Go touch yourself!

Ich sitze mit meiner „Kicher-Freundin“ am Maybachufer. Steffi und ich lachen gern und viel wenn wir uns sehen, und gehen nach unseren Treffen immer mit Muskelkater in den Wangen nach Hause. Den Dopamin-Spiegel schon ordentlich gepusht, tauschen wir uns über Aktuelles aus und ich erzähle ihr, dass ich gerade einen Workshop plane, in dem Frauen sich über ihre Masturbationspraxis austauschen und anschließend auch gemeinsam Hand anlegen.

Auf einmal verstummt das Lachen. Sie schaut mich pikiert an und prüft skeptisch, ob ich sie veralbern will. „Dein Ernst?“ – fragt sie. Ich schau sie mit großen Augen an – das Gefühl, als ob ich etwas falsches gesagt habe – nicke mit spitzem Mund und sage: „Ja, mein Ernst.“

So ist das mit Tabus: Man glaubt, dass sie gar nicht mehr existieren. Bis man sie anrührt.

Und dabei ist es doch wirklich bizarr! Denn mittlerweile reden wir schon beim Nachmittagskaffee lässig und ausgiebig über unsere Sexeskapaden mit anderen Partner*innen – sind freizügig an Details und allerlei Prozessbeschreibungen – aber wenn es um unsere körperliche Selbstliebe aka Selbstbefriedigung geht, schweigen wir galant.

Besonders beim weiblichen Geschlecht bleibt Masturbation noch immer weitestgehend unerwähnt.

Vielleicht haben wir als Frauen es jetzt schon geschafft „zuzugeben“, dass auch wir uns anfassen. Vielleicht mal von unserem Vibrator in der Schublade (“den wir ja aber ganz selten benutzen”) erzählt. Und ganz vielleicht haben wir mit der besten Freundin vom Sektchen angeschummert schon mal solche Hard-Facts wie seit wann und wie häufig geteilt. Aber illuster sind unsere Unterhaltungen an dieser Stelle nicht und der Austausch auf ein Minimum beschränkt.

Das Thema Selbstbefriedigung hat es in den letzten Jahrhunderten echt schwer gehabt und wurde geradezu undankbar in die Pfui-Bah-Kiste gesteckt.

Das Christentum brachte uns allerlei Horrorgeschichten von der körperlichen Selbstliebe, die uns von abfallenden Händen, lebensbedrohlichen Krankheiten, teuflischer Sünde, Erblindung, flachen Brüsten und selbst in der Moderne noch von Pickeln erzählten. Auch der angesehene Aufklärer Immanuel Kant schrieb in seinen Aufzeichnungen von Selbstbefriedigung als “wollüstige Selbstschändung”… Und selbst das Wort Masturbieren leitet sich vom lateinischen manu stuprare ab und bedeutet übersetzt so etwas wie “Unzucht mit der Hand”.

Long story short: Wir brauchen einen Holy Shift in der Masturbation!

Am besten fangen wir da gleich mal bei den Begrifflichkeiten an. Denn für uns Mädchen ist die Auswahl an Alternativen nämlich ärmlich und seltsam tierisch: den Bären kraulen. Den Biber bürsten. Die Katze rubbeln. Aha. Vor Kurzem stieß ich auf eine Wendung, die mir auf der Stelle zusagte.

Let’s call it: Menage à moi!

Die Ménage à moi ist gesund und fast jeder tut es. Trotzdem schämen wir uns immer noch, fühlen uns vielleicht sogar schuldig oder haben schlichtweg keine Ahnung wie wir uns wo wie lange anfassen sollen oder wollen. Ja und woher auch?

Im Schulunterricht hat sicherlich niemand mit uns darüber gesprochen, Film und Fernsehen haben uns noch nicht mal verzerrte Darstellungen weiblicher Selbstbefriedigung gezeigt und unsere Mütter haben wir bestimmt auch nicht gefragt. Und so blieben wir völlig auf uns alleine gestellt, ohne Ankerpunkte oder Referenzen, in einer Welt voller Verurteilung und Schweigen.

Meine Reise zum Mittelpunkt meines Schoßes

Ich war ein echter Frühzünder bei der Entdeckung meines Körpers und meiner damals noch „Pullerliese“ als Lustzentrum. Ich war acht Jahre alt, als ich passend zum Kinofilm „101 Dalmatiner“ ein Dalmatiner-Kuscheltier geschenkt bekam. Ich nannte ihn Rudi und Rudi hatte eine Plastiknase.

