Wenn du Yoga unterrichtest, kennst du wahrscheinlich das Gefühl, wenn eine Yoga-Sequenz so richtig flutscht: Du hast deine Schüler*innen alle dabei, niemand ist mental ausgestiegen, der vibe stimmt, die Playlist passt perfekt und auch in fordernden Momenten bleibt die Konzentration bestehen.
Vielleicht gibt es aber auch Momente, in denen es sich schwer anfühlt, deine Sequenz zu unterrichten – trotz aller Vorbereitung. Die Leute verstehen nicht ganz, was du von ihnen willst oder du hast selbst Schwierigkeiten, fokussiert zu bleiben. Am Ende war es eine solide Klasse, aber so richtig gefühlt hast du es nicht.
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Um eine gute Yogaklasse vorzubereiten und zu unterrichten, spielen neben einer eigenen regelmäßigen Praxis und sinnvoller Planung viele weitere Aspekte eine Rolle. Manchmal ist ein wenig Glück mit im Spiel, ganz oft geht es um Intuition und die Fähigkeit, spontan die Bedürfnisse der Gruppe zu erkennen und einzubeziehen. Man kann also sagen:
Yoga Sequencing ist keine reine Technik, sondern eine Kunst.
Die gute Nachricht ist: Diese Kunst kannst du erlernen und verfeinern!

Eine, die für ihre herausragenden Sequenzen und ihren Instinkt bei der Klassengestaltung weit über ihre Heimat Köln hinaus bekannt ist, ist Nicole Bongartz, Inhaberin des Yogastudios Lord Vishnus Couch, seit zwei Jahrzehnten Vinyasa Yogalehrerin und Ausbilderin. Ich habe mit Nicole über Sequencing gesprochen und sie nach den wichtigsten Do’s & Dont’s gefragt.
Sequencing ist die Auswahl und das Zusammenstellen von Übungen in einer Reihenfolge.
Im modernen Yoga stehen uns nicht nur unzählige verschiedene Praktiken und Asanas zur Verfügung, sondern auch endlose Möglichkeiten, sie zu kombinieren. Für eine sinnvolle Sequenz für eine 60- bis 90-minütige Gruppenklasse muss diese Menge also reduziert, es muss eine Auswahl getroffen werden. Anschließend bringt man diese Auswahl in eine bestimmte, schlüssige Reihenfolge.
Am leichtesten fällt diese Auswahl laut Nicole, wenn man dabei ein gewisses Ziel vor Augen hat. Und das muss nicht immer eine komplizierte peak asana sein!
Nicole unterscheidet zwischen drei groben Kategorien von Sequencing: Im körperbasierten Sequencing fokussierst du dich auf eine Körperregion oder steuerst eine komplexere Asana als Höhepunkt an. Im energetischen Sequencing legst du den Schwerpunkt beispielsweise auf die Chakras oder Vayus. Im kognitiven Sequencing wählst du ein Thema, das du vom Intellekt in den Körper bringen möchtest, besprichst in deiner Klasse beispielsweise ein Sutra oder einen anderen yogischen Text.
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Hast du dich einmal für eine Art des Sequencing und ein Ziel entschieden, kommt die Auswahl der Übungen fast wie von selbst.

Genauso vielseitig wie die Ziele einer Yoga-Sequenz können auch die Wege sein, sie zu erreichen.
Wo möchtest du mehr Kraft hinein geben, wo mehr Ruhe, wo Dynamik, wo Statik? Welche Rolle spielt Musik in deiner Stunde, welche Assists, welches Vokabular oder andere Mittel setzt du ein, um besondere Impulse zu geben? Natürlich ist der Weg immer das Ziel: Dem Stil Vinyasa Yoga liegt das yogaphilosophische Prinzip von Vinyasa Krama zugrunde. Das ist kurz gesagt die bewusste Platzierung von kleinen Einheiten in einer bestimmten Reihenfolge, mit dem Ziel, die Aufmerksamkeit auf jeden einzelnen kleinen Moment zu bringen. Vinyasa Krama ist also ein Achtsamkeitstraining, sowohl für die Übenden als auch für die Lehrenden.
“Durch die intelligente Abfolge und die Betonung jedes Atemzugs halten wir die Aufmerksamkeit im Moment des Tuns und verbinden den Atem mit dem Körper, statt immer zuerst an den nächsten Schritt zu denken und dann den Körper hinterherzuholen. Wir müssen die Aufmerksamkeit in den Raum zwischen den Ereignissen bringen, dann sind wir wirklich präsent.” – Nicole Bongartz
Was macht eine gute Yoga-Sequenz aus?
Sequencing ist mehr als die Auswahl von Asanas oder Pranayamas, denn Yoga ist ein integrales System: Es hat emotionale und philosophische Komponenten, es gibt unzählige andere Praktiken, die ebenfalls dazugehören und die zumindest mitgedacht werden sollten. Deshalb hat Nicole zu dieser Frage weder eine Liste von Asanas für uns, die immer vertreten sein sollten, noch irgendwelche Verbote.

