Kulturelle Aneignung: Haben wir Indien Yoga geklaut?

Die junge Frau mit dem “Namastay in Bed”-Pulli. Sanskrit und Mantrengesang in Berliner Yogaklassen. Tattoos von Kali, Shiva und Konsorten. Yogasymbole haben längst den Mainstream und die Konsumkultur erreicht – aber wie würden das eigentlich die “ursprünglichen Yogis” finden?

Ich mache mir als weiße Yogalehrerin seit Jahren Gedanken zu kultureller Aneignung, Rassismus und Kolonialismus und wie wir damit umgehen. Können wir als weiße Kartoffeln überhaupt Yoga üben und wenn ja, wie kann das respektvoll passieren?

Was ist kulturelle Aneignung?

„Hinter kultureller Aneignung steckt die kolonialrassistische Praxis, in der sich die Mehrheitsgesellschaft die Kultur von Subalternen (…), vor allem Kolonialisierten, abschaut, aus dem Kontext reißt und aneignet.“

– taz, 21.12.2016

What? Ja, harter Tobak. Vor allem, wenn man sich überlegt, wie wir im Westen Yoga üben. Denn erstmal ist genau das passiert: Die weißen Westler*innen haben sich im Kolonialismus und danach die Yogakultur Indiens abgeschaut, geklaut, verändert und dann daraus Gewinne erwirtschaftet.

Noch heute stattfindende Prozesse kultureller Aneignung sind daher immer auch ein Verweis auf weiterhin bestehendes Machtungleichgewicht zwischen kolonisierenden und kolonisierten Kulturen, denn die angeeignete Kultur hat davon meist recht wenig und wird dabei gleichzeitig auf einen kleinen Aspekt reduziert.

Zur Frage kultureller Aneignung gibt es seit Jahren auch bei uns sehr kontroverse Debatten, der Wiki-Artikel ändert sich ständig und ist niemals neutral. Das berühmteste Beispiel von kultureller Aneignung ist wahrscheinliche die grausame Verwendung der indischen Swastika (eigentlich ein Glückssymbol) durch die Nationalsozialisten.

Weniger schlimm, aber genauso ätzend sind Bindhis und Saris bei Popstars und Federschmuck und Tribal-Bemalungen auf verdrogten Festivals. Auch in diesen Fällen wird ein meist spirituell bedeutsames Symbol aus seinem Kontext gerissen und für die eigene Zurschaustellung in Szene gesetzt. Wirklich nicht cool, Leute!

Ist denn dann Yoga nicht auch kulturelle Aneigung?

Ähm…. jain…Es kommt halt darauf an. Genauer gesagt: auf dich. Und wie du als Schüler*in oder Lehrer*in mit den kulturellen Symbolen und der Geschichte von Yoga umgehst. Denn zwischen wertschätzendem kulturellen Austausch und abwertender kultureller Aneignung verläuft leider nur ein sehr schmaler Grat.

Und da es beim Yoga (zum Glück!) keine homogene Ursprungsgruppe gibt, die die einzig wahre Bedeutungshoheit über Yoga hat, können wir die auch schlecht fragen, was denn nun okay ist und was eher nicht.

Dabei sollst du dich nicht jetzt schon angesichts deiner zahlreichen OM-Shirts im Schrank schuldig fühlen, sondern dich mit folgenden Gedanken ermutigt fühlen, deine Praxis wertschätzender und geschichtssensibler zu gestalten.

1. Respect! Just a little bit…

Der wohl wichtigste Unterschied zwischen einer kulturell aneignenden und einer kulturell wertschätzenden Praxis ist deine Haltung. Und die sollte erstmal Respekt sein. Wie für den spirituellen Yogaweg im Allgemeinen gilt auch für eine bewusste und wertschätzende Yogapraxis: Zeige dich demütig und bescheiden gegenüber der Lehre des Yoga.

Die Geschichte, die Wurzeln, die vielen Verästelungen und Strömungen sind so groß, vielseitig und alt, dass du daneben erstmal sowieso klein aussiehst.

Zeig dich neugierig und offen gegenüber den Lehren des Yoga, ohne gleich zu meinen, schon alles zu wissen.

Es gibt einen guten Grund, warum es diese Lehre schon so lange gibt, warum sie von vielen Millionen Menschen als heilig angesehen und auch heute noch von so vielen geschätzt wird.

