Ich versteh nur Sanskrit: Ein Interview mit Gabriela Bozic

Gabriela Bozic ist nicht nur eine der bekanntesten, sondern auch interessantesten Yogalehrerinnen Deutschlands. Man trifft sie auf Gala-Empfängen und Festivals genauso wie im Yogastudio oder als Ausbilderin bei den Jivamukti Teacher Trainings. Ihr Lieblingsgebiet: Das Lehren von Sanskrit und Mantra Rezitation. Denn was viele nicht wissen: Die quirlige Kroatin hat nicht nur eine Passion für Yoga, sondern auch für seine Sprache.

Wie und wo hast du deine Passion für Sanskrit entdeckt?

Mir gefiel der Klang des Sanskrit gleich als ich Kirtan und Bhajan Lieder in meinen ersten Yogastunden hörte. Diese Sprache klang so vertraut, auch wenn ich nichts darüber wusste. Die Liebesaffäre begann als wir im Ananda Ashram beim Thanksgiving Retreat von Sharon Gannon und David Life waren. Dort gibt es fast täglich Sanskrit Unterricht und so bin ich „zufällig“ (wie man das schön sagt, nur dass wir wissen, dass es keine Zufälle gibt) in so eine Stunde reingestolpert. Richtig verknallt in Sanskrit habe ich mich bei meiner Jivamukti Leherausbildung während des Unterrichts von Manorama D’Alvia. Die Art wie sie uns Sanskrit vorgestellt und vorgesungen hat war sehr poetisch und einfach rührend. Als Sprach- und Literaturwissenschaftlerin hatte ich keine Wahl als ihrem Charme zu unterliegen.

„Herabschauender Hund“ oder „down dog“ sind doch prima verständlich. Wozu brauchen wir den „adho mukha svanasana“?

Es heißt in der indischen Philosophie: nama-rupa. Zuerst entstand der Name oder Klang, dann folgte die Form. Im Namen, in dem Klang des Namens ist die Form und auch die Bedeutung enthalten. Nehmen wir „pascimottanasana“ versus „sitzende Vorwärtsbeuge“. „pascima“ heißt „Westen“. Der Westen ist die Rückseite des Körpers. Die Rückseite des Körpers wird mit der Vergangenheit assoziiert. Du dehnst nicht nur deinen Rücken, du verneigst dich vor deiner Vergangenheit und akzeptierst sie. Indem du dich mit ihr versöhnst, stärkt sie das Rückgrat und gibt Halt. Ein Mensch ohne Rückgrat ist laut Duden ein Mensch, der nicht den Mut hat, seine Überzeugung offen zu vertreten. All das enthält das Wort „pascimottanasana“ in sich. 

Irgendwie trennt das Nutzen von Sanskrit-Begriffen im Yogaunterricht die Schüler auch in „diejenigen, die verstehen“ und „die Unwissenden“, oder?

Ich finde genau das Gegenteil ist der Fall. Sanskrit beseitigt die Sprachbarrieren und verbindet. Ich reise sehr viel, unterrichte oder nehme Unterricht in vielen verschiedenen Ländern. Auch wenn ich die Sprache des Landes wo ich gerade bin nicht verstehe, weiß ich was ich tun soll wenn der Lehrer die Asanas auf Sanskrit ansagt. Es verbindet uns über die Grenzen unserer Muttersprache hinaus als globalen Satsang. 

Sollten Yogis Sanskrit lernen und wenn ja warum?

Ich finde ja. Man muss nicht gleich ein Sanskritgelehrter werden, die Basics genügen. Aber das sei jedem für sich überlassen. Im Leben ist es doch auch so: Wenn du dich für jemanden interessierst, der aus einem anderen Land kommt, willst du auch seine Heimat und seine Familie kennenlernen. Für Yoga sind das Sanskrit und Indien.

Sanskrit zu rezitieren ist außerdem eine Art der Meditation. Die Schwingungen des Sanskrit reinigen die Energiekanäle, bauen Spannungen und Energieblockaden in unserem Körper ab. Der Klang wirkt sich beruhigend auf unseren Geist und Gefühle und lenkt die Gedanken in eine positive Richtung. Dazu trainiert es hervorragend unser Gedächtnis und fördert die Intelligenz. Vor allem ein Rezitieren in der Gruppe ist sehr schön und schafft wie mein Lehrer Shyamdas sagt „bhakti bhav“, eine freudvolle und liebevolle Atmosphäre, die in einem Raum deutlich spürbar ist.

Wie und vor allem wo kann ich Sanskrit studieren?

Wenn der ernsthafte Wunsch da ist, manifestiert sich eine Situation oder ein Lehrer. Man kann es auch alleine machen. Sich ein paar gute Bücher besorgen. Das Alphabet lernen. Es gibt viele CDs, viele online Seminare, viele Yogaschulen und Ashrams nicht nur Indien sondern auch in Europa, die Kurse anbieten. Man kann auch an der Uni ein Seminar besuchen. Mein Freund und Mentor Vivek Nath unterrichtet z.B. viel in Deutschland, Manorama in Amerika. Auch ich unterrichte manchmal Einführungsseminare, oder unterrichte es im Rahmen einer Jivamukti Immersion und natürlich der Jivamukti Lehrerausbildung. Man muss einfach den brennenden Wunsch haben, das in das Universum rausschicken und schon hat man von einem Lehrer oder Seminar gehört, oder das richtige Buch fällt einem in die Hände. 

Was ist dein Rat an Sanskrit-Begeisterte?

Sanskrit muss gesprochen werden und der Klang und die Schwingung direkt erfahren werden. Darin liegt seine Schönheit und Wirkungskraft. Das Schönste an Sanskrit ist, dass seine Wirkung unseren Intellekt und damit unser Ego überschreitet. Für die Zeit des Singens verlieren wir uns im Augenblick und erfahren somit die Ewigkeit. Schreiben macht aber auch unheimlich viel Spass. Man fühlt sich wie ein Kind, das gerade schreiben lernt. Und wer hätte damals gedacht, dass diese Schleifen und Striche und Haken was bedeuten, und die Erwachsenen konnten sie lesen und dir sagen was sie heißen. Es hat was Aufregendes und Spielerisches an sich.

Zum Schluss: Deine Lieblingsgeschichte in Bezug auf das Lernen von Sanskrit?

Ashtanga war meine erste Berührung mit Yoga und da mussten wir alle Asanas auf Sanskrit auswendig lernen, weil es nur so unterrichtet wurde. Ich konnte ich mir Surya Namaskar erst mal nicht merken. Als ich die Lehrerin gefragt habe wie das Ding noch mal hieß, sagte sie: das Wichtigste um Sanskritworte zu lernen, ist es, sich eine Eselsbrücke zu bauen: Surya Namaskar – Sorry, no mascara!

Wann du Gabi, wo findest, erfährst du hier. Auch ihren Newsletter kann ich dir wärmstens empfehlen.

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Ein Kommentar / Schreibe einen Kommentar

  1. Surya Namaskar – „sorry, no masacara“. Interessant, diese Eselsbruecke, aber ich verstehe sie nicht. Vielleicht ist das nur, um diese 2 Worte zu lernen, aber nicht, um den Sonnengruss an sich zu verstehen?
    Ich lehre Surya Namaskar mit dem Gruss der Sonne bei jeder Moeglichkeit, dieser Respekt vor dem Licht, dem Leben, der Waerme, gekoppelt mit Atmung, die das Tempo angibt.
    Eine auslaendische Freudin lernte „auf Wiederhoeren“ als“my feet are hurting“ von ihrem Deutschlehrer. Ob sie damit ein Telefonat fuehren koennte

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