“Du bist aber dünn“: Schluss mit Body Shaming

Ich habe mir eben die letzte Gabel Pasta in den Mund geschoben, mein Magen ist voll, der Teller leer. Eigentlich würde ich gern pinkeln gehen, verzichte aber bewusst darauf. Damit niemand im Restaurant auf die Idee kommt, dass ich mich nach dem Essen auf dem Klo übergebe. Denn, auch wenn es mir viele nicht zu glauben scheinen: Ich habe keine und hatte noch nie eine Essstörung.

Einen Salat bestelle ich aus Prinzip nicht, denn den isst man ja nur, wenn man abnehmen möchte.

Diese Situation durchlebte ich bis vor ein paar Jahren ziemlich häufig. Bis ich lernte, meinen Körper zu anzunehmen, wie er ist.

Ich war schon immer schlank und dazu auch noch groß. Wenn man als Frau 1,78 m ist, dann sieht man eben gleich noch mal leichter und länger aus. Oder wie der Großteil meines Umfeldes sagen würde: dünn.

Wer einen besonders schlanken Körper hat, erfüllt für viele ein Idealbild, das aber auch zur Belastung werden kann. Schon im Kindesalter kommentierten Lehrer*innen und Mitschüler*innen meinen Körper. Kinder verstehen eben nicht, dass es nicht nett ist, einem*r andere*n Schüler*in zu sagen, dass er*sie wohl zu viel Fruchtzwerge gegessen hat. Kinder verstehen auch nicht, was diese Aussagen im Gegenüber auslösen. Dann wurde ich erwachsen und merkte: Nicht nur Kinder haben kein Feingefühl, auch Erwachsenen fehlt es daran.

Schlank und dünn sind keine Synonyme, werden aber oft als solche verwendet.

“Du bist aber dünn” – ein Satz, der oft nett gemeint ist, aber so gut wie nie auch so ankommt. Ob ich jemanden als schlank oder dünn betitle, macht einen Unterschied. Sieht jemand dünn aus, wird er*sie nicht als gesund wahrgenommen. Es schwingt mit, dass man eben zu wenig auf den Rippen hat. Dass einem was fehlt, man einen Mangel hat. Laut Duden wird der Begriff “dünn”gleichgesetzt mit “hager, mager und schwach”. “Schlank” hingegen bedeutet “wohlproportioniert groß und zugleich schmal gewachsen”. Damit besitzt “schlank” eine positive Konnotation. Schlank ist gesund, schlank ist sexy.

Ich hatte oft das dringende Bedürfnis, meinen Körper und meine Essgewohnheiten zu rechtfertigen.

So wie sich andere unter Beobachtung fühlen, wenn sie etwas kalorienreiches zu sich nehmen, kam ich mir beobachtet vor, wenn ich etwas kalorienarmes aß. Als müsse ich Rechenschaft ablegen, weshalb ich mich gesund ernährte oder beweisen, dass ich wirklich zuvor etwas gegessen hatte. Menschen, die nicht schlank sind, dafür zu shamen, wenn sie zur Pizza greifen, ist genauso unangebracht, wie dünnen Leuten einen Spruch rein zu drücken, wenn sie sich für Salat entscheiden. Denn den isst du ja ganz bestimmt nur, damit du dünn bleibst.

Wir müssen aufhören einmal Salat mit immer Salat gleich zu setzen, genauso wie einmal Pizza nicht immer Pizza heißt. 

Von einer einmaligen Handlung lässt sich nicht auf dauerhaftes Verhalten schließen. Es ist lediglich eine Momentaufnahme. Sofort hatte ich Sätze wie “Ich habe schon gegessen” oder “Mein Stoffwechsel ist halt gut” parat. Um mich zu rechtfertigen und meinem Gegenüber ein gutes Gefühl zu geben. Denn meist kamen diese Aussagen von Menschen, die sich mit ihrem Körper nicht wohl fühlten und mein Gewicht als wünschenswert erachteten. Für sie war klar, dass ihre Aussagen als Kompliment und nicht als Angriff gemeint sind.

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Das Schlankheitsideal führt dazu, dass es als normal oder gar als Kompliment empfunden wird, schlanken Menschen zu sagen, dass sie dünn sind.

Wenn man schlank ist, wird einem oft suggeriert, dass sich dadurch doch alle Zweifel, die man an seinem Körper hat, in Luft auflösen müssen, dass einem einfach alles zufliegen, die Welt komplett offen stehen muss.

