Tränen im Newsroom? Über Professionalität und Mitgefühl

Neulich hatte ich einen Rückfall.

Ich saß im Newsroom einer großen Rundfunkanstalt, in dem ich nicht mehr sitzen wollte, und auf mich prasselte ein, was ich nicht mehr in meinem Leben haben wollte: Tote, Blut, Massaker, ein schwer atmender Attentäter. Alles live und in Farbe. Dazu aufgeregte Kolleg*innen, ein überforderter Chef, Telefongeplärre, Elektrosmog – Alarm! Eilmeldung! Jetzt! Alles zu laut, zu schnell, zu toxisch. Erst recht für eine amtlich geprüfte Hypersensible wie mich.

Ich wusste, was passieren würde. Lang genug hatte ich für ein großes deutsches Online-Medium Spätschichten geschoben, Bilder von aufgequollenen Tsunami-Leichen als „nicht zeigbar“, nackte, schwarze Kinder mit Hungerbauch als „zu klischeehaft“ aussortiert, um dann mit Alpträumen, visueller Überreizung, emotionaler Leere und totalem Sinnverlust in den Burnout zu stürzen. 

Nach Jahren im Kokon der Love, peace and vegetable-Welt des internationalen Yogazirkus hatte ich mich vorsichtig wieder in mein altes Leben als Journalistin gewagt. Nur noch Kultur, was Distanz zur „Nachrichtenfront“, Perspektive, Zeit für Reflexion und andere Charaktere unter den Kolleg*innen versprach. 

Aber dann kam der Amoklauf von Christchurch.

Mein Trigger war das Go Pro-Video, auf dem die ganze Welt das Massaker live auf Facebook verfolgen konnte. Das „Manifest“ des Täters mit den SS-Symbolen und den Referenzen zu rechten Bewegungen in Europa war der Dreh“, mit dem das Thema unsere schöne Kultursendung zerschoss. 

Ich war angewidert von der Kaltschnäuzigkeit, mit der die Sache auf der großen Konferenz verhandelt wurde. Body count, „keine Deutschen unter den Opfern“, Terror oder „nur Amoklauf“? Dann weiter mit „Wer sind die Neuen in Jogis Team?“ Auf der Journalistenschule heißt das „professionelles Verhalten.“ 

Stattdessen ging ich – erstarrt vor dem Bildschirm, Nagel im Hirn, Riss im Herzen – mental die Label durch, die der Nachrichtenhengst vom Nachbarbildschirm mir anheftete: nicht belastbar, distanzlos, zu emotional, weiblich, schwach, unfähig, Fehlbesetzung. RAUS hier!

Ferngesteuert, irgendwann die Tränen nicht mehr versteckend, wenn die Flucht aufs Klo zu lange dauerte, gelang es mir irgendwie, den Tag über zu funktionieren.

Ich fädelte ein einordnendes Gespräch über die Globalisierung rechten Gedankenguts ein, ich briefte den Moderator und bereitete all die anderen schönen, banalen Hochkulturthemen vor, die wir uns vorher ganz in Ruhe ausgedacht hatten.

In der U-Bahn, auf dem Weg zur Yin-Yogastunde, die ich an dem Abend noch halten sollte, riss dann der Faden. Heulen, Zittern, Panikattacke. 

Wie sollte ich in diesem Zustand eine meditative Praxis anleiten, geschweige denn singen und meinen Schüler*innen spirituellen Input geben? In einer Übersprungshandlung hörte ich mir das Interview mit dem Medienwissenschaftler noch einmal an, das ich am Nachmittag geführt hatte. Im Chaos des Newsrooms hatte ich das Wesentliche überhört: Dieser nüchterne Experte sagte doch tatsächlich: 

„Was in dieser Situation wirklich wichtig ist, ist das Mitgefühl mit den Opfern nicht zu vergessen. Leider spielt diese Kategorie in unserer Mediendemokratie bisher keine Rolle. Aber in solchen Momenten zeigt sich die Größe unserer Menschlichkeit.“ Ich war baff. Und meine Yogastunde hatte plötzlich eine Richtung.

Nach einem kurzen Schockmoment ließen sich die Schüler*innen darauf ein, den Anschlag an diesem Tag mit in ihre Yogapraxis zu nehmen.

