Yogapraxis bei Essstörungen: Fluch oder Segen?

 “Schau mal, die Dünne da drüben. Die ist bestimmt magersüchtig.” Am liebsten würde ich das Gespräch meiner Matten-Nachbarinnen ignorieren, doch mein Blick ist bereits auf die abgemagerte junge Frau fixiert, die sich am anderen Ende des Yogaraums auf die Praxis einstimmt. Es fällt mir schwer, bei mir zu bleiben; immerhin litt ich selbst über ein Jahrzehnt lang unter allen erdenklichen Essstörungen.

Ich weiß: Schlank bedeutet nicht gleich magersüchtig.

Doch der Anblick des zerbrechlichen Körpers erinnert mich an meine eigene Vergangenheit. Vor allem aber daran, dass die Yogapraxis für Betroffene Hölle und Segen zugleich sein kann.

Es ist längst kein Geheimnis mehr: Bei Essstörungen geht es nicht ausschließlich ums Essen.

Betroffene, die sich dieser Tatsache bewusst sind, sehnen sich nach Heilungswegen, von denen sie sich vor allem auf spiritueller Ebene mehr Tiefgang erhoffen.

Kein Wunder also, dass der Gang ins Yogastudio beliebt ist, denn Yoga wirkt ganzheitlich und wird diesem Anspruch am ehesten gerecht.

Doch was, wenn sich die “Selbsttherapie” mit Yoga als gefährlicher Schritt in die falsche Richtung entpuppt?

Das Idealbild eines*r schlanken Yogi*ni, das gerne mit Disziplin und Kontrolle assoziiert wird, hält sich nach wie vor hartnäckig. Qualitäten, die zwar gerade für Menschen mit einer Essstörung erstrebenswerte Ziele darstellen – doch der Glaube, ein aus den Fugen geratenes Essverhalten mit mehr Disziplin in den Griff bekommen zu können, ist nichts weiter als eine Selbstlüge.

Wer der eigenen Essproblematik mit übermäßiger Strenge begegnet, wirkt der Heilung oft entgegen.

Auch im Bereich der Ernährung scheint Yoga eine attraktive Lösung zu sein, denn welche*r Yogaaspirant*in ist schon dafür bekannt, stets und ständig maßlos über die Stränge zu schlagen? So werden die Prinzipien zur inneren Reinheit (shauca) sowie Gewaltlosigkeit (ahimsã), von Betroffenen der Essstörungen gerne als Legitimierung für weitere ungesunde Restriktionen des eigenen Essverhaltens ausgelegt.

Der  Entschluss, sich im Namen der Praxis vegetarisch oder vegan zu ernähren, kann schnell nach hinten losgehen.

Veganismus führt natürlich nicht zwangsläufig zu einer Essstörung. Ganz im Gegenteil, es gibt viele Betroffene, die eine rein pflanzliche Ernährung sogar als große Stütze auf ihrem Heilungsweg empfunden haben. Kritisch wird es nur, wenn die Umstellung hin zu einer stark reglementierten Ernährungsform unüberlegt passiert.

Hierbei kann es hilfreich sein, sich langsam mit dem Thema auseinanderzusetzen und abzuwägen, ob das Weglassen bestimmter Lebensmittel alte Verhaltensmuster der Essstörung triggert oder ob der bewusste Verzicht auf tierische Produkte einen in seinem Vorhaben positiv unterstützt.  

Wer störungskonform, geleitet von den Mustern der eigenen Essstörung übt, dreht sich auf der Matte schnell im Kreis.

Der Klassiker: Anorexia Nervosa, auch genannt Magersucht, zeichnet sich durch ein bewusst herbeigeführtes Untergewicht aus. Dieser Zwang zur Kasteiung spiegelt sich oft auch in der Praxis der Betroffenen wider: Dynamisch und insbesondere fordernd soll es sein.

Dem gegenüber steht das Krankheitsbild der Ess-Brechsucht, Bulimia Nervosa. Bulimiker*innen sind meist normalgewichtig, denn sie kompensieren ihre Essanfälle beispielsweise durch Erbrechen oder übermäßigen Sport. Auch sie tendieren beim Yoga eher zu den schweißtreibenden Klassen. Nicht selten, um “Kaloriensünden” auszugleichen.

Ähnlich wie bei der Bulimie leiden auch Betroffene des Binge-Eatings unter regelmäßigen Fressattacken, wirken diesen jedoch nicht entgegen. Übergewicht ist die Folge. Durch die vorherrschenden Schlankheitsideale der heutigen Yogawelt fühlen sich Binge-Eater oft gehemmt, überhaupt einen Fuß in ein Studio zu setzen.

Und falls sie es doch tun, dann besuchen sie eher die ruhigeren Klassen, in denen die Konfrontation mit dem eigenen Körper zweitrangig ist. Was nicht zuletzt mit daran liegt, dass viele Lehrer*innen für Yogi*nis mit Übergewicht einfach keine passenden Übungsalternativen parat haben.

