Asana 101: Salamba Sarvangasana, der Schulterstand

Die einen lieben ihn, die anderen verteufeln ihn. Manchmal heißt es, er sei der Feind der gesunden Halswirbelsäule und manchmal wird er als Königin der Asanas bezeichnet. Was hat es nun mit dem Schulterstand auf sich? Ist er notwendig auf dem Weg zur Erleuchtung, oder gibt es Alternativen? Und vor allem, wie kannst du diese Umkehrhaltung so üben, dass es für deinen Körper funktioniert? In diesem Artikel habe ich einige Vorschläge und Hinweise dazu für dich.

Auf Sanskrit heißt der Schulterstand  “sālamba sarvaṅgāsana”. 

“Salamba” heißt unterstützt (das bezieht sich auf die Hände, die deinen Rücken halten), “sarva” heißt “alle” und “anga” bedeutet “Teil” oder “Glied”: Alle Teile des Körpers werden also unterstützt und in diesem Falle übereinander gestapelt. Manchmal wird der Schulterstand als Mudrāsana bezeichnet, also als eine Art Energiesiegel und Asana gleichzeitig. Das ist schon eine erste Andeutung auf die feinstofflichen Aspekte dieser besonderen Asana, dazu später mehr. 

Man liest auch, dass durch das Üben des Schulterstands die Sauerstoffzufuhr des Gehirns erhöht werden kann. Es ist richtig, dass für einen Moment die Durchblutung des Kopfbereiches etwas zunimmt, allerdings sollte die Sauerstoffversorgung aller Bereiche des Körpers immer gleich gewährleistet sein, unabhängig unserer Körperposition. Es gibt auch die Theorie, dass der Schulterstand verjüngend wirkt, was meiner Meinung eher dadurch passiert, dass man durch die Umkehrhaltung, die der Schulterstand ist, lernt, seinen Blick auf die Welt und sich selbst zu verändern und dadurch frisch und agil im Geiste bleiben kann. 

Ausrichtung des Schulterstands allgemein

Wie der Name schon sagt, sollten alle Körperteile möglichst gerade übereinander gestapelt werden und eine gerade Linie von den Schultern bis zu den Füßen bilden. Die Oberarme sind parallel zueinander und die Finger zeigen entspannt nach oben. Die Hüftgelenke sind gestreckt und die Schulterblätter liegen am Boden, genauso wie der Hinterkopf. Die Halswirbelsäule berührt im Idealfall nicht den Boden und der Brustkorb fühlt sich geöffnet an. Das Brustbein strebt in Richtung Kinn (nicht umgekehrt), so dass die Halswirbelsäle in ihrem natürlich Schwung bleibt (also nicht den Boden berührt). Wenn die körperlichen Voraussetzungen dieses alignment erlauben, dann fühlt es sich leicht an, im Schulterstand zu stehen, denn die Energien in Richtung Himmel und die in Richtung Erde stehen im Gleichgewicht. 

Die wichtigsten Übungstipps

Umkehrasanas im Allgemeinen haben immer eine intensive Wirkung. Beginne deshalb erst einmal mit 10 Atemzügen und steigere dann langsam die Dauer, die du in der Asana bleibst. Achte immer darauf, dass du gut atmen kannst. 

Akuter Bluthochdruck und Augeninnendruck sind absolute Kontraindikationen, da diese durch die Umkehrung erhöht werden können – wenn du diese Symptome hast, übe den Schulterstand nicht! Auch mit akuten Verletzungen an der Halswirbelsäule solltest du vorsichtig sein und nur mit einem erfahrenen Lehrenden üben. 

Als Gegenbewegung zum Schulterstand ist es gut, danach den Fisch, Matsyasana zu üben. 

Fühlt sich der Schulterstand unbequem an, kannst du ihn mit Hilfsmitteln üben. 

Wie oben geschrieben, können deine körperlichen Voraussetzungen so sein, dass du den Schulterstand ohne Mühe üben kannst – super. Bei vielen Übenden ist dies jedoch nicht gegeben, zum Beispiel wegen verspannter Schulter- oder Nackenmuskulatur oder Besonderheiten der Wirbelsäule. Deshalb ist es sinnvoll, den Schulterstand auch mal mit verschiedenen Hilfsmitteln auszuprobieren. Dann findest du sicher eine Version, die für dich gut funktioniert.

Schulterstand mit Decke 

Diese Version unterstützt dich dabei, den Knick zwischen Halswirbel- und Brustwirbelsäule weniger intensiv werden zu lassen. Für viele Menschen funktioniert das auch, außer du hast einen sehr geraden Nacken und dieser hängt dann durch und drückt sich trotz Decke auf den Boden. Dann ist diese Alternative gar nicht für dich geeignet. Ansonsten schau, dass deine gesamten Oberarme und Schultern ganz auf der gut gefalteten Decke liegen und nicht zu den Seiten herunter rutschen. Experimentiere mit einer bis drei Decken und beobachte, wie es sich für dich anfühlt. 

