Original Tantra #1: Was ist eigentlich non-duales Tantra?

Das kleine weiße Buch mit den goldenen Buchstaben lag schon seit einigen Monaten im Wohnzimmer. Ich fand es total dekorativ und bestellte es, nachdem ich im Anusara Teacher Training zum ersten Mal von Tantra gehört hatte und mehr wissen wollte.

Dennoch: zusammen mit zwei anderen Büchern verstaubte es erst einmal. Ich weiß noch sehr genau, wie es dann losging. Eines Morgens zog es mich so dermaßen hin zu dem Buch!

Wie ferngesteuert nahm ich Vijñāna Bhairava – Das göttliche Bewusstsein* von Bettina Bäumer zur Hand.

Ich legte es erst weg, als ich es komplett durchgelesen hatte und konnte gar nicht fassen, was für eine unglaubliche Welt sich mir dort offenbarte: Die Lehren über die Natur des Seins, unsere spirituelle Mitte und Anleitungen zur Bewusstseinsschulung. Ich war komplett angefixt und begann intensiv zu studieren.

Insbesondere lerne ich von und mit Dr. Christopher Wallis, seines Zeichens nicht nur Dozent an Universitäten – ja, das originale Tantra wird auch an Unis behandelt, an der Uni Hamburg gibt es zum Beispiel ein bekanntes Tantric Studies Institut – und diplomierter Sanskrit Gelehrter, sondern auch ein initiierter, praktizierender Tantriker. Seitdem vergeht kein Tag, an dem Tantra mich nicht begleitet.

Tantra hat mein ganzes Leben und Lieben einmal umgedreht.

Mein Außen sieht immer noch gleich aus, aber mein Innerstes ist destilliert, klar, frei, liebend, ohne jede Furcht. Ich habe mein wahres Ich wiederentdeckt und mich total verliebt: in die Realität wie sie ist, in jede Sekunde.

Tantra, you sexy thing?

Vielleicht hast du jetzt bestimmte Bilder im Kopf: vom roten, weißen, schwarzen Tantra, von Sex und dem Kanalisieren von sexueller Energie, von RTL2-Reportagen, in der wir zitternde Männerkörper und bebende Frauenbrüste in Ekstase sehen, allesamt freudig die Körper ineinandergesteckt.

Ich bitte dich, alle diese Vorstellungen einmal zu löschen und dich für folgenden Gedanken zu öffnen: All das, Farbeinteilungen von Tantra, Sex-Techniken zur höchsten Lust, etc., – das gibt es im originalen Tantra nicht.

Wenn ich von Tantra rede, spreche ich von der Philosophie und Praxis, die ihre absolute Hochzeit ca. vom 8. bis 11. Jahrhundert in Indien erfuhr.

Das Wort Tantra wird dabei sehr häufig mit “Faden” und “Verweben” übersetzt, was richtig ist – allerdings nur im Kontext von Stoff. Ein Tantra im Kontext der Philosophie übersetzt ist schlicht ein konzeptionelles Schriftstück, zum Beispiel das “Pratyabhijñāhṛdaya Tantra”, eines meiner Lieblungstantras.

In so einem Tantra steht zunächst einmal so gut wie nichts über Sex.

Das ist wichtig, um zwischen Neo-Trantra und den originalen Techniken mit der dahinterliegenden Philosophie zu unterscheiden. Tantra Workshops, die du heute besuchen kannst, basieren meist nicht auf einer Originalschrift oder Praktik, sondern sind ein Mix aus sexuellen Techniken aus dem Hatha Yoga und ein bisschen tantrischer Weltanschauung.

Eine vermutlich wahnsinnig schöne Sache und Form von heiligem Sex, aber nichts davon finden wir in einem Tantra. Ja, Tantra inkludiert Sex, weil es das ganze Leben bejaht, aber nur ein winziger Bruchteil der Sutren beinhaltet sexuelle Praktiken; in keinem einzigen geht es darum, Lust zu steigern, sondern man meditiert etwa darüber, wie der Orgamus vergeht (zum Beispiel im  Svabodhodaya-mañjarī Tantra) oder sexuelle Handlungen finden in ritueller Form statt.

