Bookspiration: Die schönsten Romane über Indien

Wenn ich in ein fremdes Land reise, lese ich vorher mindestens ein Buch darüber. Beispielsweise Romane, die mir Lust machen, mich mit Kultur und Landesgeschichte zu beschäftigen. So fühle ich mich nicht mehr ganz so unwissend.

Diese Bookspiration widme ich Romanen und zwei Autobiografien aus bzw. über Indien, die sich perfekt als Strandlektüre in Goa eignen.

Bissiges Gesellschaftsportrait: Aravind Adiga, Der weiße Tiger

Vor meiner ersten Indienreise letztes Jahr hat mir ein Freund, der jahrelang in Indien gelebt und gearbeitet hat, “The White Tiger” von Aravind Adiga geschenkt, mit den Worten: “Da kannst du lesen, wie es in Indien wirklich zugeht.” Besagter Freund ist manchmal ein bisschen zynisch und schimpft viel über die Zustände, liebt das Land aber trotz aller seiner Schattenseiten aus vollem Herzen.

Und genau so liest sich der Erstling von Adiga, in dem es um einen kleinen Dorfjungen geht, der sich zum Chauffeur eines reichen Mannes in Delhi hoch arbeitet und später sein eigenes Taxiunternehmen gründet – nicht, ohne über Leichen zu gehen. Die indische Unterschicht und ihre Mitglieder, die sich jedes Bisschen Wohlstand hart erkämpfen müssen, werden eindringlich portraitiert. Kloake, Armut und Korruption krochen mir beim Lesen förmlich in die Knochen und das Schicksal des Protagonisten ließ mich nicht los. Liest sich auf einem Flug nach Mumbai ohne Weglegen!

Unglaublich, aber (fast) wahr: Gregory David Roberts, Shantaram

Shantaram bedeutet “Mann des Friedens” – ein Name, den der Protagonist dieses 1000-Seiten-Abenteuers von der Mutter seines besten Freundes erhält. Lindsay, der in Australien aus einem Hochsicherheitsgefängnis geflohen ist und in Mumbai untertaucht, ist dabei kein klassischer bekehrter Bösewicht, sondern einer, der das Falsche aus den richtigen Gründen tut, wie es an den philosophischeren Stellen des auf der Biografie des Autors basierenden Romans häufig heißt.

Nachdem er sein Erspartes verloren hat, lebt und arbeitet er zunächst im Slum, später lässt er sich mit einem mächtigen Mafia-Boss ein. Er ist ein Wandler zwischen den Welten seiner Expat-Clique aus dem Café Leopold’s, dem Slum (welches Roberts so liebevoll beschreibt, dass es fast wie ein Sehnsuchtsort klingt), seiner großen Liebe Karla und seiner Tätigkeit als Mafiosi.

Was mir beim Lesen am meisten Spaß gemacht hat: einerseits die lebhafte Schilderung von Mumbai und seiner Bewohner und andererseits die große Tiefe, mit denen Roberts Lindsays Männerfreundschaften beschreibt. Es wird ziemlich brutal, und ich habe mich gefragt, ob der Name “Shantaram” wirklich berechtigt ist – nichtsdestotrotz ist Lindsay ein absoluter Sympathieträger.

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Wanderer zwischen zwei Welten: Shilpi Somaya Gowda, Der goldene Sohn

Anil Patel ist der erste aus seinem Dorf im Bundesstaat Ghujarat, der es herausschafft, zuerst in Ahmedabad Medizin studiert und dann nach Texas zieht, um Assistenzarzt zu werden. Zurück lässt er seinen Vater den Dorfältesten, seine Mutter, vier Geschwister und seine Kindheitsfreundin Leena, die bald darauf verheiratet wird.

Während Anil in Texas lernt, dass das Leben in Amerika nicht nur schön ist, erleidet Leena in ihrer Ehe das harte Schicksal, das auch heute noch die Realität für viele Frauen in Indien ist – von Gleichberechtigung keine Spur. Die Geschichten der beiden Protagonisten werden aus wechselnden Perspektiven und parallel erzählt – und natürlich bleibt ihr Schicksal miteinander verwoben.

In dem Roman der indischstämmigen Kanadierin Shilpi Somaya Gowda treffen Tradition und schöne neue Welt aufeinander. Indische Dorfkultur, Familienbande und gesellschaftliche Zwänge werden eindringlich beschrieben, genau wie die Herausforderungen, die Anil in seinem neuen Leben als Migrant in den USA begegnen.

Spurensuche im Heuhaufen: Saroo Brierly, Lion: Der lange Weg nach Hause

In Shantaram wird der Australier zum Inder. Hier wird der Inder zum Australier – in einer nicht minder unglaublichen, wahren Geschichte. A Long Way Home ist die Autobiografie von Saroo Brierly, der 1986 als Fünfjähriger ausversehen als blinder Passagier in einem Zug halb Indien durchquerte und in Kalkutta auf der Straße lebte, in einem Waisenhaus landete, von einem australischen Ehepaar adoptiert wurde und nach Tasmanien zog.

Er erinnert sich nur sehr grob an den Namen seines Heimatdorfs und an die Konstellation der Bahngleise und der Häuser nahe des Bahnhofs; als Google Earth 25 Jahre später neue Möglichkeiten eröffnet, begibt er sich jedoch ernsthaft auf die Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen, um seine ursprüngliche Heimat und seine Familie wieder zu finden (Spoiler: er findet sie!). Der Text ist das Zeugnis seiner Abenteuer als Kind und dieser Suche, die sich wie ein Abenteuerroman liest.

