The Buddhafield: Zwei Wochen im OSHO International Meditation Resort in Pune

“Pune, da ist doch auch der Ashram von dem Sexguru, dem Bhagwan. Fährst da auch hin?”, fragte mich mein Vater als ich ihm die Reiseroute für meinen geplanten Indientrip darlegte. “Ja genau, Papa, deshalb fahr ich ja nach Pune.” 

Der ehemalige Ashram des Mystikers Bhagwan Shree Rajneesh, heute besser bekannt als Osho, ist sagenumwoben.

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© OSHO International

Meist ranken sich die Geschichten um den Aidstest, ohne den man nicht in den Ashram kam, wilde Sexorgien, die Rolls Royce Flotte des Gurus oder die frühen Encounter-Gruppen, Selbsterfahrungs-Gruppen, deren Teilnehmer*innen auch mal mit Knochenbrüchen und Blutergüssen aus den Therapie-Sessions kamen.

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Pune 1, so werden die ganz frühen Zeiten im Ashram von den Eingeweihten bezeichnet, ist lange vorüber.

Meinem Vater versichere ich, dass sich vieles geändert habe seit damals in den 70er Jahren der umstrittene, indische Guru Bhagwan von sich reden machte.

Der Ashram ist inzwischen ein internationales Meditations-Resort.

Körperarbeit, Meditationen und Therapie-Gruppen werden von renommierten, sehr erfahrenen Therapeut*innen angeboten, die nicht nur in Pune, sondern auf der ganzen Welt arbeiten. Selbst der Aidstest wurde von der indischen Regierung abgeschafft. Er verstößt gegen das Anti-Diskriminierungsgesetz.

Ich bin unheimlich neugierig auf den Ort, den meine beste Freundin Laura als “einen der nicesten Orte der Welt” bezeichnet.

Seit vielen Jahren verbringt Laura den Winter im Resort. Laura ist Sannyasin oder genauer gesagt Neo-Sannyasin. Sannyasins sind die Anhänger*innen von OSHO, was viel esoterischer klingt als es ist.

The sannyas movement simply means the movement of the seekers of truth. OSHO 

Laut Osho sind Sannyasins Menschen, die nach der Wahrheit suchen. Man kann Sannyas nehmen und es wieder ablegen, wenn man nicht mehr Teil der Bewegung sein möchte. Es gibt nicht einmal ein festgelegtes Initiationsritual, nur einen spirituellen Namen, den man sich sogar selbst aussuchen kann. (siehe neosannyas.org)

Suche nach der Wahrheit. Das gefällt mir. Ob ich sie auch finden würde, sollte sich noch rausstellen.

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Im Morgengrauen und völlig geplättet vom langen Flug steigen wir in Pune aus dem Taxi. Vor mir ein Tor, bewacht von indischer Security, auf dem in großen Lettern OSHO International Meditation Resort prangt. Endlich da!

Ich habe 14 Tage Living In gebucht. Das heißt, man wohnt auf dem Gelände, auf dem die Meditationen und Gruppen stattfinden. In meinem Paket sind sechs Tage Selbsterfahrungsgruppe oder zwölf Einzelsessions mit den Therapeuten vor Ort inklusive.

Mein Start mit Osho ist etwas holprig.

Als newbie darf ich nicht einfach aufs Gelände und mein Zimmer beziehen. Laura schon. Sie ist ja returner. Ich soll bis um 9.15 Uhr warten. Da öffnet das Welcome Center, wo man mich mit allen Informationen rund um das Resort versorgen wird. Es ist noch nicht einmal sechs, ich will nur noch schlafen und bin kurz davor, den indischen Security-Guy anzubrüllen.

Durch eine Aneinanderreihung glücklicher Umstände – Indien ist immer unberechenbar – schaffe ich es doch in mein Zimmer und penne wie ein Stein. Genau zwei Stunden, denn ohne die Registrierung beim Welcome Center kann ich auf dem Gelände nichts machen.

Der Check-In-Prozess ist mit Jetlag und dem Wirrwarr im Welcome Center eine kleine Herausforderung.

