Post-Covid-Sommer: Müssen wir jetzt alles nachholen? 

Ich sitze mit meiner Freundin am Ufer des Schlachtensees. Links von uns eine Gruppe, aus deren Boom Box ein Hit von ABBA erklingt. Von der rechten Seite erreichen sanfte elektronische Klänge aus einem anderen Lautsprecher meine Ohren. Ich bin etwas genervt von der Doppelbeschallung, aber gleichzeitig genieße ich einfach das people watching und den Tag am See. Genau dieselbe Situation hätte im Sommer 2019 stattfinden können, nichts deutet auf die Pandemie hin.

Den Typ habe ich doch schon mal im Sisyphos gesehen, denke ich, und für einen ganz kleinen Moment überfließt mich das Gefühl, als sei alles wie immer. Als könnte es tatsächlich sein, dass dieser Typ und ich letztes Wochenende im Club auf derselben Tanzfläche gestanden haben. Es fühlt sich schön an. 

In meinem Freundeskreis steigt die Vorfreude auf gemeinsame Unternehmungen. Statt Tipps, wie man möglichst bald an einen Impftermin kommt, werden Links zu Ticket-Vorverkäufen und Erinnerungen an die Zeitslots im Freibad ausgetauscht. Die Inzidenz ist im Keller, die Cafés voll, der Sommer in vollem Gang, die Bundesnotbremse läuft Ende Juni aus.

Und ich frage mich: Glaubt ihr im Ernst, das wars jetzt?

Ich muss zugeben, dass ich vielleicht gerade nicht so anfällig für den Post-Corona-Enthusiasmus bin wie andere: Ich bin schwanger, gerade umgezogen, bereite meinen Mutterschutz vor, möchte lieber Nest bauen als Party machen. 

Ich will auch wirklich niemandem die neu gewonnene Freiheit madig machen und gönne es allen von Herzen, dass so vieles wieder möglich ist. Ich will keine Spielverderberin sein und auch keine Pessimistin. 

Aber ich finde es wichtig, einmal innezuhalten, bevor wir einfach weitermachen wie vorher.

Über das Corona-Jahr wurde Vieles früher Selbstverständliche unvorstellbar. Zum Beispiel, dass wir im Yogastudio mit 63 Menschen im Raum Matte an Matte geübt haben. Dass ich diese Menschen beim Assistieren reihum angefasst habe. Enge Tanzflächen, volle Bars, Dinnergesellschaften, das Umarmen neuer Bekanntschaften, spontane (!) Besuche im Museum, im Freibad oder im Yogastudio. 

Es ist schade, dass ein Leben ohne Reisebeschränkungen, Tests und Kontaktverfolgung gerade nicht so richtig vorstellbar ist und es gibt sehr viele Dinge, die ich mir genau so zurück wünsche wie sie waren. Aber eben nicht alles und nicht um jeden Preis.

Disclaimer: Manche Artikelserien, u.a. auch dieses Monatsmantra von Ulrikeliegen hinter einer sogenannten Paywall. Wieso das so ist, erfährst du hier.

Sich sofort wieder ins Leben stürzen zu wollen, ist mehr als verständlich.

Aber es ist auch nur für eine bestimmte, privilegierte Gruppe möglich.

Die Krise wirkt, wie es oft heißt, wie ein Brennglas und verstärkt Vieles, was schon vorher ein Problem war: soziale Isolation, finanzielle Abhängigkeiten, soziale Benachteiligung und Bildungsungerechtigkeit. Der Personalmangel in den Krankenhäusern und Pflegeheimen ist katastrophal. Mehr Menschen suchten seit 2020 psychologische Hilfe, die Wartezeiten für

Ulrikes Beziehung zu Yoga war lange eher on-off, bevor sie sich 2011 voll darauf eingelassen hat. Seit 2014 bloggt sie über Yoga, seit Sommer 2017 leitet sie bei Fuck Lucky Go Happy die Redaktion. Genauso leidenschaftlich wie sie Texte veröffentlicht und Tippfehler korrigiert, unterrichtet sie Jivamukti Yoga, meistens bei Peace Yoga Berlin, und ist manchmal auch noch als freie Texterin tätig. Sie liebt Kreuzberg, Kaffee und Mottopartys, ihre Freund*innen und ihr penibel sortiertes Bücherregal.

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