Spirituelle Heldenreise: Radhanath Swami, Journey Home – Autobiografie eines amerikanischen Yogi

Die Autobiografie des bedeutenden spirituellen Lehrers und ISKCON-Mönchs Radhanath Swami steht auf der Leseliste fürs Jivamukti Teacher Training – schließlich ist er Gründer des Ashrams, in dem das Indien-Training jährlich stattfindet. Als College-Student begab sich der Amerikaner Richard Slavin auf eine Europareise, die er nicht wie geplant wieder beendete; stattdessen machte er sich seiner Intuition folgend mehr oder weniger zu Fuß Richtung Osten auf, bis nach Indien.

Seine Abenteuer auf dem Weg und die erleuchtenden Lernerfahrungen beschreibt er genauso detailliert wie sein Leben in Askese und seine eifrige Suche nach seinem Guru. Während seiner Reise und Wandlung zum Sadhu trifft er mystische Yogis im Himalaya, weltbekannte spirituelle Lehrer, andere Suchende und findet schließlich in Bhakti Yoga, Krishna und in der ISKCON-Bewegung (International Society for Krishna Consciousness) sein Zuhause – er wird zu Radhanath Swami.

Auch diese Autobiografie liest sich wie ein (etwas transzendental und magisch angehauchter) Abenteuerroman und ich kann sie dir ans Herz legen, wenn du mehr über spirituelle Schulen in Indien und das Leben an heiligen, spirituellen Orten wie Varanasi oder Vrindavan lernen willst.

Schicksal zweier Brüder: Jhumpa Lahiri, Das Tiefland

Die Pulitzerpreisträgerin Jhumpa Lahiri fiel mir durch eine amerikanische Freundin in die Hände, die selber indische Wurzeln hat. Wie in Der goldene Sohn werden auch in Das Tiefland die Erfahrungen zweier Protagonisten zwischen Indien und den USA parallel erzählt.

Die beiden Brüder Subhash und Udayan wachsen in den 50ern in einem Vorort von Kalkutta auf. Sie sind unzertrennlich, aber auch sehr unterschiedlich. Einer pflichtbewusst, einer draufgängerisch. Beide interessieren sich für Wissenschaft und Politik. Während Subhash in die USA zieht, um sich in Ruhe der Wissenschaft zu widmen, lässt sich Udayan mit militanten Maoisten ein und wird bengalischer Aktivist.

Das Drama über Generationen und Kontinente hinweg entspinnt sich, als Udayan umkommt und eine schwangere Frau hinterlässt. Subhash holt sie zu sich und zweckheiratet sie, um ihr das Dasein als Witwe zu ersparen.

Mir wurde beim Lesen eindringlich bewusst, wie gleichmütig die Protagonisten ihr Schicksal teils hinnehmen und wie viele Menschen in Indien und auf der ganzen Welt wahrscheinlich einfach keine andere Wahl haben. Leid, das ich mit meiner privilegierten, idealistischen Weltsicht wahrscheinlich versuchen würde, mit allen Mitteln abzuwenden, wird zum Former des Charakters.

So many books, so little time… welche Bücher über Indien muss ich noch lesen? Ich freue mich auf deine Tipps in den Kommentaren!

Alles Liebe,

Uli

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8 Kommentare / Schreibe einen Kommentar

  1. Kein Roman, aber „Shiva Moon“ von Helge Timmerberg, vom Reiseschriftsteller meines Vertrauens, ist eine wunderbare Reisebegleitung nach Indien! Auch in „Tiger fressen keine Yogis“ finden sich einige Kurzgeschichten über Indien (und aus anderen Ecken der Welt)

  2. Midnight’s Children von Salman Rushdie ist der absolute Hammer, fand ich. Sehr surreal, sehr indisch, großartige Literatur. Den weißen Tiger und Shantaram hab ich auch sehr gern gelesen. Danke für die weiteren Tipps!

  3. Das Buch von Per J. Andersson „Vom Inder, der mit dem Fahrrad bis nach Schweden fuhr um dort seine große Liebe wiederzufinden“ beruht auf einer wahren Geschichte. Es hat mit den unterschiedlichen Kasten in Indien zu tun. Pradyumma Kumar, genannt Pikay, wird kastenlos geboren, also praktisch unterste Schicht, und hat darunter in der Schule und in seinem kleinen indischen Dorf zu leiden. Er arbeitet sich hoch, besucht eine Kunstschule, ist ein sehr begabter Portraitmaler, und wird schließlich sogar von Indira Gandhi eingeladen. Doch immer lebt er in Extremen, schläft teilweise unter der Brücke. Bis er Lotta aus Schweden kennenlernt. Als Lotta zurück nach Schweden geht, fährt er aus Liebe zu ihr auf einem alten Fahrrad den ganzen Weg von rund 7.000 km zu ihr. Und die Liebe hält bis heute, sie haben inzwischen Kinder, sind seit über 35 Jahren verheiratet und leben glücklich und zufrieden in Schweden.
    Mir hat es großen Spaß gemacht das Buch zu lesen, gerade weil es auf einer wahren Geschichte beruht, und man auch viel über Indien erfährt.

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