Wenn dir ein Ritual oder Symbol nicht klar ist, dann höre zu und frage nach. Aber bilde dir nach einer Yogaklasse und einem Meditationsvideo nicht gleich ein Urteil. Die Yogatraditionen sind ähnlich bedeutsam für viele Menschen wie die Weltreligionen. Und in eine Moschee oder Kirche läufst du ja auch nicht wider besseren Wissens in Hotpants rein, sondern respektierst die kulturellen Traditionen (egal, was du dazu denkst).

Selbst wenn dir einige Yogatraditionen und –rituale nicht schmecken: Urteile nicht abwertend über sie, denn sie sind nicht deine und dein Urteil könnte andere sehr treffen. Es gibt ja deshalb so viele Wege zur Erleuchtung, weil wir so viele verschiedene Menschen sind.

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2. Du hast hier gar nichts zu sagen!

Zur Haltung des Respekts kommt bei einer kulturell wertschätzenden Yogapraxis außerdem der Mut zu beständiger Selbstreflektion. Es braucht ein offenes Bewusstsein für die historischen Verstrickungen, wenn wir als weiße Westler*innen Teile einer jahrhundertelang unterdrückten Kultur für uns nutzen, sie verändern und weiterverwenden.

Als weiße Europäer*innen profitieren wir noch heute davon, dass andere Länder und Kulturen von den Generationen vor uns ausgebeutet und unterdrückt wurden. Weiße sind es gerade durch koloniale Unterdrückung und kulturelle Aneignungsprozesse gewohnt, Dingen und Situationen selbst eine Bedeutung geben zu können.

Das ist tatsächlich sogar die Essenz unseres Privilegs: Wir bestimmen, was normal, was exotisch, was modern, was traditionell und was „ursprünglich“ ist.

Genau deshalb ist es bei einer kulturell und historisch achtsamen Yogapraxis so wichtig, diese Definitionsmacht abzugeben.

Statt zu sagen: „Ich meine das ja ganz anders“, stelle dir beständig Fragen: Woher kommt das von mir genutzte Yogasymbol und ist es okay, wenn ich die Sprache oder die Rituale hier jetzt so einsetze? Was könnte die Perspektive einer indischen Yogini darauf sein?

Nicht du entscheidest, ob das, was du machst, Aneignung oder wertschätzende Nutzung ist. Sondern diejenigen, die sich davon verletzt fühlen könnten, weil du das Symbol seinem Kontext entrissen, es reduziert oder lächerlich gemacht haben könntest. Aber dein achtsames Bewusstsein über die Möglichkeit zu verletzen allein kann es schon verhindern.

3. Wissen ist Macht

Ist Yoga kulturelle Aneignung?Du fragst dich, warum „OM“ oder „hare krsna“ gechantet werden und was sie bedeuten? Was soll diese Figur mit den vielen Armen auf dem Altar? Warum verneigen wir uns voreinander mit vor der Brust gefalteten Händen?

Statt einfach blind zu kopieren, um im Raum mit vielen anderen nicht aufzufallen, frage nach! Eine gute Yogalehrerin sollte dir gerade auch die einfachsten Rituale erklären können und dir sagen, woher sie kommen und warum wir sie im Yogastudio nutzen.

Darüber hinaus sind viele Bücher und das Netz hilfreiche Quellen. Informiere dich, lies nach, studiere! Lass dich dabei auch von unterschiedlichen Perspektiven und Lesarten nicht verunsichern, sondern lass sie dir Antrieb sein für deinen Wissensdurst. Baue ein Lehrverhältnis zu verschiedenen Gurus auf, statt zu glauben, nur der EINE indische mit dem Rauschebart würde alles wissen.

Wenn du es liebst, die Verse und Mantren zu studieren oder zu chanten, warum nicht Sanskrit lernen statt sich auf Interpretationen anderer zu verlassen?

Dabei wirst du erfahren,  aus welchen Kontexten die Rituale, Chants und heiligen Objekte kommen und wie unterschiedlich sie über die Zeit auch genutzt wurden. Wusstest du zum Beispiel, dass das Harmonium ein koloniales Produkt und kein „ursprünglich“ indisches ist? Oder dass das moderne Yoga in Indien von der Gymnastikbewegung Europas inspiriert war?