Ich bin von kleinauf Seiten-und Nacktschläferin, mochte aber schon als kleines Mädchen nicht, wenn die nackigen Beine aufeinander liegen. Heute stecke ich mir eine zweite Decke zwischen die Schenkel. Damals Rudi. Und ja, irgendwie fand Rudis kleine Plastiknase ihren Weg zu meiner kleinen Klitoris. And this is how it all started.

Ohne zu wissen, was ich da tat, war mir irgendwie klar, dass es etwas war, was man der Mama nicht erzählte und nur heimlich machte.

Meine Kinderzimmer-Studien begannen und ich erinnere mich, wie ich damals versuchte herauszufinden, ob dieser „Big-O-Moment“ das Resultat eines Berührungsprozesses war, oder ich nur einen bestimmten Punkt finden müsse. Rudi blieb mein Forschungspartner, später waren es Fernbedienungen.

Und ja, ich konnte die Finger nicht wirklich von mir lassen und ich war ein Kind und später eine Jugendliche, die viel masturbierte. Tatsächlich hatte ich einen Kalender, in dem ich Strichliste führte, wie viele Orgasmen am Tag ich „verbuchen“ konnte. Ich mochte es, dass keiner wusste, was ich da in meinem Simpsons-Wand-Kalender zählte und zog diebisch vergnügt Bilanz meiner monatlichen Höhepunkte.

Diese Geschichten haben hiermit tatsächlich ihr Coming-Out und auch ich spüre die Scham in mir. Mantra-artig geistert der Satz: Wenn meine Mama das liest. Wenn meine Mama das liest. Wenn meine Mama das liest. durch meinen Kopf. Aber ich lass es jetzt los.

Weil Body Shaming eben nicht nur Cellulite, zu viele Kilos und ungeschminkte Gesichter betrifft, sondern auch den Umgang mit unserer Sexualität. Schluss damit!

Unser Verhältnis zu unserer Ménage à moi beeinflusst unmittelbar das Verhältnis zu unserem Körper und unserer Vulva. Im Punkto Muschi-Stolz ist hierzulande Gott sei Dank schon sehr viel passiert, aber wir befinden uns immer noch im Prozess. Ich habe mich als Jugendliche zum Beispiel geschämt, dass meine inneren Schamlippen größer sind als meine äußeren. Als ich 13 war, erklärte mir der Junge in den ich endlos verknallt gewesen bin, dass er „unaufgeräumte“ Muschis hässlich fände und ich habe mich gefragt, ob all meine Ménages à moi meine Vulva „ausgeleiert“ hatten.

Ich hörte für eine Weile auf, mich zu befriedigen. Jedoch nicht lange. Denn etwas fehlte und ich überlegte, ob selbst wenn es so wäre – dass meine Selbstbefriedigung das Aussehen meiner Vulva beeinflusste – es den Spaß nicht lohnte. Ganz so wie wenn man sich hochmotiviert einer neuen Diät widmet um die sogenannten überschüssigen Kilos zu verlieren und sich zwei Tage drauf dann doch genüsslich der Pizza vom Italiener hingibt. Weil es das Wert ist! Und ich begann meinen Frieden mit meiner Lust und dem Look meiner Vulva zu schließen.

Und genau das ist der allergrößte Benefit der körperlichen Selbstliebe: Sich selbst lieben zu lernen.

In der Annahme und in der tatkräftigen Aktion! Jedoch hören die zahlreichen Vorteile der Ménage à moi dabei nicht auf! Sie stößt schön viel Serotonin aus, wirkt damit Stress entgegen und hilft bei Schlafproblemen, lässt uns uns sexy fühlen, stärkt die Beckenbodenmuskulatur, ist auch zu zweit klasse und man muss sich keinerlei Gedanken um Verhütung machen.

Das tollste ist, dass die Ménage à moi die Selbstliebe auf zweierlei Weisen fördert: Einmal die eigene für sich selbst, aber auch die körperliche Liebe, die wir von anderen geschenkt bekommen.

Hier lautet das Gebot:

Empfange die Liebe deines Nächsten just wie die Deinige!

Ich habe eine Freundin, die sich erst das erste Mal berührte, als sie nach fünf Jahren Beziehung wiederum das erste Mal Single war. Damals war sie 21 und erlebte dabei ihren allerersten eigenen Orgasmus.

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Die meisten Frauen haben bei der Ménage à moi viel häufiger einen Orgasmus und können diesen dabei sogar (wenn sie wollen) innerhalb von zwei bis fünf Minuten erreichen. Das ist natürlich nicht immer erstrebenswert, aber es zeigt sehr klar, dass wir bei der körperlichen Selbstliebe lernen, wie wir berührt werden wollen. Was uns anmacht. Was gefällt und was nicht.