Ich teilte einfach meine Verletzlichkeit, meine Überwältigung und meinen Schmerz. Mit brüchiger Stimme setzte ich an für „Om Mani Padme Hum“, das alte Mitgefühlsmantra aus dem tibetischen Buddhismus. Die Stimmgewalt, die mir von meinen Schüler*innen entgegenkam, riß mich aus meiner Erstarrung. Wir sangen aus vollem Herzen. Nicht nur mir liefen Tränen über die Wangen. 

In der Meditation schickten wir „Metta“, liebende Güte und Mitgefühl, nach Neuseeland, zu den Opfern, ihren Angehörigen und allen Muslimen weltweit. Und während der Yin-Haltungen versuchten wir, unser Herz weich und weit werden zu lassen, um unsere eigenen verstörten Seelen zu trösten. Es war eine der berührendsten Yogastunden, die ich je erlebt habe. So ging es wohl auch vielen meiner Schüler*innen und ich bin ihnen unendlich dankbar. Denn sie haben mich vor der Stunde ans Atmen erinnert und nachher lange umarmt. 

Zuhause, wo sich die Yoga-Philosophie und Zenbücher stapeln, dachte ich über „ahimsa“ nach, das yogische Prinzip von Gewaltfreiheit.

Dieses Prinzip hat meine Jivamukti-Lehrerin Sharon Gannon zu einer Aktivistin für Veganismus gemacht.Ich blätterte in Wisdom for Cooling the Flames* dem Wut-Buch meines Meditationslehrers Thich Nhat Hanh, der mit Metta gegen den Vietnam-Krieg „kämpfte“ und im Nordirland-Konflikt die Feinde an einen Tisch brachte. 

Ich suchte die Anleitung meiner Yin-Yoga-Lehrerin Sarah Powers zu „tonglen“, dieser sehr fortgeschrittenen Meditation, mit der Buddhist*innen das Leid der Welt in sich aufnehmen, fühlen und ableiten können. 

Dann hörte ich einen Talk der Psychologie-Professorin Kristin Neff über fierce compassion, die mit der Vorstellung aufräumt, dass Mitgefühl ausschließlich passiv sei. Es gebe auch eine Yang-Komponente darin, die eine extreme Kraft entwickeln könne. Wie eine Löwenmutter, die ihre Jungen verteidigt. Nur werde gerade Frauen die Rolle der wütenden Jeanne d’Arc oft nicht zugestanden. 

An diesem Abend wurde mir klar: Wir brauchen Yogis, die nicht nur Tee unter tibetischen Gebetsfahnen trinken, sondern Gandhis Spruch „Be the change you want to see in the world!“ wirklich leben.

 

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Ich schwor mir: Ich werde mich nicht mehr zurückziehen aus der Welt der schlechten Nachrichten.

Ich werde Mitgefühl in den Newsroom bringen. Ich werde dem Nachrichtenhengst zeigen, dass Emotionalität und Verletzlichkeit Stärken sein können. Und wenn es nur eine Schweigeminute in der Redaktionskonferenz ist, bevor wir zu „Jogis neuen Jungs“ rüberschwenken. Ich schlief ein, erschöpft, aber ruhig. 

In meinen Träumen war kein Blut. Sie waren erfüllt von Menschen, die sich umarmen, sich gegenseitig die Tränen trocknen und zusammen aufstehen, um für mehr Liebe und Gerechtigkeit in der Welt zu kämpfen.

In den Wochen nach dem Anschlag zeigte sich die neuseeländische Premierministerin Jacinda Ardern öffentlich mit Kopftuch.

Sie umarmte Überlebende und weinte mit Angehörigen von Opfern. Den Namen des Täters verbannte sie aus der Öffentlichkeit. Für diesen neuen mitfühlenden, „weiblichen“ Führungsstil wurde sie international gefeiert. 

Im Newsroom las der Nachrichtenhengst eine Überschrift vor: „Mit Stärke und Mitgefühl gegen den Hass. Jacinda Ardern ist eine Heldin.“

„Stimmt“, sagte ich laut.

Titelbild © Sarah Elsing

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