Gabriela Bozic: „Ein Teil von mir war zu egoistisch, um Mutter zu werden“

Gabrielas Bozics Geschichte der letzten zwei Jahre klingt wie aus einem Rosamunde Pilcher Film: Traummann getroffen, das Verliebtsein genossen und im Sommer Traumhochzeit in den Bergen gefeiert. Weil das Leben eben doch Geschichten wie im Film schreiben kann, werden Gabi und ihr Mann in ein paar Monaten Eltern sein.

Ich freue mich wahnsinnig über Gabis Baby-Belly. Nicht nur, weil sie unheimlich glücklich aussieht, sondern auch, weil endlich eine der Grande Dames des Yoga Mama wird und damit ein Zeichen setzt, dass ernsthafte Yogapraxis und Kinderkriegen zusammen funktionieren können.

Bei meiner letzten Stippvisite in München habe ich mir Gabi zum Interview geschnappt.

Wolltest du schon immer Mutter werden?

Ich war in der Hinsicht hin- und hergerissen. Ein Teil von mir fand den Gedanken sehr natürlich und verführerisch, der andere Teil von mir war viel zu egoistisch als dass ich mich darauf einlassen wollte. Und dann gab es noch den ökologischen Gedanken, ob die Welt noch mehr Kinder braucht, oder ob die einzige richtige Lösung ist, ein Kind zu adoptieren.

Mir war ziemlich früh klar, dass Mutterschaft nicht notwendig ist, um sich als Frau vollständig, glücklich oder erfüllt zu fühlen. Dieser Mythos ist leider noch sehr präsent in unserer Gesellschaft und wird durch die Boulevardpresse, andere Medienkanäle und Hollywoodfilme verstärkt. Dies ist eine überholte gesellschaftliche Norm um Frauen in eine bestimmte Rolle zu drängen.

Ich glaube, dass wir mit oder ohne einen Partner, mit oder ohne Kinder vollständige, erfolgreiche und liebenswerte Menschen sind. Verheiratet- oder Muttersein darf nicht über unser Selbstwertgefühl entscheiden. Wir sollten selbst entscheiden, nicht unsere Konditionierung oder die Presse, was richtig ist, wenn es um unseren Lebensstil und den Kinderwunsch geht.

Jetzt siehst du sehr zufrieden aus mit deinem Bäuchlein. Wie kam der Sinneswandel?

Mit meinem Mann (lacht). Als wir das erste Mal über die Kinder gesprochen haben, fand ich das sehr aufregend, ja fast sexy, und fühlte, dass ein Kind die ultimative Krönung unserer Liebe sein könnte. So romantisch oder cheesy das klingen mag, ich spürte mit jeder Zelle meines Körpers: wenn ein Kind, dann nur mit diesem Mann. Das war das erste Mal, dass ich mich ganz bewusst für dieses Thema geöffnet habe und glücklicherweise hat es kurz darauf auch geklappt.

gabriela-bozic_mama_richard-pilnick

Es gibt kaum bekannte Yogalehrerinnen, die Kinder haben. Woran glaubst du, liegt das?

Wir Yogalehrerinnen und Yogalehrer sind schon sehr mit uns selbst beschäftigt. Meine Theorie ist, dass wir ordentlich Neurosen, Unsicherheiten, Ängste, Projektionen, narzisstische Prägungen und Egoprobleme haben. Ich finde, wer sich für den Beruf des Yogalehrers entscheidet, braucht Yoga und Meditation fast dringender und in einer höheren Dosis als ein normal Übender. Und wenn man so sehr mit der eigenen Heilung, Ambitionen und Sinnsuche beschäftigt ist, gibt es keinen Platz für ein Kind, das sehr viel Aufmerksamkeit braucht.

Dann ist da der Punkt, dass wir sehr viel unterwegs sind und die (meist selbstauferlegte) Aufgabe haben, die Welt zu retten, im besten Falle stark involviert sind in gemeinnützige Projekte, oder die Mission haben, auf irgendeine Art und Weise die Welt zu verbessern. Wir vermissen es nicht unbedingt eine eigene Familie zu haben, denn inmitten all der Schüler, Festivals und Workshops sind viel Liebe und auch Familiengefühl da.