Schulterstand an der Wand

Leg dich hierfür nah an die Wand, bringe die Beine an der Wand nach oben. Schiebe die Fersen  gegen die Wand, hebe dein Gesäß, während sich die Knie beugen. Du musst den Abstand so wählen, das deine Unterschenkel parallel zum Boden sind. Drücke dann deine Füße gegen die Wand, um dein Becken und den Oberkörper mehr aufzurichten. Diese Version ist ideal, um die Ausrichtung im Schulterstand zu üben und etwas Gewicht an die Wand abzugeben. 

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Schulterstand mit Stuhl und Bolster

Hierfür brauchst du einige Hilfsmittel und anfangs eventuell Unterstützung von einer zweiten Person. Indem du die Stuhlbeine greifst, kannst du deine Schulterblätter leichter zusammen rollen und vor allem deine Brustwirbelsäule strecken und so den Brustkorb weit öffnen. Das Gewicht des Beckens ruht mit dem Kreuz- oder Steißbein auf dem Stuhl. Die Beine kannst du wie auf dem Bild an die Wand lehnen oder auch aktiv senkrecht nach oben strecken. 

Viparita Karani mit Wand und Decke

Setze dich seitlich an die Wand auf eine schmal gefaltete Decke und schwinge deine Beine an der Wand nach oben. Am besten lässt du etwas Abstand zwischen Decke und Wand, damit dein Steißbein Platz hat und du eher in einer leichten Rückbeuge liegst. Ansonsten kannst du hier wunderbar entspannen. Viparita Karani ist ein Mudra und gleichzeitig eine gute Alternative zum Schulterstand, wenn du deinen Nacken gar nicht belasten möchtest und dennoch die Vorteile einer lang gehaltenen Umkehrasana genießen möchtest. 

Vishuddha – Wer bin Ich?

Die energetische Wirkung des Schulterstands fokussiert unter anderem auf den Kehlbereich. Das ist auch der körperliche Ort von Vishuddha-Chakra, einem der sieben Energiezentren. Das heißt übersetzt das “Gift entfernende”. Das Gift für uns Yogis ist der Glaube, dass uns irgendetwas fehlt. Unserem wahren Selbst fehlt es an nichts, es ist vollkommen. Und genau darum dreht sich die Frage dieses Chakras: “Kann ich mich als vollkommenes Wesen sehen?” Wenn du magst, wiederholst du folgende Affirmation, während du im Schulterstand bist: Mit der Einatmung “Ich bin…”, mit der Ausatmung “…ein vollkommenes Wesen”.  So kannst du wunderbar die esoterische mit der körperlichen Wirkung verbinden. 

Wahr oder falsch? Der Schulterstand und das Schilddrüsenhormon

Immer wieder höre ich, dass der Schulterstand die Hormonproduktion der Schilddrüse verändern kann. Als Mediziner muss ich hier ganz klar sagen, dass man Hormone sehr gut im Blut messen kann und dass auch kleinste Veränderungen sehr große und zum Teil schwerwiegende Auswirkungen haben. 

Sollte es also spontan zu einer Änderung im Hormonhaushalt kommen, während du im Schulterstand stehst, wäre das äußerst gefährlich. Und alleine durch den Druck auf eine Drüse sprüht sie nicht gleich Hormone in alle Richtungen. 

Kurz gesagt, ich habe größte Zweifel an dieser Aussage. Und jetzt kommt das große Aber: Natürlich wirken wir über die feinstoffliche Arbeit auch die grobstofflichen Organe ein und können sie auf dieser Ebene unterstützen. Da alle Ebenen miteinander zusammenhängen könnte dann so auch ein positiver Effekt auf die organische Beschaffenheit der Schilddrüse entstehen. 

Ich persönlich liebe den Schulterstand! 

Und kann allen nur wärmstens empfehlen ihn Teil der Yogapraxis werden zu lassen (zugegeben: es wird bei mir oft eher Viparita Karani). 

Hast du noch Fragen oder Anmerkungen zu dieser Asana? 

Schreib sie gerne in die Kommentare!

Viel Spaß beim Üben!

Dein Moritz

In der Serie Asana 101 stellt Moritz die gängigsten Yoga Asana, ihre Ausrichtung und ihre Wirkung vor, zeigt Übungen zur Vorbereitung und klärt häufige Missverständnisse auf. Hier geht’s zur vorigen Folge.

Fotos © Lydia Hersberger

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