30 Minuten ohne Selbstkritik: Wieso Morgenseiten magisch sind

Der Wecker klingelt, ich schlage meine Augen auf.

Mein erster Handgriff geht nicht zum Handy, sondern zum Stift. Zeit, meine Morgenseiten zu schreiben!

Wie der Name schon vermuten lässt, handelt es sich bei den Morgenseiten (oft auch einfach Morning Pages, nach ihrem englischsprachigen Ursprung) um drei handgeschriebene DIN A4 Seiten, die direkt nach dem Aufwachen begonnen und ohne Pause heruntergeschrieben werden.

Ursprünglich stammt die Idee von der Autorin Julia Cameron, die sie in ihrem 12-wöchigen Kurs “Der Weg des Künstlers*” als eines der zwei Grundwerkzeuge vorstellt. Neben zahlreichen Künstler*innen wie Russell Brand und Elizabeth Gilbert hat die Technik auch unter Produktivitäts-Freaks Anklang gefunden. Tim Ferriss, Autor von “Die 4-Stunden-Woche: Mehr Zeit, mehr Geld, mehr Leben*” ist zum Beispiel ebenfalls großer Fan.

Und wenn sich ein Konzept sowohl unter Spiris und Künstler*innen, als auch unter Business-Gurus durchsetzt, muss doch was dran sein!

“Sobald wir diese schlammigen, verrückten, verwirrenden Gedanken [unklare Sorgen und Ängste] aufs Papier gebracht haben, sehen wir unserem Tag mit klareren Augen entgegen”. – Tim Ferriss

Das klingt doch nach einem guten Deal! Der Erfinderin Julia Cameron geht es allerdings nicht um das bloße Herunterschreiben störender Gedanken. Für sie gilt das ungefilterte Schreiben ohne Pausen als Übung, die Zensur unserer eigenen Gedanken überwinden zu lernen.

“Die Gedanken sind frei” – oder vielleicht doch nicht?

Die allermeisten Menschen werden von einem inneren Kritiker begleitet, der jeden ihrer Gedanken, jede Handlung und jedes Geschehen harsch beurteilt. Ich habe meine innere Kritikerin Carol genannt und wir sprechen uns fast jeden Tag. Auch jetzt gerade meldet sie sich:

  • “Du hast nicht genug Ahnung, diesen Artikel zu schreiben.”
  • “Wow, alberne Einleitung. Meinst du wirklich, da lesen die Leute weiter?”
  • “Du schaffst das heute eh nicht mehr, guck einfach Netflix, dann gebe ich auch Ruhe.”
  • “Bist du schwach! Schon wieder vor Netflix, anstatt zu schreiben. War eh klar.”

Wahrscheinlich ist dir eine ähnliche Stimme schon seit der Kindheit vertraut. Wenn der innere Kritiker besonders laut ist, kann er Menschen unter anderem in Depressionen und Essstörungen treiben. Mindestens aber hält er viele von uns davon ab, Neues zu probieren, uns etwas zu trauen und steht wie ein*e zwei Meter große*r Türsteher*in zwischen uns und unserer kreativen Energie.

Cameron spricht hier vom Künstler-Geist, der die Welt spannend findet, erkunden will, Risiken eingeht.

Doch jedes Mal, wenn diese künstlerische, kindliche Stimme sich in uns meldet und einen Geistesblitz niederschreiben oder auf einen Baum klettern möchte, meldet sich der Logik-Geist. Er hat Angst, dass wir uns lächerlich machen oder runterfallen und weist den Künstler-Geist mit erhobenem Zeigefinger in die Schranken. Das war’s dann mit der Freiheit.

Neben inneren Kritikern schlagen wir uns außerdem mit ToDo-Listen, Sorgen um Freund*innen, finanziellen Unsicherheiten, der komplizierten Urlaubsplanung und weiteren unendlichen inneren Monologen herum. Auch diese Plappermäuler sorgen für Stau in den Gehirnwindungen.

Den inneren Kritiker wirst du wahrscheinlich nie los werden. Aber du kannst lernen, mit ihm zu leben.