Wir Yogalehrerinnen finden die Erfüllung also woanders…

Das spielt mit Sicherheit eine Rolle. Hinzu kommt: Ab einem gewissen Alter, Lebenserfahrung und täglicher Yogaübung passiert das Mutterwerden nicht nur zufällig. Es ist eine bewusste Entscheidung und der freie Wille der Yoginis ist sehr stark.

Für uns ‚starke, unabhängige Frauen’ scheint es manchmal schwer, den passenden Partner zu finden, vor allem einen, mit dem man sich Kinder vorstellen kann. Und wenn man sich gefunden hat, ist es biologisch vielleicht schon zu spät. Oder man kann es sich finanziell nicht leisten. Häufig ist es der Gedanke stark, dass man mit einem Kind nicht die gleiche Freiheit hat, und man ist nicht bereit, sich einzuschränken. Sicherlich gibt es auch Fälle in denen es trotz des Versuchens einfach nicht klappt. Höhere Gewalt sozusagen.

Oder passen Yoga und Kinderkriegen einfach nicht zusammen?

Das Ziel des Yoga ist es eins zu werden mit Gott. Traditionell waren Yogis Männer, die im Zölibat lebten, sogennante sannyasins. Sie waren auf der Suche nach Erleuchtung, nach Gott, nach der Einheit des Seins. Ihre Liebe und Leidenschaft für Gott hat alles überragt. Sie wollten sich nicht an die Welt, sondern an Gott binden.

Wenn man ein Kind hat, hat man eine große Verantwortung, spürt eine unglaubliche Liebe und würde für dieses Wesen alles tun. Allein die Biologie des Elternseins hält einen sehr an das Weltliche gebunden. Damit prana, die ganze Lebenskraft, nur auf Gott gerichtet werden kann und einen nichts davon abhält, sich nur auf die Erleuchtung zu konzentrieren, lebte man als Einsiedler, meistens im Wald oder in den Bergen und übte intensiv.

Mit Sri Krishnamacharya, dem Urvater des modernen Yoga, hat sich all das verändert. Er war ein Familienmensch, wie auch seine prominentesten Schüler Pattabhi Jois, Iyengar, Desikachar, die den Yoga, wie wir ihn heute kennen, geprägt haben. Er fing auch an Frauen zu unterrichten, und betonte die Wichtigkeit von Grhasta Yoga, also Yoga für Haushälter, die ein Leben mit Arbeit, Partnerschaft und traditionellerweise auch mit Kindern führen. Inmitten dieses Lebens sollten sie ihre Yoga-Übungen machen.

Ist es nicht auch Yoga, sich um ein kleines Wesen zu kümmern?

Kinder, Beziehung und die Familie sind einfach eine andere Form des Yoga. Man spricht hier von Karma (Yoga der Handlung) und Bhakti Yoga (Yoga der Hingabe, der göttlichen Liebe).

Es heißt, dass du bereit bist, Gott in einem anderen Lebewesen zu sehen und ihm zu dienen. Es heißt bereit zu sein, nicht mehr nur im Mittelpunkt deines Lebens zu stehen und an Beziehungen zu den anderen zu wachsen sowie die Verbindung zum Göttlichen durch sie zu erfahren.

Durch die Praxis des Yoga sieht der Yogi zu allen Zeiten das göttliche Selbst in allen Lebewesen.

In der Bhagavad Gita finden wir folgendes Zitat zu dem Thema: „Durch die Praxis des Yoga sieht der Yogi zu allen Zeiten das göttliche Selbst in allen Lebewesen.“ Am ehesten passiert das, wenn wir das kleine Wunder, unsere Tochter oder unseren Sohn, in den Händen halten. Wir wollen nur hoffen, dass es nicht dabei bleibt, sondern dass sich diese Wahrnehmung auf alle Lebewesen und auf die ganze Schöpfung der Mutter Natur und ihres Ökosystem ausweitet, auf die, die momentan am meisten unter unserem Gefühl des Getrenntseins, Selbstsucht und Gier leiden: die Wälder, Flüsse, Pflanzen, Berge, Ozeane und Tiere.

