Stillsein ist leicht, wenn keiner redet: 10 Tage Vipassana-Meditation in Sri Lanka

Wenn man morgens um 7:30 schon zwei Stunden meditiert, gefrühstückt, den Flur gefegt und Wäsche gewaschen hat, denke ich, während ich mich zum ersten meiner drei täglichen power naps hinlege, dann hat man sich ein Schläfchen echt verdient. Drei Nickerchen pro Tag in den Pausen – das ist aber auch das einzige, was sich gerade nach Urlaub anhört.

Ich mache hier schließlich auch keine Ferien, sondern ich arbeite. Hart.

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Und zwar an nichts Geringerem als meinem Ausstieg aus dem ewigen Kreislauf der Wiedergeburt. Zumindest, wenn es nach S.N. Goenka geht, dem prominentesten Lehrer der Vipassana-Mediationsmethode, die ich gerade in einem zehntägigen Kurs in Anuradhapura (Sri Lanka) erlerne.

Ich interessiere mich zugegebenermaßen gerade eher dafür, eine stabilere Meditationspraxis und bessere Konzentrationsfähigkeit zu entwickeln, mir Zeit für mich selbst zu nehmen und alles andere auszustöpseln. Dass ich dabei in großen Schritten auf die Erleuchtung zu marschiere, ist natürlich umso besser.

Die Vipassana-Methode wird überall auf der Welt auf die gleiche Weise gelehrt.

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Die Meditationshalle

Wer zum ersten Mal einen Vipassana-Kurs absolviert, muss sich für zehn Tage anmelden. Kürzer geht nicht. Die Zentren sind Non-Profit-Organisationen, die sich über Spenden finanzieren und organisieren Kurse weltweit nach demselben Muster.

Die Teilnehmenden geben ihre Yogamatten, Handys, Bücher und Notizhefte ab, schweigen an neun von zehn Tagen und verzichten auch auf sonstige nonverbale Kommunikation.

Täglich wird von 4:30 bis 21:00 meditiert; die Instruktionen sowie längere inhaltliche Vorträge kommen vom Band, aufgesprochen von S.N. Goenka höchstpersönlich. Wer Gesprächsbedarf oder Fragen hat, kann mit einem Assistant Teacher sprechen. Aber nur das Nötigste.

Wir werden bei Ankunft angewiesen, außerhalb unserer Zimmer nur weiß zu tragen.

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Das ist offenbar hier eine Sonderregelung. You didn’t know because they didn’t tell you!“ Unsere Orga-Helferin ist eine eisern dreinblickende, junge Russin, die sich das für mich völlig undurchschaubare typische Kopfwackeln der Einheimischen angeeignet hat. Sie ignoriert meine ungläubigen Blicke und schwenkt ihren Kopf in Richtung eines Schranks voll weißer Klamotten zum Ausleihen. Ich suche mir ein paar Teile aus.

Und damit lasse ich zu guter Letzt neben meinem Handy, meinen Büchern und meinem Pass auch meinen Kleidungsstil, meine Wohlfühlklamotten und mein komplettes Ego vor der Tür. Tschüss, persönliche Identität! Du bist jetzt: Haus 2, Zimmer 2, Sitznummer 28.

Dafür dass keiner redet, ist es ganz schön laut hier.

Am ersten Abend, ich versuche es mir auf meiner dünnen Matratze bequem zu machen, muss ich Ohrstöpsel zum Schlafen benutzen, weil die Natur um mich herum plötzlich einen Höllenlärm macht. Grillen, Vögel, Frösche, you name it. Eine meiner Hausgenossinnen schnarcht etwas. Die hat’s gut, schläft friedlich.

Die rudimentären Bedingungen der Unterbringung überraschen mich nicht – trotzdem muss ich schlucken.

Bald habe ich mich jedoch daran gewöhnt, mir mein Zimmer mit Weberknechten und Salamandern zu teilen. Die fressen wenigstens Moskitos. Mit den Frauen, die in meinem Haus untergebracht sind, habe ich mich am ersten Tag beim Ankommen gut verstanden. Ich fühle mich in der Gruppe aufgehoben, auch wenn wir uns kaum kennen und nicht kommunizieren.

