Yoga- und Kampfkunstlehrer Jang-ho Kim: „Ich lernte schon früh, dass alles möglich ist“

Ich habe Jang-ho Kim schon öfter getroffen und jedes Mal war ich fasziniert davon, wie unfassbar ruhig er ist und wie viel Herzenswärme er ausstrahlt. Irgendetwas muss dran sein an dem Chi, das er bewegt und an seiner Qi-Gong Praxis, die er auch in seine Yogastunden hineinfließen lässt.

Denn Jang-ho läuft nicht einfach so durch einen Raum, sondern er gleitet; dabei fliegen ihm die Sympathien nur so zu, er trägt nicht nur ein Lächeln auf den Lippen, sondern auch im Herzen. Neugierig geworden, habe ich nicht nur mit Jang-ho praktiziert und tatsächlich das Kribbeln gefühlt, als wir energetisch unsere Arme in der Praxis ausstrichen, sondern auf der Yoga Conference in Hamburg auch die Chance genutzt, ihn zu interviewen.

Jang-ho, bitte verrate mir das Geheimnis: Wie schaffst du es, so ruhig zu sein?

Ich fühle mich wohl in meinem Körper und in meinem Leben. Das kann helfen, ruhiger zu sein und zu wirken. Klappt aber auch nicht immer (lacht).

Ich war beeindruckt von der Reinigungsübung am Ende deiner „May your force be with you“-Stunde. Ich konnte wirklich spüren, wie ich den Energiekörper bewege, meine Härchen auf den Armen haben sich aufgestellt. Was war dein eindrücklichstes Erlebnis dieser Art und wie hat es dich verändert?

Als ich elf Jahre alt war, stand ich in einer Übung ähnlich wie der Blitz (Utkatasana) bis zu 90 Minuten. Der Qi-Gong Meister hatte uns durch bestimmte Energiepunkte geführt. Die ersten 15 Minuten waren die reinste Qual, aber nach einer gewissen Zeit war ich so ruhig und friedvoll. Dieses Gefühl begleitet mich immer wieder.

So eine ähnliche Erfahrung habe ich schon als Kind im Zen Retreat gemacht. Es ist schon ein Segen, wenn man solche Erfahrungen in jungen Jahren machen darf. Man weiß dadurch früh, dass alles möglich ist!

Wie bist du überhaupt zum Kampfsport gekommen?

Mein Vater war schon ein Großmeister im Tae Kwon Do und vor allem war er in der Spezialeinheit bei der koreanischen Marine. Ihm war es extrem wichtig, dass seine beiden Söhne sowohl körperlich als auch geistig Disziplin erfahren.

Als ich sieben war, waren mein Vater und mein Bruder meine ersten Lehrer. Unser Vater brachte uns zudem zu einem Qi-Gong Meister und schickte mich auch zu einem Zen Meister in ein Zen Retreat, das so ähnlich abläuft wie ein Vipassana Retreat.

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War das schwierig für dich? So viel Disziplin so früh? Wie handhabst du es mit deinen eigenen Kindern?

Ja. Ich hatte so viel Ehrfurcht vor meinem Vater, dass seine Worte für mich wie Gesetze waren. Erst mit Anfang, Mitte zwanzig fand ich zu einem lockereren Umgang mit mir selbst und meinen strengen Regeln, die ich mir selbst auferlegt hatte. Mit meinen Kindern mache ich so viele Witze, wie es uns die Zeit erlaubt (lacht). Dennoch: Ein bisschen Disziplin kann nicht schaden.

Was haben dich die verschiedenen Kampfsportarten wie Taek Kwon Do, Zen und Qi-Gong gelehrt?

Die Kampfkunst hat mich gelehrt, beharrlich meinen Weg zu gehen, und mir gezeigt, dass eine gute körperliche Ertüchtigung eine Grundlage für alle Wege ist. Qi-Gong ist für mich die Arbeit mit der Energie und das Erkennen, dass alles möglich ist, wenn die Konzentration auf Energie und die Technik vorhanden ist.

Der Zen-Buddhismus hat mir die Welt der Meditation geöffnet. Insbesondere die Koans (Zen-Rätsel), und Zazen zeigten mir eine ganz neue Welt hinter der Fassade.

Durch Yoga fand ich schließlich die Leichtigkeit und einen Weg, alles zu verbinden, was für mich bis dato als getrennte Welten existierte.

Wie bist du denn überhaupt ans Yoga geraten?

Yoga- und Kampfkunstlehrer Jang-ho Kim im Interview 1Zum Yoga kam ich durch meinen Bruder, der mich unbedingt für dafür begeistern wollte. Die ersten Kontakte mit Yoga waren für mich, sagen wir, „in Ordnung“. Die große Liebe zum Yoga und vor allem zum Unterrichten habe ich bei David Swenson entdeckt.

Bei ihm hat es mich richtig gepackt. Ich hatte jedoch kein Geld als Student und ich bin damals von meinem Bruder unterstützt worden, damit ich die Ashtanga Lehrerausbildung für die erste Serie bei David absolvieren konnte.

Bist du dann weitergegangen im Ashtanga? Hast Du eine klassische 200h-Ausbildung angeschlossen?

Die einzige Ausbildung, die ich zum Yogalehrer absolviert habe, ist die „50h Ashtanga Yoga Teacher Training for the Primary Series“ bei David Swenson. Ich habe keine klassischen 200h- oder 300h-Ausbildungen genossen.

Für mich sind die Grundlagen in der Kampfkunst oder im Qi-Gong die gleiche Basis wie im Yoga. Wir bewegen den inneren Körper, nur in der „Oberfläche“ drückt es sich anders aus. Schon mit 14 habe ich Tae Kwon Do unterrichtet, daher war der Transfer zum Yogaunterricht schnell und einfach für mich.

