Zwischen Ashram und Bodyshape: Yoga in Indien heute

Halbnackte Gurus im Lotussitz, Ashrams soweit das Auge reicht und an jeder Ecke die Möglichkeit, der eigenen Erleuchtung näher zu kommen. So in etwa stellte ich mir Indien vor.

Ein Land, das vor Spiritualität geradezu strotzt. Doch mein erster Besuch im Ursprungsland des Yoga zeigte mir schnell, dass die spirituelle Praxis hier genauso vielfältig ist wie das Land selbst. Inzwischen lebe ich hier und unterrichte selbst Yoga – und meine Schüler*innen sind allesamt Inder*innen.

Yoga ist in, keine Frage.

Die magischen vier Buchstaben haben die “westliche Welt” im Sturm erobert. Ein Trend, der nur schwer erahnen lässt, dass es bis hierhin ein ziemlich langer Weg war. Gerade in Indien hatte es die Praxis nämlich nicht immer leicht, sich gegenüber gesellschaftlichen Konventionen zu behaupten.

Zur Kolonialzeit Indiens (1858-1947) war Yoga aufgrund der britischen Vorherrschaft alles andere als beliebt. Indische Traditionen galten schlichtweg als veraltet und auch der Hinduismus selbst lehnte die Lehren lange Zeit als zu körperorientiert ab. Kurzum: Yoga war im eigenen Land out.

„The moment I say I am a yogi, I am not a yogi.“

– T. Krishnamacharya

Dem indischen Gelehrten T. Krishnamacharya, den man auch den Vater des modernen Yoga nennt, haben wir es zu verdanken, dass die Praxis wieder auflebte. Er fasste in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts den Mut, sich gegen die Widerstände seiner Zeit aufzulehnen und schaffte es somit, die eingeschlafene Tradition wieder zum Leben zu erwecken.

Sein moderner Ansatz, erstmals auch Frauen und Menschen aus dem „Westen“ in die heiligen Lehren einzuführen, legte den Grundstein für unsere heutige Praxis. Zu Krishnamacharyas bekanntesten Schülern zählen Sri K. Pattabhi Jois, BKS Iyengar und BNS Iyengar. Allesamt namhafte Lehrer, nach deren authentischen Lehren wir auch heute noch üben.

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Authentizität – das ist es, was man sich von Yoga in Indien verspricht.

Sie ist der Grund, warum jährlich massenweise Reisende in das farbenfrohe Land pilgern. Dabei befindet sich der Subkontinent im Wandel wie kaum ein anderes Land dieser Erde, was nicht spurlos an den alten Traditionen vorbeigeht.

Dabei ist Yoga in Indien nicht gleich Yoga in Indien.

Ich würde die verschiedenen Tendenzen aktuell so beschreiben:

1. Bodenständige Praxis fernab vom Hype des Westens

Yoga gehört für die meisten Inder*innen genauso zum Alltag dazu wie das Zähneputzen nach dem Aufstehen. Bereits in jungen Jahren kommen Kinder hier mit der Ausübung von Asanas und Atemtechniken in Berührung, denn diese stehen auf der festen Tagesordnung der meisten schulischen Einrichtungen. Eine simple Routine, die viele bis ins Erwachsenenalter beibehalten.

Gerade in den ländlichen Regionen wird meist in den eigenen vier Wänden geübt, mit dem einfachen Ziel, den eigenen Körper, aber auch das häusliche Umfeld zu reinigen. Die Praxis dieser Kategorie zeichnet sich durch einfache Sequenzen gepaart mit dem Rezitieren von Sanskritversen aus. Ein Ritual, das zwar täglich ausgeübt wird, sich über die Jahre hinweg aber oftmals nicht stark verändert.

2. Urban Yoga: Moderne Praxis in den Millionenstädten

Dem gegenüber steht die moderne Yogastudio-Kultur der Metropolen des Landes. Zur Zielgruppe gehören vorwiegend Youngsters, die sich von hippen Werbeversprechungen wie Yoga for weight-loss oder body-forming anziehen lassen.

