Weihnachten im Van? Über Familie, Rollenbilder und Entscheidungen

Seit einem halben Jahr leben wir nun im Van und sind mittlerweile in Portugal angekommen, um hier zu überwintern. Meistens leben wir von Tag zu Tag, von Moment zu Moment, die Weihnachtsplanung schieben wir dabei schon eine ganze Weile vor uns her. 

Wenn uns das Vanlife bisher eines gelehrt hat, ist es, dass es doch oft anders kommt als geplant.

Und, dass es uns am besten geht, wenn wir erst gar keine konkreten Pläne machen. Weihnachten ist für uns immer ein Fest der Familie gewesen und auch wenn wir nun unsere eigene kleine Familie sind, gibt es für uns durchaus Menschen außerhalb unserer Ehe, die wir zu unseren Liebsten zählen. 

Stefan hat Weihnachten bisher noch nie ohne seine Mutter gefeiert und erst letztes Jahr haben wir unser erstes Weihnachten als Ehepaar gefeiert. Auch das war schon eine kleine Herausforderung, weil sich plötzlich ganz andere Fragen stellten. Wir entschieden uns, getrennt zu feiern und uns danach zu treffen, weil keiner von uns die eigene Familie im Stich lassen wollte. 

Dann bat mich mein Dad einige Tage vor Heiligabend, ein Video über die Weihnachtstradition unserer Familie für die Tochter einer englischen Kollegin zu machen. Was eine Minute dauern sollte, dauerte letztendlich eine geschlagene Stunde. Stolz schickte ich das Video, in dem ich vom Schmücken des Baums, der Feuerschale und dem Whiskey-Tasting erzählte, schließlich an Stefan. 

Die Vorstellung an dieses lebhafte Weihnachten mit der ganzen Familie löste in ihm eine Sehnsucht nach einem geselligen Fest aus.

Dank der Offenheit meiner Mutter, die meine neue Familie mit großer Selbstverständlichkeit einlud, warfen wir kurzerhand alle bisherigen Pläne über den Haufen. Wir buchten ein Hotel für meine Schwiegermama und feierten gemeinsam Weihnachten. 

Eigentlich wusste ich erst gar nicht, was ich in einem Video über unsere Tradition erzählen sollte, die es erst gibt, seit mein Bruder, meine zwei Cousins und ich Mitte 20 und nicht mehr für Auslandssemester oder Weltreisen auf dem Globus verteilt sind. Vielleicht hängen wir gerade deshalb so sehr an diesem Familienfest, an dem wir alle zusammen kommen, bis in die Nacht lustige Spiele spielen, am Feuer sitzen und über Gott und die Welt reden. 

Wir lassen sogar eine wirklich alte Familientradition wieder aufleben und tragen Gedichte vor, lesen Geschichten und singen, wie damals, als wir noch Kinder waren und ich im Engelskostüm unter dem Weihnachtsbaum saß.

Je näher der 24. Dezember rückt, desto öfter werden wir gefragt, wie unsere Pläne aussehen und ob wir wirklich nicht kommen wollen.

Besonders bei meinen Großeltern wird mir das Herz bei diesen Fragen schwer. Denn auch wenn meine Oma tapfer erklärt, dass es ja heute Internet und Telefon gibt und sie auf der Landkarte immer ganz fleißig verfolgt, wo wir uns gerade befinden, kann ich ihr auch die Enttäuschung darüber anhören, dass ihre einzige Enkelin nicht dabei sein wird. 

Sollten wir unseren Van Emil unterstellen und für Weihnachten nach Deutschland fliegen?

Die Entscheidung haben wir uns nicht leicht gemacht und hitzig diskutiert. Plötzlich waren nicht nur Themen wie Familie, Zusammenhalt und Verbundenheit auf dem Tisch, sondern auch unser ökologischer Fußabdruck und die Sicherheit unseres treuen Reisegefährten, in dem wir fast alles mit uns herum fahren, was wir besitzen. 

Wir hatten gerade die Pyrenäen auf dem Weg von Frankreich nach Spanien überquert und die Nacht an einem eisigen Gebirgsbach verbracht. Nun saß ich auf den Felsen, dachte darüber nach, was ich wollte und spürte eine tiefe Traurigkeit, aber auch Wut und Verzweiflung in mir aufsteigen. 

Diese heftigen Gefühle überraschten mich. Es wäre nicht das erste Mal, dass ich Weihnachten nicht mit meiner Familie verbringen würde. Auch während meines Auslandssemesters in Kalifornien war ich an Weihnachten nicht Zuhause. Die Frage hatte sich einfach nicht gestellt, weil ich auf der anderen Seite des großen Teichs war. Schon früher habe ich es als selbstverständlich empfunden, dass ich Heiligabend mit meiner Familie verbringe, trotz Partner. 

