Original Tantra #2: Me, Myself and I – die Fünf Schichten des Selbst

2015. Traurig blicke ich in die Ferne, mein Herz ist schwer. Ich sitze auf der Terrasse meines Hauses, blicke auf die Sonne, die über dem Weiher untergeht. Wieder einmal ist aus einer Beziehung nach dem Ende meiner Ehe nichts geworden und ich bin mir im Grunde sicher: „Ich bin nicht liebenswert.“  

In meinem Selbstmitleid identifizierte ich mich zu sehr mit meinen Gedanken und Gefühlen – einer der Gründe für unser Leiden.

Gedanken und Gefühle bilden nur eine Schicht unseres Selbst.

Vielleicht kennst du das Konzept der Koshas aus dem Yoga. Die finden wir im Tantra so nicht. Dafür aber die Fünf Schichten des Selbst, die miteinander verwoben sind und nicht voneinander getrennt betrachtet werden können. Also kein Matrjoschkapuppen-Prinzip, erst der Kern und dann geht es sauber unterscheidbar in die anderen Schichten; sondern sie durchweben sich gegenseitig und ergeben als großes Ganzes dann: dich.

Gut, könntest du jetzt sagen, aber was bringt mir das, wenn ich mehr über diese Schichten weiß?

Das Tolle ist: Wenn wir immer wieder reflektieren, was uns besonders wichtig ist und mit welchem Teil unseres Selbst wir uns am stärksten identifizieren, können wir bewusst daran arbeiten, auch die anderen Schichten zu sehen und zu integrieren. Denn wenn wir uns zu stark mit einer unserer Fünf Schichten identifizieren, können wir nicht unser ganzes Potenzial leben und die Konzentration auf nur einen Teil führt unweigerlich zu Leid – mal früher, mal später.

Zusätzlich zu den Fünf Schichten des Selbst benennt Tantra noch eine Schicht, die uns umgibt und mit der wir uns heutzutage ganz häufig stark identifizieren.

Vastu: Die materiellen Dinge, die uns umgeben

Du kennst das vielleicht: Wenn dein Besitz beschädigt wird, tut das weh, und bestimmte, materielle Dinge sind dir so richtig wichtig.

Es ist ein bisschen peinlich das zuzugeben, aber ich persönlich definierte mich vor meiner Yogazeit lange über teure Handtaschen. Ich arbeitete wie bescheuert, verdiente deutlich mehr als jetzt und ein emotionaler Zusammenbruch durch Überarbeitung wurde in der Mittagspause mit Kaffee und einer Chloé Paddington kompensiert, damals the hot shit.

Ich fühlte mich besonders, wenn 2.500 Euro an meinem Arm baumelten und ich in den Porsche einsteigen konnte. Ich wollte mir selbst und anderen sagen „Ich bin reich.“, was mir ein Gefühl von Wert vermitteln sollte. Denn innerlich war ich damals unsicher und das Gegenteil von erfüllt.

Aber: Wenn wir uns zu sehr mit unseren Besitztümern identifizieren, kann das Leiden verursachen. Zum Beispiel, weil wir eine ständige Angst entwickeln, diesen Besitz zu verlieren. Das heißt nicht, dass du bestimmte materielle Dinge nicht lieben kannst, nur die Identifikation und Definition darüber schaffen Abhängigkeit und gegebenenfalls eben Leid.

Deha: Der Körper

Vermutlich war die Identifikation mit dem Körper nie höher als jetzt. Und auch und gerade in der Yogaszene ist sie sowas von präsent.

Mit dem Begriff “Yoginis” werden im heutigen Sprachgebrauch zum Beispiel oft flexible, schlanke, weibliche Yoga-Gazellen verbunden, von anderen definiert über die Anmut ihres Körpers. Dabei war es früher ein Respektbegriff für mächtige Frauen des tantrischen Yoga, wie die Siddha Yogini Keyūravatī, aber auch für magische weibliche Wesenheiten, bad-ass witches, mit denen man sich besser nicht anlegte.

