Tantra Yoga: Was es mit der originalen Lehre auf sich hat

Wenn wir uns so richtig hartgesottene, erleuchtete Yogis vorstellen, dann taucht vor unserem inneren Auge meist ein ganz bestimmtes Bild auf: das eines sehr schlanken Mannes in schlichter Kleidung, der asketisch von Sonnenaufgang bis -untergang alleine auf einem Berg meditiert und alles Weltliche längst transzendiert hat. Schnöde Alltagsdinge Dinge wie gutes Essen, schöne Kleidung oder Sex sind ihm vollkommen unwichtig.

Im Vergleich dazu fühlen wir uns manchmal, wenn wir trotz Yogapraxis gerne mal ein oder Glas Wein trinken, Partys nicht ganz abgeneigt sind und uns Gedanken über unser Äußeres machen, als seien wir spirituelle Loser und hätten etwas ganz Wichtiges noch nicht verstanden. 

Hier kommt Tantra Yoga ins Spiel.

In der geheimnisvollen tantrischen Lehre sind alle Teile des Lebens gleich wertvoll für unsere persönliche Entwicklung: der spirituelle Teil, aber auch der allzu menschliche. Das eine existiert nicht losgelöst vom anderen.

Tantra ist ein großes, lautes JA zum Leben mit all seinen Facetten.

Die Erleuchtung kommt laut Tantra Yoga nicht nur durch besagtes, einsames Meditieren und Abschotten von der Welt, sondern kann sich neben spirituellen Praktiken ebenso in Genuss, Feiern, oder auch durch Sex manifestieren. Wie sagt unsere Tantra-Queen Sandra so schön in ihrem ersten Artikel über die non-duale Tantraphilosophie:

“Tantra lehrt in Theorie und Praxis, wie du dich bedingungslos ins Leben verknallst.” – Sandra von Zabiensky

Was ist Tantra Yoga?

Mit dem Wort “Tantra” assoziieren viele Leute erstmal “irgendwas mit Sex” – das ist aber zu kurz gegriffen, genau, wie Yoga nicht nur aus Asanas besteht. Tantra ist vielmehr praxisnahe Lebensphilosophie und ein Lehrsystem mit körperlichen Praktiken. 

Die Ursprünge gehen bis ins 2. Jahrhundert zurück, ihre Hochzeit erlebte die Lehre zwischen dem 8. und 11. Jahrhundert in Indien. Tantra ist aber, trotz des alten Ursprungs, zeitgemäß und allumfassend.

Die Lehre steht im Gegensatz zu den vedischen Schriften, aus denen die Yogaphilosophie hervorgegangen ist. Historisch gesehen haben Yoga und Tantra nämlich völlig unterschiedliche Bedeutungen. Deshalb werden heute unter dem Begriff “Tantra” die Texte, die nicht aus der vedischen Tradition stammen, zusammengefasst. Yoga-Tradition, Tantra und Buddhismus haben sich über die Jahrhunderte allerdings stark vermischt, weshalb es heute schwierig ist, die Lehren klar voneinander zu trennen.

Ein wichtiges tantrisches Werk ist das Shiva Sutra, eine Abhandlung, die sich mit Wegen der Erleuchtung beschäftigt und Praktiken meditativer und experimenteller Natur aufführt, mit denen man Energien umwandeln und übernatürliche Fähigkeiten entwickeln soll.

Außerdem ist das Tantraloka von Abhivanagupta (1000 n.Chr.) hier zu nennen. Was sämtliche Texte gemeinsam haben, ist, dass sie äußert kryptisch geschrieben und von Nicht-Eingeweihten so gut wie nicht zu verstehen sind. Tantra-Texte nutzen eine symbolische, mehrdeutige Sprache, die von einem Guru erklärt werden muss. 

>> Lesetipp: In der Artikelserie “Original Tantra” bringt Sandra die Tantra-Philosophie verständlich, auch für Nicht-Eingeweihte auf den Punkt

Im Tantra gilt alles als heilig.

Nicht nur der asketische, spirituelle Teil von uns ist heilig und wertvoll, sondern eben alles. Wir müssen uns nur daran erinnern, dass wir, ebenso wie alles um uns herum, mit all dem, was da ist, vollkommen sind. Alles und jede*r ist göttlich, es kommt nur in unterschiedlichem Gewand daher.

Der Körper wird in der Tantralehre nicht als ein Hindernis betrachtet, das es zu transzendieren und dessen Bedürfnisse es zu zügeln gilt, wie es in der vedischen Philosophie der Fall ist. In der Tantralehre ist er vielmehr ein verdammt praktisches Instrument, das wir auf dem Weg zur Erleuchtung nutzen können und der uns diese Erfahrung überhaupt erst möglich macht.

In der Yogatradition herrscht die Vorstellung von Maya, der großen Illusion. Solange wir in ihr gefangen sind, sehen wir Du und Ich, eine Außen- und eine Innenwelt. Wenn wir Maya transzendieren, begreifen wir, dass alles eins ist. Das Ziel ist, sich von der physischen Welt zu lösen. Tantra radikalisiert eben diese Idee. In dieser Lehre gilt die Welt als real. Wenn alles eins und somit göttlich ist, dann eben auch der physische Körper und all seine Bedürfnisse. 

Die körperorientierte Form des heutigen Yoga entwickelte sich tatsächlich zum Großteil aus der tantrischen Tradition. 

