Brauchen wir Gurus und wenn ja, wozu?

Seit Wochen läuft bei mir ein Song von Donna De Lory in Dauerschleife. Nicht nur, weil ich irgendwie auf den wahnsinnig kitschigen Sound stehe, sondern wegen des Textes am Anfang.

 What is Guru and who is Guru?

The conscious within you is the Guru.
The one that guides you, the one that enlightens you.
And such, there is a Guru in everybody.

Über die Guru-Frage zerbreche ich mir seit Langem dem Kopf. 

Auf der einen Seite gefällt mir die romantisch-kindliche Vorstellung eines klassischen Gurus: Dass es in meinem Leben jemanden gibt, der mir meine Fragen zum Sinn des Lebens beantwortet, seine Weisheit mit mir teilt und mir auf liebevolle Weise jede Menge Aha-Momente verschafft. Jemanden, dem ich mich dann in vollster Hingabe vor die Füße werfen und in tiefer Dankbarkeit versinken kann. Doch diesem Bilderbuch-Guru bin ich bis heute noch nicht begegnet. Und natürlich ist mir auch klar, dass die Sache mit dem Guru nicht ganz so einfach ist.

Zurück auf Null: Was ist „Guru“ eigentlich?

Das Wort Guru kommt aus dem Sanskrit. „Gu“ heißt „Dunkelheit“ oder „Unwissenheit“ und „Ru“ bedeutet „zerstreuen“ oder „entfernen“. „Guru“ ist also „das, was Licht ins Dunkel bringt“. Auch wenn „Guru“ häufig in Form eines Menschen in unser Leben kommt, meint das Wort „Guru“ das Erleuchtungsprinzip, das in Allem und Jedem vorhanden ist.

In anderen Worten: Alles, was dir hilft, in Kontakt mit deiner Essenz zu kommen, die Stimme deiner Seele zu hören oder Gedankenchaos zu entwirren, kann „Guru“ sein.

Also jemand oder etwas, der oder das Licht ins Dunkel bringt.

Sind Gurus aus der Mode?

Kundlini Yogis in der Tradition von Yogi Bhajan betonen immer wieder: Gurus im Außen sind Teil des Fische-Zeitalters. Inzwischen befinden wir uns im Wassermannzeitalter, indem wir selbst ganz direkten Zugang zu allen möglichen Informationen haben. Google ist das beste Beispiel. Dadurch, dass Wissen ständig und überall verfügbar ist, verliert es an Macht. An diese Stelle tritt die Erfahrung. Für das Konzept des Gurus bedeutet das, dass wir zwar Lehrer im Außen brauchen, die uns helfend beiseite stehen, dass wir den Guru aber erfahren müssen. In uns selbst, durch die direkte Verbindung „zur Quelle“ bzw. zum Göttlichen.

Ein Blick in die Yogawelt bestätigt diese These: Die großen Yoga-Meister Sri K. Pattabhi Jois und B.K.S. Iyengar haben die Erde verlassen und leere Throne hinterlassen. An ihre Stelle getreten sind nicht einzelne Lichtfiguren, sondern viele: Yoga- und Meditationslehrer, Heilerinnen, Schamanen, Therapeuten und andere Light und Body Worker, die den Guru-Kult immer weniger zelebrieren. Anstelle dessen eröffnen sie viele verschiedene Formen der Selbsterfahrung, die inzwischen nicht mehr nur für eine spirituelle Elite, sondern auch für die breite Masse zugänglich sind. Immer mehr Menschen finden zum Glauben zurück und finden passende Möglichkeiten ihr Bedürfnis nach Verbundenheit mit der universellen Energie auszudrücken.

Vorsicht vor der Guru-Shopping-Falle

So sehr ich auch davon überzeugt bin, dass es nicht den einen Weg zum Glück gibt, sind die vielen Möglichkeiten Fluch und Segen zugleich.

Kundalini oder Jivamukti? Meditieren oder Bhakti Yoga? Den Worten eines Erleuchteten lauschen oder doch lieber den Ayahuasca Shot? Alles spannend, oder?

So können wir von Methode zu Methode hopsend um das „Eingemachte“ herumschleichen und immer weiterziehen, wenn es unangenehm wird.

Am Ende ist es ganz egal, für welchen Weg du dich entscheidest. Doch es ist wichtig, dass du dich entscheidest. Denn um echte (spirituelle) Weiterentwicklung zu erfahren, müssen wir dranbleiben. Und das ist nicht immer Zuckerpuder und Feenstaub, sondern bisweilen echt schmerzhaft.

Go Guru, go! Warum wir Lehrer brauchen

In diesem Prozess können uns Lehrer nicht nur beiseite stehen, sie können den Wandel auch unterstützen, indem sie uns immer wieder ein Spiegel sind. Für unsere Gedanken, Gefühle und unser Verhalten. Menschen, die an unserem Glück interessiert sind, ohne dabei ein eigenes Interesse zu verfolgen.

Wir Menschen lernen von Vorbildern. Von anderen, die den Weg vielleicht schon ein bisschen weiter gegangen sind als wir. Das Gefühl, eine Antwort auf eine brennende Frage zu bekommen, Verständnis entgegengebracht zu bekommen ist großartig.