Wir kennen das aber auch ganz alltäglich, denn Gedanken wie Mann, ich bin zu fett. Wow, sehe ich gut aus, heute zeige ich selbst Gigi Hadid wo der Frosch die Locken hat oder Menno, meine Haare sehen aus, als wäre auf meinem Kopf etwas sehr Altes gelandet und dort elendig verreckt! hat so oder so ähnlich wahrscheinlich jede und jeder von uns schon mal gehabt.

Wenn wir das tun – unseren Körper so mit der Lupe inspizieren, bewerten, tracken, uns super oder scheiße fühlen, je nachdem wie unser Körper aussieht, dann ist das ein verdammt sicherer Weg zu leiden.

Denn so viel ist klar: Du wirst alt und faltig.

Daran wird kein Botox, kein positiv denken und kein Doktor der Welt etwas ändern. Und zu guter Letzt: Du wirst sterben.

In unserer Kultur haben wir eine panische Angst vor dem Älterwerden und vergöttern jugendliche Körper. Die Obsession mit unserem Körper wird daher irgendwann zu Leid führen, wenn wir zum Beispiel den Alterungsprozess nicht mehr stoppen können oder angebliche Mängel des Körpers überdeutlich wahrnehmen. Dr. Christopher Wallis hat etwas sehr Schönes dazu in Tantra Illuminated* geschrieben:

„Wir wissen in unserer Kultur nicht, wie wir in Würde und Anmut altern und sterben können. Aber wenn wir nicht nur glauben, sondern auch erleben, dass wir mehr sind als unser physischer Körper, dann wird das Sterben in Anmut und Würde eine Möglichkeit.“ – Dr. Christopher Wallis

Gibt nix mehr hinzuzufügen: he nailed it, wie man so schön sagt.

Citta: Der Herz-Verstand

Citta ist die Schicht der Emotionen und des Geistes, denn Verstand und Emotionen werden als zwei Seiten einer Medaille gesehen. Die Identifikation mit Citta findet durch Sätze wie “ich bin hochintelligent” oder “ich fühle mich so unsagbar traurig heute” statt. Das mag zunächst verwirrend sein, weil wir a. diese zwei unterschiedlich wahrnehmen und b. häufig entweder unseren Emotionen oder unserem Verstand mehr Beachtung schenken. Dabei ist wird eigentlich ganz klar, dass beides zusammenhängt, wenn wir uns deutlich machen, was in unserer Innenwelt genau passiert:

Unser schwirrender Verstand rattert unentwegt, kommuniziert mit Gedanken, Bildern, Musikfetzen. Unsere Emotionen resultieren häufig aus Gedanken oder ganzen Gedankenkonstrukten, an die wir glauben. Beides sind aber Energiebewegungen innerhalb von uns und bedingen sich gegenseitig.

Nehmen wir einmal das Beispiel aus der Einleitung. Damals habe ich tief im Inneren geglaubt, dass ich einer wahren Liebe nicht wert bin und diese nicht erfahren darf. Bewusst und unbewusst habe ich durch die feste Überzeugung in meinem Unterbewusstsein auch so gehandelt: Ich habe mir bindungsunwillige Männer ausgesucht oder habe die Beziehungen selbst unbewusst torpediert, indem ich etwa keine wirkliche Nähe zugelassen habe.

So machtvoll können bewusste und unbewusste Gedankenkonstrukte, gennant Vikalpas, sein. Wenn wir uns also komplett mit unseren Gedanken und unseren Gefühlen identifizieren, gehen wir den Dingen nicht auf den Grund und sehen nur eine mögliche Wahrheit.

Wir bauen uns unseren ganz eigenen Instagram-Filter. Im Tantra ist es aber das Ziel, möglichst ohne Filter die Realität so zu sehen, wie sie ist.

Eine meiner Lieblingsübungen dazu ist es, bei einem Gedankenkarussell zu hinterfragen: Was drückt dieser Zug an Gedanken aus? Was ist das Gefühl, der Glaube dahinter? Ist das wahr?