Diesen Vorteil, den ich als schlanker Mensch durchaus habe, betitelt die Bloggerin Cora Harrington als thin privilege. Von diesem “Dünnen-Privileg” profitieren alle, die genüsslich in einen Burger beißen können, ohne spöttische Blicke zu ernten. Die sich noch nie Gedanken machen mussten, ob sie in den Flugzeugsitz passen, oder nicht.

Ganz so rosig ist es aber auch nicht, auffällig schlank zu sein. Ich kann nicht nachvollziehen wie es sich anfühlt, nicht mehr in die Jeans zu passen oder wie die Gesellschaft mit einem umgeht, wenn man nicht dem schlanken Ideal entspricht, das einem in der Mainstream-Werbung vorgesetzt wird. Es gibt aber umgekehrt ebenso Probleme, die ich als schlanke, große Frau habe.

Und so sitze ich als große, dünne Frau mit einer kleinen, dicken Frau im selben Boot, wenn es darum geht, dass wir nicht der Norm entsprechen.

Denn jede Größe abseits der im Laden hängenden Norm kann problematisch werden. Als ungesund, unnormal und auffällig wahrgenommen zu werden, weil der Körper nicht der Norm entspricht, ist belastend. Für die einen, die keine Klamotten finden, weil sie am oberen Ende der Norm ihre Größe nicht finden und für die anderen, wie mich, die oftmals „zu dünn“ sind. Da wird der Kauf hübscher Wäsche zum Spießrutenlauf wenn die meisten A-Körbchen doppelt zu groß sind.

Die Schlussfolgerung ist dann die gleiche wie bei einer großen Brust: was hat sich der*die Designer*in bei den Größen bitte gedacht und wenn mir nichts passt, ist dann was mit meinem Körper falsch? Zu klein, zu groß, zu dick, zu dünn – letztendlich nagt es am Selbstbewusstsein, wenn der Körper nicht der Norm entspricht.

Und der Witz dabei ist: Welcher Körper entspricht denn überhaupt der Norm? 

Wahrscheinlich die allerwenigsten! Anstatt gegenseitig unsere Körper zu kommentieren, sollten wir uns ermutigen, uns in unserer Haut wohl zu fühlen und unsere Unterschiede feiern.

Ich gehe heute nicht mehr vor dem Essen pinkeln, wenn ich nicht muss. Sondern danach. Weil ich gelernt habe, meinen Körper so anzunehmen, wie er ist. Dank Yoga, wo auf der eigenen Matte zu bleiben eben mehr bedeutet, als sich keine Bänder zu reißen, nur weil man es dem*der Mattennachbar*in nachtun wollte. Es bedeutet, sich selbst zu spüren, wahrzunehmen, ganz ohne äußere Einflüsse und Kommentare. Dank meiner Partnerschaften, in denen mir der Quatsch ausgetrieben wurde, dass meine Körbchengröße auf einer Skala mit meiner Attraktivität gleichgesetzt wird.

Mit Bewegungen wie der Body Positivity sind wir auf einem guten Weg, wenn auch auf einem langen.

Diese Bewegung motiviert Menschen, ihre Körper so anzunehmen, wie sie sind. Vor allem dann, wenn sie nicht dem konstruierten und diktierten Schönheitsideal entsprechen. Plus Size Model und Bloggerin Kelly Augustine spricht im Interview mit dem Magazin bustle über ihre Definition von Body Positivity und mir damit aus der Seele:

“I know women who are a size 2 that are so uncomfortable in their skin, and women who are a size 22 that are living their lives fearlessly and unapologetically. Body positivity is also the acceptance of other bodies, which I don’t think enough people acknowledge. Being happy in your body does not grant you permission to steal joy from others.” – Kelly Augustine

Mein Körper ist gut, wie er eben ist. Ich bin gesund, ich fühle mich wohl, end of story. 

Ob zehn Kilo zu viel oder zu wenig auf den Rippen: Lasst uns unsere Körper akzeptieren und lieben lernen, uns gegenseitig unterstützen und motivieren statt uns anzufeinden. Egal ob groß oder klein, dick oder dünn.