Das, was wir heute in Tantra Workshops lernen, geht meist auf Pierre Bernhard aka „Oom, the Omnipotent“ zurück, der um 1905  in den USA das Neo-Tantra begründete; oder wir sollten eigentlich korrekterweise sagen: eine Form von spiritueller Sexualität.

Aber wann ist dann also etwas wirklich tantrisch?

Das ist ganz einfach: Dann, wenn wir es in einem Tantra, in einem der originalen Schriftstücke, finden.

Was wir in allen Tantren finden, sind Shiva und Shakti. Als lernende Schülerin in der non-dualen Tradition des Tantra, für alle Co-Nerds genauer: sich der Kaula Trika und Krama verbunden fühlend, darf ich in diesem und folgenden Artikeln über die wunderbare Welt des non-dualen Tantra berichten. Hier sind Shiva und Shakti nicht männlich und weiblich, sondern eins: non-dual eben.

Shiva und Shakti sind das göttliche Prinzip, Shiva das Immerwährende, das sich durch Shakti, seine Energie, in die Welt ausdrückt, untrennbar verbunden.

Genauso wie man Feuer nicht von Hitze trennen kann. Für mich selbst habe ich folgendes Bild entwickelt: Stelle dir eine Matrix, ein Feld (Shiva) vor und innerhalb dieser Feldes manifestiert sich durch Energie (Shakti) Myriaden von Formen.

Ich glaube, das ist es, was mich als allererstes so eingenommen hat: Die Kongruenz mit den heutigen physikalischen Erkenntnissen, dass alles aus allerkleinsten Elementarteilchen besteht, die in den unterschiedlichsten Schwingungen vibirieren und so das Universum formen. Dies zu erkennen und zu lesen, dass dies schon vor Hunderten von Jahren als die Natur des Universums definiert wurde, hat mich umgehauen.

Jetzt haben wir vermutlich einmal alles auf links gedreht, was bisher so als Vorstellung von Tantra existierte.

Wir wissen um das Gottesbild im Tantra und wann etwas tantrisch ist. Aber was macht diese Weltanschauung und die Praktiken so besonders? Warum fasziniert es in seiner ursprünglichen Form mittlerweile wieder hunderte von Menschen rund um den Globus?

Tantra lehrt in Theorie und Praxis, wie du dich bedingungslos ins Leben verknallst.

Du entwickelst ein Staunen über die Wunder in jeder Sekunde, egal ob sie sich in Schrecken oder Schönheit manifestieren.

Tantra sieht alles als heilig an. Ganz krass ausgedrückt: den größten Hundekackhaufen genauso wie die transzendentalste Meditationserfahrung.

Denn wenn alles göttlich ist, dann gibt es kein Besser oder Schlechter, kein Gut oder Böse, es gibt nur das Göttliche, das sich in den unterschiedlichsten Formen selbst und frei erfahren möchte – in welcher Form auch immer.

Du lernst im Tantra mit einem liebenden Bewusstsein, dich in jede Erfahrung hinein zu lehnen, selbst in die schmerzhaften. Wenn ich es ganz persönlich beschreiben darf: Für mich ist es ein “Drop-in” in meine wahre Natur und von dort aus kann ich alles akzeptieren und da sein lassen, was ist.

Es ist eine liebevolle Betrachtung von allem was da ist, und ein couragiertes, neugieriges Hineinlehnen in diesen verrückten Tanz, der das Leben ist.

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Im Tantra finden wir auch erstmals den Ansatz, dass der Körper heilig ist.