Danke Gabi und alles Gute für die kommende Zeit!

Wenn du neugierig geworden bist, dann schau mal auf Gabrielas Webseite um. Dort findest du ihre Retreat-Termine und erfährst, wo sie wann unterrichtet. Demnächst wird es auch viele News rund um Schwangerschaft und Yoga geben.

Du möchtest mit Gabriela Yoga üben? Dann schau bei YogaEasy* vorbei! Dort findest du Yoga-Videos von Gabriela mit verschiedenen Längen und Levels. Mit dem Code flgh erhältst du einen Gratismonat ohne nervige automatische Abo-Verlängerung.

Das könnte dich auch interessieren:

Bildcredit // Titelbild: Raimar von Wienskowski, Bild im Text: Richard Pilnick

Bei den mit * gekennzeichneten Links handelt es sich um Affiliate-Links. So erhalten wir eine kleine Provision, wenn du ein Produkt kaufst, und FLGH kann für dich kostenlos bleiben.

6 Kommentare / Schreibe einen Kommentar

    1. Liebe Justyna,

      durch den Titel ist bei einigen Yogalehrerinnen und -lehrern der Eindruck entstanden, wir würden alle pauschal verurteilen. Es war nicht unsere Absicht Väter und Mütter anzugreifen, sondern offen ein Thema anzusprechen, was aus unserer Sicht in der Yogaszene besteht. Deshalb nun etwas persönlicher formuliert ;)

      Danke für deine Kommentare und alles Liebe
      Rebecca

  1. Das Interview finde ich gut, aber die Überschrift hat mich zunächst fast wütend gemacht. Er gibt eine direkte Steilvorlage für die immer noch vielen Menschen, die meinen, sie wären bessere Frauen und Männer, weil sie Kinder haben. Erst beim Lesen des Interviews erfährt man, dass der Satz nicht so gemeint ist, wie er sich aus dem Zusammenhang gerissen anhört. Auch heute noch werden Frauen, die keine Kinder haben, oftmals angeschaut als würde ihnen etwas fehlen. Und auch der Vorwurf des Egoismus kommt meiner Erfahrung zu häufig vor als das man das mit solchen Überschrften noch weiter füttern sollte.

  2. Das Interview finde ich super, nur die Überschrift finde ich nicht so passend bzw. provokativ. Denn im Interview erfahren wir ja, dass es hierbei vor allem um „Yoga-Promis“ geht und es außerdem unterschiedliche Ursachen für kinderlose Yogalehrerinnen gibt. Bei manchen mag es tatsächlich das Ego sein, aber das ist nur eine von mehreren Ursachen. Hat eine Frau/ Yogalehrerin tatsächlich noch „eigene Baustellen“ aufzuarbeiten, stellt sich für mich auch die Frage, ob es dann überhaupt Sinn macht ein neues Leben in die Welt zu setzen? Darüber hinaus kenne ich sehr viele „Nicht-Promi-Yogalehrerinnen“, die alle Mamas sind… ;-)

  3. Klasse, ich finde es sehr schön wenn sich jemand bewusst für Kinder entscheidet. Ich bin auch Yogalehrerin und Ausbildungsreferentin und habe 2 Kinder, aber aus Sicht einer bereits Mutter ist es so, das um mehr und viel Yoga zu unterrichten auch schlichtweg die Zeit fehlt. Du musst dich dann immer entscheiden, zum Yoga gehen und an der eigenen Praxis arbeiten, unterrichten oder Family Time. Alles geht nur noch in Maßen, das ist glaube ich ein Riesen Unterschied. Denn als Yogalehrerin mit (noch) keinem Kind hast du oftmals viel mehr Zeit um dich um dich selbst und dein Unterrichten zu kümmern. Lieben Gruß Sunita

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*
*