Ruhe im Sturm: So behältst du jetzt den Boden unter den Füßen

Ich war froh, den Bus am Flughafen in Rio in letzter Minute erreicht zu haben: Die Türen waren schon geschlossen gewesen, ich durfte gerade noch einsteigen. Es war ein früher Freitagabend Ende Januar 2014, noch immer kitzelten sanfte 30°C meine Haut, in Berlin hatte ich bei Minustemperaturen das Flugzeug bestiegen. 

Ich war in Hochstimmung! Da saß ich also im „Fresquão“, dem AirConditioned-Bus vom Flughafen Galeão zur Stadtmitte Rio de Janeiros und fühlte mich sicher. Denn dieser Bus ist seltener und teurer als die Linienbusse – aber dafür schneller im Zentrum, und genau das wollte ich. Rio im Dunkeln, offensichtlich frisch angekommen mit großem Rucksack und blasser Haut, ist nämlich kein sicherer Platz, selbst mit Orts- und fließenden Portugiesischkenntnissen.

Die tief stehende Sonne tauchte den Bus in warmes Licht. Ich begann sofort ein interessantes Gespräch mit meinem Sitznachbarn, einem Brasilianer aus Ipanema, der seine Schwester zum Flughafen gebracht hatte und nun auf dem Weg zurück nach Hause war. 

Ich wurde aus der Unterhaltung gerissen, weil es plötzlich sehr laut und hektisch wurde. 

Ich wandte den Blick nach vorn. Dort sah ich, wie in Zeitlupe, ein Gewehr, silbern, gleißend, in der Abendsonne erstrahlen: Es war auf uns Insassen gerichtet. Ein zweiter Typ hielt vorn den Fahrer in Schach.

Um es vorwegzunehmen: Es ist alles glimpflich ausgegangen.

Niemand wurde getötet oder schwer verletzt, niemand wurde entführt. Das Folgenreichste, was mir passierte, war der Verlust meines gesamten Forschungs-Equipments (Computer, Telefon, Aufzeichnungsgerät) sowie der Möglichkeit, welches nachzukaufen (Kreditkarte), so dass die geplanten Interviews für meine Dissertation, Grund meiner Reise, schließlich sehr anders verlaufen sollten als geplant.

Es sollten allerdings die zwei bisher längsten und lehrreichsten Stunden meines Lebens werden.

Ich lernte über die unterschiedlichen Aspekte von Todesangst – und darüber, welche Macht wir haben, unsere Erfahrungen zu strukturieren.

In Extremsituationen verändert sich die Weise, wie wir unser Umfeld wahrnehmen.

In Momenten extremer Angst verändert sich unsere Wahrnehmung von Raum und Zeit, die Dimensionen verschieben sich. Das ist eigentlich ein fabelhafter Mechanismus: Angst macht wach und handlungsfähig. 

Vielleicht hast du schon einmal erlebt, wie du in Gefahrsituationen spontan zu ungeahnten Handlungen fähig warst, kräftemäßig über dich hinauswachsen konntest oder plötzlich noch genügend Zeit hattest, dich (oder jemand anderen) vor etwas zu retten, das in Sekundenbruchteilen geschah.

Für mich passierte dies in den ersten Augenblicken jener Entführung – noch heute erinnere ich mich an jeden Moment dieser scheinbar ewig dauernden Bewegung des funkelnden Gewehrs in der tiefstehenden Sonne, an das Geschrei der Entführer und der Mitreisenden. Es war, als würde  g a n z langsam zu mir durchsickern, was mir gerade geschah.

Das ist die Qualität von Angst: Indem sie dich über dich hinauswachsen lässt, kann sie dich buchstäblich retten. 

Allerdings kann auch das Gegenteil passieren, sobald dein Kopf sich einzuschalten beginnt und du versuchst, dieses überwältigende Gefühl irgendwie zu steuern: Also wenn du nicht weißt, wie du deine Angst frei fließen lassen kannst.

Ich nahm im Laufe der folgenden beiden Stunden wahr, wie die Menschen um mich herum entweder paralysiert waren oder sehr schnell und hektisch, fast fiebrig wurden: Sie wurden damit handlungsunfähig, verloren die Kontrolle über sich. 

Sie waren nicht mehr in der Qualität von Angst, sondern in der Reaktion auf sie: Panik. 

Die Beobachtung aus dem Bus überraschte mich nicht: Aus meiner persönlichen wie professionellen Erfahrung weiß ich, dass Menschen in Momenten extremer Angst oder starken Schmerzes oft unbewusst auf Reaktionsmuster zurückgreifen, die wir gelernt haben, als wir erstmals derart starken Gefühlen ausgesetzt waren: Weil diese Strategien damals erfolgreich waren. Sonst wären wir ja jetzt nicht mehr hier! 

