Auroville in Indien: Nächster Stop Utopia City

Was passiert, wenn eine Gruppe von Menschen den Traum von einer Welt hegt, die Verbundenheit und Gleichheit aller Menschen als ihr höchstes Gut betrachtet? Was passiert, wenn diese Menschen einer Französin und einem spirituellen Rebellen in ein wüstenähnliches Hochplateau in Südindien folgen, um dort ihr gesellschaftliches Experiment zu starten?

Offen gesagt: Passieren kann vieles. In einem speziellen Fall in den wilden sechziger Jahren entstand aus dieser Situation etwas ganz besonderes:

Auroville. Utopia City. Die größte, alternative Gemeinschaft der Welt.

Zugegeben, als ich im grauen Januar meinen Rucksack für Indien packe, fühle ich mich ziemlich erschöpft. Workshops, Festivals, Artikel, Beratungen, kaum Pausen in der Rückzugszeit Winter. Darum steht für mich ganz groß Ruhe, Langsamkeit und Stille auf dem Programm. Für Ruhe nach Indien zu fahren, kann ein gewagtes Unterfangen sein, doch mit meinem liebsten Zauberwort Vertrauen auf den Lippen mache ich mich auf nach Auroville, Tamil Nadu, Indien.

Der Lonely Planet beschreibt Auroville als unzugänglich und verschlossen. Dort will ich also Langsamkeit finden und Platz in mir für neue Ideen schaffen?

Schon mit dem Schritt vom Flughafengebäude ins Taxi hinein sitze ich in der Auroville-Blase.

Der Taxifahrer spricht während der dreistündigen Fahrt über nichts anderes als seinen Ort Auroville. Dabei muss er nicht mal Werbung machen, ich will da ja hin – und meine Neugierde wächst mit jedem Überholmanöver, das ich auf der Hinterbank überlebe.

Auroville ist eine universelle Stadt, ein Raum für Weltbürger*innen.

Auroville liegt nahe der Küste im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu, nicht unweit der ehemaligen französischen Kolonie Pondicherry. Entstanden ist Auroville durch die Vision von Sri Aurobindo und Mira Alfassa, eine Stadt zu kreieren, die keiner Nation zugehörig ist und zugleich Raum für alle Weltbürger*innen gibt, frei von Religion, Herkunft und individuellem Wohlstand, um in Frieden und Gemeinschaft nach der höchsten Wahrheit zu streben und sich mit dem Göttlichen zu verbinden.

Mira Alfassa gilt als Mutter von Auroville und ist die einzige westliche Guru, die in Indien jemals verehrt wurde.

Mira Alfassa, genannt die Mutter, schmückt auf Schwarz-Weiß-Fotografien jedes Geschäft, Restaurant und jeden Workshop in Auroville. Es sind Bilder von einer strengen, älteren Dame, mit ägyptischer Grazie und leicht mürrischem Blick.

auroville the mother copyright julia wunderlich
In jeder Ecke ist noch Platz für Bilder der Mutter und Aurobindo

Die Künstlerin Mira Alfassa begegnet im Jahr 1914 dem spirituellen Lehrer Sri Aurobindo in Südindien und schließt sich 1920 seinem Ashram in Pondicherry an. Sri Aurobindo, vormals radikale, treibende Kraft der bengalischen Unabhängigkeitsbewegung, ist Gründer des Integralen Yoga, sprich eines Yoga, das die ganzheitliche soziale und spirituelle Entwicklung des menschlichen Bewusstseins hin zum Göttlichen anstrebt.

Aurobindo sieht in Mira Alfassa die Inkarnation der Mutter-Göttin. Nach seinem Tod übernimmt Alfassa die Leitung des Ashrams und wird bis heute in Indien als The Mother verehrt.

Die spirituelle Arbeit im Ashram ist Aurobindo und der Mutter nicht visionär genug. Sie träumen von einer universellen Stadt.

Beide sehen, dass wir eine Welt erschaffen haben, die zu gewaltig, zu komplex, zu entfernt von unseren Bedürfnissen ist, um für uns gesund zu sein. Diese herkömmliche Welt ist es, die uns daran hindert, unser unendliches mentales und spirituelles Potenzial zu erkennen und gemeinsam zu entfalten.