Mucho amore und dicken (dünnen?) Kuss,

kleiner Scherz,

Julia

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9 Kommentare / Schreibe einen Kommentar

  1. Hallo Julia,
    toller erster Artikel! Willkommen hier!:-)
    Ganz spannendes Thema, das mich auch beschäftigt! Ich bin auch sehr groß, 1,80m und fiel damit schon immer auf. Ich war allerdings eher kräftig, wobei laut Kommentaren „,gut proportioniert“. Nach meinen Schwangerschaften habe ich durch (vermutlich) einen Autoimmunerkrankung viel abgenommen. Später wieder zugenommen. Alles wurde stets kommentiert, vor allem das abnehmen in Form von „Komplimenten“. Anfangs hat mich das fast gefreut, ich mochte ja das neue Körpergefühl. Mittlerweile (nun habe ich wieder deutlich weniger Gewicht) nervt es mich! Es schwingt immer das Urteil mit, dass Schlank besser ist. Das mag ich nicht. Noch dazu schwingt auch mit, dass ich vorher nicht gut ausgesehen habe, was ja nicht nett zu sagen ist. Ich mag nicht mehr so beurteilt werden! Ich arbeitende auch echt an mir, dass ich andere nicht aufgrund ihres Äußeren beurteilen! Es geht mich einfach nichts an! Ich kann nicht sehen, was innen los ist! Abnehmen könnte auch heißen, dass es jemandem grad ganz schlecht geht z.b., …wie blöd, wenn es hierzu noch ein Kompliment gibt! Wenn Komplimente, dann lieber für das strahlende Lächeln, die liebevolle Zuwendung, berührenden Augenkontakt oder, oder, oder….
    Liebst, Mareike

  2. Liebe Julia,
    danke für deinen Beitrag. Auch ich habe eine ähnliche Erfahrung gemacht. Bin jetzt 55 Jahre, 178cm und wiege seit ca. 30 Jahren 58 kg unterbrochen von zwei Schwangerschaften. In meiner Jugend von meiner Mutter zum Arzt geschleppt, noch dazu habe ich extrem lange Beine und bin eine Spät-Entwicklerin. Das bedeutet meine erste Menstruation hatte ich mit Ende 17. Von der Figur her habe ich auch jetzt noch Modell-Maße. Das bedeutet aber nicht dass das Leben immer einfach war. In der Schule war ich mit meinen Hochwasserhosen und den zu kurzen Ärmeln immer der magere Leuchtturm. Ich hatte die Aufnahmeprüfung an der Hochschule für Musik und Theater in der Ballettabteilung mit 14 bestanden und hätte mir am liebsten immer Bücher auf den Kopf gehauen um bloß nicht mehr zu wachsen. Tatsächlich habe ich kurzfristig als Mannequin während meines Studiums gejobbt, mir fehlte aber letztendlich das Selbstwertgefühl diese ganze Oberflächlichkeit nicht an mich heranzulassen. Mich hat es verletzt wenn man zu mir sagte, du bist aber groß, dünn, über meine dünnenBeine als Spinnenbeine ungeniert Witze machte, weil man sich keine Gedanken machte, wie wenn man zu jemanden sagen würde, du bist aber klein, dick und doof. Und doch fühle ich mich beschämt in meinem Innersten getroffen wenn ein Yogalehrer heute vor der ganzen Klasse mich als Gazelle bezeichnet. Da könnte ich mich ja geschmeichelt fühlen, weil es allgemein als positiv gesehen wird. Aber ich fühle mich nur auf den Körper reduziert wie wenn jemand üppigeres als Nilpferd bezeichnet würde.. Meine Tochter hat eine ähnliche Pubertät durchgemacht, d.h. erst mit 18 die erste Regel und hat auch ziemlich darunter gelitten, ist aber jetzt mit 27 gut in Balance und wird mit 176, Kurven und 54 – 58kg, als schlank mit Bomben Figur bezeichnet. Ich habe versucht ihr da durch zu helfen und bin so dankbar, dass wir nicht mit einer krankhaften Essstörung zu tun hatten.
    Vielen Dank für deinen Beitrag.

    1. Liebe Angela,

      wow, danke für deinen ehrlichen und total offenen Beitrag. Vieles kann ich total nachempfinden und ja: man kann froh sein, dass man gesund ist und keine Essstörung hat. Auch wenn man das weiß ist es oft schwierig, in sich das Selbstbewusstsein zu finden und zu sagen: ja, ich bin schlank, aber verdammt, ich mag mich und meinen Körper so, wie er ist. Austausch ist wichtig wie unserer hier, damit wir alle sehen, dass es eben so viele Körperformen gibt wie Menschen auf der Welt und keine besser oder schlechter ist.

      Hab einen sonnigen Tag Angela!