Spirituelle Praxis als Begleiter zur Heilung

Obwohl Yoga bei blinder Herangehensweise zur Aufrechterhaltung, wenn nicht sogar zur Verschlimmerung des Problems beitragen kann, so birgt die spirituelle Praxis bei bewusster und gezielter Umsetzung, zweifelsohne ungeahnte Möglichkeiten zur Heilung. Eine Tatsache, von der ich mich selbst überzeugen konnte.

Werbung

Contentbanner rechts 3 (neue wege)

Contentbanner rechts 2 (bitonic)

Yoga als Hoffnung für Betroffene:

1. Unterbinde störungskonforme Tendenzen.

Setze dich im Vorfeld intensiv damit auseinander, welche Form der Praxis für dich tatsächlich heilsam sein könnte. Auch wenn es sich zunächst nicht richtig anfühlen mag: Es gilt, Vorlieben zu unterbinden, die störungstypische Verhaltensmuster deiner Essproblematik bestärken. Sollte es dir schwer fallen, eine geeignete Praxis zu finden, dann wende dich an eine*n Yogalehrer*in, oder eine*n Therapeut*in, der*die in diesem Bereich bereits Erfahrungen hat.

2. Impulskontrolle & Frustrationstoleranz

Heilung bedeutet unter anderem zu lernen, dem wahren Leben mit all seinen Höhen und Tiefen zu begegnen, statt sich bei jeglichen Unannehmlichkeiten dem Thema Essen zuzuwenden. Und genau dabei kann die Praxis von großer Hilfe sein: Intensive Asanasequenzen, aber auch lange Phasen der Stille können Frustration zur Folge haben, die den Impuls triggern, sich diesen Herausforderungen zu entziehen.

Gezielt angeleitete Pranayamaübungen können dir dabei helfen, aversive Zustände zu „durchatmen“, um somit Momenten der Frustration adäquat zu begegnen, statt auf alte Gewohnheiten zurückzugreifen.

3. Lerne, die Kontrolle abzugeben.

Bei intensiver Auseinandersetzung mit deiner Yogapraxis wirst du bemerken, dass sie ihr volles Potenzial erst dann zeigt, wenn du lernst, die Kontrolle abzugeben. Neue Asanas eröffnen sich meist auf magische Art und Weise im Zustand des inneren Vertrauens.

Und du wirst sehen: Auch die Heilung deiner Essstörung entfaltet sich von ganz alleine, wenn du lernst, an deine eigenen Fähigkeiten zu glauben, statt akribisch genau alles kontrollieren zu wollen.

4. Praxis-Ort der Selbstliebe

An kaum einem anderen Ort kannst du deine innere Haltung so gut wahrnehmen wie auf deiner Yogamatte. Fang an, Gedanken und gegenwärtige Emotionen in geschütztem Rahmen wahrzunehmen und zu reflektieren. So lernst du, auf die Stimme deines Körpers zu hören, um im liebevollen Einklang mit seinen wahren Bedürfnissen zu leben. Denn genau diese Stimme ist es, die dir dabei helfen wird, die körpereigenen Signale von Hunger und Sättigung zu erkennen und richtig einzuordnen.

Tipps für Lehrer*innen im Umgang mit Essstörungen:

Fluch und Segen zugleich: Yogapraxis bei Essstörungen 2

1. Informiere dich, um auf der sicheren Seite zu unterrichten.

Du bist im Umgang mit dem Thema Essstörungen verunsichert? Kein Grund zur Panik. Tausch dich mit Lehrern*innen bzw. Fachkräften aus, die in diesem Bereich bereits Erfahrungen haben und dir das notwendige Know-How mit an die Hand geben können.

Denn nach wie vor gilt: Essstörungen sind komplexe Erkrankungen der Psyche und keinesfalls mit ein paar Yogaübungen geheilt. Im Einzelfall empfiehlt es sich sogar, in genauer Absprache mit einem Arzt/einer Ärztin oder einem Psychologen/einer Psychologin zu entscheiden, welche Form des Yogas für deine*n Schüler*in geeignet ist.

2. Welches Yoga ist das Richtige?

Grob lässt sich annehmen: Für Untergewichtige sowie Bulimiker*innen ist eine langsame, ruhige Praxis besonders heilsam. Es geht vorwiegend darum, einem rigiden Sportprogramm auf der Matte entgegenzuwirken. Übergewichtige Menschen bzw. Betroffene der Binge Eating Störung profitieren am meisten von einer ausgewogenen Mischung aus dynamischem und langsamem Yoga. Diese ausgewogene Kombination hilft deinen Schülern*innen dabei, den eigenen Körper bewusst zu bewegen, um unter anderem eine gesunde Gewichtsabnahme auf sanfte Art zu unterstützen.

