Moritz Ulrich: “Es ist egal, welche Asanas man macht”

Anzeige. Meine früheste Erinnerung an Moritz Ulrich ist der gedrehte Halbmond. Oder besser: die unglaubliche Anstrengung, die ich empfand, als er uns in einer Yogastunde anno 2014 durch diese Asana leitete. Inzwischen habe ich ihn als Lehrer und Mentor so gut kennengelernt, dass ich weiß: Es gibt im Yoga Dinge, die ihm wichtiger sind als eine fancy Asana-Praxis.

Moritz ist erst 35 Jahre alt, aber schon seit 2007 Jivamukti-Yogalehrer. Er leitet Ausbildungen weltweit und gehört zu den bekanntesten Yogalehrenden in Deutschland. Schon als Teenager unterrichtete er seine Mitschüler*innen, und in der Jivamukti-Szene ist er bekannt als begnadeter Mantra-Sänger und Sanskrit-Profi. 2013 eröffnete er mit seinem Partner Dr. Niklas Noack das Yogastudio Peace Yoga Berlin, wo Rebecca und ich auch unterrichten.

Ich habe Moritz in meinem Leben schon sehr viele Fragen über Yoga gestellt. Ein paar habe ich mir aufgehoben, um sie einmal in einem offiziellen Interview unterzubringen. 

Im folgenden Gespräch geht es um die anhaltende Anziehungskraft des Jivamukti Yoga, die Präsenz des Göttlichen und darum, warum es eigentlich egal ist, welche Asanas man macht.

Wenn du mit Moritz Ulrich Yoga üben möchtest, kannst du das jetzt sofort mit yogaeasy.de, Deutschlands größter Online-Yoga-Community tun. Moritz hat dort ein siebentägiges Programm über Jivamukti Yoga veröffentlicht.

Moritz, du verbringst schon mehr als dein halbes Leben mit Yoga. Viele kommen über die physische Praxis zum Yoga. Bei dir war es das Interesse an der Philosophie. Welche Fragen hast du dir damals gestellt?

Ich wüsste nicht, dass ich mir besondere Fragen gestellt hätte. Ich bin einfach nur von Grund auf neugierig. Ich bin nicht über die Asana-Praxis zum Yoga gekommen, das stimmt. Aber ich habe davor lange Ballett getanzt; viele der Bewegungen dort sind ähnlich. Dann habe ich mich mit esoterischen Themen beschäftigt, ohne zu wissen, was es mit Esoterik auf sich hat. Mich haben Sachen interessiert, die ungewöhnlich oder ungeklärt sind. 

Dabei stolperte ich irgendwann über ein Yoga-Buch und später stieß ich auf ein Buch mit Asana. Dann habe ich das einfach ausprobiert.

Du bist seit 2007 Jivamukti-Lehrer. Was überzeugt dich an der Methode?

Ich interessiere mich für sehr viele unterschiedliche Dinge: Philosophie, Musik, Mystik, Esoterik. Im Jivamukti Yoga fand ich das alles in einer Methode vereint. 

Was mich dort gehalten hat, ist eigentlich das gleiche: Dass ich nach wie vor in dieser Tradition alles finden kann, in das ich hineinschauen möchte, und alles einbringen kann. Es ist eine Methode, die erstmal grundlegend nichts ausschließt. Ein weiterer Punkt ist die lebendige Community, die Gründer*innen der Methode sind noch am Leben und präsent – das baut eine große Energie auf, auch auf sozialer Ebene. 

Kannst du kurz erklären, was die Jivamukti Yoga Methode ausmacht? 

Die Methode ist in den 1980ern entstanden und damit relativ neu. Die Gründer*innen Sharon Gannon und David Life wollten, dass alles, was zum Yoga gehört, in einer Klasse zu finden ist. 

So haben sich im Lauf der Zeit fünf Säulen entwickelt: Gewaltlosigkeit, Ahimsa, wo sozialer Aktivismus und Veganismus mit hineinspielen; Meditation, Dhyana; Nada, der Klang – wir arbeiten viel mit Vibrationen, Klängen, Mantra und Musik; Shastra, die yogischen Schriften und das Studium derer; die fünfte Säule ist Bhakti, Hingabe an etwas Kosmisches oder Göttliches in der Yogapraxis. 

Auf diesen Pfeilern basiert die Jivamukti Yoga Methode. Sie allein sind schon super vielfältig, es kann sich alles Mögliche darin verbergen. 

Mehr über die fünf Säulen des Jivamukti Yoga lernst du in Moritz’ Onlineprogramm Jivamukti Yoga – Power, Klang und Ahimsa auf YogaEasy! In dem siebentägigen Programm findest du nicht nur Asana-Videos im Jivamukti Stil, sondern auch kleine Infovideos rund um die fünf Säulen und Anleitungen für Praktiken jenseits von Asana. Du erlernst eine moderne Form der spirituellen Praxis, die du flexibel in deinen Alltag integrieren kannst. Schau vorbei!

Asana ist keine der fünf Säulen. Aber im Jivamukti Yoga sind die Klassen trotzdem körperlich intensiv. Ist das nicht widersprüchlich? 

Stimmt. Die Asana-Praxis ist der dominante Part, der am längsten Zeit in Anspruch nimmt. Die Idee ist, mit Hilfe von Asana diese fünf Säulen erlebbar und fühlbar zu machen, damit man nicht nur über sie redet. Es geht darum, einen leichten Einstiegspunkt zu schaffen über etwas, was man schon kennt, etwas Sportliches. Würde da jetzt stehen: Stunde über Ahimsa – dann würden sich nicht so viele Leute angesprochen fühlen.

