Tarot Basics #0: Der Narr/die Närrin

Fools rush in / Where wise men never go / But wise men never fall in love / So how are they to know?

– Frank Sinatra

Go fool yourself!

Aber wer weiß eigentlich wirklich was? Und wen interessierts? Ich würde sagen: Du weißt was. Und hoffentlich interessierts dich auch. Wenn es um die autonomen Studien von dir über dich selbst geht, kann das Tarot eine Systematik für den Prozess anbieten.

In dieser Artikel-Serie erkläre ich jeweils eine Karte des Großen Arkana. Außerdem wirst du dabei mehr zu den Hintergründen des Tarot erfahren und Stück für Stück lernen, selbst Karten zu legen und zu interpretieren.

Tarot: Das ganze menschliche Erfahrungsspektrum in einem Kartendeck

Zunächst haben wir es hier mit einem Stapel Karten zu tun, der dem gängigen Pokerdeck, mit dem du 2008 deine Freund*innen abgezockt hast, nicht unähnlich ist. Und auch das Tarot fordert hin und wieder dazu auf, All-In zu gehen. Im Gegensatz zu Texas Hold’em aber sagt man dem Tarot nach, dass es das gesamte Spektrum menschlicher Erfahrung als Archetypen in seinen Motiven abbildet.

Von den dunklen Verstrickungen der Seele zu den großen menschlichen Triumphen, von dem aufregenden Moment, als du dich in den Penny-Kassierer verknallst bis zum lethargischen Warten auf das nächste Gehalt; von der Erkenntnis, dass du Pleite bist und keiner deiner Freunde mehr anruft, bis zu dem Augenblick, wo auf einmal alles Sinn ergibt und du mit dem Kosmos eins geworden bist: The Good, the Bad, the Ugly and the Glorious –  es ist alles mit dabei.

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Die Ursprünge des Tarot sind ein Mysterium an sich

Es wird mit dem kabbalistischen Lebensbaum in Verbindung gebracht, mit Neo-Platonismus, Mystizismus, Astrologie, griechischer, romanischer und ägyptischer Mythologie und anderen spannenden Legenden, die irgendwie nach Indiana Jones klingen.

Ähnlich wie beim Yoga sind die kulturellen und religiösen Bezüge des Tarot vielfältig, aber im Bereich säkularer Spiritualität sind der Gebrauch oder die Praxis nicht zwingend an diese Referenzen gebunden.

Festzuhalten bleibt, dass das Tarot den Aufstieg und Fall verschiedener Zivilisationen überlebt hat und immer noch da ist, um uns einen Zugang zu den tiefen Erfahrungen des Menschseins zu erleichtern. Auch wenn das nicht per se leicht ist. Die menschliche Erfahrung ist voller Leid und voller Freude und so ist auch das Tarot.

Zugegeben, es gibt ätzende Karten, dunkle Karten, unheimliche Karten, die erstmal keiner haben will. Aber man kann lernen, Tod und Teufel zu lieben. Und wer auf dem spirituellen Weg ist, weiß das längst.  

Zukünftiges Unheil zu proklamieren, ist nicht Aufgabe des Tarot

Meiner Auffassung nach ist das Tarot weniger ein Werkzeug, die Zukunft zu weissagen, sondern vielmehr eine Einladung zu einem Gespräch über deine Gegenwart. Selbstgespräche selbstverständlich einbezogen. Diese Unterhaltung dient zur Analyse der Bausteine, aus denen du deine Zukunft zimmerst. Wenn dir klar wird, was du gerade fabrizierst, kannst du das Design verändern.

Das Kartendeck an sich hat keine mystischen Kräfte, es sind Bilder auf Papier

Aber es kann helfen, unbewusste Gedanken zutage zu fördern, deine Vorstellungskraft und Intuition zu aktivieren und deine Intelligenz ganz auszuschöpfen. Die Praxis des Kartenlegens geht darauf ein, wie unser Gehirn funktioniert. Was du reingibst, bekommst du heraus –nur manchmal geht der Überblick verloren, was sich dort wann, wo und wie eingeschrieben hat.

In den Tiefen finden sich seltsame Geschöpfe, die du dort nie haben wolltest, aber auch leuchtende Schätze und eine Menge geheimes Leben. Diese Dinge zu betrachten ist ein bisschen wie Disneyland auf Acid. Oder Gartenarbeit. Oder Psychoanalyse. Welche Erkenntnisse du gewinnst, liegt bei dir.

Dein Umgang, deine Assoziationen und deine Gestaltungsfähigeit – darin liegt die Magie. Es ist subjektiv, es ist eine Projektionsfläche, aber detailreich und in Full HD. Neue Möglichkeiten können entdeckt werden. Die Gefühle, die du bei einem Reading hast, wo es unangenehm und wo es aufregend wird, das sind deine Wegweiser. Ein Spiegel deiner Ängste und deiner Leidenschaften.