Diese ersten Erfahrungen liegen meist im Kleinkindalter.  Und die damals entwickelten Antworten auf derartige Gefühle entsprechen folglich nicht unbedingt dem, wie sich erwachsene Menschen gerne verhalten möchten. In Extremsituationen laufen wir also oft auf Autopilot, und das fühlt sich meist nicht so gut und souverän an.

Durch meine Ausbildung in einem körperbasierten Ansatz hatte ich viel Wissen darüber, was ein gesunder Umgang mit dieser Extremsituation sein könnte. 

Ich wusste, wie sehr wir in Momenten von Konzentration, Anspannung und Furcht unsere Atmung verflachen, und dass mir dies nicht helfen würde, mein Gehirn mit Sauerstoff zu versorgen und meine Klarheit zu bewahren.

Ich wusste, dass Angst fließen muss, und dass es das Gesündeste wäre, dies zu erlauben, gar bewusst zu fördern.

Ich wusste, wie sehr Terror mit dem unteren Körperbereich assoziiert ist (hast du schon mal einen ängstlichen Hund gesehen, und wie seine Beine zitterten?), was wiederum mit unserem Fight or Flight-Mechanismus zu tun hat: Wir müssen in gefährlichen Situationen standsicher sein – oder schnell wegrennen können. 

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Während es um mich schrie, zeterte, hektisch und bedrohlich war, ging ich also nach innen.  

Ich fing an, tiefer zu atmen, jeden Zug ganz bewusst zu nehmen. Mit jedem Atemzug entspannte ich meinen Körper mehr. Ich fing daraufhin an zu schwitzen, meine Haut fühlte sich vibrierend, leicht und wach an: Da war sie, meine Angst, in all ihrer Macht und Qualität.

Ich atmete so, dass ich meinen Unterkörper mehr erreichte, ließ bewusst meine Beine los, mein Becken, den unteren Rücken. Ich fing an zu zittern, die Vibration breitete sich von den Beinen in meinem Körper aus.

Jedes Mal, wenn der Entführer in meine Richtung schaute, regelte ich die Stärke meines Zitterns etwas herab, um nicht seine Aufmerksamkeit zu erregen. 

Ich verbrachte die folgenden zwei Stunden zitternd, war dabei hellwach, schwitzend, hochkonzentriert. Es sollte sich später als das Gesündeste herausstellen, was ich hätte tun können.

Auch heute, im Angesicht der Corona-Krise, erleben wir eine Extremsituation.

Eine Pandemie bedroht uns, mit Todesnachrichten, Ausbreitungszahlen, Lockdown und wirtschaftlichen Folgen unbekannten Ausmaßes. Wir begegnen existenziellen Ängsten vor dem Verlust geliebter Menschen oder der eigenen finanziellen Sicherheit, sowie schmerzhaften Gefühlen von Ausgeliefert- und Abgetrenntsein.

Gerade jetzt brauchen wir, mehr denn je, einen gesunden Umgang mit Angst.

Wie geht es dir in dieser Zeit der Corona-Krise? Vielleicht hilft es, dir immer wieder bewusst zu machen, dass du dich objektiv in einer Extremsituation befindest – und dass dies in dir automatische alte Gefühle und Reaktionen auslösen kann, die nicht unbedingt mit deiner Realität zu tun haben:

Eine bewusste Rückbesinnung auf körperliche Qualitäten von Ruhe, Gelassenheit und innerer Stärke können dir helfen, bei dir zu bleiben, wenn dein Kopf anfängt, zu rasen. Dabei hilft dir die Qualität von Erdung.

Erdung: wie wir uns verankern können, auch wenn um uns alles wackelt.

Ähnlich wie die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) geht meine eigene Sicht auf Körperlichkeit (und auf das Leben allgemein) von verschiedenen Qualitäten (Elementen) aus, die im Gleichgewicht sein müssen, damit wir glücklich und kraftvoll sein können.

Die Erdqualität ist diejenige, die uns in existenziellen Momenten hilft. Es ist die Kraft des Überlebens, deswegen hat sie ganz viel mit elementaren Lebensfunktionen zu tun: Essen, schlafen, sich regenerieren, sich fortpflanzen. Sie ist außerdem mit unseren ersten Lebensjahren, mit unseren Knochen sowie mit dem Unterleib assoziiert. Etwas vereinfacht gesagt:

Wenn wir in den ersten Lebensjahren keine Sicherheit erfahren haben, haben wir eine weniger stabile Basis für unser späteres Leben. Wenn wir unsere Knochen brechen, ist das wesentlich dramatischer als eine Schürfwunde. Wenn wir Einschränkungen in den Beinen, Füßen oder dem Becken haben, stehen wir nicht stabil.

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Erdung ist Sicherheit und Stabilität: deine Basis für dein Wohlbefinden, selbst wenn es um dich herum wenig Halt gibt.

Gerade in Momenten von Angst und Instabilität kann also die Qualität von Erdung dafür sorgen, dass du dich dennoch stabil und sicher fühlst – in dir.