Dank Lauras Hilfe bin ich wenig später in Besitz des Tagespasses, der mich zum Aufenthalt auf dem Gelände berechtigt. Außerdem bin ich eingedeckt mit Essensmarken – auf dem Gelände zahlt man auf Hygienegründen nichts mit Geld – weiß, wo ich meine Wäsche waschen kann und stecke in einer der dunkelroten Roben, die ich in der Boutique auf dem Gelände gekauft habe.

Tagsüber und zu den Meditationen haben alle Menschen im Resort Roben an.

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Einfache, lange Kleider. Tagsüber ist die Farbe der Wahl maroon bzw. dunkelrot. Abends zum Evening-Meeting wechselt man zur weißen Robe, danach sind normale Klamotten okay. Ein Aushang in der Boutique verrät mir auch, warum.

These robes have nothing to do with sannyas; it has to do with the energy of the buddhafield. There is a special purpose which you might not be aware of, but it will become apparent as soon as everyone is in maroon. (…) The maroon colour joins people’s energies.
OSHO

Am Anfang irritiert mich die Eso-Uniform ein wenig. Wenn alle das Gleiche tragen, fällt es schwerer, Menschen einzuordnen. Das gewohnte Schubladendenken funktioniert nicht. Im zwischenmenschlichen Kontakt ist man so sofort eine Ebene tiefer. Eigentlich schön.

Trotzdem überlege ich, wie ich meine Robe aufhübschen kann. Accessoires? Schuhe? Lippenstift? Ich will etwas Besonderes, gut aussehen. Doch wirklich Zeit, mich mit meinem Style zu beschäftigen, habe ich nicht. Es ist einiges los auf dem buddhafield.

Das Leben im Resort ist eingebettet in die drei OSHO Hauptmeditationen: Dynamic, Kundalini und das Evening Meeting.

Morgens um sechs startet der Tag mit der Dynamischen Meditation. Eine Stunde atmen, austoben, hüpfen, meditieren und tanzen. Nicht jede*r schält sich um diese Zeit aus dem Bett, ich mag die Dynamische aber und finde, dass das gute Gefühl danach das frühe Aufstehen wert ist.

Die Schwestermeditation der Dynamischen, die Kundalini, findet um viertel nach vier statt. Obwohl die Kundalini Meditation meine liebste OSHO Meditation ist, lasse ich sie manchmal ausfallen. Um diese Zeit kommt die Sonne am Pool so schön durch die hohen Bäume. Mein Körper sehnt sich nach Licht und den maroonfarbenen Bikini habe ich schließlich nicht umsonst gekauft.

Lesetipp für alle, die mehr über die OSHO Meditationen wissen wollen: OSHO – das blaue Meditationsbuch (Affiliate-Link*)

Neu ist für mich das Evening Meeting. Das wichtigste Event des Tages. Es sieht schön und sehr mystisch aus, wenn um 18:40 Uhr all die weiß gekleideten Menschen in der schwarzen Pyramide, dem Versammlungsort, verschwinden. Erst wird getanzt, dann meditiert und dann gibt es den allabendlichen OSHO discourse. Da Osho seit 1990 nicht mehr in seinem physischen Körper weilt, muss man mit einem Video vorlieb nehmen.

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Ich mag die Stimmung beim Evening Meeting. Irgendwie heilig und doch voller Lebensfreude. Im Schutz der Dunkelheit lässt es sich während des Talks auch wunderbar ein wenig schlafen.

Wer mag, kann sich den ganzen Tag mit den eigenen inneren Frieden beschäftigen.

Ein kleines weißes Booklet gibt Auskunft darüber, was sonst im Resort ansteht: Selbsterfahrungs-Gruppen, Abendveranstaltungen und viele verschiedene Meditationen: Chakra Breathing, Vipassana oder Whirling zum Beispiel. Es gibt sogar einen Tennisplatz. Dort spielt man allerdings nicht Tennis, sondern Zennis. Ich lache mich tagelang über diese Wortschöpfung kaputt.

Besonders beliebt ist die Dance Celebration auf der Buddha Grove, einem großen Platz mit weißem Marmor-Boden, auf dem Osho früher seine Lectures hielt. Jeden Tag um 10:45 legt irgendjemand aus dem Resort dort auf. Musikrichtung egal, Hauptsache Beat. Willkommen im Ferienlager!