Vom Tarocchi zum Tarot

Historisch gesichert scheint, dass 1440 in der italienischen Renaissance ein handgemaltes Kartenspiel von der reichen Familie Visconti in Auftrag gegeben wurde, Tarocchi genannt, das strukturell dem Tarot entsprach, wie wir es heute kennen: 78 Karten, aufgeteilt in 22 große Arkana oder Trümpfe (nummeriert von 0 bis 21), und 56 kleine Arkana, die in vier Farben (Kelche, Schwerter, Stäbe und Scheiben) unterteilt sind.

Zwar waren Spielkarten zur damaligen Zeit durch die Kirche verbannt, aber für das Tarocchi wurde eine Ausnahme gemacht, da es bei den Reichen und Schönen so beliebt war. Classique. Irgendwann im 18. Jahrhundert hat ein französischer Pastor, Antoine Court de Gébelin, Tarocchi für sich entdeckt: Et voilá, das Tarot war geboren.

Die heute weitläufig bekanntesten Decks haben wir den Exzentriker*innen des okkulten Geheimbundes Golden Dawn zu verdanken, insbesondere A.E. Waite, Pamela Coleman Smith und Aleister Crowley. Es heißt, dass sie in ihren Interpretationen der Karten die Geheimnisse des Ordens encodiert haben.

Großes Arkana – wie bitte?

Der Begriff „Arkana“ kommt vom lateinischen arcanum und bedeutet „Geheimnis“ oder „Mysterium“. Unabhängig von den Eigenheiten spezifischer Decks bilden alle Karten des Großen Arkana einen symbolischen Makrokosmos und stehen für einschneidende Ereignisse und Entwicklungen, die wir aber unter Umständen in der Zeitspanne des Erlebens gar nicht so bewusst wahrnehmen.

Denn wir sind mit dem Alltäglichen befasst, mit dem Hustle, dem Drama und den Freuden, die in den restlichen 56 Karten des Kleinen Arkanas gezeigt werden.

Bei den Trümpfen aber geht es um die tiefgreifenden Veränderungen, um das höchste Potenzial und die angemessenste Evolution.

Wir können das nicht kontrollieren, aber wir müssen damit umgehen wie mit einer Aufforderung zum Tanz. Freestyle.

Aber erstmal zurück auf Null: Rebecca, der Narr und ich

Als Rebecca und ich vor einigen Wochen in ihrer Küche Fenchel-Salat aßen, machte ich kryptische Andeutungen und versuchte meine Euphorie für die Idee einer Zusammenarbeit unterzubringen, ohne irgendeine Form verständlichen Inhalts zu transportieren. Ich sagte etwas wie „Es gibt da so eine Sache über die ich noch nicht reden möchte, aber es wird dich vielleicht interessieren.“

Rebecca, schlau wie sie ist, versicherte mir, ich könne jederzeit auf sie zukommen. Wenn ich soweit bin. „Aber sag mal, was ganz anderes. Ich suche händeringend jemand, der für den Blog über Tarot schreibt. Kennst du wen?“

LOL. Womit wir wieder bei Frankie Sinatra wären, denn hier saßen Rebecca und ich in unserer eigenen Fool-Situation und ließen die Närrinnen hinein.

Der Fool/der Narr/die Närrin, die erste Karte des Großen Arkana, trägt keine Nummer, sondern die Bezeichnung für magischen, weiten, freien Raum – die Null.

Die Einladung des Narren ist die spontane Reise ins Unbekannte. Ein Abenteuer, ein forscher Sprung in die weite, offene, fluoreszierende Zukunft. Ja zum Kosmos, ohne Zweifel. Der Moment, als du ohne Ticket auf das Festival gefahren bist, das Match-Tattoo beim ersten Date, den Job zu kündigen um nach Bogotá zu ziehen – oder als Tante Sissy dir ein Tarot Deck schenkte. Das Unbekannte ist dein Freund.

Der Narr ist der Motor allen Handelns, das Ding, das uns bewegt.

Mit seiner Hilfe kann aus Unvoreingenommenheit Magie entstehen, indem du einfach mal davon ausgehst, dass alles schon irgendwie klappen wird. Dein mangelndes Wissen hilft dir, diese Annahme aufrecht zu erhalten.

Ohne Furcht und Zweifel oder auch nur den Gedanken daran erlebst du dich in einem Raum voller Synchronizität. Du hast die Möglichkeit, etwas ganz Neues zu beginnen, dessen Ergebnis keinesfalls abzusehen ist. Du hast keine Ahnung, und das ist gut so.

Deine Aufgabe ist das Wagnis, der Rest wird sich zeigen. Bei so viel Ungewissheit lohnt es sich nicht, Sorgen zu erfinden oder für andere mitzudenken. Du kannst dich nur in der ultimativen Yoga-Asana üben: Be Here Now. Wer das hinbekommt, der ist ein heiliger Idiot, dem alles gelingen kann.

Wenn der Fool dir begegnet, kannst du beschließen, neu zu werden und mit jedem Tag die Vergangenheit von der Zukunft trennen.

Andere haben Häuser, du sprichst mit Tieren. Vielleicht sogar beides, aber jedenfalls schreibst du „Freiheit“ auf jede gereichte Hand.