Bedeutungen sind immer auch von Zeit und Raum abhängig. Bleibe also kritisch und überlege dir gut begründet, ob und warum bestimmte kulturelle Symbole des Yoga zu dir passen – oder eben nicht.

Seit ich zum Beispiel weiß, dass Gandhi zwar ein bedeutsamer Freiheitskämpfer, aber leider auch ein Rassist, Sexist und glühender Nationalist war, zitiere ich ihn nicht mehr in meinem Unterricht. Auch die Rolle von Yoga für hinduistische Nationalisten, das koloniale Militär in Indien oder die Nazis haben mich vorsichtig werden lassen, die Yogatradition als durchweg friedlich zu bezeichnen.

Dafür bin ich umso glühender dabei, wenn ich meine Hände ins Namaste lege oder OM chante. Denn alles, was ich mit meinen Schüler*innen teile, habe ich selbst vorher genauestens studiert.

4. Yoga als ganzheitliche Praxis

Die Tradition des Yoga ist eine jahrtausendealte, vielschichtige spirituelle Praxis, die in den unterschiedlichsten Weisen praktiziert wurde und wird. Was wir im Westen unter Yoga verstehen, ist oft nur ein winziger Teil der vier großen Strömungen des Yoga (Bhakti, Karma, Jñana und Raja).

Im Raja-Yoga-System wird der achtgliedrige Pfad beschrieben, von denen die körperliche Asanapraxis nur, tja, ein Achtel ist. Wir entnehmen im Westen in vielen Fällen also nur einen Teil der Yogalehre aus einem ganzheitlichen System, womit sie ihrem Kontext ein Stück entrissen ist.

Es ist natürlich okay, wenn Menschen vor allem am herabschauenden Hund und der fliegenden Krähe interessiert sind, aber sie sollten sich dann bewusst sein, dass sie eben nur einen ganz kleinen Teil des Yoga praktizieren.

Vielleicht ist die Asanapraxis auch ein erster Einstieg in tiefe Beschäftigung mit Spiritualität und Yogaphilosophie. Solange wir aber nur körperliche Verrenkungen machen, sollten wir nicht glauben, Yoga vollständig oder ganzheitlich zu üben. Mach dir das selbst und auch anderen gegenüber immer wieder bewusst.

5. Intention: Wofür mache ich das Ganze?

Ich stelle mir regelmäßig selbst kritisch die Frage, warum und zu welchem Zweck ich Symbole des Yoga für mich oder für andere nutze. Ist das OM-Kettchen mit einem tiefen spirituellen Erlebnis verknüpft oder will ich damit der Welt zeigen, wie wahnsinnig Shanti ich sein kann? Trage ich die Mala, weil ich mit ihr täglich meine Japas rezitiere oder will ich ein Statement zu meinem Yogidasein setzen?

Nach meiner bescheidenen Erfahrung sind die wichtigsten und tiefsten spirituellen Erfahrungen so persönlich, dass ich sie nicht nach außen tragen möchte.

Wenn ich meine Spiritualität in die Welt schreie, steckt meistens der Wunsch nach äußerer Anerkennung durch andere darin, nicht aber eine tatsächliche innere Überzeugung, die keiner Bestätigung bedarf.

Frage dich, welchen Nutzen du oder deine Lehrer*innen durch die Verwendung kultureller Yogasymbole habt. Yogasymbole, -rituale und -objekte sollten dazu dienen, die Tradition zu ehren, nicht aber, um der jeweils angebotenen Yogalehre einen Hauch von Authentizität oder Exotik zu verleihen.

Besonders schlimm erscheint mir der Einsatz der kulturellen Symbole, wenn sie eindeutig der Kommerzialisierung und Profitgier im Westen Vorschub leisten. Viele Menschen verdienen mit Yoga ihr Geld und das ist durchaus eine schöne Nachricht.

Aber wenn sie dabei in der (Selbst-)Vermarktung bewusst auf die vielen vermeintlich authentischen Yogasymbole setzen, ohne dass dies erklärt oder kontextualisiert wird, würde ich misstrauisch werden. Eine gute Yogalehrerin kann dir einen dreistündigen Vortrag zum OM-Symbol halten, eine an materiellen Werten interessierte weiß leider nur, wo es gut auf dem neuesten Flyer für die nächsten Workshops aussieht.

