Sommersonnenwende: Von schwedischen Bräuchen und Kräuterorakeln

So zwölf oder dreizehn Mückenstiche zähle ich – und das nur an meinem linken Oberschenkel. Ich sitze auf einem wackligen Holzstuhl im Schatten und bade meine Füße im Getränkeplanschbecken. Die Etiketten der Flaschen haben sich bereits abgelöst und treiben vor sich hin. Ich liebe Mittsommer seit meinem ersten Jahr in Schweden.

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Das Fest zur Sommersonnenwende ist ein Fest für alle.

Kinder, Familien, Freund*innen, Singles, Verliebte, Alte, Junge, es ist echt ganz egal, bei Mittsommer machen in Schweden alle mit – meist auch schon der Sommer. Was als Höhepunkt des Sommers gefeiert wird, kommt uns in diesen Breitengraden gerade mal wie der Anfang des Sommers vor, doch so ganz offiziell ist Litha, die Sommersonnenwende am 21. Juni, schon die Mitte der Jahreszeit.

Aus Filmen und der IKEA-Werbung hatte ich eine grobe Vorstellung, worum es beim schwedischen ‘Midsommar-Fest’ geht: Draußen sein, hübsche Blumenkränze und feuchtfröhliche Schnapslieder. Als ich dann aber das erste Mal mit einer Gruppe schwedischer Freund*innen in ihr Sommerhaus fuhr, war ich überwältigt. Überwältigt von der ansteckenden Ausgelassenheit, die ich in diesem Land bisher absolut nicht kannte, von der Natur und der Wildheit des Festes – und der Hartnäckigkeit der Mücken.

Bäume, Blumen, Gräser und Allergiker*innen wie ich stehen zu Mittsommer in vollem Saft (aka Rotz) und die Sonne hat ihren höchsten Stand erreicht.

Mit den ersten Sonnenstrahlen auf der Haut erscheint es völlig absurd, dass die Tage ab jetzt schon wieder kürzer werden. Es geht einfach schon in Minischritten wieder auf den Winter und die damit verbundene Silvesterplanung zu. No pressure.

Genau diesen Wendepunkt feiert das Mittsommerfest.

Es ist sozusagen die Halbzeit des Jahreszyklus und ein toller Zeitpunkt, einmal innezuhalten und sowohl aufs letzte halbe Jahr zurückzublicken, als auch schon Pläne fürs nächste halbe Jahr zu machen.

Und um nochmal auf Silvester und die traditionellen „Wo feiern wir, mit wem und wer bringt was zu essen mit?“- Fragen zurückzukommen, so werden diese Fragen dank Mittsommer in Schweden gleich zweimal im Jahr gestellt.

Anders als bei Silvester kannst du hier leider nicht einfach das Raclette aus dem Keller kramen und zu Hause bleiben, denn zu Mittsommer geht es raus aufs Land. Stockholm ist am Wochenende um den 21. Juni echt wie ausgestorben, nur ein paar wenige verwirrte Tourist*innen irren dann noch durch die Straßen.

Midsommar: Tanzen, essen, trinken, singen, Blumen pflücken und viel knutschen.

Die Schwed*innen feiern das Leben, die Wärme der Sonne, die Schönheit und Fruchtbarkeit der Natur. Die Energie ist so absolut wild, wirbelnd und von Liebe geschwängert, dass dir selbst die juckenden Mückenstiche bald nichts mehr ausmachen.

Das ist auch der Grund, warum in Shakespeares Sommernachtstraum jede*r mit jedem*jeder rummacht.  

Zu Schulzeiten las ich das erste Mal Shakespeares “Sommernachtstraum” und war fasziniert von den Liebesdreicken, Verwirrungen und Verstrickungen, die ich bis dahin nur aus Vorabendserien kannte. Bis zu meinem ersten Mittsommer in Schweden hatte ich über den Namen des Stücks nicht mehr nachgedacht. Aber dann machte alles Sinn.

Zu Mittsommer ist nicht nur das Leben in den Städten völlig außer Gefecht gesetzt, sondern auch sämtliche Regeln des (schwedischen) Miteinanders.

Es herrscht plötzlich eine ungewohnt spielerische, irgendwie wilde Ausgelassenheit unter den Menschen, die sonst doch eher für ihre Reserviertheit oder ihr Understatement bekannt sind. Innerhalb von drei Tagen auf dem Land wurde ich Zeugin unerwarteter Liebesdramen und Romanzen, die ich kaum fassen konnte.

