch nicht so, als habe die Welt danach verstanden, dass die Hexenverfolgung eine blöde Idee war. Vielmehr wurden störende Frauen und andere unerwünschte Mitglieder der Gesellschaft jahrhundertelang anderweitig angeklagt. Die Anschuldigung der Hexerei wich modernen Alternativen, und die zehntausende Opfer gerieten erstmal in Vergessenheit.

Mehr zum Thema Hexenverfolgung, und wie sie die Gesellschaft für immer veränderte, findest  du im Buch Caliban und die Hexe: Frauen, der Körper und die ursprüngliche Akkumulation*.

Ob Tarot, Runen oder Liebeszauber – wer sich heute der Magie zuwendet, tritt in die Fußstapfen uralter Traditionen.

Dabei gibt es unglaublich Spannendes zu entdecken, wie ich finde. Mich fasziniert, wie sich meine Weltsicht verändert hat, seitdem ich Bücher über Wicca (die “Religion der Hexen”) gelesen habe, seitdem ich selbst magische Kreise ziehe und Energien zu lenken lerne. Ich fühle mich enger verbunden mit der Natur und den Elementen und erkenne neue Muster. Ich fühle mich stärker und selbstbestimmter. Darum geht es letztendlich nämlich – die Autorität über den eigenen Körper.

Falls dich das Thema interessiert, kann ich die Bücher von Scott Cunningham* sehr empfehlen. Es gibt außerdem einige Hexen auf YouTube oder Instagram, die ihre Rituale erklären, den Aufbau eines Altars schildern und Anleitungen für Raumsprays zur Verfügung stellen. Das Gute an der ganzen Sache: falsch machen kann man kaum etwas. Solange man sich in den Gefilden der weißen Magie (also Magie mit positiven Intentionen) bewegt, passiert im schlimmsten Fall eben einfach… nichts. 

Doch es gibt auch Hexen, denen die Mondphasen relativ egal sind und die ohne Rituale und Zaubersprüche auskommen. 

Es ist fast so, als umfasse der Begriff “Hexe” heute verschiedene Aspekte. Zum einen ist da das Gefühl der Verbundenheit mit den verfolgten Aktivistinnen der Frühen Neuzeit, die unter dem Vorbehalt der Hexerei auf Scheiterhaufen brannten. 

Zum anderen gilt es, die Praktiken von Heilerinnen und Wahrsagerinnen wiederzuentdecken, die durch Christentum und Kapitalismus so lange nur noch im Verborgenen bewahrt werden konnten. Beide Seiten sind eng verbunden, aber sie funktionieren auch unabhängig voneinander. 

In den 60er Jahren gab es eine Reihe an feministisch-sozialistischen Gruppen in den USA, die unter dem Namen “W.I.T.C.H.” agierten. 

In einem Pamphlet der Gruppe hieß es: “Wenn du eine Frau bist und es wagst, in dich hineinzusehen, bist du eine Hexe. Du machst deine eigenen Regeln. Du bist frei und schön. Du kannst unsichtbar oder offensichtlich sein, wenn du dich dafür entscheidest, dein Hexenselbst bekannt zu machen. Du kannst deinen eigenen Hexenzirkel der Schwesterhexen bilden (dreizehn ist eine gute Zahl für eine Gruppe) und deine eigenen Aktionen planen… Du bist eine Hexe, wenn du dreimal laut sagst: “Ich bin eine Hexe” und es so meinst. Du bist eine Hexe, wenn du weiblich, ungezähmt, wütend, fröhlich und unsterblich bist.” [Übersetzung aus dem Englischen durch die Redaktion]

Ein weiteres Beispiel ist das Yerbamala Collective, das ein Manifest gegen den Faschismus unter Trump verfasst hat. Es finden sich Formulierungen wie: “DU WIRST NICHT GEWINNEN, AUCH WENN DU UNS TÖTEST, WIR WERDEN DICH HEIMSUCHEN, UNSERE GEISTER WERDEN DEINEN HUND TÖTEN.” [Gerichtet an Faschisten aller Art, Anm. der Redaktion]

Wenn die Hexen der Frühen Neuzeit auch nur annähernd so vehement und angriffslustig waren, ist die Angst vor ihnen leicht verständlich. Glücklicherweise gibt es keine Scheiterhaufen mehr, und moderne Hexen haben ganz neue Möglichkeiten, ihr Selbstverständnis zu entwickeln und sich zu organisieren. Denn auch wenn in Europa keine Hexe mehr verbrannt wird, so besteht das Patriarchat weiterhin und es braucht unsere vereinten Kräfte, ob magisch oder nicht, es zu stürzen.

Was meinst du – bereit für ein Leben als Hexe? Oder ist das doch alles irgendwie albern? 

Ich freue mich sehr auf deinen Kommentar! 