 

Für all das habe ich in der ersten Woche überhaupt keine Zeit.

Drei Tage nach Ankunft startet meine Pulsation-Gruppe “De-armoring the heart” mit Prabodhi, einer Hamburger Therapeutin, die mit bürgerlichem Namen Greta Mildenberg heißt. Fünf Tage Gruppentherapie mit Körperarbeit. Ich kenne Prabodhi schon aus Berlin und habe mich deshalb ohne zu zögern angemeldet.

Die Pulsation-Arbeit geht auf die Lehre von Wilhelm Reich zurück: “Die Pulsation, also die Kontraktion und die Expansion, ist eines der grundlegenden Prinzipien in der reichianischen Arbeit”, erklärt mir Prabodhi. “Wenn wir Gefühle unterdrücken, Angst oder Wut, aber auch Lust und Lebendigkeit, dann beginnen wir uns zusammenzuziehen. Dieses Verhalten lernen wir schon in frühester Kindheit. Passiert das einmal, ist das kein Problem, aber wenn es zur Gewohnheit wird, wird die Kontraktion in Atmung und Muskulatur chronisch. Dieses innere Zurückhalten nennt Wilhelm Reich Muskel-Panzerung.”

Der Clou: Unter der Panzerung schlummert die Lebenskraft, unser Energiepotential.

“Wenn wir die Panzerung lösen, dann können wir aus dem Kern heraus leben” , sagt Prabodhi. “Nicht neurotisch werden, sondern einen einheitlichen Ausdruck in unserem Denken, Fühlen und Handeln finden.”

Diese Lebenskraft will ich anzapfen, ich will auch aus meinem Kern leben. Ich stelle mir vor, wie es sich anfühlt, voll entspannt durchs Leben zu pulsieren.

Pulsation com Prabodhi

Schon bei der Info-Veranstaltung zur Gruppe wird mir klar: Der Weg dorthin wird kein Spaziergang.

Als Vorgeschmack auf die Gruppe leitet Prabodhi uns durch verschiedene Übungen. Fast alle in Kontakt mit anderen Menschen: Atemübungen, Berührung, tanzen, sich in die Augen kucken.

In mir kommen Widerstände hoch. Das hier ist anders als die Gruppen, die ich bisher gemacht habe. So sehr ich mich auf alles einlassen möchte, so sehr möchte ich wegrennen. Alles, was ich denken kann, ist: Scheiße, diese Frau lässt mich nicht vom Haken, das hier wird krass.

Auf der anderen Seite bin ich so fasziniert von der Lebensfreude und der Klarheit, die Prabodhi ausstrahlt, dass Wegrennen keine Option ist.

Die kommenden fünf Tage gehe ich durch alle erdenklichen Gefühls- und Gemütszustände.

Ich heule, ich lache, ich zerreisse Kissen und liege wildfremden Menschen in den Armen. Ich träume verrücktes Zeug, habe Kopfkino vom Feinsten und bin vor allem eines: verwirrt.

Mein Körper macht komische Dinge und esse kaum noch. Ich habe schon genug auf emotionaler Ebene zu verdauen. Prabodhi wundert das nicht: “In dem Moment, in dem du nach innen gehst und anfängst zu fühlen, blubbern all die sogenannten unangenehmen Gefühle nach oben, die du 20, 30 oder 40 Jahre erfolgreich weggedrückt hast und du musst sie fühlen. Das braucht Mut, Durchhaltevermögen und Vertrauen in den Menschen an deiner Seite. Das ist der einzige Weg, der in meiner Erfahrung wirklich funktioniert.”

Ich vertraue Prabodhi und fühle mich aufgehoben in der Gruppe, zwei wichtige Grundvoraussetzungen für die Arbeit. Während der fünf Tage werde ich mit vielen Mustern, Projektionen und inneren Wunden konfrontiert. Ungeschminkt und ohne Gnade. Ich gehe durch tiefe Täler und wandle durch schwindelige Höhen. Das ist nicht einfach, doch ich fühle mich lebendiger denn je.