Ein wahres Theater: Traditionelles Tanzen, Singen und Spielen sind fester Bestandteil des Sommersonnenwendenwochenendes, so wie eben andere ausgelassene Aktivitäten.

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Es ist statistisch belegt, dass die Geburtenrate 9 Monate nach dem größten schwedischen Fest immer wieder beachtlich ansteigt.


Es ist eben das Fest der Fruchtbarkeit!

Astrologisch gesehen markiert Mittsommer den Höhepunkt des Feuerelements und wechselt zur Abkühlung vom Luftzeichen Zwilling ins Wasserzeichen Krebs.

Das Wasserelement steht in enger Verbindung zu unseren Emotionen. Diese astrologische Abkühlung bietet einen guten Zeitpunkt, dich mit deinen Gefühlen zu verbinden und in dich hineinzuspüren. Was bewegt dich gerade? Wo stehst du gerade?

So, wie Silvester als Jahreskickoff  für viele von uns mit Plänen, Erwartungen oder den berüchtigten Vorsätzen verbunden ist, ist Litha, die Sommersonnenwende, ein guter Zeitpunkt für eine Bestandsaufnahme.

  • Was ist in den letzten fast sechs Monaten passiert?
  • Was hast du umgesetzt?
  • Was hast du losgelassen?
  • Was hast du gelernt?
  • Ist es Zeit, den Kurs zu ändern?

Die Natur ist zu dieser Zeit ein guter Spiegel.

Denn vom kargen Winter hat sie sich hin entwickelt zu ihrem sommerlichen Höhepunkt. Erdbeeren, Blumen, Spargel, die ersten Schätze dieses Jahres sind bereits da und jetzt fragt sich, wie es weiter geht. Klassisch werden zu Mittsommer die Natur und ihre Fruchtbarkeit gefeiert; man hofft, dass der Sommer weiter genug Regen und Sonne bringt um im Herbst eine üppige Ernte einfahren zu können.

Ich vergleiche den Jahreszyklus gern mit dem Mondzyklus.

Einfach weil der mir oft präsenter scheint durch seine Häufigkeit. So entspricht Silvester der Energie vom Neumond, dem Dunkel, in dem alles möglich ist und Mittsommer ähnelt dann dem Vollmond, einem Moment des Innehaltens, Freude und Stolz über das Erreichte, ein Augenblick um Erfolge zu feiern, Dankbarkeit auszudrücken, aber auch schon des Loslassens was überflüssig geworden ist und die Vorbereitung auf die kommende Dunkelheit. 

Ähnlich wie Neumond- und Vollmondrituale helfen auch Mittsommerbräuche uns, das Jahr energetisch zu unterstützen.

Die schwedischen Mittsommertraditionen können auf den ersten Blick vielleicht etwas niedlich wirken, wenn man an Blumenkränze, flatternde Kleider und Erdbeertorten denkt, aber dahinter verbirgt sich uraltes Wissen.

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Die schwedischen Mittsommerbräuche sind sicher nicht nur was für Astrid-Lindgren-Fans.

Erst mal auf dem Lande angekommen werden die Getränke kühl gelagert, denn das feuchte Element spielt ja eine sehr wichtige Rolle zu diesem Fest. Dann geht es los zum Aufstellen der Mittsommerstange (ähnlich einem Maibaum): einer langen, mit Bändern geschmückten Stange mit zwei Kreisen an der Spitze, die ganz deutlich macht, wieso sie ein Fruchtbarkeitssymbol ist.

Sobald die Stange steht, fassen sich alle an den Händen, die letzten Berührungsängste werden mit einem Schluck Holundersaft oder Schnaps heruntergespült und das Tanzen beginnt.

Man könnte diese Tänze als volkstümliche Version von Ecstatic Dance bezeichnen.

Die Tänze haben verschiedene Choreografien: Von Hüpfen wie Frösche über Geigen wie ein*e Violinist*in ist alles dabei. In den meisten Liedern geht es um Tiere und andere Naturthemen und das ausgelassene Tanzen wirkt nicht nur als Huldigung der Sonne und Mama Erde, sondern hilft auch Emotionen rauszulassen und Altes abzuschütteln.  

Nach dem wilden Tanz ist es Zeit für das üppige Mittsommeressen.

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Alles wird auf den Tisch gestellt, viel Fisch, Kartoffeln, Erdbeeren; und dann beginnen die Schnapslieder. Sobald jemand beginnt, stimmen alle mit ein und dann wird gemeinsam getrunken. Das Trinken galt traditionell als Anstoßen mit den Göttern. Anstatt von Atempausen haben die schwedischen „Snappsvisor“ (Schnapslieder) Trinkpausen eingebaut. Sehr praktisch.

