Was ist ein sportlicher Körper?

Ich hasse Sport!

Das ist ein Glaubenssatz, der bis vor einigen Jahren fest in mein Hirn gehämmert war. Als Jugendliche wurde ich in der Schule stets als letzte ins Team gewählt, wofür ich mich höllisch schämte, an Turngeräten versagte ich vor den Augen der gesamten Klasse und deshalb verkroch ich mich am liebsten irgendwo an den Seiten der Turnhalle. 

Sport als Unterrichtsfach war für mich die Hölle. Während ich als Kind in die gängige Kategorie dessen, was als aktiv, bewegungsfreudig und sportlich galt, passte, nahm ich in der Jugend einiges an Gewicht zu. Ich schämte mich für alles an meinem Körper, für die Veränderungen, die er durchlief, und verstand nicht, was mit mir passierte. Ich litt unter Depressionen und wünschte mir viele Jahre einfach nur, vom Erdboden zu verschwinden. 

In der Sportstunde wurde das Gefühl noch größer, zum Beispiel als ich von der Sportlehrerin vor den Augen aller herausgepickt wurde. Sie führte mich als Beispiel vor, warum man jeden Tag Sport machen müsse und sie betonte, dass sie echt für mich hoffte, dass ich eines Tages abnehmen würde. Für die letzten zwei Schuljahre ließ ich mir ein Attest ausstellen und ging gar nicht mehr zum Sportunterricht.

Seit meiner Jugend war ich viele Dinge, aber nicht sportlich.

Die sportlichen Kids sahen alle anders aus als ich. Es waren die schlanken Mitschülerinnen mit ihren braven Frisuren und durchschnittlichen Klamotten, die immer nett lächelten und niemandem was zuleide taten. Ich dagegen, mit meinen abrasierten Haaren, fertigte im Unterricht ständig düstere Zeichnungen und wiegelte die Schüler*innenschaft ziemlich regelmäßig gegen Ungerechtigkeiten und gegen das Lehrpersonal auf.. 

Ich war vieles, aber nicht sportlich. Ich war die Rebellin, die Kreative, die, die nach Berlin ziehen würde. Diese Geschichte erzählte ich mir bis vor ein paar Jahren und mied sämtliche sportliche Aktivitäten wie der Teufel das Weihwasser. Ich habe, bis ich 25 war, kein Fitnessstudio von innen gesehen und bin nicht mal Fahrrad gefahren. Meine Bewegungsroutine bestand aus gelegentlichem Bummeln und dem Durchtanzen in den Clubs der Hauptstadt.

Irgendwann schleppten meine Sporty Spice-Freundinnen mich ins Fitnessstudio.

Und am Anfang hasste ich alles daran. In meinem Kopf war ich die “dicke, hässliche Freundin”, mit der alle nur aus Mitleid rum hingen und die sich jetzt zum Affen machte. Die Geschichte, die ich mir seit vielen Jahren erzählte, ohne, dass sie noch der Wirklichkeit entsprach. 

Ich hasste die trashige Musik, ich hasste das Stöhnen der Muckimänner. Nach Minute 15 des Kurses fragte ich meine Freundinnen entgeistert, wann dieser Horror denn endlich vorbei wäre.

Nach einiger Zeit legte sich ein Schalter um. Heute stelle ich fest: Hey, ich bin ja doch sportlich!

Mein Körper kam in Bewegung. Nach den ersten drei Kursen, die ein absoluter Alptraum für meine untrainierten Beine und meine von den vielen Partynächten recht mitgenommene Lunge waren, verstand ich, was Leute an Sport so fanden. Das war mir bis dahin nämlich komplett schleierhaft. Wer sollte freiwillig schwitzen, keuchen, und irgendwas machen, was einfach nur Quälerei ist?

Plötzlich mochte ich das Gefühl, mich durch etwas durchzukämpfen. Nicht direkt hinzuschmeißen, sondern es zu probieren und zu lernen, an etwas dran zu bleiben. Ich kam mir ziemlich gangstermäßig vor, wie ich so zu lauter Musik mit Hanteln meinen Bizeps an seine Existenz erinnerte. Und nach einer ordentlichen HIIT-Einheit fühlte ich mich mindestens genauso befreit wie nach einer Tanzession im Club. 

Dank des Sports fand ich einen neuen Zugang zu mir selbst. Ich lernte zum ersten Mal in meinem Leben, meinem Körper zu vertrauen und begann, Liebe für ihn zu entwickeln, die mir vorher fehlte. Weil ich zum ersten Mal eine echte Verbindung zu ihm spürte. Ich spürte mein Herz schlagen, meine Beine müde werden, meinen Atem stärker werden und sich beruhigen. Ich hatte sogar Spaß daran, mich in Tanzkursen zum Vollhorst zu machen und hatte keine Angst mehr davor, was Leute von mir dachten. Das beste daran war, dass ich es mit meinen Freundinnen teilte. 

