Original Tantra #4: Die fünf göttlichen Handlungen

Ich fühle mich umfassend. Ich höre zeitgleich das Rauschen der Bäume, Vogelgezwitscher, rieche die frische Luft, spüre den Wind auf meiner Haut, die leichte Feuchte des Grases unter mir. Ich schiebe mir ein kleines Stück Schokolade auf die Zunge, lasse es zergehen. Ich bin vollkommen präsent in der Süße des Geschmacks, die alles andere überflutet. Ich warte, wie die Schokolade zerschmilzt, die Süße sich hält und dann langsam vergeht. Wie der Sinneseindruck, das chocolate flavoured Bewusstsein, verschwindet. Wohin es entschwindet und: an welchem Ort es wieder aufgeht, im großen Ganzen, das ich bin.

Was ich da mit der Schokolade gemacht habe, ist eine der Meditationen aus dem Svabodhodaya-mañjarī-Tantra, ein ziemlich cooles Meditationshandbuch, das total Spaß macht. Es enthält nicht nur Meditationen mit Schoki, sondern auch mit Fußmassage, Duft und vielem anderen.

In der Meditation geht es darum, total präsent im Moment des Entstehens sowie der Erhaltung zu sein und dann zu beobachten, wie sich der Sinneseindruck auflöst – und wohin.

Für mich haben diese Meditationen unglaublich viel verändert, denn sie lassen dich unglaublich sensitiv werden. Gleichzeitig schaffen sie eine tiefe Verbindung mit diesem Etwas in dir, was nicht beobachtet werden kann. Aus dem alles aufsteigt und auch wieder vergeht: Gedanken, Gefühle, Sinneseindrücke.

Während der Meditation agierst du quasi kontinuierlich auf einer Meta-Ebene, vollkommen angeknipst und ganz da, dabei gleichzeitig voller Staunen über das, was sich auch immer da in dir entfaltet. Diese Beobachtung der verschiedenen Stadien der Wahrnehmung von Sinneseindrücken – Entwicklung, Erhalt, Auflösung – machen uns bewusst, dass in uns im Kleinen die fünf göttlichen Handlungen genauso wirken, wie im großen Ganzen. Christopher Wallis stellt dazu so schön in Tantra Illuminated* fest:

“Die fünf, oder vielmehr sechs, Kräfte beschreiben was das Göttliche ist, die fünf Handlungen, was das Göttliche tut.“  

Die göttlichen Handlungen differenzieren sich in fünf Stadien.

Sṛṣṭi -die Kreation

Sṛṣṭi ist der Puls der Entstehung: Das Göttliche bewegt sich in manifester Form zum Beispiel als Baum oder Sandkorn oder eben als du selbst. Beim Menschen ist Sṛṣṭi die Entstehung, die Zellteilung im Mutterleib, deine Entstehung als Mensch. Dabei kannst du dir Sṛṣṭi im Sinne von Emission vorstellen, wie Energie, die in Form fließt.

Sthiti – der Erhalt

Für einen gewissen Zeitraum wird jeder Zustand aufrechterhalten und gepflegt. So wachsen wir auf, werden älter, leben unser Leben. Das Göttliche erlebt sich selbst durch dich.   

Saṃhāra – die Auflösung

Saṃhāra ist weniger Zerstörung, sondern im tantrischen Sinne eher eine Reabsorbierung. Schau dir allein deinen Körper an: Er erneuert sich ständig, sogar dein gesamtes Skelett verarbeitet alte Zellen, bildet neue und ist alle zehn Jahre komplett neu. Die Leber hat sich selbst vollständig nach zwei Jahren erneuert. Faszinierend, oder?

Tirodhāna – das Vergessen

Wie kann das Göttliche etwas vergessen? Grundlegend ist im Tantra alles göttlich. Alles existiert in einem Feld und geht auch darin wieder auf. Durch die Energie des Feldes kommt das ganze Universum in seine manifeste Form. Wenn wir dies im Kopf haben, wird es etwas klarer: Um du zu werden, muss das Göttliche mal eben kurz vergessen, dass es auch ich bin. Zu abstrakt?