Auch wenn es der innere Kritiker teilweise gut mit uns meint und uns vor Risiken und Blamagen bewahren will, ist er in der Regel überaus fies, wenig konstruktiv und hat schlichtweg unrecht. Der innere Kritiker ähnelt dem “Über-Ego” nach Freud und spiegelt, so vermuten Psycholog*innen, die Stimmen unserer Eltern, Lehrer*innen und anderen Autoritätspersonen der Kindheit wieder.

“Ich sehe dich, Mara. Lass uns Tee trinken.” – Siddharta Gautrama

Ganz nach Vorbild des Buddha, der den Dämon Mara in der Nacht seiner Erleuchtung zum Tee einlud, können auch wir lernen, mit unserem Gewusel im Kopf zu leben.

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Das unzensierte Herunterschreiben der Morgenseiten lässt dem inneren Kritiker keine Zeit, Blockaden aufzubauen.

Viele Künstler*innen, so auch Cameron, vertreten die Ansicht, dass wir ständig von kreativen Kräften umgeben sind. Unsere Aufgabe als Kreativschaffende ist es, ihnen den Weg freizumachen und sie durch uns wirken zu lassen. Gedichte, Geschichten, Gemälde, Melodien und Geschäftsideen suchen demnach nach Menschen, die von denen sie sich einfangen lassen können. Im alten Rom gingen Menschen sogar davon aus, dass kleine Genies als Wesen in den Wänden lebten und den Künstler*innen ihre Ideen zuflüstern.

Wer aber den ganzen Tag ein Dauerrauschen im Kopf hat, hört sein Genie nicht. Wer von seinem inneren Kritiker angeschrien wird, sobald er den Stift in die Hand nimmt oder zu komponieren beginnt, hört lieber sofort wieder auf.

Hier kommen die Morning Pages ins Spiel.

Weil sie in einem einzigen Gedankenfluss heruntergeschrieben werden sollen, wird dein innerer Kritiker einfach Teil des Schreibflusses, sobald er sich meldet. So hat er keine Chance, sich in den Weg deiner Gedanken zu stellen. Und so lernst du langsam, mit ihm umzugehen.

Eine Anleitung brauchen die Morgenseiten nicht – du kannst gar nichts falsch machen!

Diesen Punkt macht die Begründerin der Morgenseiten besonders klar: Du kannst die Morning Pages nicht falsch machen. Dadurch hat auch der innere Kritiker kaum eine Angriffsfläche.

Wichtig ist sind nur ein paar Eckpunkte für die Morgenseiten:

  • Handschriftlich
  • Drei DIN A4 Seiten
  • Langschrift (also keine Stichpunkte und Abkürzungen)
  • Direkt nach dem Aufwachen
  • Jeden Morgen
  • Danach nicht selbst lesen und erst recht niemand anderem zeigen.

Die Morgenseiten sind oft egozentrisch, ungeordnet und schlecht geschrieben.

All das ist völlig in Ordnung. Bei den Morgenseiten selbst handelt es sich nicht um Kunst oder Genie. Sie dienen wirklich primär dem Zweck, sich ein unzensiertes Arbeiten anzugewöhnen und störende Gedanken im gleichen Zuge aufzuräumen. Nichts ist zu banal, zu weinerlich oder zu klagend.

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Ein kleines Morgenseiten-Beispiel gefällig? Na gut, hier ist ein kurzer Einblick – auch wenn das ja eigentlich verboten ist.

“Und Corona, davon werden wir noch richtig lange reden. Heute schmeckt der Kaffee wieder gut. Neumond, vielleicht hat das ja was zu bedeuten. Vielleicht wird ab heute alles besser. Mein Rücken ist total verspannt. Vielleicht mache ich heute ein bisschen Yoga, eine Jivamukti-Klasse, zur Entspannung. Meine Serie kann ich wirklich nicht mehr sehen – ehrlich gesagt. Warum wird alles, was man länger macht, irgendwann schal?” 