Trotzdem schüttle ich manchmal noch ungläubig den Kopf, wenn mir auffällt, dass ich heute Yogalehrerin bin.

Ich, die Pummelige, Unsportliche, die Punkerin. Ich bin jeden Tag stolz auf mich und dankbar, dass ich heute die Disziplin habe, dran zu bleiben, weil ich weiß, wie gut es mir tut. Ich habe schon oft daran gedacht, meine Sportlehrerin von damals anzurufen. Wie ungläubig sie wäre! Stück für Stück baute ich meine alten Glaubenssätze ab. Heute kann ich aus vollster Überzeugung sagen: Ich liebe Sport! 

Wir haben in unserer Gesellschaft ein starres Bild im Kopf, wie ein sportlicher Körper aussieht.

In unseren Köpfen besteht eine untrennbare Verbindung zwischen Körpergewicht, der Form des Körpers und der Eigenschaft, sportlich zu sein. Wenn wir einen sportlichen Körper im Kopf haben, ist dieser frei von Cellulite, ripped, und, um dem Klischee noch eins draufzusetzen, braungebrannt. 

Ein dicker Körper kann nicht sportlich sein. Ein schwabbeliger Körper ist nicht fit. Diese Menschen sind nicht flexibel. Darüber hinaus sind sie bestimmt auch nicht vegan und fahren nicht mal Fahrrad. Nein, sie liegen den ganzen Tag faul auf der Couch, essen Chips und lassen sich gehen. Und ein zu dünner Körper wiederum hat keine Kraft und macht nur Sport, um sich weiter runterzuhungern. Alle diese Klischees müssen endlich weg!

Es macht mich wahnsinnig traurig, daran zu denken, wie viel der antiquierte Sportunterricht in der Schule bei Menschen kaputt gemacht hat.

Wenn dir alle immer wieder mehr oder weniger direkt ins Gesicht sagen, dass du vieles bist, nur nicht sportlich, du nicht ins Schema passt, du faul und undiszipliniert bist – was wirst du niemals entdecken? Ausprobieren? Welche Seite von dir wird dir selbst nie begegnen?

Wir müssen unsere Definition dessen, was sportlich ist, aktiv ändern, und mehr Menschen inkludieren.

Wenn ich heute in Yogaklassen gehe, fühle ich mich als Teil davon. Ich kenne die Wege, die Abläufe und sehe einige bekannte Gesichter. Aber von außen muss unsere Yogabubble wie eine Version von Mean Girls in teuren Yogahosen wirken. 

Mich würden heute viele in die Kategorie ‘normschöner Körper’ stecken. Wie groß sind die Hürden für andere, einen Fuß in einen Sportkurs oder in die Yogaklasse zu setzen, wenn diese sich für mich schon so krass exklusiv angefühlt haben? Und was tun wir dafür, das zu ändern?

ALLE Körper können sich bewegen, können schwitzen, können Grenzen austesten. Ein sportlicher Körper ist einer, der in Bewegung ist. ALLE Körper sind sportlich! 

>> Tipp: Schau dir Jaqueline Schreibers aka minusgolds super Post dazu an, der meinen Artikel inspiriert hat

Uns ist wahrscheinlich gar nicht bewusst, dass wir zu Ausgrenzung beitragen.

Wir schreiben uns gerne auf die Fahne, dass Yoga für alle sei. Aber wie offen sind Yogaklassen und unser mindset ganz persönlich, wirklich? Viele sträuben sich davor, Blöcke und Props zu benutzen, weil sie dann die einzigen sind, die modifizieren. Die, die die “full expression” einer Haltung ausführen können, bekommen Lob des*der Lehrer*in. 

So kreieren wir als Yogalehrende und -übende auf der Yogamatte Konkurrenz und sorgen dafür, dass Übende regelmäßig ihre Grenzen ignorieren. Dabei ist es doch viel cooler, die eigenen Grenzen zu kennen und sie zu achten, als sich in irgendetwas hineinzuzwängen. Wir Menschen sind Herdentiere und möchten dazugehören. Wollen wir das an der richtigen Klamotte oder der richtigen Yogahaltung festmachen, wer Teil unserer “Clique” wird? 