Das Sexleben meiner Freundin hat sich in den darauffolgenden Beziehungen extrem verbessert, da sie wusste was sie brauchte – und es ja, auch gelernt hat zu kommunizieren.

Um mich selbst lieben zu können, ist der erste Schritt, mich selbst besser kennen zu lernen.

Selbstkenntnis ist ein Schlüsselfaktor in der Selbstliebe und stoppt eben nicht an der Bettkante. Und dann kann ich auch andere aufrichtig (körperlich) lieben und eröffne die Möglichkeit, selbst “richtig” geliebt zu werden.

Aber klar sind unsere Ménages à moi nicht immer ein Akt der Selbstliebe

Die wenigsten nehmen sich wirklich Zeit für sich. Das gilt auch für die Selbstbefriedigung. Häufig ist es genauso für Frauen eine Art Spannungsabbau, der schnell vollzogen wird, um danach weiter zu machen. Selten verfolgen wir bewusst die Intention, uns selbst etwas gutes zu tun, uns selbst zu bezirzen, zu verführen und wirklich Liebe mit uns selbst zu machen.

Außerdem eignen wir uns über die Jahre ganz bestimmte Techniken an, von denen wir wissen, dass sie “funktionieren” und variieren später nur noch wenig bis gar nicht.

Mit diesen Worten möchte ich uns ermutigen, offener über die eigene Selbstbefriedigung zu reden und sich auch inspirieren zu lassen.

Mal was neues auszuprobieren. Denn wir machen es uns alle so genital-genial unterschiedlich. Auf dem Rücken. Auf dem Bauch. Vor dem Spiegel. In der Badewanne. Mit der Hand. Oder mit elektronischer Unterstützung. Zu erotischen Erinnerungen. Verwegenen Phantasien. Auch Pornos. Wir atmen tief. Dann wieder flach. Mal halten wir ihn an. Wir reiben und stupsen. Umfahren geschmeidig. Wir schaukeln uns hoch. Klitoral. Urethral. Vaginal.

Wunderland Vulva!

Diese Erfahrungsberichte und Geschichten sind allesamt hoch amüsant und extrem lehrreich. Als meine Freundin und ich am Maybachufer nach den anfänglichen Berührungsängsten dann doch in den Austausch kamen – über Vorlieben, Hintergründe und Praktiken – wurde das Lachen wieder laut und das Interesse massiv geweckt. Und jetzt kommt auch sie tatsächlich zu meinem Masturbations-Workshop. Vielleicht sogar zweimal.

Sei mutig und teil gerne deine Erfahrungen in den Kommentaren. Und sollte es auch dich jetzt unter den Finger und zwischen den Labien jucken, an der Collective Masturbation teilzunehmen, aber du bist dir noch unsicher oder hast Fragen dazu: Zögere nicht, auch hier einen Kommentar zu hinterlassen oder mich persönlich anzuschreiben. Ich freue mich riesig auf uns!

Deine Katharina

Titelbild © Brooke Lark via Unsplash

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4 Kommentare / Schreibe einen Kommentar

  1. Das ist wirklich ein wunderschöner Artikel geworden! :-D
    Vielen Dank für deine offenen Worte und das Teilen deiner Geschichte!
    Ich stimme dir absolut zu, dass wir hier noch viel offener werden dürfen. :-)

  2. Ich würde sooooooooo gerne zu Deinem Workshop kommen, kann aber leider nicht…. DANKE für Deine tolle Arbeit, Deinen Mut und die klaren ehrlichen Worte liebe Katha!!! <3
    Ich habe mit 10 oder so angefangen, wir hatten eine Gruppe von Mädels, in der wir uns immer darüber unterhalten haben, wie wir das machen… ich habe dann kleine Rekorde mit mir selbst aufgestellt, wieviele Orgasmen ich haben kann und das richtig "trainiert". Irgendwann habe ich aufgehört zu zählen… und schaffe es heute noch meist nie unter 2 Stunden ;) Später im Gymnasium haben wir uns dann immer verabredet, um eine bestimmte Uhrzeit jede für sich Zuhause zu masturbieren… collective masturbation quasi ;) Damit kein Anderer wusste wovon wir reden sagten wir das CodeWort "auf dem Mond treffen"
    Vielleicht könnten wir mal wieder so einen Flashmob machen…. wie diese gemeinsamen Meditationen rund um die Welt…. Friedens-Masturbation am Samstag Abend um 8…. treffen wir uns alle auf dem Mond!

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