Ganz im Gegensatz zu der Yoga-Philosophie davor, wo es darum geht, dem Moloch Welt zu entfliehen, das sowieso eine Illusion ist. Maya (Illusion) im Tantra ist aber nur eins: dein Vergessen deiner wahren Natur, nämlich dass du vollständig und komplett bist, dass die Essenz in dir nicht geheilt werden muss, weil sie überhaupt niemals kaputt gehen kann.

Dabei inkludiert Tantra jeden und war explizit nicht nur Männern vorbehalten. Es gab große tantrische, weibliche Gurus, die eigene Linien begründeten, wie etwa Keyuravati. Initiiert wurde ausnahmslos jeder, selbst Aussätzige, ja, es war explizit keine patriarchalische, kastenorientierte Praxis, sondern eine Kula – eine Gemeinschaft, was ganz genau übersetzt heißt: eine Gemeinschaft heterogener Teile unter einem vereinigenden Prinzip.

Tantra ist ein Zurückerinnern, dass du durch und durch göttlich bist. Kein Fehler des Universums, sondern ganz genauso gewollt.

Dazu arbeitet Tantra mit Mantra, Mudras, Ritualen, über die ich teils nicht öffentlich berichten darf und sehr starken Visualisierungen. Du widmest dich höchst intellektueller und geistig herausfordernder Kontemplation, Arbeit mit den Chakren, die sich zum allerersten Mal detailliert im Tantra finden und je nach Tantra eine unterschiedliche Anzahl und auch keine Regenbogenfarben haben, sondern meist rot, weiß oder golden sind.

Die Psychologie des Tantra lehrt dich, dass deine Welt aus deinen Storys gemacht ist, dass sich deine Welt je nach deinen Gedankenkonstrukten sich vor dir entfaltet und gleichzeitig, wie du diese Storys hinterfragen und umschreiben kannst.

Es erweitert dein Ego um so vieles, bis du alles bist. Es lässt dich alle deine Rollen sehen und keine davon glauben. Denn die Essenz in dir, aus der sich dein Leben entfaltet, der Teil, der nie sterben kann, weil er nie geboren wurde, wird immer da sein und voller Staunen sehen, mit welcher Leidenschaft du auf deiner Bühne des Lebens spielen wirst.

Ich glaube, wenn ich in einem Satz Tantra zusammenfassen müsste dann wäre es das:

Tantra vermittelt, wie sich das Universum in Freiheit, Neugier und Liebe zu sich selbst in den unterschiedlichsten Formen manifestiert und dich in diesem Sinne dazu schult, mit Mut und Freiheit dein Leben erfüllt zu leben.

Du verknallst dich bedingungslos in alles, was ist und in dir entsteht eine Freiheit fernab von Mustern und Konditionen.

Ich freue mich wahnsinnig, dir in den kommenden Artikeln mehr über diese Liebesgeschichte zu erzählen und euch mit auf die Reise zu nehmen: in die geheimnisvolle, lebensverändernde Welt des non-dualen Tantra.

Du möchtest mit Sandra Yoga üben? Dann schau bei YogaEasy* vorbei! Dort findest du Yoga-Videos von Sandra mit verschiedenen Längen und Levels. Mit dem Code flgh erhältst du einen Gratismonat ohne nervige automatische Abo-Verlängerung.

Meine Buchtipps für Einsteiger*innen:

Über diese Serie:

In “Original Tantra” stellt dir Sandra jeden Monat die grundlegenden Begriffe der non-dualen Tantraphilsophie vor, z.B. das Weltbildes, die Schichten des Seins, die Chakren im Tantra sowie Tantrapsychologie. Hier geht’s zum nächsten Artikel.

Titelbild © Steven Ritzer

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Ein Kommentar / Schreibe einen Kommentar

  1. „Es lässt dich alle deine Rollen kennen, und keine davon glauben!“ — YES! Und erst dann bin ich auch in der Lage zeitweisen alle Rollen mal abzulegen und sprichtwörtlich nackt – aka. In meiner Essenz der Volkommenheit präsent — sein !

    Danke Liebe Sandra für den Artikel!
    Freu mich auf die Reihe :)

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