Doch wie bei allem, was wirklich interessant ist, gibt es keine Garantien. Es ist ein Risiko, das mit offenen Armen eingegangen wird. Eine ehrliche Offenheit, die keine Weisheit kennt, sich aber gesehen fühlt. Die Ansprüche der Gesellschaft haben hier keinen Platz: Freiheit ist auch die Freiheit, Fehler zu machen.

Vielleicht machst du eine transzendentale Erfahrung, vielleicht begehst du einen kolossalen Irrtum und landest in Inkonsistenz und Chaos. Dem Instinkt zu folgen ist eine Kunst. Good luck, Lovers.

Leg dir ein Fool Spread. So geht’s:

Wo täte dir ein kleines Risiko gut oder wo bist du möglicherweise gerade dabei, eine Dummheit zu begehen? Wenn du den Bereich deines Lebens dekodieren möchtest, in dem sich der Fool gerade aufhält, kannst du folgendes tun:

Fools Rush In: Die neue Tarot-Serie 1
Fool Spread mit dem Motherpeace Tarot Deck

Nimm die Narrenkarte und lege sie obenauf.

Dann ziehe drei Karten und lege sie darunter. Die drei Karten stehen für Situation, Herausforderung und Medizin:

In welchem Breich gibt es etwas zu wagen, was hindert oder fördert mich hier und wie kann ich dem am Besten begegnen?

Karten interpretieren

Beschäftigung mit Tarot ist eine Einladung intensiven Studiums und als Grundlage dienen die überlieferten Deutungen der klassischen Motive in all ihren Feinheiten. Jede Biegung der Haarlöckchen des Narren hat hier noch was zu sagen. Aber keine Panik.

Dein Wissen und die Deutungen aus den zugehörigen Büchern sind der Sprit, mit dem du den Motor deines Gehirns zum Laufen bringst, doch du willst in andere Bereiche deiner Intelligenz vordringen und du willst persönlich werden.

Betrachte die Bilder, sieh dir das Miteinander der Karten an. Im Laufe der Zeit lässt sich eine Enzyklopädie entwickeln, die Karten können dir auf vielfältige Weise begegnen und du erweiterst deine Wahrnehmung von den Nuancen bestimmter Situationen. Mach dir Notizen, meditiere, gib dir Zeit zu verstehen, was dir gesagt wird.

Manche Deutungen entfalten sich langsam. Und egal was dir begegnet, es ist immer eine Einladung. Genau hinzusehen. Feinfühlig zu sein. Platz zu schaffen. Überlege, wie du eine Erkenntnis umsetzen oder verkörpern kannst. Was ist ein echtes Wagnis? Wo ist deine Ahnungslosigkeit heilig? Wie riecht die Freiheit?

Lass dich von den Löckchen nicht verrückt machen

Die Kategorien sind flexibel, deine Assoziationen sind entscheidend. Wie bei allen schamanischen Werkzeugen geht es darum, eine Erfahrung zu machen und neues Verständnis zu erlangen. Eine neue Sprache zu lernen, in der man sich fließend unterhalten möchte. Jede Information spiegelt den Moment und zeichnet ein Bild des inneren Erlebens.

Sobald du beginnst, Lebenserfahrungen mit den Bildern zu verknüpfen, öffnest du dich für die Erkenntnis, dass alles notwendig ist, um dich voran zu bringen und deine Reise anzufeuern. Das Dunkle und das Licht.

Du bist eingeladen, gute Entscheidungen für dich zu treffen.

In der nächsten Folge wird es um die Karte mit der Nummer 1 gehen: Der Magier. Bis dahin freue ich mich auf deine Fragen und Erfahrungen in den Kommentaren!

Über diese Serie:

In “Tarot Basics” stellt Nike dir nach und nach die einzelnen Karten des Großen Arkana vor. Ihre Symbolik, ihre Message, ihre Licht- und Schattenseiten, welche Energien sie verkörpern und wie du mit ihnen arbeiten kannst. Hier geht’s zur nächsten Karte: Der Magier.

Fotos © Lydia Hersberger

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9 Kommentare / Schreibe einen Kommentar

  1. Jippy!! Sehr schöne Idee. Und wie passend habe gerade vor kurzem entschieden, mich mit Tarot Karten zu beschäftigen.. I like it!! Ich freue mich auf den nächsten Beitrag. Namasté Manuela (von unamyoga.com)

  2. Wow, vielen vielen Dank für diesen tollen Beitrag! Ein Post über Tarotkarten, den man auch als „normaler“ Mensch, der nicht so in der Materie drinsteckt, versteht und der auch die „Grenzen“ des Lesens aufzeigt (also das mit dem Wahrsagegedöns). Habe schon des öfteren überlegt mich mal näher mit dem Thema zu befassen, aber um ehrlich zu sein habe ich noch so meine Probleme damit, dass es Schicksal und kein Zufall sein soll, welche Karten man aufdeckt usw. (wenn ich hier falschliege, belehrt mich gern eines besseren :) ). Das geht mir dann doch einen Ticken zu weit.
    Liebe Grüße, Julia

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