 

Die Nicht-Kommunikation führt unter anderem dazu, dass wir uns nicht darüber austauschen können, ob heute schon jemand sauber gemacht hat. Zur Sicherheit fege ich den Flur nochmal durch, besprenkle die Klobrillen mit WC frisch und nenne unsere unorganisierten Putzaktionen in meinem Kopf random acts of cleaning.

Das Essen ist übrigens großartig hier; und da ich seit ein paar Wochen meistens aufs Abendessen verzichte und dafür spät und viel zu Mittag esse, fällt es mir auch nicht schwer, mich auf den ungewöhnlichen Rhythmus einzustellen: Reis und Curry um 6:30 morgens. Lecker!

“Starrrrrt agaiiiiinnn. Starrrrt agaiiiiiiiin. With a caaaaalm and quiet miiiiinnnnd, with an allerrrrt and attentive miiiinnnnd…maintain perrrrfect equanimity. Peeeerrrrrfect equanimity! And you’re boooouund to be successful. Bound to be successful.”

Ich weiß nicht ob es nur mir so geht, aber: Ich amüsiere mich köstlich über die Stimme von S.N. Goenka vom Band, seine Wortwahl und seine Art, häufig vieles zu wiederholen. Damit hat er völlig recht, denn nur so lernen wir, den Instruktionen konsequent zu folgen. Aber witzig ist es trotzdem.

Es muss unglaublich viele Goenka-Memes geben in der Außenwelt. In meinem Kopf zumindest entstehen im Laufe der zehn Tage so einige. Ich nehme mir vor, das nach meiner Rückkehr zu googeln.

In den ersten drei Tagen erlernen wir die Anapana-Meditation – eine Konzentrationsübung.

Wir sollen uns auf den Bereich zwischen unserer Nase und unserer Oberlippe konzentrieren. Am ersten Tag ist allerdings an Konzentration, geschweige denn Meditation, für mich gar nicht zu denken. Ich muss erstmal die Geschichten und Eindrücke der letzten 48 Stunden verarbeiten.

Wenn ich Rebecca das erzähle, wird sie sich totlachen, denke ich nicht selten. Ich formuliere meine Gedanken wie gedrucktes Wort, schreibe genussvoll in meinem Kopf Geschichten inklusive Punkt und Komma. Geschichten, die ich gerade niemandem mitteilen kann außer mir selbst.

Es machen sich Gedanken breit, denen ich sonst wahrscheinlich nur einen Sekundenbruchteil schenken würde.

Eine ganze Session lang kann ich an nichts anderes denken als daran, dass ich einer Freundin noch 20 Euro schulde. Außerdem fange ich bereits am zweiten Tag an, vor meinem inneren Auge den Smoothie und den herrlichen Hotel-Swimmingpool heraufzubeschwören, mit denen ich mich im Anschluss an den Kurs zu belohnen gedenke.

Ach Uli. Denk doch bitte wenigstens an tiefsinnigen, krassen Scheiß, wenn du dich schon nicht konzentrieren kannst! Ich fange an, mir meine ordinären ToDos und mittelguten Ideen zu notieren, obwohl man das eigentlich nicht tun soll. Das hilft mir jedoch sehr dabei, sie in Ruhe zu lassen.

Anapana ist nur eine Vorübung für das, was ab Tag vier ansteht: Vipassana-Meditation.

Kern der Methode ist es, zu begreifen, dass alles – wirklich ALLES – vergänglich ist. Jedes Gefühl, jede Empfindung, jedes Erlebnis, jede Erfahrung. Egal ob wir sie mögen oder nicht. Wer das versteht, kann sich von Vorlieben und Abneigungen lösen und somit erleuchtet werden. Dieses Gesetz der Unbeständigkeit wird Anicca genannt (sprich: “Anitschya”).

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Der Speisesaal

Geübt wird das Verständnis von Anicca, indem man sich still hinsetzt und mit dem Geist den gesamten Körper nach Empfindungen scannt.