Gerade im damaligen New York, das vielleicht noch körperzentrierter war als jetzt, war das nötig, um Leute ins Studio zu bringen und an andere Themen heranzuführen. So ist es jetzt auch noch: Die Praxis wird zu einem Komplettpaket. Es schadet ja auch nichts, wenn man während der Yogapraxis stärker und flexibler wird.

Es wirkt, als ginge es in den Asana-Klassen oft um höher, schneller, weiter – noch mehr komplexe Asanas, noch mehr Chaturangas. Wie kann man sich diesem Leistungsprinzip entziehen? 

Ich glaube, es ist eigentlich egal, welche Asanas man macht. Die Frage ist: Was passiert dabei im Kopf, warum mache ich es, woran denke ich dabei? Als Übende*r ist die Intention bzw. Widmung so wichtig. Wenn wir in einem Autopilot-Modus sind, einfach unsere Asanas abreißen und uns dabei ertappen, können wir uns auf unseren Atem, unser Bandha und unsere Intention konzentrieren und uns so selbst da heraus navigieren. Anschließend kann man auch wieder zu den komplizierten Asanas zurückfinden, nur mit einer neuen Qualität.

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Du sprichst in deinen Klassen oft über Gott – ein Schlagwort, vor dem viele Lehrende und Übende zurückschrecken. Wieso denkst du, ist das so? 

Warum so viele nicht darüber sprechen, kann ich nur vermuten. Wenn man anfängt, zu unterrichten, ist es jedenfalls herausfordernd, über derart abstrakte Themen zu sprechen. Das wurde für mich im Lauf der Zeit immer selbstverständlicher und – und das ist das Wichtigste – es ist vor allem auch Teil meiner eigenen Praxis. Das macht es viel einfacher, das zu teilen. 

Wenn man mit der Idee des Göttlichen Schwierigkeiten hat, hilft es vielleicht, sich eine Idee von Kosmos, Universum oder Seele vorzustellen. 

Wie können wir mehr Göttliches in unser Leben lassen?

Für mich bedeutet das zum Beispiel, dass ich zu Beginn jeder Yogapraxis zuhause meine Mantras und Widmungen chante oder wiederhole. Das ist der Start, der alles nährt, was danach kommt. Ich habe auch einen Altar zuhause, das ist auch eine Möglichkeit, eine Idee von Bhakti oder Göttlichkeit ins Leben zu bringen. Es sollte darauf etwas stehen, was einen selbst mit großer Freude erfüllt. 

Was das ist, kann jeder nur für sich herausfinden. Das ist vielleicht nicht mehr so üblich in unserer heutigen Welt, wo alles vorgegeben ist und man immer schnell bei YouTube ein Tutorial für alles finden kann. Aber ich glaube, diese Arbeit kann uns niemand abnehmen.

Wie soll man herangehen, wenn man eine Praxis etablieren möchte, die über Asana hinausgeht?

Ich habe selber viele Videos auf meiner Online-Plattform ekasio, wir haben Klassen online und vor Ort bei Peace Yoga und ich habe gerade ein Programm bei YogaEasy herausgebracht, wo wir versuchen, genau diese Komplexität abzubilden. Es gibt kleine Talks, in denen ich versuche, in ein paar Minuten kleine Input-Schnipsel für Menschen zu geben, die sich noch nie mit dem beschäftigt haben, was über Asana hinausgeht. Vielleicht fangen sie dann an, darüber nachzudenken. 

Was ist deine größte Herausforderung mit der Yogapraxis?

Mir die Zeit zu nehmen, um auf die Matte oder aufs Meditationskissen zu steigen und die Praxis zu machen. Das Problem ist nie, was ich währenddessen machen will, sondern immer, die Faulheit oder Ablenkung zu überwinden, um anzufangen. Deshalb muss es bei mir immer früh morgens sein, sonst wird das nichts mehr. 

Du hast einmal gesagt: Veganismus ist die einfachste Yogapraxis, die ich kenne. Kannst du kurz erklären, was du damit meinst?

Man muss nicht schwitzen oder lange in einer Position sitzen bleiben und man muss nicht mal etwas machen, was man sonst nicht macht, weil essen muss man sowieso. Das Einzige, was man machen muss, ist, statt zum Kuhmilchregal zum Soja-, Hafer- oder Mandelmilchregal zu gehen. 

Es ist ein kleiner switch, der einen riesigen impact auf die Welt und uns hat. Wir können damit Ahimsa in seiner besten Form üben, nämlich weniger Leid entstehen zu lassen, so gut es eben geht. Und damit wird das zu einer Yogapraxis, die zumindest für uns hier in Deutschland sehr leicht auszuüben ist

Was brauchen die Menschen deiner Meinung nach gerade am meisten?

Einen Mitgefühlsbooster. Wir alle brauchen mehr Mitgefühl für uns und andere, das ist eins der wichtigsten Mittel, miteinander in Kontakt zu treten und zu kommunizieren.

Danke, Moritz!

Du möchtest mehr von und über Moritz erfahren? 

Das Interview ist im Rahmen einer Kooperation mit YogaEasy entstanden. Hinsichtlich der Interviewgestaltung, Fragen und Antworten waren wir komplett frei.

Titelbild © Xenia Bluhm

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