Das Zen von Bethlehem. Oder: Wie du Weihnachten mit der Familie überstehst

Familientradition versus totale Selbstbestimmung, klassische Religiosität versus moderne Spiritualität, hochgeklappte Bürgersteige versus Getümmel – einerseits verbringe ich die Feiertage gern in meinem Elternhaus auf dem Dorf. Mit Krippenspiel, Bescherung und allem Drum und Dran. Andererseits ist das weihnachtliche Bayern für mich nicht mehr unbedingt die natürliche Lebensumgebung.

Mit diesen Strategien bewahre ich zwischen Gottesdienst, Geschenkeberg und Gänsebraten trotzdem mein Zen

1. Die Matte muss mit

No-Brainer. Eine Reisematte auf den Wohn- oder Kinderzimmerteppich gelegt, und schon fühlt man sich zuhause noch mehr zuhause. Wenn man, wie in meinem Elternhaus, mehr oder weniger mit den Hühnern ins Bett geht, kann man auch früh wieder aufstehen und Yoga oder Meditation üben, bevor man sich ins familiäre Frühstücksgetümmel begibt. Online-Yogavideos funktionieren übrigens super als Studio-Ersatz, falls man nicht für sich allein üben will.

2. Zeit und Selbstgemachtes schenken

Ich habe meine Geschwister dieses Jahr zum wiederholten Male um einen „Nichtschenkungspakt“ gebeten. Wir haben alle genug Zeug; und alleine die Geschenke für meine Nichte und meine Neffen bilden unter dem Baum schon einen Riesenberg. Letztes Jahr habe ich zum ersten Mal für fast alle auf meiner Liste ausschließlich essbare Geschenke selbst hergestellt (Knuspermüsli! Eingelegtes Gemüse! Likörchen!). Die verstauben nicht im Regal, schmecken nach Liebe und haben viel mehr Sinnhaftigkeit als jedes übelriechende Rasierwasser der Welt.

3. Mal wirklich offline gehen

Ich bin zwar nicht in irgendeinem Retreat am Ende der Welt, sondern in einem Haus mit Internetanschluss. Das bedeutet aber nicht, dass ich ihn nutzen muss! Die Zeit mit meiner Familie ist für mich ein perfekter Rahmen für digitales Detoxen. Das eine oder andere Buch hat sich ja dann doch für mich unter den Baum verirrt, und ich werde es ohne Ablenkung vom Internet verschlingen.

4. Mama und Bruder den Kochlöffel wegnehmen

Auch in meiner Familie sind Feiertage trotz einer schon immer sehr dinkel-, quinoa- und sojahaltigen Grundeinstellung von Fleischkonsum geprägt. Inzwischen ist allen hinreichend bekannt, dass mir dabei nicht sehr wohl ist. Ich übernehme am ersten oder zweiten Feiertag die Zuständigkeit fürs Menü. Und kochen kann ich wohl. Dass dann da kein Fleisch (oder vielleicht sogar nicht mal Butter, Ei oder Käse) auf den Teller kommt, ist doch nebensächlich.

5. Freeletics vs. Yoga vs. Joggen

Immer wieder schön: mit meinen Brüdern und meiner Schwägerin joggen gehen oder per App sporteln und sich gegenseitig Neues zeigen. In meinem Fall bedeutet das hauptsächlich, Yoga des Omi-Klischees zu entledigen. Bauchmuskeln bekommt man eben nicht nur durch aggressive Computerstimmen aus dem Smartphone.

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6. Mit dem Hund rausgehen

Provinz im Winter – was kann es Schöneres geben! Lange Spaziergänge mit oder ohne menschliche Begleitung… extrem meditativ, so frei von Geschrei und Autolärm.

7. Örtliche Yogastudios auschecken

Die Yogastudios meiner Heimatstadt kenne ich noch nicht gut und sie sind immer einen Ausflug wert. Gerade um Weihnachten ist man nicht die einzige Person von außerhalb, die dort ein wenig Yogaluft schnappen geht. Das fühlt sich sehr schön an.

8. Differenzen annehmen, Vergangenheit loslassen

Wir fühlen uns alle nicht gern in die Kindheit zurückversetzt, gemaßregelt und durchleuchtet. Aber: Ob wir das zulassen, liegt bei uns! Ich bin es, die Angst hat, von den Eltern und Geschwistern wieder für ein Kind gehalten zu werden. Ich bin es, die denkt, dass sich keiner verändert hat außer mir. Ich sollte lieber annehmen, was da ist. Und ich werde auch angenommen, wenn ich es nur zulasse, inklusive unerwartet postpubertär gestochenem Oberarm-Tattoo. Familie bleibt eben doch Familie. Und wo ist es wichtiger, die anderen nicht verändern zu wollen, als in der Familie?

9. Mit den Kindern das Kind rauslassen

Ich weiß nicht, ob ihr Nichten oder Neffen habt. Meine sind zwei, sieben und neun und ich liebe es, mit ihnen zu spielen. Einfach mal einen Tag lang Bilder malen, mit Lego bauen, auf allen Vieren herumkrabbeln und Tiergeräusche machen – es gibt wenig, was einen so auf den Boden holt (im wahrsten Sinne des Wortes).

10. Verlassen der Komfortzone ist Teil der Praxis

Probier Sachen aus, für die du sonst nie Zeit hast. Mach dich mit einem neuen Yogastil vertraut oder teste diese abgefahrene Schüttelmeditation von Osho (einfach anschalten und Körper schütteln. Unglaublich!). Lies ein Buch, vor dessen Länge oder Inhalt du dich schon ewig gedrückt hast oder erzähle deiner Schwester alles, was du sonst vor ihr geheim hältst. Wenn man die Comfort Zone schon mal verlassen hat, dann sollte man das nutzen. Schließlich wissen wir spätestens seit GIRLS: „This is where the magic happens.“

Damit sollte es klappen: Weihnachten feiern, die Zeit genießen und das Verlassen der Comfort Zone als Teil der Praxis sehen. Ich kann ja eigentlich auch überhaupt nicht unglücklich sein, wenn ich zum Duft der Plätzchen von meiner Mama Kopfstand üben darf. Und wenn ich dann doch irgendwann mal meiner Fluchtfantasie folge und über die Feiertage nach Thailand entschwinde, dann liegt das eher an der Außentemperatur.

Wie erlebst du Weihnachten? Was hält dich auf dem Boden und in Balance? Wie behältst du deine Praxis bei, wenn du im Tagesplan der Familie oder sonst auf Reisen eingespannt bist? Lass es mich in den Kommentaren wissen!

Titelbild © Annie Spratt via Unsplash

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