Es gibt unendlich viele Möglichkeiten. Aus all diesen Möglichkeiten hat sich das Göttliche entschieden, du zu werden.

Dazu muss es allerdings kurzfristig alles negieren, was du nicht bist. Genau wie in deiner DNA einige Gene aktiv sind, andere aber nur schlummernd vorhanden sind.

Anugraha die Enthüllung

Anugraha ist das Erinnern und Enthüllen, ein versöhnliches Zeigen, was und wer du wirklich bist. In Tantra Illuminated* schreibt Dr. Christopher Wallis diese schönen Zeilen über Anugraha:

„Durch das Geschenk der Enthüllung wird eine individuelle, limitierte Manifestation des Göttlichen (wie etwa du) in Einklang mit den Mustern und Sinn des Ganzen gebracht. Dabei geht es in diesem act of grace darum, dir aufzuzeigen, wer du wirklich bist. Das bedeutet nicht, dass es negiert, was du bisher über dich zu wissen glaubtest, aber es zeigt dir einfach, dass dieses Wissen nur die alleroberflächlichste Ebene deines unendlichen Wesens ist.“

Genau das ist der life changing Aspekt der non-dualen Tantra-Lehre.

Auf dem tantrischen Weg legst du großes Augenmerk auf die Entstehung deiner Wahrnehmung, die ziemlich genau die fünf oben beschriebenen göttlichen Akte beinhaltet – natürlich, schließlich bist du selbst ja göttlich.

Etwas kommt in dein Bewusstsein, wie die Schokolade in der Meditation vom Anfang (Sṛṣṭi). Für eine kurze Zeit ist die Schokolade total präsent (Sthiti). Dann verflüchtigt sich der Geschmack und deine Aufmerksamkeit wandert weiter (Saṃhāra), richtet sich auf ein anderes Objekt; du vergisst die Schokolade (Tirodhāna). Jede Wahrnehmung löst sich aber in etwas auf, in die stille Präsenz in dir.

Das ist der Moment, wo du dich zurückerinnern kannst, wo du ganz kurz eintauchen kannst in das allumfassende Bewusstsein in dir (Anugraha), einen kurzen Moment, in dem du dich selbst erkennen kannst.

Mit der Wahrnehmung verbunden ist die Prämisse, dass eine Wahrnehmung nicht von dem wahrzunehmenden Objekt getrennt werden kann.

Bei genau dieser Verbindung zwischen Wahrnehmenden und dem, was du wahrnimmst, außerhalb oder auch innerhalb deines Körpers, setzt der tantrische Yogaweg an und wird es richtig spannend. In Vers 106 des ziemlich berühmten Vijñāna Bhairava-Tantra heißt es:

“The awareness of the knower and the known is common to all embodied beings; but for yogis, this is the difference: they pay careful attention to the connection.” (Übersetzung von Dr. Christopher Wallis)   

In dieser sorgfältigen Beobachtung liegt eine große Chance: Wir können uns bewusst tagtäglich hunderte Male entscheiden, ob wir kurz hineindippen in den Grund des Seins oder ob wir vergessen und lieber einen neuen Gedankenzug durch unseren Kopf rattern lassen wollen.

Wir kreieren nämlich konstant Gedankenkonstrukte, sogenannte Vikalpas, die sich aus deinen tagtäglichen Eindrücken bilden. Diese Konstrukte erhältst du, indem du etwa Verhaltensmuster immer und immer wieder wiederholst.

Du kannst Tag für Tag vergessen und immer wieder in dieselben Muster fallen, wie ein Irrer, der immer wieder mit dem Kopf durch die Wand will und ständig mit Anlauf dagegen rennt.

