Alles relativ? Wieso wir aufhören müssen, Probleme klein zu reden

Ich sitze endlich bei einem Erstgespräch mit einem Therapeuten und bin bisher erstaunlich gefasst dafür, dass ich gerade der x-ten fremden Person Einblick in die Tiefen meines Innenlebens gewähren muss. Bis der Therapeut mir die Frage stellt, was meine Einwände in Bezug auf die Behandlung sind. Da bricht es aus mir heraus: Meine größte Angst ist es, jemand anderem den Platz wegzunehmen, der diese Therapie viel nötiger hat als ich.

Denn ich habe doch kein Recht dazu, mich schlecht zu fühlen. Wenn es mir nicht gut geht, wem bitteschön denn dann?

Schließlich bin ich unglaublich privilegiert. Wie viele von uns, die diesen Text lesen. Wir, die ein Dach über dem Kopf haben, genug zu essen, ja wahrscheinlich sogar die Mittel, um im Bioladen einkaufen zu gehen. Wir, die uns die Mitgliedschaft im fancy Yogastudio leisten können und ständig neue Yogaleggings. Wir, die tolle, enge Freund*innen und und einigermaßen intakte Familienverhältnisse haben. 

Habe ich das Recht darauf, unglücklich zu sein, trotz all der materiellen und emotionalen Fülle in meinem Leben? 

Und trotzdem leiden wir. Manche von uns fühlen sich leer, ausgebrannt, andere sind einsam, oder zu wenig allein, wütend oder depressiv, ängstlich oder wollen sich endlich wieder frei fühlen. Generell sind viele derzeit in irgendeiner Art und Weise überfordert – unsere Gefühlswelten kommen in allen bunten Farben daher. 

Disclaimer: Manche Artikelserien, u.a. auch dieses Monatsmantra von Sheila, liegen hinter einer sogenannten Paywall. Wieso das so ist, erfährst du hier.

Mir ist aufgefallen, dass ich, bevor ich mit Freund*innen über meine Probleme spreche, inzwischen immer die Phrase “ich weiß, ich bin total privilegiert, und im Vergleich zu anderen geht es mir ja total super, aber…” oder “ich weiß, ich beschwere mich auf hohem Niveau…” vorne anstelle. Ich rede meine eigenen Probleme im Vorhinein klein und möchte meinem Gegenüber bloß vermitteln, dass ich mir meiner Privilegien auch bewusst bin.

Die negativen Gefühle und für uns schwierigen Situationen bezeichnen wir in diesem Zuge gerne als  LuxusproblemeUnd bestimmt sind unter unseren Problemen auch solche dabei. Aber das ändert wahrscheinlich nichts daran, wie du dich jetzt gerade fühlst.

Check your privilege! 

Ist ein Satz, den man in Debatten um soziale Ungerechtigkeiten oft hört, der aber auc…

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