An Tag fünf der Gruppe möchte ich am liebsten die ganze Welt umarmen.

Als ich während der Teepause meine Freundinnen bei der Dance Celebration sehe, rase ich auf sie zu, falle ihnen in die Arme und tanze zehn Minuten wie eine Irre.

Oh Gott, jetzt bin ich so eine verrückte Eso-Alte, die ich immer so doof fand!

Es ist mir egal. Ich bin einfach nur dankbar, dass Laura mich an diesen wunderbaren Ort gebracht hat, dass ich den Mut hatte, mich meinen Dämonen zu stellen und dafür mit einer extra-großen Portion Zufriedenheit mit mir und dem Leben an sich belohnt wurde.

Meditation is not escaping from life: it is escaping into life. OSHO

Die kommenden Tage sind herrlich entspannt.

Ich hänge am Pool rum, gehe zu verschiedenen Meditationen und lasse es mir so richtig gut gehen. Laura hat recht. Das Resort ist einer der nicesten Orte der Welt.

Inzwischen habe ich auch eine Idee davon, was Osho mit energy of the buddhafield gemeint haben könnte: Ich fühle mich sehr verbunden mit den Menschen um mich herum und bin gleichzeitig innerlich frei. Vielleicht liegt es an den Roben, die ich inzwischen als herrlich unkompliziert empfinde. Vielleicht daran, dass alle irgendwo in ihren Prozessen stecken und es totat egal ist, wer oder was man in der Welt da draußen darstellt.

Ich jedenfalls habe das Gefühl als würde ich meine neuen Freund*innen schon ewig kennen, obwohl ich bei einigen nicht mal weiß, wo sie wohnen oder was sie arbeiten.

Ob ich die Wahrheit gefunden habe?

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Das einzige Bild, das von mir in Pune existiert. Mit Post Dynamic Glow und natürlich in Maroon

Mit Sicherheit bin ich meiner eigenen ein großes Stück näher gekommen. Ich bin nachhaltig davon beeindruckt, was passiert, wenn Körperarbeit, Psycho-Therapie und Meditation aufeinander treffen.

Lesetipp von Prabodhi: Loil Neidhöfer – Intuitive Körperarbeit: Schriften zur Körpertherapie 1990-2002 (Affiliate-Link*)

Prabodhi bringt es auf den Punkt: “Der Körper ist so direkt. Du lässt jemanden zwei Minuten tief atmen und dann ist die Wahrheit einfach da. Nicht weil ich sie dir von außen gebe, sondern weil du anfängst, sie von innen zu spüren.”

Was meine Erkenntnisse nun für mein Leben zuhause bedeuten, zeigt sich gerade und ist wesentlich weniger spektakulär als es sich anhört. Das Wichtigste ist jedoch: Es fühlt sich richtig an.

Pune ist sicher nicht für jede*n.

Ich kenne einige Menschen, die rückwärts wieder aus dem Resort gefallen sind. War nicht ihr Ding. Trotz meiner Begeisterung für das buddhafield kann ich verstehen, warum: Die komplizierten Verwaltungsabläufe, die ganzen mehr oder weniger sinnvollen Regeln, die Guru-Liebe und die Absurdität des Ortes muss man mögen. 

Manchmal frage ich mich, ob meine Reise ohne Pune-Profi Laura auch so gut gewesen wäre. Ich weiß es nicht. Was ich dafür weiß:

Ich komme wieder. Wahrscheinlich bald.

© Bilder OSHO International
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4 Kommentare / Schreibe einen Kommentar

  1. WOW nach der Schilderung muss es ein sehr angenehmes Erlebnis gewesen sein. Ich war schon oefters in Thailand (Norden) in Meditationstempel fuer eine gewisse Zeit und es hat mir dort auch sehr gut gefallen. Ich selbst war noch nie in Puna waere aber interessant den Unterschied zwischen dem Thai Buddismus and dem Indischen Buddismus genauer kennenzulernen da es lt. meinen Recherchen doch einige grosse Unterschiede im Glauben gibt. Man ist ja fuer alles offen. Danke

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