Mehr Material zum Thema:

Und so viele mehr… Die Frage nach kultureller Aneignung im Yoga ist für mich immer noch ein offener Lernprozess und dieser Artikel deshalb auch ein Abenteuer. Ich freue mich daher über deine Fragen, Anregungen und Kommentare!

Alles Liebe, deine Janna

Titelbild © Lydia Hersberger

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5 Kommentare / Schreibe einen Kommentar

  1. Auch ich sehe den Artikel sehr kritisch. Aus meiner Sicht wurde ein zentraler Aspekt ausgelassen. Was ist den die Definition von Yoga? Yoga ist die Einheit von Körper, Geist und Seele. Somit ist Yoga ein ZUSTAND. Darauf gibt es keine Besitzansprüche. Auf einen Zustand hat keine Kultur, sei es die europäische oder die indische eine Macht. Daher kann es gar keine dekoloniale Aneignung geben, weil Yoga niemandem gehören kann.

  2. Hallo, ich sehe den Artikel sehr kritisch. Im Grunde sagst du ’solange du nicht alles Hintergrundwissen hast wo gibt, hast du auch kein Anrecht darauf Yoga zu üben. Und selbst wenn, fühl dich gefälligst demütig und unwürdig.‘
    Der Artikel ist stellenweise leider schon recht aggressiv geschrieben. Das Labeln mit Symbolen eher unbekannten Ursprungs ist überall vorhanden und bezieht sich nicht nur auf auf T-Shirts gedruckte Oms. Sich zu labeln kann man verurteilen, muss man aber nicht. Wer nicht weiß womit er sich schmückt wird sich bei der ersten Nachfrage selber bloßstellen, wer solche Symbole gezielt nur als Schmuck nutzt will auch garnicht authentisch sein. Jedem ist besusst, dass Yoga aus Indien kommt und jeder der sich etwas damit befasst weiß auch, dass die Indischen Yogalehrer auch westliche Menschen zu Yogalehrern ausbilden, die Ausbreitung des Yoga nach Westen also fördern und prägen. Wir können alle dankbar sein, dass diese Kultur ihe Trafitionen mit uns teilt und uns nicht gegenseitig haten, weil wir Merchandise kaufen. Das ist auch nicht im Sinne des Yoga ;)

    1. Hey liebe Saskia,
      danke für deine starke und heftige Reaktion. Das ist einer der Gründe, warum ich den Artikel geschrieben habe. Ich will auch, dass meine Gedanken etwas auslösen. Viel mehr Yogis zum Nachdenken anregen. Der Widerstand und die Ablehnung vom Konzept der „kulturellen Aneignung“ ist sehr üblich. Denn Definitionsmacht abzugeben ist ein schmerzhafter Prozess. Gerade weil wir es gewohnt sind, sonst immer alles definieren zu können.
      Ich denke nicht, dass ich in irgendeiner Form geschrieben habe, dass Westler*innen jetzt kein Yoga mehr üben „dürfen“. (Wer sollte oder wollte das auch verbieten?) Mir geht es um die Haltung, die Sichtbarmachung von Machtkonstellationen und historischer Unterdrückung, von der wir immer noch profitieren. Außerdem um Achtsamkeit und Respekt. Auch ich finde es toll, dass sich Yoga so stark ausbreitet und bei vielen Gutes bewirkt. Daher will ich gerne dazu anregen, sich mehr mit den Wurzeln des Yoga zu beschäftigen und mehr über Symbole und Rituale zu wissen, als nur „das kommt halt aus Indien“. Insofern ist mein Artikel als konstruktiver Vorschlag gemeint, wie wir damit als Yogis besser umgehen könnten, nicht aber eine Verurteilung.
      vastu-samye-citta-bhedat-tayor-vibhaktah-pantah… (Patanjali Yogasutra IV.15)
      Liebe Grüße,
      Janna

  3. für diesen Satz : …………… Wenn ich meine Spiritualität in die Welt schreie, steckt meistens der Wunsch nach äußerer Anerkennung durch andere darin, nicht aber eine tatsächliche innere Überzeugung, die keiner Bestätigung bedarf. ……………….

    ein großes DANKE …

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