Cool bleiben, aber wie? Die 4 Geheimnisse der Gelassenheit

„Entspann dich mal!“ oder „Bleib ruhig!“ sind zwar gut gemeinte Ratschläge, meist lösen sie aber eher das Gegenteil aus. Genauso wie man auf Knopfdruck nie natürlich in die Kameralinse lächeln kann, kann man auch nicht automatisch entspannt sein.

Dabei ist Gelassenheit laut Patanjalis Yoga Sutra (Kapitel I, Vers 33) der direkteste Weg zu Erleuchtung und Zufriedenheit. Zwar kommen wir nicht alle tiefenentspannt zur Welt, aber jeder kann es lernen.

Wie kann ich den Seelenfrieden bewahren, wenn es stürmt?

Wie das Wort “gelassen” schon besagt, geht es dabei mehr darum, etwas zu lassen als darum, etwas zu tun. Wer gelassen durchs Leben schreitet, braucht sich theoretischerweise gar nicht erst durch volle Yogaklassen schwitzen, den Schädel mit Atemübungen zum Glühen bringen oder sich in Meditation üben.

Die Effekte der bei uns vorrangig bekannten Yoga-Praktiken stellen sich auch ein, wenn wir einfach „nur“ entspannt sind und die Fassung bewahren können.

Immer gelassen sein? Wie soll das denn gehen?

Ein Leben in Dauerentspannung, ohne dass es zu Überschlägen kommt, ist für die Wenigsten vorstellbar. Wenn du nicht die Fassung verlieren willst, solltest du zunächst einmal wissen, was die eigene Fassung überhaupt umschließt, denn dazu ist eine Fassung ja da.

Gelassenheit ist nicht nur irgendein Zustand, sondern er definiert sich durch vier Gemütszustände, die man in der Yogaphilosophie Bhavanas und im Buddhismus die vier himmlischen Geisteshaltungen oder auch „Brahmaviharas“ nennt: Liebe, Mitgefühl, Mitfreude und Gleichmut.

Physisch wird die Entspannung von Körper und Geist durch das vegetative Nervensystem reguliert. Genauer gesagt durch den Parasympathikus. Das macht die Gelassenheit insofern komplex, als dass man diesen Teil des Nervensystems nicht willentlich, sondern nur indirekt steuern kann. Die „Brahmaviharas“ sind solch ein indirektes Mittel.

So kultivierst du die vier Gemütszustände der Gelassenheit:

1. Liebe statt Handel

Liebe existiert auf verschiedenen Ebenen, zum Beispiel die Liebe in der Partnerschaft. Sie führt zu Stress, wenn sie mit einem Handelsabkommen verwechselt wird. Ein Handel ist dadurch gekennzeichnet, dass eine Partei etwas gibt und dafür etwas zurückbekommt, beispielsweise:

  • Du bist treu und erwartest Treue zurück
  • Du brauchst jemanden und erwartest, selbst auch gebraucht zu werden

Dabei ist es doch so: In einem Handel werden nie vollständig gleiche Dinge ausgetauscht, denn sonst gäbe es keinen Grund zum Handeln. Wenn du deine persönliche Art der Liebe in den Handel einbringst und die gleiche Art der Liebe dafür zurück erwartest, verschwendest du schlichtweg deine Zeit.

Die gelassene Liebe ist kein Handel. Sie ist ein Geschenk, das keinen Dank erfordert.

Vorschussvertrauen und bedingungslose Liebe können uns durchaus Angst einjagen, wenn wir fürchten, dass unsere Hingabe nicht erwidert wird. Liebe kann aber immer nur entspannt sein, wenn von Zwängen befreit ist.

Statt deine Beziehungen als Handelsabkommen zu sehen, frage dich Folgendes:

  • Wirst du weniger Liebe haben, wenn du sie gibst, oder ist das ein Trugschluss?
  • Möchtest du bedingungslos geliebt werden? Solltest du dann auch bedingungslos lieben, anstatt deine Liebe an Erwartungen oder Voraussetzungen zu knüpfen?
  • Ist es Liebe, wenn du das Beste für dich willst oder das Beste für den*die andere*n?
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2. Mitgefühl statt Mitleid

Klar baust du mit beipflichtenden Worte deine Freund*innen auf, wenn sie leiden. Gelassenheit kann aber nur entstehen, wenn man sich nicht gemeinsam mit dem Gegenüber in Emotionen verliert.

Mitleid macht uns nicht gelassen, schließlich besagt es, dass wir leiden.

Du brauchst genau die Distanz, die den Leidenden gerade fehlt. Könnten sie diese Perspektive selbst einnehmen, wären sie augenblicklich vom Leid befreit. Aus Mitgefühl entsteht ein einfühlsames Dasein für andere, ohne das Leid zu zementieren. Deine Aufgabe ist es demnach, Starthilfe zu geben.

Weil geteiltes Leid langfristig doppeltes Leid ist, hinterfrage Folgendes:

  • Was braucht die Person, die leidet und was hilft ihr? Dein Leid – oder stillschweigende Umarmungen und/oder Lösungsvorschläge?
  • Wie lösungsorientiert kannst du selbst denken, wenn du leidest?
  • Welche Qualitäten besitzen die Menschen, die dir echten Trost schenken?