Ob dein Vorbilds-Spiegel nun deine beste Freundin, dein Psychotherapeut oder eine spirituelle Lehrerin im weißen Gewand ist, ist dabei nicht so wichtig. Hauptsache er oder sie bringt Licht ins Dunkel.

Guru1

Mein Fazit: Eigene Erfahrungen sind der einzig wahre Guru

Das Licht können wir am Ende nur in uns selbst finden. Das ist es übrigens auch, was die yogischen Schriften sagen.

Das Guru-Prinzip wurde jedoch häufig missverstanden. Auf der einen Seite, um Macht auszuüben. Auf der anderen, um jede Eigenverantwortung von sich zu weisen. Aufgedrücktes Guru-Theater halte ich für genauso wenig zielführend wie unreflektiertes Folgen oder die Annahme, die Weisheit selbst mit dem Löffel gefressen zu haben.

Das einzige, worum es wirklich geht, sind unsere eigenen Erfahrungen.

Alles andere sind Worte, Geschichten und Konzepte. Manchmal brauchen wir die auf unserem Weg, um überhaupt eine Richtung zu haben. Wenn dann jemand, zur richtigen Zeit den richtigen Stupser in die richtige Richtung gibt, kommt der Impuls, sich vor der Person tief verbeugen zu wollen, von ganz alleine.

Der Schlüssel liegt meiner Meinung nach darin, in höchstem Maße ehrlich zu sein.

Zu seinen Lehrern und vor allem zu sich selbst. Denn ein Guru ist nur dann ein guter Guru, wenn er dich näher zu deiner eigenen innersten Wahrheit bringt, nicht wenn er dich davon entfernt.

Der höchste Zustand jeder spirituellen Praxis ist der Zustand der absoluten Authentizität. Und nicht „das ist, wie ich handeln und aussehen muss, wenn ich eine spirituelle Person bin.
(Teal Swan)

Ich bin gespannt, was du zur Guru-Frage zu sagen hast. Erzähl es mir in den Kommentaren!

Om bolo sadhguru bhagavan ki jaya.
Gott is der einzig wahre Lehrer, Halleluja!

Deine Rebecca

PS: Ich habe letztens eine Jivamukti-OPEN-Klasse zum Thema „Guru“ unterrichtet. Hier findest du die Playlist.

Bilder: Titel via Pixabayduncan via Compfight cc, Schrift und Kreis nachträglich hinzugefügt

6 Kommentare / Schreibe einen Kommentar

  1. Auch ich habe mich neulich die Frage gestellt, ob wir eigentlich einen Guru brauchen. Und ich kam zu dem Schluss, dass Guru ein selbständiges Denken töten kann. Aus diesem Grund bin ich gegen alle Gurus.

  2. Hallo Rebecca!

    Sehr schöner Beitrag, find ich toll! :) Es stimmt wirklich, die Antwort liegt letztendlich in einem selbst. Ich hab seit kurzer Zeit das Problem, dass ich überall Informationen, Anleitungen und Ideen suche und aufsauge um endlich eine Lösung für meine Situation zu finden. Um endlich sagen zu können:“ DAS muss ich machen.“ Es war richtig energieraubend. Ich wusste zwar, dass es nicht die eine Lösung auf dem Präsentierteller iwo gibt, aber ich hab nach Denkanstößen gesucht. Gestern hab ich dann das Buch „Die Heilkraft buddhistischer Psychologie“ von Thich Nhat Hanh angefangen zu lesen und da ist mir das Licht aufgegangen. Denn er hat gesagt, dass man dieses Buch nicht als Idee oder neue Vorstellung hernehmen soll, das Buch dient dazu um FREI von Ideen und Vorstellungen zu werden, denn letztendlich die Wahrheit liegt in einem selbst. Das hat sich sofort so erleichternd angefühlt. Bewusstheit und Achtsamkeit ist so wichtig. Und deswegen fang ich jetzt wieder zum Meditieren an und es fühlt sich so gut an! Und jetzt les ich diesen Beitrag von dir, der auf das ähnliche hinausläuft :D vielen Dank!

    Schönen Tag wünsch ich!

    Hugs,
    Linda

  3. Braucht man einen Guru? Das ist genau die Frage, die ich mir in letzter Zeit auch oft gestellt habe. Ich hänge auch immer noch der romantischen Vorstellung nach, irgendwo in Indien, tief im Himalaya DEN einen Guru zu finden. Aber warum kann eigentlich nicht auch der Kiosk-Verkäufer an der Ecke, deine beste Freundin oder dein Hund der Guru sein? :)

    1. Ich frage mich halt immer: Wer soll denn dieser Guru sein? Der eine, weise. Bei mir setzten viele AHA-Erlebnisse ein, als ich aufgehört habe, nach dieser Figur zu suchen und mich für die Magic im Alltag zu öffnen.

  4. Sehr gut durchleuchtet das ganze Thema und ich kann nur bekräftigen, dass ich es ganz genauso sehe. Find your inner Guru! Dabei helfen können verschiedene Praktiken und Menschen.

    Danke, für diesen Artikel! Der beste, den ich in letzter Zeit so gelesen habe

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