Du kannst in deinem Alltag deine Erdung pflegen, indem du auf Folgendes achtest:

  • Mit allen Sinnen genießen und dich spüren: Bade ausgiebig, massiere dich mit Öl, nimm bewusst Geschmäcker, Gerüche und Geräusche wahr, kultiviere deine Sinnlichkeit. Höre deine Lieblingslieder und tanze dazu.
  • Deinen Unterkörper spüren: Massiere deine Füße, bewege deine Beine täglich ausgiebig, indem du joggst oder lange spazieren gehst, pflege deine Sexualität.
  • Ausruhen und regenerieren: Erledige Dinge in deinem eigenen Tempo, gönne dir regelmäßige Pausen, nimm dir genügend Zeit zum Schlafen. 
  • Atmung: Nimm dir immer wieder Momente bewussten Atmens; zur Beruhigung des parasympathischen Nervensystems kannst du die Ausatmung länger sein lassen als die Einatmung. Durch Atmen in den Unterbauch kannst du zudem die Verbindung zum Unterkörper stärken.
  • Erdendes Essen: Iss mit Zeit und immer wieder bewusst nach deinen Bedürfnissen, die sich auch im Laufe deines Zyklus verändern können. Besonders erdend sind Nahrungsmittel, die warm und nährend (Getreidebreie, gekochtes Obst und Gemüse), sowie idealerweise in oder auf der Erde gewachsen sind (rote Beete, Karotten, Pastinaken, Kürbis).
  • Decluttering: Entrümpele bewusst dein Leben – sowohl physisch als auch emotional. Verabschiede alles, was dich belastet oder unterschwellig aufwühlt.

Mit diesem kurzen Trainingsset nach meinem Mindful-Embodiment-Ansatz kannst du noch mehr deine Erdung trainieren:

  • Gehe im Raum umher. Gehe zwei Minuten lang wie immer, beobachte deine Empfindungen, ohne irgendetwas zu verändern. Welche Bereiche deines Körpers spürst du und wie? Wo gibt es Anstrengungen, kannst du sie loslassen?
  • Anschließend gehe vier Minuten lang auf unterschiedlichen Bereichen deiner Sohlen und achte darauf, was das jeweils im restlichen Körper macht: Je eine Minute auf den Zehen, den Fersen, den Innen- und Außenseiten der Füße
  • Drei Minuten im Stehen oder Liegen: Atme in den Unterbauch, beim Ausatmen machst du einen lauten Ton (“Mmmh”). 
  • Fünf Minuten im Stehen: Spüre deine Fußsohlen, Beine, Knie, Becken, Unterbauch. Erlaube leichte Bewegungen im Körper und spüre deine Verbindung zum Boden und wie er dich trägt.

Jetzt frage dich: Wie fühlst du dich nach dieser kurzen Sequenz?

Ich fühlte mich am Ende wie mitten in City Of God. 

Nach etwa zwei Stunden Fahrt hielt der Bus auf Anweisungen der Entführer, die Jungs gaben den verdatterten Personen in der ersten Reihe ein High Five, verließen dann singend den Bus und rannten, voll bepackt, den Hügel hinauf, um in ihrer Favela zu verschwinden.

Die Bustüren schlossen sich wieder – wir waren frei! 

Alle fingen, plötzlich erleichtert, hysterisch an zu weinen oder gar aufzuschreien. Alle außer mir: Ich hatte mich vorher ja schon durchgeschüttelt und meine Spannungen permanent entladen. Der Bus fuhr zurück zum Flughafen, es war bereits vollkommen dunkel. 

Von dort reisten alle getrennt weiter zu ihren Zielen – Fernando brachte mich unglaublicherweise noch ins Zentrum („Da kannst du jetzt mit deinem Rucksack unmöglich alleine rumlaufen“).

Ich war durchgeschüttelt – tief berührt und gezeichnet von dem Erfahrenen. Doch ich fühlte mich klar und emotional integer. Ich war hellwach, immer noch zittrig und spürte sehr stark meinen Körper. In dieser Nacht schlief ich tief und lange, gönnte mir Ruhe. 

Ich wachte am nächsten Tag erholt auf und verbrachte danach noch vier inspirierende Wochen in Brasilien: Mit geliehenem technischem Equipment und ansonsten mit handschriftlichen Aufzeichnungen meiner Interviews.

Bis heute habe ich kein einziges Mal von dieser Entführung geträumt, kann entspannt Busse benutzen und begeistert brasilianische Filme schauen.

Und zudem habe ich die stärkende Gewissheit, dass ich über meine Integrität entscheiden und mich auf meinen Körper verlassen kann – egal wie sehr es im Außen stürmt.

Dafür bin ich zutiefst dankbar.

Ich wünsche dir viel Erdung und Gelassenheit in dieser Zeit,

Stella

Titelbild © Caro Petri via Unsplash

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