Deine Helena

Titelbild © Paige Cody via Unsplash

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7 Kommentare / Schreibe einen Kommentar

  1. Danke für diesen interessanten Artikel und die Brücke vom Damals ins Heute. Darin sind viele Aspekte enthalten, über die ich bisher noch nicht nachgedacht habe.

    Auch ich fühlte mich als Teenie wie „magisch“ angezogen von dem Charmed-Trio (besonders ihr Haus fand ich einzigartig), von den Details rund um Harrys Schul-Universum und der Sabrinas Zauberwelt, in der man sich dem Thema Magie oft mit einem Augenzwinkern annähert.

    Wahrscheinlich ist das Faszinierende daran, wie du schreibst, die eigene, innere Kraft zu entfesseln. Und das beginnt sicherlich damit, dass man den Blick nach innen richtet – was in unserem heutigen, lauten Alltag gar nicht immer so einfach ist – und dann für sich selbst Mittel und Wege findet, diese innere Kraft zu entfesseln, bzw. das, was sie bisher zurückgehalten hat zu eliminieren.

    Jetzt fühle ich mich auch inspiriert, mehr über Heilkunde, Kräuter, Kräfte und Energien zu lernen. Danke!

  2. Ach herrlich! Ich hab mich als Kind/ Jugendliche auch fast nur mit Hexen, Hexenverfolgung und aber auch Magie im Allgemeinen beschäftigt. Ich bin als 12 Jährige sogar in den Wald gelaufen und hab Kräuter gesammelt, getrocknete und beschriftet. Jetzt hab ich richtig Lust in diese Welt wieder einzutauchen!

  3. Liebe Helena,
    ich habe mich sehr gefreut deinen Artikel zu lesen.
    Ich selbst interessiere mich seit meiner frühen Jugend für das Hexentum. Ich habe meinem Interesse dann lange Zeit keinen räum mehr eingeräumt, bis ich vor ca. 3 Jahren auf das Buch “Von Sonnwend bis Rauhnacht”von Valentin Kirschguber gestoßen bin. Darin werden die heidnischen Jahreskreisfeste, und deren Verbindung zu unseren christlichen Festtagen, vorgestellt und Rituale vorgeschlagen. Ich habe begonnen mich wieder mehr und mehr mit diesen Themen zu beschäftigen und seit dem lässt es mich nun nicht mehr los. :)
    Ich habe mich gleich an deine Empfehlungen gesetzt und mir die Channels und Bücher angeschaut, vielen Dank dafür. Als weiteren Instagram Account kann ich noch die wunderbare Sonia von Geistundmagie empfehlen. Sie stell verschiedene Aspekte in kleinen Serien vor, wie Kräuterkunde, Sexualmagie oder Blutmagie. Und sie hat auch ein Buch geschrieben mit Vorschlägen für Rituale. Ich selbst habe es noch nicht geschafft es zu lesen, habe aber schon viele sehr gute Rezessionen gelesen.
    Ich hoffe mehr zu dem Thema bei euch lesen zu können. Gerade die Jahreskreisfeste bieten einen schönen Anlass um das Thema regelmäßig wieder aufzugreifen. :)
    Alles Liebe,
    Liesa

    1. Hallo Liesa,

      danke, dass du dir die Zeit genommen hast, die zusätzlichen Tipps rauszusuchen <3

      Stimmt, von Valentin Kirschguber liest meine Mutter gerade "Die Magie des Waldes" und ist ganz begeistert. Super Ergänzung!

      Sonia folge ich jetzt auch :)

      Liebe Grüße,
      Helena

  4. Liebe Helena,
    wunderbar, danke! Jetzt fällt mir auch endlich wieder ein, was ich als Kind werden wollte: Weise Frau, also im Prinzip: Hexe. Die Prinzessinnen waren mir immer viel zu passiv. Ist ja nie zu spät dafür, und ich glaube, die Welt braucht uns jetzt besonders dringend!
    Alles Liebe,
    Stephanie

  5. Das Thema Hexen fasziniert mich schon seit meiner Kindheit, und nein, nicht wegen der Märchen ;) Ich habe bei meinen Großeltern so im Alter von 9 Jahren ein Buch über die Hexenverfolgung gefunden, und darin herausgefunden, dass in meinem Heimatdorf in dieser Ära unzählige Hexenprozesse geführt wurden. Das Bild, was über diese andersartig anmutenden, weisen Frauen, die oftmals als Heilerinnen oder Hebammen tätig waren, hat mich in seinen Bann gezogen. Heute glaube ich auch wieder an die ur-weiblichen Energien und weibliche (über-)sinnliche Fähigkeiten. Die Zeit der patriarchalischen Herrschaft erlebt eine Veränderung. Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal so äußern würde ;) Danke für den interessanten Artikel.

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