>> Lesetipp: Uli hat sich Gedanken darüber gemacht, wie wir als Yogalehrende inklusiver sprechen können

Stattdessen können wir unser Bestes tun, wenn die Studios wieder auf haben, offen Hilfe anzubieten, wenn jemand suchend aussieht. Denn für viele Leute ist die Vorstellung, an einen neuen Ort zu kommen, wo man die Abläufe nicht kennt, alle anderen aber zu wissen scheinen, was sie tun, ziemlich einschüchternd. Lasst uns ein neues Lieblingsmantra finden: It’s cool to be kind!

Werde dir deiner eigenen Vorurteile bewusst!

Wie bewertest du andere und deinen eigenen Körper? Was denkst du, wenn du zum Beispiel dicke oder besonders dünne Menschen beim Yoga oder beim Sport siehst? Welche Vorurteile gehen dir durch den Kopf? 

Wenn wir einen dicken Körper sehen, stecken wir ihn schnell in die Kategorie unsportlich. Wenn jemand Cellulite hat, denken wir, die Person macht halt nicht genug oder kommt zum Sport, um “in Form zu kommen”, was auch immer das bedeuten mag. Vielleicht fühlen wir uns überlegen, wenn die Person neben uns in die Kind Asana geht und urteilen, die Person sei faul? Vergleichen wir im Schwimmbad, wer den “besseren” bikini body hat?

Urteilst du über die Körper, das Gewicht, und das Sportpensum deiner Freund*innen und Bekannten? Wir alle haben durch uns jahrelang eingetrichterte diet culture Vorurteile internalisiert. Sit with it.

>> Tipp: Schau dir die Story von Sophie’s Safe Space zum Thema an, es sind super Denkanstöße für Yogalehrende dabei, um den eigenen Unterricht fettpositiv zu gestalten

Ändere deine Sehgewohnheiten!

Auf die Gefahr hin, mich gebetsmühlenartig zu wiederholen: Indem wir uns tagtäglich mit anderen Bildern umgeben, mit Bildern, die andere Geschichten erzählen, die zeigen, wie alle möglichen verschiedenen Körper Sport machen, verändern wir Stück für Stück das, was wir für normal halten.

Und an alle Sportlehrer*innen an Schulen: Ich hoffe, ihr macht das inzwischen anders als die in den 90ern. 

Normalize normal bodies doing sports and fuck diet culture!

Sheila

Titelbild © Annemarie Gruden

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8 Kommentare / Schreibe einen Kommentar

  1. Danke für den tollen Artikel! Ich habe mich auch in vielen Dingen gleich wiedererkannt. Meine Glaubenssätze, dass ich unsprtlich sei waren auch lange sehr stark und ich habe bis ich 25 war fast nichts gemacht außer mit dem Hund spazieren zu gehen. In meiner Schulzeit war der Sportunterricht für mich immer schrecklich. Nicht, weil ich dick war, sondern weil ich sehr klein und schmächtig war, immer total niedrigen Blutdruck hatte und mir bei jeder Anstrengung gleich schwarz vor den Augen wurde. Oft wurde ich vorgeführt. Die letzten paar Jahre war ich auch Punkerin und bin dann einfach aus Prinzip nicht mehr hingegangen. Mißerfolg verwandelte sich in totale Ablehnung. Ob den Sprtleher*innen von früher heute bewusst ist, was sie da falsch gemacht haben?
    Was soll man sagen, heute bin ich 37, bin Yogalehrerin gehe bouldern, fahre fast nur mit dem Fahrrad durch die Stadt und bin zwischendurch auch schon mal ein paar Halbmarathon gelaufen….hätte mir das jemand vor 10 Jahren vorhergesagt, hätte ich das niemals geglaubt.
    Glaubenssätze überwinden ist nicht einfach, aber Stück für Stück kann man es schaffen.

    1. Liebe Bettina,
      danke, dass du deine Geschichte so offen teilst!
      Lass uns feiern, wo wir inzwischen gelandet sind und unserem Körper danken dafür ,was für tolle Sachen er kann!

      Liebe Grüße und bis bald bei Peace ;) Ich kenn dich nämlich von dort vom Sehen.
      Sheila