>> Lesetipp: Weitere Stile findest du in unserem großen Yoga-Arten-Finder

Der Tantra-Lehre haben wir das Chakrensystem zu verdanken. 

In den alten Schriften des Tantra findet sich erstmals das Konzept von sieben Energiezentren, den Chakren, im Körper, mit deren Energie wir arbeiten können. So ist Tantra vor allem Energiearbeit. Die Energien können gröber oder feinstofflicher sein, mal expandierend, mal kontrahierend.

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Das Wort Tantra kommt aus dem Sanskrit und lässt sich mit “Gewebe” oder “Zusammenhang” übersetzen. Damit ist das Verweben unserer individuellen mit der universellen Energie gemeint.

Shiva Shakti – die göttlichen Prinzipien in allem Leben

Shiva und Shakti sind die göttlichen Prinzipien im Tantra Yoga; Shiva ist das Bewusstsein, das Immerwährende, und Shakti die Energie, durch die das Bewusstsein sich ausdrückt. Diese beiden Pole finden sich in allem Leben – auch in uns selbst. Unsere Aufgabe ist es, diese Pole auszubalancieren, zum Beispiel auch dadurch, dass wir spirituelles und alltägliches Leben in Einklang bringen und sie nicht hierarchisieren. Das eine ist nicht besser als das andere, und beides lässt sich nicht voneinander trennen.

Diese beiden Prinzipien sind keine Gegenpole, sondern existieren miteinander und ineinander. Sie sind non-dual. Wenn sie sich vereinen, kann die Kundalini-Energie erwachen. 

Ja, richtig, es handelt sich hier um die Kundalini-Energie, die du vielleicht aus dem gleichnamigen Yogastil kennst. Aber der Ursprung liegt in der wesentlich älteren Tantraphilosophie. Die Kundalini-Energie wird oft mit dem Bild einer schlafenden Schlange beschrieben. Wenn wir sie durch Energiearbeit erwecken, kann sie bis zum Scheitelpunkt des Kopfes, zum Kronenchakra, aufsteigen, eben wie eine Schlange, die sich aufrichtet.  

Wie kann man sich eine Tantra Yoga Klasse vorstellen?

Genauso krude wie die Tantra-Texte für Laien wirken können, so unbegreifbar und geheim sind die praktischen Tantra Yoga Übungen. Es gibt viele geheime Rituale, die nicht nach außen dringen und von Meister*innen an Schüler*innen weitergegeben werden.

Tantra Yoga ist hauptsächlich Energiearbeit. Es geht darum, die grobstofflichen und feinstofflichen Energien in dir und um dich herum wahrzunehmen. Im Tantra Yoga übt man, Energien zu aktivieren und kanalisieren. 

Wir wollen uns mit Tantra Yoga nicht der Welt entziehen, sondern mitten hinein springen. Das heißt, auch der Körper und all seine Wahrnehmungen sind heilig. Im Tantra Yoga findet man deshalb körperliche wie geistige Übungen: viele Atemübungen (Pranayama), Arbeit mit Yantras, Mudras und Mantras; außerdem gibt es Kontemplationen und Selbstreflexionen, sowie Chakra-Arbeit. 

Typisch für Tantra Yoga sind Meditationen mit starken Visualisierungen, zum Beispiel von Symbolen wie Mandalas oder mit Bildern von Gottheiten, die man sich bis ins kleinste Detail vor dem inneren Auge ausmalt. Im Gegensatz dazu gibt es aber auch Meditationen innerer Stille.

Eine klassische Yoga Asana Stunde, wie wir es aus anderen Stilen kennen, gibt es im Tantra Yoga streng genommen nicht. Zunächst müssen Anwärter*innen initiiert werden. Dann trifft man Tantra Yogis bei Zusammenkünften, Workshops oder Retreats. 

Elemente des Tantra findet man jedoch in anderen Yogastilen: im Kundalini Yoga in Form der klaren, tiefgehenden Ausrichtung auf den energetischen Körper sowie im Anusara Yoga in Form eines Stundenthemas. Es gibt auch Yogaklassen, die als Tantric Hatha Yoga bezeichnet werden und einen stärkeren Fokus auf Asana (Körperhaltungen) richten. 

Tantra und Sex

Viele denken immer noch an abgefahrene Sexpraktiken, wenn sie das Wort Tantra hören. Wenn man die Vereinigung der Shiva-Shakti Energie wörtlich nehmen möchte, dann kann Tantra mit Sex zu tun haben.

Im Gegensatz zu anderen spirituellen Strömungen wird in der Tantraphilosophie Sex auch nicht abgelehnt, sondern die menschlichen Triebe werden anerkannt und bejaht. In den ursprünglichen Texten finden sich aber kaum Abhandlungen über Sex. 

Viele der angebotenen Tantra Workshops sind von daher eher dem Neo-Tantra zuzuordnen und haben mit den originären Ursprüngen nicht allzu viel zu tun.

Für wen ist Tantra Yoga das richtige?

Tantra Yoga ist ein Weg für all diejenigen, die sich wahrlich aufs Leben einlassen wollen. Für all diejenigen, die sich volle Kanne hineinwerfen wollen mit allen großartigen, aber auch mit all den schmerzhaften Erfahrungen, die es für uns bereit hält. 

Tantra Yoga ist der Weg eines freien, mutigen Lebens und radikaler Selbstakzeptanz.

Enjoy the ride!

Sheila

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Titelbild ©  Elia Pellegrini.

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