Nicoles wichtigster Tipp: Setze dir ein Ziel – eine Körperregion, eine Asana, ein Thema, das du besprechen möchtest.
Sonst verlierst du dich in dem endlosen Raum von Möglichkeiten und bist einfach nur von deinen eigenen Präferenzen gesteuert. Wenn du eine gute Grundstruktur für eine Klasse hast, kannst du die Auswahl treffen und sie dann in deine Struktur einsortieren. Davon ausgehend kannst du auch spontan beim Unterrichten vom Plan abweichen, intuitiv entscheiden, was die Gruppe braucht und dennoch am Ende eine runde Klasse unterrichten, die alle nötigen Elemente beinhaltet.
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Ein weiterer wichtiger Faktor beim Sequencing ist die energetische Ausgeglichenheit.
“Der vibe zwischen Statik und Dynamik und in welchem Verhältnis sie stehen, zwischen Anspannung und Entspannung, zwischen Yin und Yang spielt eine große Rolle. Natürlich ist Vinyasa Yoga generell eher kraftvoll, aber auch da darf nie diese Balance fehlen. Sonst entsteht eine Schieflage.” Dafür, sagt Nicole, gibt es kein Patentrezept. Die Ausgeglichenheit entsteht, wenn die Lehrperson ein gutes technisches Wissen hat, ein Gefühl für Dynamiken mitbringt sowie eine eigene Praxis hat, aus deren Verständnis heraus unterrichtet wird.
Dazu gehört auch, dass Einstiegs- und Abschluss-Sequenz nicht zu kurz oder zu lang sind, dass es genug Zeit für die Vorbereitung komplexer Asanas gibt und dass nicht zu viel Fokus auf den aktuell sehr trendigen Flow-Aspekt zu Lasten des Statik-Aspekts gelegt wird.
“Richtig gutes Sequencing spricht alle Koshas, also alle energetischen Hüllen an und durchdringt sie, die Schüler*innen kommen mit ihrer Essenz in Berührung. Das geht am besten, wenn man aus seiner eigenen Essenz heraus unterrichtet.” – Nicole Bongartz

Auch deine eigene Praxis spielt eine große Rolle beim Sequencing.
Wahrscheinlich kennst du das: Je nach Gefühlszustand, körperlicher Verfassung, Jahreszeit oder Lebensphase ändert sich die eigene Praxis. Du passt sie an, um dich gemäß den Umständen zu regulieren. Damit wird sich auch dein Unterricht verändern. Und es stellt sich vielleicht heraus, dass deine besten Sequenzen ganz simpel sind.
Eine fancy Sequenz ist nicht unbedingt eine gute, und umgekehrt.
Und eine simple Sequenz ist nicht unbedingt einfach! Nicht alle Lehrenden sollen oder müssen ständig die kreativsten Abfolgen mit verrückten Übergängen und verbrezelten Asanas unterrichten. Das hängt aus Nicoles Sicht komplett von der eigenen Persönlichkeit ab. Die einen arbeiten kreativ und abwechslungsreich, die anderen eher schlicht und repetitiv – und beide Arten von Lehrenden können erfolgreich sein, denn so vielfältig die Lehrenden, so vielfältig die Schüler*innen.
Unterrichtest du aus irgendeinem Grund gegen deine eigene Persönlichkeit an, indem du durchgehend das Gegenteil von dem machst, was dir liegt, merkt man das wahrscheinlich auch an deinem Unterricht. Denn: Du fühlst es nicht richtig. Das zu erkennen, kann auch einen Abschied von dem Wunsch bedeuten, jemand anders zu sein oder irgendwelchen Idealen hinterher zu laufen – eine emotionale Sache.
Aber wie es bei all things yoga eben immer so ist: Egal was du damit machst, sei es das Unterrichten oder das Üben: Du kommst dir selbst dabei ein kleines Stückchen näher!

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Happy learning!
Fotos, sofern nicht anders beschriftet © Xenia Bluhm
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Ein Kommentar
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