Schritt für Schritt, Körperteil für Körperteil, von oben nach unten, von unten nach oben. Stundenlang. Die auftretenden Empfindungen können grob oder fein, angenehm oder unangenehm sein. Egal was kommt – Wärme, Kälte, Schmerz, ein Kribbeln, Ziehen, Jucken, was auch immer – Ziel ist es, gleichmütig zu bleiben und nicht zu reagieren; Empfindungen eben NICHT in “angenehm” und “unangenehm” einzuteilen.

Sondern das, was hochkommt, durch die Nicht-Reaktion einfach gehen zu lassen, in dem Wissen, dass alles vorüber geht; auch der unfassbare Schmerz in den Beinen, der nach tagelangem Stillsitzen entsteht.

Ich werde von Audio-Goenka vorgewarnt, dass Vipassana eine tiefschürfende Operation des Geistes ist, die man nicht auf die leichte Schulter nehmen darf.

Und tatsächlich: In den ersten beiden Sessions mit der Vipassana-Meditationstechnik wird mir ganz anders. Mein Gehirn pulsiert. Mir wird heiß und kalt. Ich kann außer dem rasenden, dumpfen Pochen in meinem Brustkorb nichts mehr wahrnehmen.

Mein Herz ackert und bebt, als müsste es die Titanic leer pumpen. Ich spüre, wie mein gesamter Oberkörper wankt, kann mich kaum aufrecht halten und atme schwer, während ich mich frage, ob ich vielleicht lieber gar nicht atmen sollte, um mein Herz zu beruhigen.

Zuerst schiebe ich diese Attacke auf die Nervosität, weil es jetzt ans Eingemachte geht. Nachdem es mir ein zweites Mal passiert ist und ich ein wenig Zeit hatte, mich davon zu erholen, verstehe ich jedoch:

Tatsächlich, wie von Meister Goenka beschrieben, manifestieren und zeigen sich auf körperlicher Ebene Dinge, die mein Geist durch die Meditation losgetreten hat. Um genauer zu sein: “Sankharas”, alte Spuren meiner Handlungen, meiner Vorlieben und Abneigungen, die es aufzulösen und abzuschütteln gilt, um zur Erleuchtung zu gelangen. Ich bin ziemlich geflasht.

Vor der dritten Session habe ich Angst.

Sobald ich mich hinsetze, löst sich jedoch die Aufregung. Mein Körper und mein Geist haben sich an die Technik gewöhnt. Ich bleibe meist recht entspannt und lerne im Laufe der folgenden Tage auch, im Zweifel eine ganze Stunde lang komplett still zu sitzen; zwischendurch bin ich fast überrascht, wenn die mit uns meditierenden buddhistischen Nonnen schon zum Essen aufgefordert werden – das bedeutet, dass unsere Session noch an die zehn Minuten dauern wird.

Ich spüre, wenn ich im Flow bin. Es fällt mir jetzt viel leichter, mich zu konzentrieren und meinen Geist auf die Empfindungen auszurichten; wenn ich das mal nicht schaffe, dann stellt sich inzwischen eher Langeweile als Panik ein. Insgesamt habe ich mich ganz gut eingegroovt.

Tag sieben: heimliches Wort-Techtelmechtel mit meiner Mitbewohnerin Anna wegen zweier großer grüner Frösche in der Toilettenschüssel.

Wir haben uns kurz erschreckt und darüber ausgetauscht, was zu tun wäre, um die Tiere vor dem drohenden Abgrund der Kanalisation zu retten. Fühle mich ein wenig schlecht, aber auch aufgeregt wie ein Schulkind, das erfolgreich geschummelt hat. Später sehen wir einen wilden Pfau, der zwischen den Schlafhäusern ein Rad schlägt und ich finde die Nähe zur Natur doch wieder ganz gut.

An Tag zehn werden wir nach der Morgenmeditation vom Schweigen erlöst.

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Ich kann es kaum fassen, dass ich wieder sprechen darf. Und zwar nicht, weil die Zeit schnell vergangen wäre. Ist sie nicht. Auch nicht, weil mich das Schweigen besonders gefordert hätte – Stillsein ist nämlich gar nicht so schwer, wenn keiner mit einem redet.