      Mucho amore,
      Julia

  3. Danke für Deinen Artikel, der natürlich, ganz klar, subjektiv ist. Und Deine Meinung darlegt und das ist gut. Und vielleicht auch für manche Leute ein Bewusstschein schafft über deren Kommentare. Aber Achtung, das ist eine Meinung und kein Fakt. Ich bin 172, hatte sehr lange in der Pubertät und als junge Erwachsene 50-52 kg, war aber gesund (heute bin ich 42 Jahre alt und habe 62 Kilo) habe gegessen, es war halt einfach so. Ich hab auch feingliedrige Knochen und mir ist oft gesagt worden: Isst Du genug? Du bist aber schlank. Du bist aber dünn, sogar auch mal „Du schaust schlecht aus“ usw. zudem wurde ich in der Schule von Lehrern angesprochen ob alles okay sei, ich musste 2x in die Direktion weil man abklären wollte ob ich Probleme habe. Allerdings: Ich hab das nie negativ wahrgenommen. Damals die Termine in der Schule haben mich überrascht, mehr nicht. Und weil ich wohl wo ehrlich überrascht gesagt hab „was, wieso, nein ist so“ wars damit „gegessen“. :) Heute weiß ich: dass sie was abklären wollten, finde das aber auch toll und nett, denn das war in den 90ern, ich glaub da war das Bewusstsein für derartige potentielle Probleme vielleicht noch kleiner. Man hat sich manchmal gesorgt, manchmal (fälschlich) gelobt / Komplimente gemacht und irgendwer war vielleicht auch neidisch. Aber nie, nie, nie hab ich überlegt ob ich jetzt aufs WC gehen kann oder ob ich kein xy-Essen bestelle oder was die anderen denken. Insofern hat es wie immer 2 Seiten. Oder in dem Fall 4: 1) Deine Geschichte 2) meine Geschichte 3) wie sagt jemand was 4) wie kommts bei jemandem an.
    Schön, dass es Dir jetzt gut geht mit Dir und den Kommentaren anderer!! Alles Liebe, Rina.

    1. Liebe Rina,

      danke dir für deine Worte hier. Es ist mega spannend auch für mich zu lesen, wie es anderen geht, die dünn waren/sind. Bei der Fürsorge bin ich total bei dir. Dass Lehrer*innen ihre Pflicht wahrnehmen und sich sorgen ist total wichtig und sollte sich auch nicht ändern! Mein Ziel war es Bewusstsein für das Thema zu schaffen, eben mit einer sehr subjektiven Story (anders kann sie auch nicht sein). Wenn wir alle unsere Geschichten teilen, dann verstehen wir uns besser und werden empathischer für unser Gegenüber und die 34834 Seiten, die es gibt. :)

      Hab einen sonnigen Tag!

      Mucho amore,
      Julia

  4. Liebe Julia,

    Mir geht es genau wie dir – ich bin seit meiner Kindheit sehr schlank und entspreche mit einer Größe von 1,75 m heute wohl dem, was landläufig als Modelmaße gesehen wird. Auch ich habe oft unter Bemerkungen gelitten, wie du sie beschreibst. Meine Vorliebe für gesunde Ernährung, durch die ich mich einfach besser fühle, hat das noch verstärkt. Ich sei ja sooo dizipliniert. Man könne sich ja gar nicht vorstellen, dass ich überhaupt Süßigkeiten essen würde. Tue ich aber. Aber warum muss ich das anderen beweisen?!
    Wo ich dir jedoch nicht zustimmen kann: Ich habe es nie als Kompliment aufgefasst, wenn ich“schlank“ genannt wurde. Denn so oft schwang da ein Urteil mit, eben dieses Vorurteil meiner angeblichen Disziplin. Als könne man nur schlank sein, wenn man sch jeden Spaß biestig verkneifen würde. Als wäre man ohne ein paar Kilos automatisch spaßbefreit. Oftmals gefolgt von Erläuterungen, warum man selbst vermeintlich ein paar Kilo zuviel habe: Man würde eben das Leben genießen. Warum ist es in Ordnung, schlanke Menschen ungefragt auf ihre Figur anzusprechen? Und warum muss man vom Äußeren einer Person automatisch auf ihren Lebenswandel schließen?
    Body Positivity hin oder her – was ich mir vor allem wünsche: Körperformen sollten egaler werden. Sie sind nur unsere Hülle, unser Instrument.

    1. Liebe Maren,

      vielen Dank für deinen Kommentar und deine offenen und ehrlichen Worte. Zu den Komplimenten: ich wusste bei den Personen, dass sie es als solches meinen und nicht als Angriff. Das ist aber natürlich immer total verschieden und wahrscheinlich gibt es kaum etwas subjektiveres! Im Endeffekt sollten wir aber, wie du schon sagst, alle eins lernen: dass alle Körperformen Akzeptanz erfahren sollten!

      Mucho amore,
      Julia

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