Dabei gibt es nicht nur eine Möglichkeit, die Wirklichkeit zu begreifen, es gibt so viele andere Variablen, die Welt zu sehen. Das kannst du ganz leicht für dich selbst ausprobieren: Suche dir eine beliebige Situation in deinem Leben und versuche, so viele Standpunkte dazu entwickeln, wie es dir möglich ist. Voilà: hier hast du einige der möglichen Wahrheiten. Wenn dich dies interessiert, ist die Arbeit von Byron Katie in The Work* zu empfehlen, denn sie hinterfragt deine Wahrheit zu einer Situation. Und genau das tun wir in der tantrischen Praxis auch.

Wir lernen so, frei von Hoffnungen und Ängsten zu sein, die aus alten Programmierungen resultieren. Wir werden durch das Sehen aller Möglichkeiten offener dafür, dass das Leben sich frei durch uns entfaltet.

Ich kann dir sagen, dass diese Freiheit ein wahnsinnig schönes Gefühl ist. Das heisst nicht, dass ich nicht mehr traurig bin oder kein Muster mehr hochpoppt. Das Tolle ist jedoch: ich sehe es, glaube es aber nicht. Dadurch entsteht eine große innerliche Freiheit und ein darauf einlassen und darauf vertrauen, dass das Leben sich durch mich entfaltet. Ich erlaube mir in jeder Situation einfach zu sein –  ich denke, das trifft es.

„Wie eine Mutter, die liebevoll die Geschichten all ihrer Kinder hört, dabei nicht unbedingt alles wortwörtlich glaubt, aber wahrnimmt, wenn diese Geschichten zu einem bestimmten Thema führen oder einer tieferen Realität.“  – Dr. Christopher Wallis

Prāna: Die Lebensenergie

Prāna ist die Lebenskraft, die wir mit allen Lebewesen teilen. Diese Lebenskraft ist quasi das Interface zwischen dem physischen Körper und dem Herz-Verstand. Dabei ist sie sehr subtil und fein verwebt.

Wir identifizieren uns mit prāna, wenn wir etwa sagen „Ich fühle mich ausgelaugt“ oder „ich fühle mich kraftvoll“. Prāna wird uns besonders im Rahmen unseres Lifestyles bewusst, etwa je nachdem, wie wir uns ernähren oder bewegen. Prāna ist verantwortlich für unser Energielevel und auch für Stimmungen wie das berüchtigte hangry: wütend und zickig sein wegen Hunger (da kann ich ganz laut “hier!” schreien!).  

Wenn du ständig darauf lauschst, was dein Körper dir mitteilt und du dich fühlst, ist es nicht nur unheimlich anstrengend, sondern du bist auch Spielball deiner Stimmungen und hältst sie für Wahrheiten. Das führt, richtig, auch wieder nicht zu einem ausgeglichenen Leben.

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Prāna bewegt zudem die Vāyus. Das sind Lebensströme in unserem Körper, die eng mit dem Atem verknüpft sind.

Prāna Vāyu ist dabei in tantrischen Quelltexten, im Gegensatz dazu, wie es häufig heute im Yoga unterrichtet wird, das nach außen strömende Ausatmen. Apāna Vāyu ist verbunden mit dem Einatmen und verantwortlich für alle nach unten gerichtete Bewegungen des Körpers, wie das Ausscheiden. Samāna Vāyu ist mit dem Verdauungsfeuer verbunden sowie mit der Fusion des Ein- und Ausatmens.

Udāna Vāyu ist aufwärtsgerichtet und verantwortlich für Funktionen wie etwa das Übergeben oder Niesen. Zuletzt haben wir Vyāna Vāyu, das unseren gesamten Kreislauf durchdringt und uns etwa mit den Nährstoffen versorgt sowie unsere Muskeln und Gelenke bewegt.

Übung zur Unterscheidung von Prāna Vāyu und Apāna Vāyu

Du stellst es selber ganz leicht fest: Beobachte, wie der Atem fein durch die Nase einströmt, hinunter wandert und kurz auf dem Grund des Herzens ruht (Apāna Vāyu). Ein Moment der Stille, bevor der Atem aus der Basis des Herzens nach oben strömt (Prāna Vāyu).