„The most important idea is that unity of the human race can be achieved neither by uniformity, nor by domination and subjection.“ – Mira Alfassa

Geleitet von ihren Visionen gründet die Mutter im Jahr 1968 Auroville auf einem dornigem Hochplateau nahe Pondicherry. 50.000 Menschen soll die Stadt ihrer Träume bald bewohnen. Fünf Jahre nach der Gründung stirbt Mira Alfassa. Sie hinterlässt eine Charta für Auroville, nach der die Bewohner*innen weiterhin leben.

Angekommen in Auroville sehe ich erst einmal grün.

Eine bombastische botanische Vielfalt umgibt mich. Aus dem deutschen Winter bin ich mitten im ökologischen Paradies gelandet. Verrückt, diese gleichzeitig bestehenden Welten, denke ich. Und sonst? Wo ist das Zentrum, der vibe, der place to be?

Wie wahrscheinlich jede andere Person habe ich mir Auroville als ein blühendes Dorf oder Städtchen vorgestellt, in dem es nur so wuselt, von klar: Freaks. Stattdessen: staubige Strassen und Verkehrsschilder, die ins Nichts hinter dem Grün verweisen. Verkehr? Kaum. Nicht mal das vertraute indische Dauerhupen oder das Gebell der Strassenhunde ist in der Ferne zu hören.

Keine Menschenseele.

Mein Freund Peter, Auroville-Urgestein der erstem Stunde, drückt mir eine Karte in die Hand, die kaum Straßen, eher Angaben für Ansiedlungen enthält, deren Namen zuerst nicht wirklich aufschlussreich sind. Auroville, ein Flickenteppich!

Wie kann das sein in der utopischen Stadt, die Einheit als oberste Maxime vertritt?

Die Karte zeigt im Zentrum den Matrimandir, das spirituelle Zentrum Aurovilles. Vierzig Jahre braucht die Gemeinschaft, um dieses besondere Bauwerk mit vereinten Kräften fertig zu stellen. Es ist der Stolz, ja, das Baby der Community.

Der Mandir (Tempel) ist eine leuchtende Kugel, die aus goldenen, satellitenschüsselartigen Kreisen zusammengesetzt ist. Das Gold reflektiert das Licht der grellen Sonne hinter dem ewigen Blau des Himmels – und doch ist diese spacige Kugel, wie alles in Auroville, versteckt hinter dem ewigen Grün.

Um Auroville zu entdecken, braucht man eine Karte, ein Moped und das Vertrauen, schon irgendwann irgendwo anzukommen.

auroville vegan food copyright julia wunderlich

Irgendwo im Dickicht ein Schild, ein staubiger Pfad und dahinter eine Insel. Mit Inseln meine ich die in Auroville sogenannten Zonen. Es gibt Zonen für Permakultur und Algenanbau, für die Produktion von Musikinstrumenten, für Tanz, für afrikanische Kulturen, für Baumhäuser, für Workshops oder Forschung, für Recycling und Upcycling aller Art, für raw-vegane Restaurants, für soziale Lebensmittel- und Kleidungsläden, für alternative Schulen und ebenso alternative Medizin.

Diese Inseln sind geprägt von einer unglaublichen architektonischen Diversität, vom Hobbithaus, traditionellen Jurten, New-Age Gebäuden bis zu betonklarem koreanischen Design ist alles zu finden.

Anstelle der angestrebten 50.000 Bewohner*innen leben zur Zeit knapp 3.000 Menschen permanent in Auroville.

Dazu kommen noch Freiwillige und Dauer-Tourist*innen. Obwohl Auroville so ein Flickenteppich ist und die Bewohner*innen in ihren individuellen räumlichen wie geistigen Inseln unterwegs sind, kennt jede*r jede*n. Dies wird klar, als ich das erste mal in der Solar Kitchen esse. Solar Kitchen ist die Kantine von Auroville, wo Alteingesessene und Newcomer für das klassische indische Thali (Menü) zusammenkommen.

Bezahlt wird hier nicht mit Geld, sondern wie fast überall in Auroville: mit Aurovillekarte. Diese Karte kann in den zwei Banken Aurovilles aufgeladen werden. Seit seiner Gründung versucht sich Auroville in diversen monetären Systemen.