Ich bin einfach extrem fasziniert von diesem Phänomen Sprache. Davon, die Stimmen von Menschen zu vernehmen, die ich vorher noch nie sprechen hören, aber sehr wohl zehn Tage lang genau beobachtet habe. Ich taste mich vorsichtig heran.

Kurze Sätze, zaghaftes Kichern, und dann im Schlafsaal Jubelschreie und viele Umarmungen. Meine stillschweigenden Homies der letzten zehn Tage und ich kommen aus dem Plappern nicht mehr heraus.

Während wir uns austauschen wird klar: Alle haben komplett unterschiedliche Erfahrungen gemacht.

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Meine Mitbewohnerinnen aus Haus 2 und ich © Natua Li

Nummer 27, neben der ich zehn Tage lang auf unseren zugewiesenen Plätzen beim Meditieren und beim Essen saß, sagt mir, dass ich die ganze Zeit so zen ausgesehen hätte wie Buddha höchstpersönlich. Ich muss laut lachen und kläre sie über meine Gehirnfürze auf. Ihr Name ist Helene und sie entpuppt sich als Italienerin. Ich hatte sie für eine Iranerin gehalten, die nur aussieht wie eine Italienerin.

Wieso ich sie für eine Iranerin hielt, die aussieht wie eine Italienerin? Keine blasse Ahnung. Sie ist nicht die einzige, der ich wild Geschichten angedichtet hatte. Wer nicht kommunizieren darf, entwickelt nicht nur eine gute Beobachtungsgabe, sondern auch eine blühende Fantasie. Am Ende reise ich mit Helene noch eine Woche durch Sri Lanka. Eine neue Freundschaft.

Auch Anna, meine froschbedingte Mit-Schweigenbrecherin, von der ich schon während des Kurses wusste, dass wir uns blendend verstehen werden, sehe ich ein paar Tage später am Strand wieder. Sie hat übrigens die Fotos für diesen Text beigesteuert und HEUTE einen Blog gelauncht, den man sich unbedingt anschauen sollte.

Mit dem Frühstück an Tag elf endet das Programm. Nummer 28 wird wieder zu Ulrike und ist verdammt erleichtert.

Mein Fazit: Wahrscheinlich werde ich keine Goenka-Anhängerin, die einen Kurs pro Jahr macht. Ich werde wohl nicht mal jeden Tag die Vipassana-Technik praktizieren, schließlich unterrichte und übe ich selbst eine andere Meditationsmethode.

Aber: Ich bin froh, dass ich den Kurs gemacht habe. Ich habe Sitzfleisch gewonnen. Das Gesetz der Unbeständigkeit am eigenen Leib erfahren. War hier und da richtig im Meditationsflow. Ich habe meine eigene Resilienz beobachtet und für gut befunden. Eine unfassbar unterstützende Gemeinschaft erfahren. Gelernt, was das Gehirn so anstellt, wenn man es mancher seiner üblichen Strategien beraubt. Und:

Ich habe noch nie einen Drink so sehr genossen wie den Begrüßungssaft in dem schicken Hotel, das wir anschließend gebucht haben.

Ich konnte nicht alles Erlebte und Gelernte in diesem Text unterbringen. Dieser Erfahrungsbericht ist komplett subjektiv und spiegelt meine persönlichen Erlebnisse wieder, die sich wahrscheinlich stark von denen anderer unterscheiden.

Disclaimer: Vipassana ist keine Therapie! Man muss geistig und körperlich gesund sein, um diesen Kurs zu absolvieren. Im Zweifel hat man Ansprechpartner*innen vor Ort. Wenn du dir jedoch aufgrund früherer Krankheiten oder aktueller Probleme nicht sicher bist, ob ein Vipassana-Meditationskurs für dich geeignet ist, wende dich unbedingt vorher an die Ansprechpartner*innen der jeweiligen Location.

Wie sind deine Erfahrungen mit Vipassana? Welcher Teil des Kurses hat dich besonders viel gelehrt?

Ich freue mich auf deinen Kommentar!

Deine Uli

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Fotos soweit nicht anders beschriftet © Anna B.

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