Glaube mir, ich habe das jahrelang praktiziert. Ich habe immer wieder in Beziehungen festgehangen, die mich nicht liebenswert haben fühlen lassen, immer mit der Hoffnung: Aber wenn ich jetzt wieder mich darauf einlasse, vielleicht wird dann alles anders! Nope, wird es nicht. Du hast nur noch eine Beule am Kopf, weil du exakt die gleiche Wand wie zuvor eingerannt hast.

Denn das Wichtigste hat mir gefehlt: Ich habe mich nicht selbst enttarnt, den Moment der Pause zwischen den Gedanken nicht genutzt um mich in Ruhe zu fragen: Welches Bedürfnis steht hinter dieser Handlung? Welcher Glaube ist damit verbunden? Warum möchte ich dies erneut tun?

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Oder du kannst Folgendes enthüllen: Dass niemand außer dir selbst dein Leben kreiert.

Du kannst den Moment der Pause zwischen den Gedanken nutzen, bevor du handelst, die Pause zwischen Gedanken und Atemzügen, das Aufgehen in den unbewegten Grund, aus dem alle Gedanken und Gefühle entstehen.

Dieser Kern des Seins lässt dich zurückerinnern an das, was du wirklich bist: Bewusstsein, pulsierend im großen Ganzen. Ein Teil des Universums und in dir wiederum alles im Kleinen enthaltend.

Auf dieser Basis kannst du dich freier entscheiden und du begreifst: Ja, du manifestierst dein Leben, aber nicht im Sinne von herbeimanifestieren von weltlichen Dingen. Dein Leben ist eine Reflektion davon, wie du die Welt wahrnimmst.

Dein Leben ist dein persönlicher, individueller Ausdruck deiner inneren Überzeugungen.

Im Pratyabhijnahrdayam heißt es so schön:

“SIE ist frei und unabhängig, in dem Sinne, dass sie aus dem absoluten Selbst-Bewussstsein besteht.” (The Recognition Sutras. Dr. Christopher Wallis)

Dieses Sie, dieses Göttliche, das bist du. Und deine Selbstreflektion, das Bewusstwerden der Entstehung der Sinneseindrücke und deiner Handlungen, schenkt dir ganz simpel, und gleichzeitig riesig gross eins: Freiheit.

Diese Freiheit ist unabhängig von externen Faktoren wie Reichtum, einer Beziehung, Schönheit oder was auch immer du dir wünschst. Du erkennst, dass keine externe Kraft dein Leben steuert, dein Leben nichts ist, was passiert, damit du etwas lernst. Du kannst externe Faktoren manchmal eben nicht beeinflussen, vielleicht kommst du in einen Sturm, vielleicht bricht an einem Punkt dein Leben auseinander, vielleicht hast du eine beschissene, nicht heilbare Krankheit.

Aber du hast die Freiheit, dich zu erinnern, zu enthüllen, die Entscheidung bewusst zu treffen, wie du mit der Situation umgehst und welche Haltung du dazu einnehmen möchtest. Und es braucht nur eins: Dein mutiges Herz, diesen Weg der Freiheit, mehr noch, diesen Weg der Befreiung zu gehen.

Und ja, es ist manchmal schmerzhaft, der spirituelle Weg ist kein friedliches, happy shiny Ringelpietz mit dem Kosmos.

Aber es ist dein individueller Weg der Schöpfung und Kreation, dein ganz persönliches Erleben als individuelle Manifestation des Göttlichen in genau dieser, genauso gemeinten Form.

Bis es dich wieder einatmet, das große Ganze, und du aufgehst, in dem, was du schon immer gewesen bist.

Alles Liebe,

deine Sandra

Meine Buchtipps für Einsteiger*innen:

Über diese Serie:

In “Original Tantra” stellt dir Sandra jeden Monat die grundlegenden Begriffe der non-dualen Tantraphilsophie vor, z.B. das Weltbildes, die Schichten des Seins, die göttlichen Energien sowie die yogische Tantrapsychologie.

Titelbild © Sebastian Schmidt

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