3. Der richtige Umgang mit Übergewicht

Öffne deinen Blickwinkel und versuche, dich in fülligere Körperformen hineinzuversetzen. Geh die gängigen Asanas deiner Sequenzen durch und frag dich, mit welchen Hindernissen sich deine übergewichtigen Schüler*innen konfrontiert sehen.

Schau dich auf YouTube & Co. um, welche Alternativen du anleiten könntest, damit sich deine Schüler*innen verstanden und abgeholt fühlen. In Dörte Kuhns Kurvenreich Werkstatt findest du beispielsweise feine Yoga-Tutorials für Menschen mit Übergewicht.

4. Schüler*innen ansprechen, ja oder nein?

Als Yogalehrer*in bist du für das Wohl deiner Schüler*innen verantwortlich. Gleichzeitig möchtest du keinem ungefragt deine Meinung auftischen? Verständlich, denn im Grunde gehen dich die intimen Probleme deiner Schüler*innen auch wirklich nichts an.

Allgemeinen Konsens, wie man im Zweifelsfall als Yogalehrer*in mit solch einer Situation umgehen sollte, gibt es nicht. Die einen sprechen die betreffende Person diskret auf ihre Bedenken an. Andere wiederum gewähren ihren Schüler*innen den Raum, sich bei Bedarf selbst bei ihnen zu melden, um ihnen dann unterstützend zur Seite zu stehen.

Ich persönlich wäge jeden Einzelfall individuell ab und gehe von mir aus ausschließlich in medizinisch bedenklichen Situationen auf meine Schüler*innen zu. Eine stark ausgeprägte Magersucht wirkt sich beispielsweise oftmals auf die Knochendichte der*des Betroffenen aus, was wiederum auch beim Ausüben einer vermeintlich simplen Yogapraxis zu Verletzungen führen kann. Ansonsten sehe ich eher davon ab, meine Schüler*innen “auf Verdacht” mit Ratschlägen auszustatten.

Keine Frage: Das Thema Essstörungen auf der Yogamatte ist heikel.

Nicht jeder sehr schlanke Mensch ist magersüchtig und nicht alle, die mit Übergewicht kämpfen, leiden zwangsläufig auch unter Essanfällen. Taste dich besonders sensibel und feinfühlig an deine Schüler*innen heran, um herauszufinden, wie du sie im Falle einer Essstörung in ihrem wahren Vorhaben tatsächlich unterstützen kannst.

xoxoxo

Deine Franzi

Das könnte dich auch interessieren:

4 Kommentare / Schreibe einen Kommentar

  1. Danke für diesen Artikel!

    Ich war selber ebenfalls viele Jahre lang essgestört und auch nach der „aktiv essgestörten“ Zeit habe ich viel mit meinem Körper gehadert (und tue es bisweilen immer noch). Mit Yoga (Anusara) habe ich erst später begonnen und ich merke, dass es mir viel dabei hilft, ein positiveres Körpergefühl aufzubauen. Teilweise wegen der Wirkung der Asanas selber, aber auch, weil es explizit nicht um Konkurrenz und Leistung in dem Sinne geht. Das berühmte „jeder auf seiner eigenen Matte“… es gibt in der Gruppe keine Sieger und Verlierer wie bspw. beim Tennis und auch keine Bestzeiten wie beim Laufen, die es zu unterbieten gilt. Ich merke bloß, dass mein elender Perfektionismus durchkommt, wenn meine Yogalehrerin eine neue Pose einführt und zeigt, wie sie „später, wenn ihr fortgeschrittener seid“ aussehen wird – muss ich dann natürlich direkt so versuchen, eek. Da muss ich mich selber am Riemen reißen und mir sagen, dass es darum gar nicht geht und ich mehr davon habe, wenn ich auf die Grenzen meines Körpers achte und in kleinen Schritten weitergehe.

    Im Großen und Ganzen lehrt mich Yoga, dass ich stolz auf meinen Körper und seine Kraft sein kann und auch, dass ich mich bewusst mit meinem Körper auseinandersetzen und auf ihn konzentrieren kann, ohne dabei eine gedankliche Mängelinventur durchzugehen.

    Liebe Grüße
    Anne

    1. Hallo liebe Anne,

      wie schön, dass du durch Yoga einen Zugang zu dir und deinem Körper gefunden hast. Und du hast vollkommen recht: Es gibt keine Sieger und keine Verlierer und dennoch meldet sich der eigene Perfektionismus gerade dann zu Wort, wenn es darum geht neue Asanas „meistern“ zu wollen. Das geht mir ähnlich. Doch ich versuche solche Gelegenheiten zu nutzen, bewusst einen Gang runter zu schalten, um den inneren Leistungsdruck abzubauen.

      Herzensgrüße,
      Franzi

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*
*