Und so fülle ich dann öfter mal drei Seiten. Wie gesagt, die Morgenseiten müssen nicht geistreich sein, auch wenn euch sicher hier und da mal tolle Gedanken begegnen, völlig unverhofft. Darin besteht aber nicht das Ziel.

Aber warum eigentlich MORGEN-Seiten? Ich will ausschlafen.

Viele spirituelle Praktiken machen sich die Magie des Morgens zunutze. Und das nicht ohne Grund. Beim Vipassana-Retreat nach Goenka schlägt um vier Uhr morgens der erste Gong. Oshos Morgenmeditation beginnt im Morgengrauen. Ashtangis versammeln sich fast ausschließlich vor dem Frühstück in der Shala und selbst unser Lieblings-Morgenmuffel Rebecca muss zugeben:

“Es ist eine gute Idee, mit einer guten Routine statt Handy, Stress und Co. in den Tag zu starten.” – Rebecca Randak

Über Nacht verarbeitet unser Gehirn nämlich alle möglichen Eindrücke des letzten Tages. Sicher ist es dir auch schon passiert, dass ein Problem, das am Vorabend noch riesengroß erschien, plötzlich ganz einfach zu lösen war.

Es wäre schade, den Kopf direkt nach dem Aufwachen wieder mit Instagram-Stories, E-Mails und Hektik vollzustopfen. Denn mit unserem erfrischten Kopf sind wir empfänglicher für die positiven Effekte von Ritualen wie Meditation, Yoga und den Morgenseiten.

Wie du die Zeit am Morgen langfristig zu schätzen lernst, zeigt dir Rebecca in ihrem Online-Kurs I Woke Up Like This – In 21 Tagen zur eigenen Morgenpraxis.

Der Morgen ist magisch. Daher solltest du die Morgenseiten auch nicht am Abend schreiben.

Zwar kann es wirklich sinnvoll sein, Abends Tagebuch zu führen, den Tag Revue passieren zu lassen und Eindrücke festzuhalten – aber die Intention dabei ist eine andere. Der Effekt der Morgenseiten wird gerade durch diese ganz besondere, verzauberte Zeit zwischen Schlaf und Alltag potenziert.

Anfangs kann es schwer sein, jeden Morgen Zeit zum Schreiben zu finden.

Ich persönlich brauche etwa 30 Minuten für meine Morgenseiten und bin aufgeschmissen, wenn ich mich dabei beeilen muss. Das bedeutet also leider: der Wecker klingelt früher! Doch sobald sich die positiven Effekte der Morgenseiten erst einmal in deinem Leben zeigen, wird das Aufstehen leichter.

So bleibst du dran: Meine persönlichen Morgenseiten-Tipps für dich

Mal fallen mir die Morgenseiten leichter, mal sind sie fast unmöglich. Aber es gibt ein paar kleine Tricks, die mir dabei helfen.

  1. Ich trinke eine heiße Schokolade mit Espresso beim Schreiben. Ja, Genussmittel incentivieren mich eigentlich immer – vielleicht klappt das ja auch für dich.
  2. Mein Morgenseiten-Journal ist ein optisches und haptisches Highlight. Aktuell ist es aus Kork. Wenn das voll ist, werde ich erneut in ein Premium-Heft aus meiner Lieblings-Papeterie investieren.
  3. Wenn ich einen Tag verpasse, geht die Welt nicht unter. Die Morgenseiten sind enorm wertvoll, aber ich persönlich möchte sie nicht zu einer weiteren Pflicht werden lassen. Auch wenn ich mal einen Tag verpasse, mache ich am nächsten Morgen ganz normal weiter.

Wenn es dir schwer fällt, deine Morgenroutinen beizubehalten, weil irgendwie doch immer was anderes ansteht, sieh dir Rebeccas Kurs zum Thema an. Ansonsten freue ich mich auf deine Fragen in den Kommentaren! Kanntest du die Morgenseiten schon? Hast du vielleicht selbst schon Erfahrungen damit gemacht?

Ressourcen:

Bilder © Helena Kleine

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