Nach dem Mittagessen in der Solar Kitchen geht es weiter hoch auf das Dach, wo man unter blauem Himmel und mit italienischem Espresso und einem westlichen Dessert den Mittag abrunden kann. Irgendwann hüpfen dann alle auf ihre Fahrräder, hinein in ihre Projekte oder Zonen – aber nicht, ohne sich vorher für ein Event am Abend zu verabreden.

Kommunikation in Auroville funktioniert hauptsächlich über Buschfunk, schwarze Bretter und die Wochenzeitung.

Bei der Contact-Impro schwitzen oder klassischen indischen Tanz angucken, dann rüber zum Konzert kraftvoller Russinnen und zum Runterkommen noch ein Gong Bad?

Auroville ist wie ein Dauerfestival, frei von Drogen und Hedonismus.

Mit unglaublicher visonärer Energie. Das breite Angebot entspricht der Gründungsidee der Mutter. Es ist dazu gedacht, Räume für die individuelle kreative Entfaltung zu bieten. Durch diese soll körperliche und geistige Transformation aller Bewohner*innen ermöglicht und die Einheit unter ihnen erreicht werden.

Neben dieser vielseitigen Auswahl steht ein ganz besonders magischer Raum für Leere und Stille im Vordergrund, der Matrimandir. In der nahezu schwebenden goldenen Kugel liegt ein hoher, weißer Raum, in dessen Mitte der angeblich größte Kristall der Welt aufgestellt ist. Durch den Kristall fällt ein Strahl Sonnenlicht durch die Kugel nach unten, in einen riesenhaften Wasserlotus hinein, der unterhalb der Kugel liegt.

Im Spaceship von Auroville kann man den eigenen Kopf klären.

Nicola Rico Carignani Auroville Matri Mandir
Der Matrimandir, Ort der Zusammenkunft © Nicola Rico Carignani

Der Tempel gibt Raum für die individuelle Transformation und Platz für die spirituelle Einheit der Community.

Als ich an einem grellen Tag im Februar diesen gleichsam dunklen und doch weißen Raum innerhalb der Kugel betrete, unter mir flauschiger weißer Teppich, bin ich sofort in einer anderen Dimension. Die langen, tragenden Säulen vermitteln mir das Gefühl von Winzigkeit. Ich bin eine Zelle – im großen Ganzen.

Der Kristall strahlt so eine klare Energie aus, dass sich meine Stirn kühl und gehalten anfühlt. Dahinter ist Ruhe und Vertrauen. Nach 15 Minuten beendet ein künstliches Lichtgewitter die Meditation. Hinaus aus der Kugel. Platz machen für die nächste Gruppe. Wenn ich Glück habe, bekomme ich in den kommenden Tagen noch einmal einen Termin für diese Klarheit im Kopf.

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Doch wie wirklich ist die Utopie von Auroville?

Auroville sieht sich als Ort, der frei ist von Religiosität. Tatsächlich ist Auroville überladen von Symbolen und Fotografien von Aurobindo und der Mutter. Doch so sehr Auroville auch von Symbolen geprägt ist, eines fällt sofort ins Auge: Es gibt keine Uniformität, nichts, was einer Sekte ähnlich wäre. Was da ist, sind Diversität, Vielfalt, Buntheit, Individualität.

Was mich wirklich fasziniert ist, dass nirgends leeres Gerede oder Belehrungen ertönen, keine Versuche der Bekehrung. Was du empfängst, ist Euphorie pur. Sogar die Kritiker*innen unter ihnen sind nur von einem getrieben: der ewigen Verbesserung der gemeinschaftlichen Strukturen und, wie mein Freund Peter sagt: der Herzensbildung.

Zugegeben, Auroville ist ein Nest.

Manchmal wirkt es verloren, aber deswegen nicht weniger zauberhaft und kraftvoll. Wieviel Struktur Auroville braucht, um sich im Sinne der Mutter und der Charta weiter zu entwickeln, ist immer wieder Streitpunkt unter den Bewohner*innen. Dennoch, die Charta ist die Richtlinie, der alle folgen, um den gemeinsamen Traum zu verwirklichen.