Die Anzahl der Studios, die traditionelle Stunden wie etwa Hatha oder Sivananda Yoga anbieten, ist rückläufig. Und das, obwohl das Angebot von Jung und Alt gleichermaßen gut aufgesucht wird. Der Grund: gestiegene Studiomieten, die sich mit einem einfachen Yogabusiness in Indien nur schwer überbrücken lassen.

Die größte Fitnesskette Indiens hat aus dieser Not ihre ganz eigene Tugend gemacht und sich zum Ziel gesetzt, einen Großteil aller Studios des Landes aufzukaufen. Yoga reiht sich nun vielerorts in ein Trainingsangebot aus Zumba, MMA und Ausdauersport ein.

Keine Frage: Vor allem in den indischen Großstädten weicht Yoga der Maschinerie der Moderne. Wer sich also tatsächlich nach spirituellem Wachstum sehnt, der sucht nach Alternativen außerhalb des Großstadttrubels.

 3. Ashrams: Mit dem Guru unter einem Dach

Eine beliebte Alternative sind Aufenthalte in Ashrams, auch Orte der Anstrengung genannt. Hier wird Spiritualität gelehrt und gelernt, Seite an Seite mit einem Guru, dem spirituellen Leiter dieser klosterähnlichen Einrichtung.

Typischerweise ist der Alltag in einem Ashram von frühmorgens bis spätabends durchgetaktet: Sämtliche Tätigkeiten und spirituelle Praktiken inklusive aller Mahlzeiten erfolgen nach einem strengen Plan. Daraus ergibt sich eine strikte Routine, die in der Regel der Eingewöhnung bedarf. Aus diesem Grund verbringen Inder*innen hier ein bis zweimal im Jahr gleich mehrere Wochen am Stück, denn erst dann entfaltet das Leben in einem Ashram sein volles Potenzial.

Früher waren Ashrams oftmals die einzige Möglichkeit, von einem spirituellen Lehrer zu lernen, was heute längst nicht mehr der Fall ist: Wem das Ashramleben zu extrem ist, der lädt seine spirituelle Batterie in einem der Yoga-Hotspots des Landes auf:

4. Mysore & Co.: East meets West

Auch die Herzen indischer Yogis schlagen höher, wenn von Orten wie Mysore, Goa oder Rishikesh die Rede ist. Sie gehören zu den bekanntesten Yoga-Hotspots des Landes und bieten eine perfekte Mischung aus Moderne und indischer Tradition: Vegan-vegetarische Restaurants mit ausgefallenen Speisekarten reihen sich hier neben den Shalas bekannter Lehrer ein. Eine Kombi, die nicht nur Touristen en masse anzieht.

Seit drei Jahren nun unterrichte ich als weiße Frau Yoga in Indien.

Zwischen Ashram und Bodyshape: Yoga in Indien heute 1Damit steche ich heraus, denn ich entspreche so gar nicht dem indischen Stereotyp eines Yogalehrers, die hier tatsächlich fast ausschließlich männlich sind. Eine Tatsache, die meine Schüler*innen jedoch nicht stört: Ich stoße in meinen Klassen stets auf Offenheit und Respekt.

Insbesondere, wenn ich neue Yogarichtungen wie Yin Yoga in meine Stunden mit einfließen lasse, die hierzulande noch nicht allzu bekannt sind.

Ich bin gespannt welchen weiteren Facetten der Praxis ich hier in Zukunft noch begegnen werde, denn eines ist klar:

Yoga in Indien passt mit seinen vielen Gesichtern in keine Schublade dieser Welt.

Du warst schon mal in Indien und hast Yoga vor Ort erlebt? Wie waren deine Eindrücke? Hast du Fragen dazu? Ich bin gespannt auf deine Erlebnisse in den Kommentaren.

Alles Liebe,

Deine Franzi

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5 Kommentare / Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Franzi. Ich bin begeistert von dir und deinem Weg. Mich zieht es schon seit Jahren nach Indien habe im Internet aber nie das richtige Angebot gefunden. Auch ich bin so wie du extrem Hochsensibel. Momentan versuche ich meinen Weg zu finden und ich würde sehr gerne Kontakt mit dir aufnehmen.

    Liebe Grüsse
    Sterntaler

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