Was ist überhaupt selbstverständlich? Diese Frage stelle ich mir mittlerweile sehr oft.

Es gibt so viele Dinge, die wir aus Gewohnheit tun, aber tun wir sie auch aus Freude? Tun sie uns gut, nur weil sie uns zur Gewohnheit geworden sind? Emil in Portugal zurückzulassen, nach Deutschland zu fliegen, um wenige Tage mit der Familie zu verbringen, würde für uns in jedem Fall auf verschiedenen Ebenen Stress bedeuten. 

Als ich meinen Gefühlen mit Neugier und Offenheit begegnete, merkte ich, dass sich hinter der Traurigkeit, den Tränen, dem Herzrasen und der Wut Angst versteckte. Angst, meinen Rollen innerhalb der Familie nicht gerecht werden zu können: Ich bin die einzige Tochter, Schwiegertochter, Schwester, Enkelin, Cousine und Nichte. Ich bin die Älteste, die Lauteste, die Entertainerin. 

An jede dieser Identitäten sind Erwartungen geknüpft, die mit der tiefen Angst verbunden sind, nicht liebenswert zu sein, wenn ich sie nicht erfüllen kann. Ich machte mir Sorgen, vielleicht das letzte Weihnachten mit meinen Großeltern zu verpassen und auch, dass Weihnachten ohne uns für die anderen nicht so schön und lustig werden würde. 

Als Jugendliche und junge Frau hatte ich zeitweise ein eher schwieriges Verhältnis zu meiner Familie.

Seit ich Verantwortung für mich selbst und mein Leben übernehme, sind wir enger zusammen gewachsen. Ich hatte auch Angst, der Verbundenheit mit meiner Familie zu schaden, wenn wir an Weihnachten nicht dabei wären.

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Mir wurde bewusst, welche Last ich mit mir herum trage. Ich spürte förmlich das Gewicht auf meinen Schultern und den Knoten in meiner Brust.

Ich weinte, um mich selbst, mein inneres Kind und seine Angst und um meine Familie. Stefan ging es ähnlich und es tat gut, unsere Ängste miteinander zu teilen und alle Gefühlen wirklich zu fühlen, um dann gemeinsam eine Entscheidung zu treffen, die von Herzen kommt.

Dieses Jahr verbringen wir also unser erstes Weihnachten im Van und unser erstes Weihnachten alleine als Ehepaar. Ein Weihnachten, an dem wir ganz bewusst alte Rollen und Identitäten loslassen, um mehr Raum zu schaffen, für die Menschen, die wir wirklich sind. Wir haben immer noch keine Pläne für den Weihnachtsabend, aber wir sind sicher, dass wir so feiern werden, wie es uns guttut. 

Wir werden die Gelegenheit nutzen, dieses aufregende Jahr mit einer Hochzeit, einem Umzug in den Van und so vielen Abenteuern zu zweit zu reflektieren.

Wir wollen das Jahr mit einem Ritual beenden, das uns und unserer Spiritualität entspricht. Nicht nur für uns, sondern auch für unsere Familien. Wer weiß, vielleicht werden sich ganz neue Dynamiken ergeben, weil wir nicht da sind, um all unseren Rollen gerecht zu werden. Und nächstes Jahr werden auch wir sicherlich wieder dabei sein. Nicht aus Pflichtgefühl, sondern aus einem ehrlichen Wunsch nach familiärer Verbundenheit und aus Dankbarkeit darüber, dass wir so eine wunderbare Familie haben. 

Kleiner Nachtrag: Mittlerweile ist uns ein Haus an der Algarve mitten in der Natur in den Schoß gefallen, das wir sogar kostenlos für zweieinhalb Monate bewohnen dürfen. Die Weihnachtspläne haben sich damit ganz von alleine ergeben und wir haben einmal mehr gemerkt, was für wunderbare Gelegenheiten sich ergeben, wenn wir uns dem Leben öffnen, statt zu viel zu planen.

Wie feierst du Weihnachten? Erfüllst du bisher auch Rollen, die du dieses Weihnachten aufbrechen möchtest?

Ich freue mich auf deine Gedanken in den Kommentaren.

Deine Josefine 

Fotos © Stefan Weichand

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3 Kommentare / Schreibe einen Kommentar

  1. Ich finde das super! Es ist sicher keine leichte Entscheidung aber ihr steht für euch ein und das ist mutig! Können sich viele eine Scheibe von a.bschneiden :)

    1. Hi Peter, die Großeltern fliegen nicht mehr und freuen sich für uns. Umso mehr freuen wir uns alle, dass es wieder einen Anlass gibt, im Frühjahr zusammen zu kommen. Liebe Grüße, Josefine

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