3. Mitfreude statt Neid

Schon das Wort ist eine echte Rarität. Mitfreude ist das Gegenteil von seinem viel beliebteren Gegenüber, dem Neid. Im Zeichen der Gelassenheit führt die Freude anderer zu eigener Freude. Das Gute daran ist: Wir müssen nicht einmal selbst dafür arbeiten!

Mitfreude, nicht Mitleiden macht den Freund.

– Friedrich Nietzsche

Durch Mitfreude kassieren wir einfach die Erfolge anderer, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Anderen geht dadurch nichts verloren, ganz im Gegenteil. Die Freude verdoppelt sich. Mitfreude gelingt uns allerdings zumeist dann, wenn das Glück jemanden trifft, der weniger hat als wir. Geht es darum, sich für die „Schöneren“ und „Erfolgreicheren“ zu freuen, wird das Eis schon dünner.

Statt dein Herz durch Neid einzufrieren, erwärme es mit den folgenden Fragen:

  • Schadet es dir eigentlich irgendwie, wenn andere Erfolg haben und wäre es nicht schöner, sich öfter aus tiefstem Herzen für andere zu freuen?
  • Warum fühlst du dich angesichts der Erfolge anderer wirklich klein und benachteiligt? Welche tieferliegenden Bedürfnisse stecken hinter deinem Neid?
  • Wen rufst du als erstes an, wenn dir etwas gut gelungen ist und wie schön wäre es, mehr solcher Menschen im Leben zu haben?

4. Gleichmut statt Gleichgültigkeit

Cool bleiben, aber wie? Die 4 Geheimnisse der Gelassenheit 2Die letzte Etappe der Gelassenheit ist der Gleichmut. Er ist der Joker, wenn es nicht so läuft, wie es laufen soll. Er erinnert uns daran, dass wir nicht permanent Friedenspfeifen rauchen müssen, um gelassen zu bleiben. Es kann ruhig einmal heiß hergehen, solange die innere Klarheit und Tatkraft dabei nicht flöten geht.

Gleichmut bedeutet nicht, dass uns alles egal ist. Er macht uns voll handlungsfähig, weil uns etwas so wichtig ist, dass wir aufhören, uns durch persönliche Befindlichkeiten selbst im Weg zu stehen. Je mehr unser Ego von etwas negativ betroffen ist, desto mehr lähmt es uns.

Gleichmut bringt uns zurück ins Jetzt, da wo wir hingehören, um etwas ändern zu können.

Er lehrt, dass Gelassenheit nichts mit externen Faktoren zu tun hat. Wenn du ihn kultivierst, kann dir keine äußere Ablenkung die Gelassenheit rauben.

Was passiert, wenn wir wütend sind? Wir fühlen uns kleiner als wir sind und vergessen, dass wir diese Macht besitzen. In der yogischen Kultur werden genau diese hitzigen Momente zum Selbstexperiment genommen.

Wenn du nächstes Mal wütend oder aufgebracht bist, frage dich:

  • Bist du dir gerade deiner Wahlmöglichkeiten bewusst?
  • Wie verändern sich deine impulsiven Emotionen, wenn du auf die Yogamatte steigst, durchatmest oder erstmal darüber schläfst?
  • Wie wenig verändert sich die Sache mit Abstand und wie sehr du selbst?

Dieser Moment des Bewusstseins ist der wichtigste. Auch wenn wir dann doch die schlechtere Wahl treffen! Alles Weitere kommt mit der Zeit von ganz alleine.

Der Gleichmut ist der letzte der vier Schlüssel zur Gelassenheit und wahrscheinlich auch der wichtigste, denn er setzt die gesunden Grenzen der ersten drei Bhavanas. In der Liebe bewahrt er uns vor Herzschmerz, beim Mitgefühl vor Leid und bei der Mitfreude vor Neid.

Das klingt leichter gesagt als getan?

Lass die Praxis der Brahmaviharas nicht in Stress ausarten, sondern übe einfach und nähere dich Stück für Stück, Situation für Situation, von Gefühlsmoment zu Gefühlsmoment. Erinnere dich immer wieder an die Fragen, die du dir zu jedem Gemütszustand gestellt hast.

Manchmal ist Anspannung notwendig, um Entspannung zu lernen. So, wie wenn du beim Yoga für die Löwenatmung dein Gesicht erst ganz fest zu einer Grimasse zusammen ziehst, um dann alles heraus zu lassen und zu entspannen.

Wie bleibst du gelassen? Ich freue mich über deine Erfahrungen im Kommentar!

Alles Liebe, deine Nancy

Titelbild © Valentina Yoga via Unsplash
Bild im Text © Kevin Bluer via Unsplash

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3 Kommentare / Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Nancy,

    danke für den schönen Artikel. Besonders viel konnte ich insbesondere aus dem Gedankengang, dass Liebe kein Tauschgechäft ist ziehen.

    Sehr inspirierend auch, da ich mich selber häufig mit dem Problem der eigenen Wut auseinandersetzen muss.

    Viele Grüße, Mali von Konträr

  2. Liebe Nancy,

    Ein sehr weiser, schöner und praktischer Artikel! Das ist ein Feld, auf dem ich noch viel an mir arbeiten möchte und Deine Fragen sind ein sehr guter Einstieg! Vielen Dank!

    Inspirierte Grüße
    Rike

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