Die Basis für die Anatomie und  Physiologie habe ich durch mein Studium an der Deutschen Sporthochschule in Köln erworben und habe mich dadurch sehr sicher gefühlt. Aber ich hatte und habe viele großartige Lehrer, bei denen ich Workshops besuchen durfte und natürlich bilde ich mich immer weiter fort. Das Lernen hört nie auf.

Was hat dich so am Yoga fasziniert, dass du es jetzt hauptsächlich unterrichtest?

Yoga schafft es, die Menschen zusammen zu bringen statt gegeneinander. Das ist magisch!

Wie findet sich deine Kampfsport-Erfahrung ganz persönlich in deiner Yoga-Praxis wieder?

Fokussieren und die Geduld wahren, das  sind die Tugenden, die mir in allen Lagen geholfen haben. Es hilft sehr, auf der Yogamatte auf sich selbst mit Besonnenheit einzugehen. Klappt leider nicht immer im Alltag mit meinen Kindern.

Ich war fasziniert von den Qi-Gong Elementen in deinem Unterricht. Insbesondere das Arm ausstreichen ohne den Arm überhaupt zu berühren hatte einen riesigen Effekt bei mir. Wie bist du darauf gekommen, diese Elemente einzubauen?

Ich muss ganz ehrlich sagen: Ich bin nicht der Erste und auch nicht der Letzte, der Qi-Gong Elemente im Yoga einbaut. Aber ich habe Freude am Kreieren und ich finde es einfach eine wunderbare Ergänzung.

Zunächst waren es nur einleitende Übungen, um anzukommen und um die Gelenke zu mobilisieren. Mit der Zeit fand ich mehr Gefallen daran, beides weiter zu vermischen, Synergien zu schaffen und in der Tat ist es eine schöne Erfahrung für viele meiner Teilnehmer geworden. Und natürlich auch für mich.

Kannst du Unterschiede beobachten, wenn Kampfkunstelemente sich in deinen Yogastunden wiederfinden, im Gegensatz zu reinen Yogaklassen?

Ich denke, dass ich als Mensch immer bestimmte Energien in mir trage, so dass jede Stunde eine Mischung ist aus allem, was ich bislang erfahren durfte – unabhängig von den Bewegungen.

Mich haben schon einige Teilnehmer angesprochen, ob ich vorher Kampfkunst gemacht habe, weil meine Art zu unterrichten sie daran erinnern würde. Auf körperlicher Ebene kann man sagen, dass es eindeutig schweißtreibender ist, wenn Kampfkunstelemente hinzugefügt werden.

Siehst du Gemeinsamkeiten in der Yogaphilosophie und Kampfkunstphilosophien?

Sehr viele! In beiden Wegen erkenne ich das Einswerden mit sich und mit allem als Ziel. Das Ying & Yang als Einheit zuzulassen bedeutet auch, das eigene Ego zu transformieren statt es zu ignorieren oder zu bekämpfen. Diese Transformation geht über den Weg des Annehmens und Loslassens mit jedem Atemzug. Leben und Sterben mit jedem Atemzug.

Du bist bekannt für dein großes anatomisches Wissen. Warum fasziniert dich die Anatomie des Körpers?

Ich freue mich, wenn man so über mich spricht, aber ich denke, es gibt andere Lehrer mit tieferem anatomischen Wissen. Jede*r Yogalehrer*in sollte ein solides anatomisches Wissen haben, um die Menschen gesünder zu bewegen. Außerdem macht es Spaß, mehr über die „Faszination Körper“ zu erfahren.

Die Grundlagen der Anatomie habe ich in meinem Sportstudium erworben. Danach habe ich viele Workshops anderer Lehrer besucht und vor allem durch Selbstexperimente konnte ich einiges erfahren. Es ist etwas anderes, tatsächlich zu fühlen oder nur in Büchern herum zu blättern. Das Gefühlte macht mir persönlich mehr Freude als es bei den Vorstellungen zu belassen, vermutlich kommt das rüber.

Was ist dein wichtigster anatomischer Tipp für die Yogapraxis?

Die Gelenke „lebendig“ zu halten. Damit meine ich, passend zu beugen statt immer strecken zu wollen. Als Beispiel: Viele Yogis wollen beim herabschauenden Hund die Beine strecken. Dabei ist es viel angenehmer, die Knie gebeugt zulassen. Somit wäre das Becken bewegungsfähiger und die Wirbelsäule kann dadurch die individuell gesündere Ausrichtung erfahren.

Du schreibst, dass in deinen Stunden die Inhalte des Yoga in einer Art Poetry Slam den Teilnehmer*innen näher gebracht werden.  Du hast Rhythmus, mal unterrichtest du im Stakkato, lässt Metaphern einprasseln, mal ist es still und leise, dazwischen lustig und selbstironisch. Wie und warum hast du diesen Stil entwickelt?

Menschen mögen Geschichten und Gedichte. Ich mag Geschichten und Gedichte. Anfang 2016 sagte mir eine Teilnehmerin, dass ich beim Unterrichten so spräche als ob ich einen Poetry Slam vortragen würde.

Bis zu dem Zeitpunkt hatte ich kaum Berührungspunkte mit der Welt des Poetry Slams. Ich fand immer mehr Gefallen daran, meine Anleitungen und die Philosophie auf diese Art und Weise zu vermitteln und lasse mich manchmal mitreißen. Für mich ist unterrichten ein „im Fluss sein“.

Ganz zum Schluss: Warum bewegt dich Yoga?

Es gibt zu viele Gründe dafür. Ich mach es kurz: weil Yoga einfach GEIL ist!

Danke, Jang-ho!

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Fotocredit: Simone Leuschner

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