Śūnya: Die Leere

Du hast diese Schicht vielleicht schon einmal in der Meditation erlebt: vollkommene Ruhe, stille Präsenz. Ein transzendenter, friedvoller Ort, den wir auch erreichen, wenn wir im Tiefschlaf sind. Śūnya ist quasi Shiva, das unendliche Bewusstsein, mit dem Potenzial von Energie, von Shakti, aber ohne ihre Manifestation. Eben Stille, aber dennoch mit Präsenz gefüllter Leere.

Jetzt magst du dich fragen: Wtf soll denn daran falsch daran sein, dass ich mich mit Śūnya identifiziere? Ganz einfach: Du kommst im normalen Leben nicht mehr klar, und das, mein*e Liebe*r, kann natürlich ein Weg sein, aber es wäre nicht der Tantrische.

Der tantrische Weg wäre, diesen friedvollen Zustand ins alltägliche Leben zu transportieren, selbst an der Kasse im Supermarkt. Die Leere ist ein wichtiger Teil von dir und es ist wundervoll, in diesem ruhigen Raum zu verweilen.

Aber wir sollten die Leere nicht als Flucht vor der Welt nutzen.

Denn du bist alles: der Körper, die Lebensenergie, deine Gedanken und Gefühle, die stille Leere und: der Kern des Seins.

Cit – Der Kern des Seins, das nonduale Bewusstsein

In der ersten Folge war von Shiva-Shakti im Tantra die Rede, davon, dass alles eins ist, nur in Myriaden von Formen ausgedrückt. Dieses allumfassende Bewusstsein durchzieht auch dich in deiner Essenz und pulsiert, vibriert in deiner einzigartigen Person in die Welt hinein.

Es ist unfassbar schwierig, diese Schicht wirklich mit dem Verstand zu greifen. Sie ist per se transzendent und immanent, nicht greifbar und doch in allen Dingen und Lebewesen. Cit ist das Göttliche, das wirklich alles durchdringt. Eigentlich wahnsinnig schön, oder?

Vielleicht kennst du die Sanskrit Sätze Sivo-ham  („Ich bin das Göttliche“) oder Purno-ham („Ich bin vollkommen und perfekt“). Wenn diese Sätze für dich lebendig sind, du sie nicht nur mit dem Geist verstehst, sondern sie als eine tiefliegende innere Wahrheit wahrnimmst, dann identifizierst du dich auch mit Cit, der Essenz, dem Allumfassenden, und es ist dir möglich zu sehen, dass das Göttliche in Allem zu finden.

Wir finden Freiheit, in dem wir alles sehen und der göttliche Funken vibrierend in allem für uns sichtbar ist.

Das ist das wahnsinnig schöne im non-dualen Tantra: Im Gegensatz zu anderen Philosophie-Richtungen geht es nicht darum, dem Drecksloch Welt und dem Körper zu entkommen. Alles ist heilig und damit auch alle Schichten deines wunderbaren Selbst. Wir lernen, sie alle zu sehen und zu reflektieren, keine auszuschließen, sondern bewusst alles zu leben. Im non-dualen Tantra ist nichts besser oder schlechter, sondern es gilt einfach, alles liebend und wertschätzend anzunehmen.

Denn im Tantra ist es das Göttlich-Universelle, das sich durch Liebe und Neugier zu sich selbst in den unterschiedlichsten Formen ausdrückt: Als Sonnenaufgang. In dem kleinen Eichhörnchen, das den Baum hinaufrennt. In der Weite des Ozeans. Und in dir. Genau so gemeint. Kein Fehler des Universums, sondern exakt so wie du bist. Mit allen Schichten, mit allen Fehlern, mit allen Schönheiten – bist du bereits vollkommen.

Meine Buchtipps für Einsteiger*innen:

Über diese Serie:

In “Original Tantra” stellt dir Sandra jeden Monat die grundlegenden Begriffe der non-dualen Tantraphilsophie vor, z.B. das Weltbildes, die Schichten des Seins, die Chakren im Tantra sowie Tantrapsychologie. Hier geht’s zum letzten Artikel.

Titelbild © Sebastian Schmidt

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