  2. Hey, vielen Dank für diesen tollen Artikel! Ich gehöre zu denjenigen mit schwabbeligem Körper und mehr als Standardmaß. In meinem Leben habe ich schon viel negatives über mich und meinen Körper gehört – leider und auch heute kostet es mich von Zeit zu Zeit Kraft und Energie mich so zu lieben wie ich bin!
    Dort, wo ich mit Yoga begonnen habe, war es egal, wie man aussah, was man für Kleidung getragen hat und wie weit man in die Asana gekommen ist. Jeder wurde genau so akzeptiert und angenommen wie er war und wurde dort abgeholt. Genau das, hat mich am Yoga fasziniert. Erst eine Weile später musste ich mit Bedauern feststellen, dass es bei vielen „yogis“ eben doch wichtig ist, dass du die neueste, bunteste leggings trägst, das man als übergewichtige skeptische Blicke erntest und dass du anders behandelt wirst, wenn du nicht in die vollständige Asana kommst. Bzw. Blicke wie „hab ich’s mir doch gedacht, das kann die nicht“ erhascht.
    Ehrlich gesagt finde ich auch, dass sooo viele Bilder im Social Media dass auch unterstreichen und unterstützen, genau so wie viele und vor allem kleine, regionale Anbieter für Yogakleidung nichts für Dicke im Angebot haben.
    Weil ich aber so fasziniert vom Yoga und der Philosophie bin und auch weiß, dass es im Ursprung des Yogas ganz egal ist, bin ich immer dabei und bin mittlerweile auch Yogalehrerin. Meinen Unterricht gestaltete ich ganz bewusste für „Jeden“ so dass jeder am Ende der Klasse ein gutes Gefühl hat und das jeder seinen Körper mehr und mehr kennenlernt um seine Grenzen zu wahren.
    Dankeschön dass du es weiter in die Welt trägst!
    Alles Liebe
    Nathalie

    1. Liebe Nathalie,
      was für eine tolle Geschichte!
      Deshalb brauchen wir in der Yogawelt Menschen wie dich, die ihre Erfahrung weitergeben und bewusst einen Raum für alle schaffen. Denn das ist ja das, was wir im Yoga erreichen wollen, nicht wahr? Die Erfahrung des Eins-Sein mit allem.

      Liebe Grüße
      Sheila

  3. Vielen Dank für diesen schönen Artikel. Ich selbst war immer eine Sport Einser Schülerin. Eine von der Sorte die sich immer gern bewegt hat und in der Regel am Anfang für den Mannschaftssport gewählt wurde. Aber ich war nie dünn. Nicht dick, aber auch nie so wie man sich das von einem sportlichen Menschen vorstellt.
    Mit Anfang 20 habe ich als Gruppentrainerin im Bereich Aerobic, Power Pump, Callanetics usw. tätig. Ich war gut, und es hat mir viel Freude bereitet, musste mir aber z.B von einer Teilnehmerin anhören wie ich denn so(!) aussehen kann, wo ich doch so viel Sport treibe. Nachdem ich eine Bundesliga Handballmannschaft trainiert habe hieß es hinterher: Ist ja echt fit die kleine, wenn sie nur nicht so‘n dicken Hintern hätte. Bis Dato hatte ich nie ein Problem mit meinem Hintern.
    Heute bin ich Yogalehrerin… Ich weiß das viele Menschen zu mir kommen weil ich so bin wie ich bin. Und dennoch ist da immer noch das Gefühl nicht perfekt zu sein. Ich denke es geht nicht nur darum das wir Lehrer auf die Menschen zugehen, sondern das auch in der Werbung und den Yogazeitungen ein Umdenken entsteht…
    Herzliche Grüße,
    Birgit

    1. Liebe Birgit,
      danke, dass du deine Geschichte mit uns teilst.
      Ich kenne das auch, dass Leute mich fragen, wie ich so aussehen kann, obwohl ich ja so viel Sport und Yoga mache.
      Gleichzeitig denke ich, dass auch Schüler*innen sich und ihren Körper mehr akzeptieren lernen, wenn sie eben “Vorbilder” haben, die auch nicht wie die perfekten Yogafeen daherkommen.
      Es braucht unbedingt andere Bilder, um normale Körper wirklich zur Norm zu machen, anstatt Modelkörpern – ja, in der Presse und in den sozialen Medien!

      Liebe Grüße
      Sheila

  4. Sehr schöner Beitrag. Ich finde es wichtig immer wieder darüber zu sprechen, dass niemand ausgegrenzt werden sollte und wir niemandem, auch wenn es vielleicht keine Absicht ist, ein schlechtes Gefühl wegen seines Aussehens geben sollten. Vor allem in jungen Jahren kann das zu großer Verunsicherung führen. Wir haben alle das selbe Potenzial, egal ob dick, dünn oder “normal”. Danke das du den Beitrag mit uns teilst. Liebe Grüsse Katrin

    1. Liebe Katrin,
      danke für deinen Kommentar!
      Ja ich denke wir haben alle die Muster verinnerlicht, Menschen aufgrund ihres Aussehens zu be- und verurteilen. Es ist nun an uns, diese Muster aufzudecken und Stück für Stück zu dekonstruieren.
      Liebe Grüße
      Sheila

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