Dieser Teil der sommerlichen Fruchtbarkeitsparty zelebriert die Geschenke, die Mama Erde gemacht hat und ich könnte jetzt behaupten, dass das Schnapstrinken die Huldigung an das Wasserelement beschreibt.

Eine der bekanntesten Traditionen sind die bunten Blumenkränze, die nicht nur Deko sind.

Sich mit den Blüten zu schmücken, die Dank des warmen Sonnenlichts so schön wachsen konnten und sie dann der Sonne auf deinem Kopf hinzustrecken, ist ein Akt der Huldigung, ähnlich wie eine Opfergabe.

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Eine ähnliche Litha-Tradition gibt es auch in Regionen von Deutschland, bei der sogenannte Kräuterbuschen zusammengestellt werden. Das sind Büschel von sieben bis zu 99 Kräutern wie Melisse, Rainfarn, Baldrian und Frauenmantel, die gepflückt, geweiht und zum Trocknen aufgehangen werden. In Feuer geworfen sollen sie der Natur Kraft verleihen und böse Geister vertreiben, die die Ernte gefährden können.

Bei einem weiteren schwedischen Brauch kletterst du schweigend über sieben Zäune und pflückst auf jeder der sieben Wiesen eine Blume.

Diese Blüten legst du dann unter dein Kopfkissen und dann träumst du in dieser Nacht von deiner*m zukünftigen Partner*in. Es ist traditionell für Frauen, die von Männern träumen wollen überliefert, aber ich bin mir sehr sicher, dass es für alle funktioniert, egal welches Geschlecht oder sexuelle Orientierung.

Leider kann ich nicht aus erster Hand berichten, ob es funktioniert, denn man schweigt ja wie gesagt während des ganzen Spaziergangs – sieben Wiesen lang, das hab ich noch nie durchgehalten. Außerdem ist es nötig, hierfür in dieser Nacht zumindest kurz ein Auge zuzumachen. Wenn du von mehreren Zukünftigen träumst, heißt es nicht, dass es nicht funktioniert hat, es bestätigt nur die hohe Scheidungsquote.

Welche Bräuche solltest du adaptieren?

Ich möchte dich nicht dazu auffordern, dich zur Besinnungslosigkeit zu trinken, egal ob Mittsommerparty oder nicht.

Die Verbindung mit dem Wasserelement zum Beginn der astrologischen Krebs-Saison ist aber eine gute Idee. Mein Vorschlag wäre für dich, in der Mittsommernacht in einen See zu hüpfen, nach Möglichkeit nackt, und dich etwas treiben zu lassen bis du das Gefühl hast, gereinigt zu sein.

Mach hieraus dein eigenes Cleansing-Ritual!

Lass im Wasser alles zurück, was du loslassen möchtest und gib neuen Gefühlen wie Dankbarkeit, Neugier und Zufriedenheit Raum durch dich zu fließen.

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Danke Mutter Erde.

Um die Natur so richtig in dir aufzusaugen, bietet es sich total an, vom See zurück einfach ein paar Schritte barfuß zu gehen über die Wiese oder den Waldweg. Bleib ruhig einen Moment ruhig stehen und verwurzel dich so richtig. Wenn du ein paar Wildblumen findest, pflück dir doch einen kleinen Strauß. Vielleicht sind es ja sogar sieben Blumen.

Die Kraft der Kräuter

Wenn du Kräuter pflücken kannst, ist das auch ein toller Zeitpunkt. Du kannst sie jetzt pflücken und trocknen und für die Rauhnächte im Dezember/Januar aufbewahren. Sie tragen dann die tolle Sommerenergie.

Vielleicht hast du Salbei auf dem Balkon? Mach dir doch deinen eigenen Smudge Stick für den Winter. Alternativ kannst du auch mit ätherischen Ölen arbeiten und dir eine kleine Mittsommermischung machen aus beispielsweise Kamille, Rainfarn und Melisse. Diese Mischung ist auch toll zum Meditieren und Journaling. Und Knutschen ist immer eine gute Idee – Mittsommer oder Mitte der Woche, das ist ganz egal.

Ich wünsche dir eine ganz schöne Mittsommernacht und bin sehr gespannt was deine Träume bringen!

Hannah

Fotos © Hannah Krutmann

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