“Auroville belongs to nobody in particular. Auroville belongs to humanity as a whole. But, to live in Auroville, one must be a willing servitor of the divine consciousness.” – The Mother

Auroville, so wissen es auch die Aurovillianer*innen, will und muss wachsen. Auroville braucht den frischen Geist junger Menschen. Es braucht eine verbesserte Infrastruktur, mehr Wohnraum und vor allen Dingen braucht Auroville Geld.

Denn obwohl Auroville unter dem Schutz der UNESCO steht, sind erhoffte Fördergelder ausgeblieben. Wer hier ankommt und für die Gemeinschaft arbeiten möchte, braucht erstmal ein eigenes finanzielles Polster, um hier überleben zu können.

Auch die Kommunikation zwischen den umliegend lebenden Tamilen und dem multikulturellen Bewohner*innen Aurovilles erweist sich immer wieder als schwierig. Der Lebensstandard und die Ansprüche der Aurovillianer*innen stehen zum Teil im krassen Gegensatz zu dem der umliegenden Dörfer.

Auroville ist eben eine Blase, Neuland, ein großes Experiment, das voller Liebe und mit visionärer Kraft vorangetrieben wird.

Entlang aller Widerstände. Diese Widerstände liegen oft in unserem tiefsten Inneren. Darin, dass wir Menschen aus Kontexten der Konditionierung kommen und keine von Grund auf erleuchteten Wesen sind. Und das ist okay. Denn Auroville ist eben ein offener Raum, eine Spielwiese zum Lernen. Über dich selbst und dein Gegenüber.

Alternative Lebensmodelle gibt es viele. Auroville übt, wenn man die Zeit hat, einzutauchen, einen ganz besonderen Sog aus. Das Leuchten der Alten, die die Mutter noch persönlich gesehen haben, die Hochstimmung der zweiten Generation, die Euphorie der Newcomer (neuen Bewohner*innen). Wenige gehen und kehren Auroville den Rücken. Wer gehen muss, kommt garantiert zurück.

Besondere Orte leben nicht nur aus sich selbst heraus, sondern auch aus dem Blick der Betrachtenden. Für mich ist Auroville genau im perfekten Moment auf meiner inneren Landkarte erschienen.

Ob Auroville für dich auch so passend ist, kannst du am besten vor Ort erfahren.

Solltest du nach Südindien fahren, dann empfehle ich dir auf jeden Fall einen längeren Besuch. Auroville ist ein Ort zum Bleiben und erschließt sich in all seinen Möglichkeiten erst durch ein Sich-Treiben-Lassen.

Besonders als Frau solltest du wissen, dass es in Auroville nahezu keine Strassenbeleuchtung gibt. Du solltest dir Fahrgemeinschaften organisieren, damit du nicht alleine im dunklen Dickicht unterwegs bist.

Wenn du nach Auroville reist, dann besuche zunächst das Auroville Visitors Center. Dort wirst du mit allen wichtigen Informationen ausgestattet. Und solltest du wegen Überfüllung keinen Schlafplatz finden, kümmert sich darum die Anlaufstelle im Visitors Center.

Denn auch wenn es erstmal so aussieht in Auroville: Du bist nicht allein. Du bist Teil des großen, kollektiven, göttlichen Ganzen.

In Liebe und Einheit,
deine Julia

Fotos sofern nicht anders benannt ©Julia Wunderlich

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4 Kommentare / Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Julia,
    Ein sehr schöner Beitrag über Auroville! Ich freunde mich zurzeit immer mehr mit der Idee an, dort bald vorbeizuschauen, deshalb habe ich noch ein paar Fragen an dich:
    > Du empfehlst einen längeren Aufenthalt – wie lange warst du denn da?
    > In einigen Erfahrungsberichten habe ich gelesen, dass Touristen oft nicht die selben Möglichkeiten haben wie Bewohner von Auroville. Z.B. nicht bei allen Veranstaltungen mitmachen können – stimmt das? Wie ist es dir allgemein ergangen – hast du dich als “Fremde”, Außenstehende gefühlt oder hat man wirklich die Möglichkeit ein Teil der Gemeinschaft zu sein?
    Mir ist vor allem dieser Aspekt, in der Zeit des Aufenthalts nicht völlig alleine zu sein, sehr wichtig, da ich noch sehr jung bin und noch keine Erfahrungen im Alleine-Reisen habe.
    Liebe Grüße Lena

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